Ausgabe 
26.7.1935
 
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steNungen aMekten Da bequemte sich euch das Bürgertum der City ms Freie, man wurde mit den Bauern bekannt und erfrischte sich am Duell ihres Lebens Langsam und absichtslos, nur dem guten Drange folgend, bauten sich Einwohner der Altstadt, denen diese schon zu eng wurde, Häuser in die Nähe der Volkswiesen, mit dem sreundlichen Woh­nen draußen erwachte die Unternehmungslust, Vergnügungsstätten wur­den eröffnet, meist inmitten weitläufiger Gärten Sie gelangten zu gutem Rus, und man mußte bald für seine Gäste sorgen. Es wurden Konzert­säle gebaut, und an Sonntagen hieß es in London nur mehr: Wir fahren nach Ramhagh oder nach Vauxhall oder Mary-le-bone! So kam immer mehr die Stadt zum Lande, und auf einmal wurde es den Lon­donern bewußt, daß die City schon viel zu dicht bevölkert fei und daß die hübschen Orte draußen eigentlich zu London gehörten. Feierlichst ging zunächst der kleine Markt Southwark in den Großstadtring ein, und schon spähte man nach dem reizenden Dorfe Chelsea hin, obwohl zwischen diesem und der Hauptstadt noch fast zwei Meilen ohne viel Häuser lagen. Einmal mochte es so weit (ein, bis zu all diesen Dörfern hingebaut wurde ... Aber heute waren sie noch weit getrennt von London und gehörten nur zu ihm, weil im Sommer die Leute der Stadt dort lieber wohnten als in der City. Freilich gab es da Unterschiede, und jeder zog nur dorthin, wo er konnte: die Reichen nach Hampftead, die Armen nach Islington ober Hoxton. Alle aber kamen wohl als Besucher dorthin, wo ihre Urenkel dann Heimatrecht haben mochten.

Dieser Trieb des englischen Städters, Landschaften in feine Sied­lungen einzubeziehen, der die parkreichste und ausgedehnteste Hauptstadt Europas zum Entstehen brachte, war dem Engländer nicht anzusehen während feiner Geschästsstunden. Da liebte er die grauen Zimmer und nackten Tische, die trockenen Worte und noch mehr die Zahlen. Und alles, was er innerhalb der City zur Blüte trieb, war für ihn Geschäft. Auch die Kunsthäuser, in denen nur die Frauen und der Adel echte Be­geisterung zeigten, während die Riesenerfolge oft durch den Wettstreit des einen Unternehmens mit dem anderen künstlich aufgetrieben wurden. Es war ergreifend, als Händel früher schon nach seinen Jtalien- erfolgen tn das Londoner Sunftgetriebe kam, daß er die Rechnung der um ihn bemühten Unternehmer nicht bemerkte, wie er auch späterhin sie nicht immer beachtete.

Als Händel in London eintraf, wartete feiner eine Ueberrafchung, von der ihm die zwei Vertreter der neuen Operngefellschaft in Cannon vorher nichts verrieten: man hatte außer dem deutschen Komponisten noch zwei italienische zu musikalischen Leitern ernannt. Es befremdete ihn vor allem, daß Giovanni Bononeini ihm zur Seite stehen sollte, ein Mann von ärgstem persönlichen Ehrgeiz, ein Alternder der auf die reine Gefangsoper eingeschworen war. Händel hatte schon früher die Gegnerschaft dieses listigen Italieners empfunden. Er hatte sich auch den Aufbau der neuen Oper unabhängiger von den Südländern vorgestellt als das Haus seiner früheren Tätigkeit.

Aber standen ihm nach seinem Vertrag nicht unbeschränkte Rechte zu als dem musikalischen Leiter des Unternehmens? Händel ließ sich sehr roonig Zeit, bei seiner Ankunft in London die Freunde zu begrüßen. Er suchte sofort um eine Audienz nach bei dem ersten Gouverneur der Royal Academy, dem Herzog von New Castle.

Der gab feiner Freude Ausdruck, daß Händel dem Rufe seiner Gönner gefolgt fei. Alles habe sofort daran gedacht, ihn zu gewinnen. Besonders Lord Burlington sei für den Komponisten heftiger Leiden­schaften und schöner Arien warm eingetreten.

Aber Lord Burlington, der mich kennt, der weiß, daß ich allein besser etwas leiten kann als gemeinsam mit anderen, hat gewiß kein dreiköpfiges Mufikdirektoriurn vorgefchlagen?"

