Das Mädchen aus -er Fremde.
Von Friedrich Schiller.
In einem Tal bei armen Hirten Erschien mit jedem jungen Jahr, Sobald die ersten Lerchen schwirrten. Ein Mädchen, schön und wunderbar.
Sie war nicht in dem Tal geboren, Man wußte nicht, woher sie kam, Doch schnell war ihre Spur verloren, Sobald das Mädchen Abschied nahm.
Beseligend war ihre Nähe,
Und alle Herzen wurden weit. Doch eine Würde, eine Höhe, Entfernte die Vertraulichkeit.
Sie brachte Blumen mit und Früchte, Gereift auf einer andern Flur, In einem andern Sonnenlichte, In einer glücklichern Natur;
Und teilte jedem eine Gabe, Dem Früchte, jenem Blumen aus. Der Jüngling und der Greis am Stabe, Ein jeder ging beschenkt nach Haus.
Willkommen waren alle Gäste, Doch nahte sich ein liebend Paar, Dem reichte sie der Gaben beste, Der Blumen allerschönste dar.
Erzieherin von Teutschlands Töchtern.^
Ein Bild der Sophie la Roche.
Von Werner Milch.
Sophie la Roche ist vor allem als Freundin Wielands und Goethes in die deutsche Geistesgeschichte eingegangen; darüber ist fast vergessen worden, daß sie den ersten deutschen Frauenroman schrieb und daß sie damals eine der berühmtesten Frauen Europas war. Werner Milch hat es in seinem soeben im Societäts-Verlag in Frankfurt a. M. erschienenen Buch „Sophie la Roche, die Großmutter der Brentanos" unternommen, ein anschauliches und auf zeitgenössische Quellen gestütztes Bild dieser Frau zu zeichnen, die in einem entscheidenden Abschnitt der deutschen Entwicklung eine glanzvolle und dann schnell wieder verblassende Rolle gespielt hat.
Nach dem ungeahnten Widerhall, den die „Geschichte des Fräuleins von Sternheim" geweckt hatte, sollte Sophiens literarischer Ruhm bald wieder verblassen. Aus der „göttlichen Sternheim" Herders und Jacobis wurde bald eine vielgelesene Erziehungsschriftstellerin, die „Erzieherin von Teutschlands Töchtern", und wieder ein paar Jahre später war Sophie eine überlebte Erscheinung, über die zu spotten zum guten Ton in literarischen Kreisen gehörte. „Die Erzieherin von Teutschlands Töchtern" — das klingt zunächst noch wie ein Ehrentitel, in Wahrheit aber bedeutete es schon eine Verminderung ihres Ruhms; die Dichterin des „Fräuleins von Sternheim" schien noch berufen zu sein, Führerin einer ganzen Dichtergeneration zu werden; die Herausgeberin der Frauenzeitschrift „Pomona" wollte nur mehr einen Beitrag zur Mädchenerziehung geben — und auch diese Absicht schien ihr noch vermessen: „Der etwas großthuende Zusatz „für Teutschlands Töchter" (gemeint ist der Untertitel ihrer „Pomona") war unbedachtsames Nachahmen des Titels einer periodischen Schrift: Für Hessens Töchter. Leider fühlte ich die Unbesonnenheit erst, da mir gezeigt wurde, daß man es übel genommen und als stolze Anmaßung ausgelegt habe. Gewiß bildete ich mir nicht ein, daß ich Teutschland belehren könnte; aber der Titel brauste in der T.hat hoch daher, und hatte ein Ansehen von beleidigenden Ansprüchen; es war also ganz recht, daß ich durch Tadel gestraft wurde." Das klingt mehr als betaeiben, beinah bedrückt, und widerspricht sehr merkwürdig den Fan- farenstößen, mit denen das Erstlingswerk der Dichterin empfangen worden war. ,
Als Sophie la Roche sechzigjährig einen Rückblick über ihre literarischen Leistungen niederschrieb, waren seit dem Erscheinen des „Frauleins von Sternheim" gerade zwanzig Jahre vergangen. In ihrem Schreibtisch bewahrte sie noch die Briefe aus jener Zeit: die Ratschlage Wielands, die Dankbriefe Goethes, die klugen Urteile der Julie Bondeli und die fchwärmerischen Ergüsse der Liebe und Verehrung einer jungen Generation Vom 30. August 1773 war der denkwürdige Brief Friedrich Heinrich Jacobis datiert: „Ihre Bekanntschaft hat eine zu große Veränderung in meiner Denkungsart hervorgebracht, als daß ich der Fritz Jacobi, zu dem Sie größtenteils mich gemacht haben, bleiben konnte und Sie nicht lieben sollte." 1775 hieß es in einem Schreiben von Lenz: „So fuhren Sie mich denn! Entziehen Sie mir Ihre Freundschaft mehr,