Doch, doch, mein lieber Händel. Gerade er. Und wir alle waren sofort einer Meinung mit ihm. Unser Unternehmen soll etwas Einzig­artiges sein, es wird den Neid aller Musikstödte auf dem Festland er­regen! Wo in aller Welt hat eine Oper zwei Tondichter wie Händel und Bononeini gleichzeitig zur Verfügung?"

Es ist noch fraglich, erlauchter Herr, ob ich da mittue. Die Abge­sandten der Gesellschaft, die nach Cannon tarnen, sprachen sich nicht deutlich genug aus. Hier ist der Vertrag, nach dem ich verpflichtet werden soll. Er stimmt nicht mit den Tatsachen überein!"

Wollen Sie doch diesen Vertrag bei einer Sitzung des Vorstandes zur Sprache bringen "

Verstimmt ging Händel weg. Nun stand er da, ohne Klarheit über das Nächste zu haben. Seine Stellung im Schloß Cannon war ihm verloren. Arduthnots Warnung fiel ihm ein. Doch es war nicht Händels Art, bei austauchenden Schwierigkeiten jenen, welche diese ahnten, recht zu geben. Burlington, der Händels Ausstieg in London großzügig för­derte, mußte wissen, was dem bärenhaften Schützling weiterhin nützen ober schaden würde. Mit der Raschheit seines Wesens war Händel eine Stunde nach seinem Besuch beim Herzog schon im Hause des Lords.

Dort traf er noch einige Herren des Vorstands außer feinem Gön­ner. Der lebhafte Eifer all dieser Männer, welche ihn gespannt begrüß­ten, steckte den Komponisten an, und ohne den Herzog wurde aus dem eiligen Besuch eine Sitzung um Händels Vertrag. Burlington, dem der Künstler tüchtig mit der Stange in den Leid fuhr, beschwichtigte ihn:

Herr Händel, einen Augenblick Lesen Sie: in Ihrem Vertrag steht nicht einziger, sondern erster musikalischer Direktor der Royal Academy. Nummer eins: der erste sollen Sie sein. Ihnen steht es zu, die Künstler- schast zusammenzustellen, Sie können den Spielplan bestimmen"

Den ganzen?"

Natürlich nicht den ganzen, aber doch den größten Teil davon!" Aha! Somit ist eben der erste nicht der einzige Kapitän!"

Hören Sie doch, was unser Unternehmen anstrebt außer den Zielen, eine glanzvolle Oper von europäischem Rus zu schaffen und der eng­lischen Hauptstadt hohe Kulturgenüsse zu bieten: es will vor allem die Künstler zu Leistungen anspornen. Und wir sind der Meinung, daß dies nie besser geschehen könnte, als wenn etwa Komponisten wie Sie und Bononeini nebeneinander für ein und dasselbe Haus tätig sind. Das bedeutet Kraftmesser«, verstehen Siel Das muß Sie doch reizen!'

Und der dritte Opernleiter?

Der sorgt für den Ablauf des Spiekplanes, wenn die beiden andere, sich zeitweilig überlastet fühlen."

Wissen Sie, was das gibt, meine Herren? Das gibt in kurzer ZeD in und außer der Oper drei Parteien!"

Sollte ich mich täuschen, wenn ich annehme, daß Ihre Partei babti die stärkste sein und bleiben wird?"

Mit diesem versteckten Lob der Händelschen Kraft gelang dem Lord, ein vorzüglicher Schachzug. Händel ging mit rotem Kopf auf und ab,! stellte sich stämmig vor die Gründer der neuen Oper hin und begann plötzlich feinen Vertrag laut oorzülesen. Laut, unzweideutig und wie einer, der von (einem Lehen Besitz ergreift. Dann fetzte er vor aller Augen feinen Namenszug unter die Vertragspunkte.

Danach fing die Arbeit an. Händel fetzte (ich aber nicht mit den Mit­arbeitern (eines Faches, (andern mit Heidegger, dem technischen Leiter, als: erstem in Verbindung. Der gewandte und zähe Schweizer hatte bis über die Ohren mit den Vorbereitungen im neuen Hause zu tun. Händel roufjle das und ging einfach in die Oper. Ein Heer von Handwerkern, jutra Teil noch auf Gerüsten tätig, umgab den Bau. müßige Gaffer standen davor, auch Händel blieb ein paar Minuten unter ihnen stehen und faiji mit Staunen, wie gründlich hier alles auf Glanz hergerichtet wurde. Air: er aus dem Rudel der Leute trat und die Straße überquerte, hörte er feinen Namen hinter sich rufen. Jemand hatte ihn erkannt. Wie er hocherhobenen Hauptes das Kunsthaus betrat, muhten die Menschen bas; Gefühl haben, ein Stönig betrete feinen Palast ...