aber auch nichts weniger ist mein Herz stolz genug von Ihnen zu verlangen." Solche Briefe bekam Sophie nun nicht mehr, höchstens daß eine junge Frau ihr schwärmerisch bekannte, mit welchem Genuß sie die „Frauenzimmerbriefe" der großen Erzieherin lese oder daß eine fremde Posthaltersfrau der verehrten Schriftstellerin ihre Huldigung d^brachte. Von der Weltgeltung des Erstlingsromans spürte Sophie nicht mehr einen Hauch. ' , ™
Was hatte sich inzwischen ereignet? War es nur eme Modewelle die Sophie zu unrecht für kurze Zeit erhoben hatte, konnnte sie die Große, die die Zeitgenossen in der „Sternheim" zu sehen glaubten, in ihren nach
folgenden Schriften nicht mehr erreichen? Immer wechseln die Gimeratio- nen, werden literarische Größen entthront und neue Meister ausgerufen — selten aber hat ein dichterisches Werk eine so zwiespältige Beurteilung erfahren, wie Sophie sie im Lause von zwanzig Jahren über sich ergeben lassen mußte. Zwanzig Jahre — das ist der Schlüssel zur Deutung der Schriftstellerin Sophie la Roche: es waren nicht beliebige zwanzig Jahre, die zwischen dem „Fräulein von Sternheim" und den „Briesen über Mannheim" lagen, es waren für die deutsche Dichtung zwei Jahrzehnte der Entscheidung, Jahre der Wende und der Vollendung.
1771 war der Kampf noch unentschieden In Berlin saßen die strengen Herren von der Aufklärungszunft, lehrten Vernunft und populäre Systeme. In Halberstadt regierte der alte Vater Gleim den Kreis feiner Freunde, predigte Wein und trank Wasser. Wieland nahm die Stosse, wo er sie sand: das Getändel von den bezopsten Anakreontikern, den Pietismus aus der Ueberlieferung des Vaterhauses, den Esprit von den Franzosen. In der Schule des alten Gellert lernten die jungen Leute Frömmigkeit und Spekulation, in der Schweiz wiederum kam man sich noch recht revolutionär vor, weil man dem alten Gottsched das Wasser endgültig abgegraben hatte. — Und dazwischen standen die Jungen, die zunächst nur das eine wußten, daß in allem Wandel geschaffen werden müsse. Einen Lehrer freilich gab es schon: Klopstock. Der hatte die neuen Töne angeschlagen; Herrschaft des Gefühls, Unbedingtheit und Größe. Seit Klopstock wußte man in Deutschland wieder, was Liebe hieß — Liede zum Vaterland, Liede zur Landschast, Liede zur grau. Ader das Pathos dieses großen Barden mutete im Grunde doch weltfern an. Man brauchte reale Inhalte, Gegenwart, Bewußtsein des Lebens als einer Aufgabe. Da kamen die Engländer und lehrten in der Seele lesen. Aus Youngs „Nightthoughts“ erfuhr die junge Generation, wie man Gefühle ausspricht. Richardson lehrte seelische Regungen verstehen und ließ gewöhnliche Menschen von ihren Empfindungen sprechen. Das waren schon Anhaltspunkte; hier wurden Wege sichtbar. Bald regte sich das Reue überall. Im Göttinger Hain schwuren Studenten sich selber ewige Freundschaft, dem Vaterlande unwandelbare Treue; sie verbrannten Wielands Schriften und errichteten Klopstock einen Thron; aus dem fernen Ostpreußen brachen nacheinander zwei Männer auf und legten Zeugnis ihrer Bekehrung ab; Hamann, der „Magus aus dem Norden", und Herder. In Straßburg riß sich der junge Goethe die Perücke vom Kopf, spürte mit Herder Volksliedern nach und entdeckte die Größe Shakespeares und der gotischen Kunst. In Osnabrück eptroarf Justus Möser eine zornige Antwort auf die resignierende Schrift, in der der große Preußen- könig den Mangel einer deutschen Nationalliteratur beklagte Ueberall waren Kräfte am Werk, die Neues vorbereiteten; noch waren sie zer- fplittert, noch fiel es schwer, zwischen Wille und Werk, zwischen echten Kämpfern und Konjunkturrittern zu unterscheiden; die Kräfte waren aber da und begannen sich zu sammeln.
In diese spannungsreiche Stimmung fiel das Erscheinen des „Fräuleins von Sternheim" der nichtsahnenden Sophie la Roche. Sie hätte das Buch nie veröffentlicht, wenn Wieland ihr nicht zur Seite gestanden hätte, und Wieland ahnte ebensowenig wie Sophie, daß gerade die Jungen diesen ersten deutschen Frauenroman auf den Schild erheben würden. Die Jungen aber erkannten die Tat. Aus ihren Reihen war ja noch niemand zur großen sichtbaren Leistung vorgestoßen. Was nützte es, wenn Freunde versicherten, die „Geschichte Gottfriedens von Ber- lichingen mit der eisernen Hand" von Dr. Goethe aus Frankfurt sei ein großes Kunstwerk? Von künftigen Plänen sprachen viele. Hier aber war endlich ein Buch, das man um bares Geld auf der Leipziger Michaelismesse einhandeln konnte, und dieses Buch sprach von den Seelenkämpfen einer Frau, die sich nicht mit Leiden begnügte, sondern tätig ihr Unglück überwand.
Wäre Sophie la Roche eine Führernatur gewesen, sie hätte an der Spitze einer Gruppe junger Menschen die literarische Revolution vollenden können. 1771 galt ihr Name mehr als der der Freunde Goethe, Herder und Merck, die sich gerade in den „Frankfurter Gelehrten Anzeigen" ihr eigenes Sprachrohr schufen und in Flugblättern „von teutscher Art und Kunst" Zeugnis ablegten. Die vierzigjährige Frau, die den unerhörten Mut bewiesen hatte, Geheimnisse einer Frauenseele zu enthüllen, an der Spitze kraftvoller Neuerer, das Haus la Roche am Ehrenbreitstein als Sammelpunkt aller jungen geistigen Kräfte — die große Bewegung wäre geradliniger und unter weniger Leiden zum Ziele vorgedrungen. Sophie aber war die Frau Staatsrätin, bald die Frau Minister. Sie mußte Rücksichten auf die Laufbahn ihres Mannes nehmen, sie durfte es mit dem Hofe nicht verderben und wollte nicht undankbar gegen Wieland erscheinen So sieh sie Lenz und Heinse allein, blieb Goethes „mama la Roche", anstatt den jungen Dichter zu treiben und anzufeuern, und wurde die Mitarbeiterin gemäßigter Zeitschriften.
Morgens.
Von Theodor Storm.
Nun gib ein Morgenküßchen! Du hast genug der Ruh;
Und fetz dein zierlich Fühcken Behende in den Schuh!
Nun schüttle von der Stirne Der Träume blasse Spur! Das goldene Gestirne Erleuchtet längst die Flur.
Die Rosen in deinem Garten Sprangen im Sonnenlicht; Sie können kaum erwarten. Daß deine Hand sie bricht.