Auch im Zuschauerraum, auf den Gängen und vor allem auf der Bühne waren noch eine Menge Arbeiter mit ihren Meistern tätig. Dir Räume der Opernleiter konnten schon benutzt werden, wenn auch bau meiste noch fehlte. Händel fand Heidegger in dessen Arbeitsraum, stehend, und über ein Gewirr von Rechnungen, Personallisten und Angebote«, gebeugt. Die von Natur aus etwas grämliche Miene des Schweizern, brachte kein großes Lächeln zustande, als Händel eintrat, aber ber Bühnenzauberer atmete doch erleichtert auf. Er wußte, noch bevor Händel! ein Wort sprach: von nun an lebte die Oper. Dieser Einzige verlangir viel von feinen Mitarbeitern, doch er gab ein Beispiel, was man (elften, , könne, und riß alle mit sich fort. Das Arbeitsfieber leuchtete ihm nun den Augen, er streckte die Hände vor:

Also einer von uns hat sich schon einquartiert! Sie sind ein tüch­tiger Patron, Heidegger, aber jetzt wollen wir uns anstrengen! Soeben, hörte ich ja, daß der neuen Oper verdammt aneifernde Gedanken zu«: gründe liegen. Hier svll's nicht nur Zusammenarbeit, sondern auch fünft--1 lerischen Wettlauf geben! Wir werden sehen, wer den besseren Atem hat ich oder die Mitdirektoren!"

Waren Sie überrascht von dem Triumvirat?"

Anfangs, ja. Doch nun bin ich schon einverstanden. Sie kennen mich bei der Arbeit genauer als irgendwer. Meinen Sie, daß Herr Bonow- j cini Zeit halten kann mit mir?

Er hat ja auch noch Ariosti zum Helfer."

Demnach halten die beiden zusammen?"

Italiener ..."

Wissen Sie was, Heidegger? Ich werde es dahin bringen, daß auch diese Leute gehorchen lernen. Das ist mein Ziel! Wir haben schon manchen durchgemacht mit diesen Melodikern, Sie und ich. Die Italiener sind weite,' gar nichts als verwöhnt. Sie gehören in starke Hände, sie müssen finge«: lernen, wo es am Platze ist, und zur anderen Zeit schweigen. Ich weiß es längst. Als ich aufhörte, in den Süden blind verliebt zu fein, wurde ich Hände!!"

Heidegger wußte, daß Händel keinen anderen Beweis für die Grenze«, der vom Publikum auf den Händen getragenen Italiener erbringen konnte, als den Glauben an sich selber. London empfand jene süße Me­lodienkunst als grenzenlos. Es schwärmte von ihr Tag und Nacht unh vergötterte die Erfinder und Sänger dieser Tongebilde, mit denen sich für das nordische Empfinden wundervoll spielen ließ. Und in feiner wort­kargen Art wies der Schweizer aus Londons Musikgeschmack hin:

Sie haben viel Nebel da heroben und glauben, jede südliche Melodie fei ein Sonnenstrahl."

Viel eingebildete Wärme! In Wirklichkeit ift's die Sehnsucht, dir heizt, auch in unseren Londonern. Lassen Sie's gut fein. In der Kunst haben die Weibsleute nicht das letzte Wort, auch im Leben nicht. Unh weder auf Nebel noch Sonnenstrahl kommt es an, sondern auf das Wahn überall!"

Er ging aus Heideggers Arbeitsraum in feinen eigenen. Ein neuer Schreibtisch stand, wo früher der alte war, an dem Händel zuletzt Monat! in Sorgen sah. Unbeschwert konnte er sich jetzt wieder daransetzen unh Papier aus der Lade holen. Sein erster Bries als Opernleiter war an Giovanni Bononeini und Attilio Ariosti gerichtet. Darin verständigte er diese, daß er angekommen sei in London und heute sein Amt übernom­men habe. Er bitte die Herren, ihn morgen aufzusuchen zu einer Bespre­chung über die Austeilung der Geschäfte in den Monaten vor Spiel­beginn.

Sie kamen nächsten Tages, freundlich und verschlagen. Bononeini ließ keine Sekunde den Blick seiner schmalen Augen abschweisen von Händel. Beide wußten voneinander, doch sie lernten sich heute erst kennen. Unh nun war es spannend für jeden der zwei, die innere Macht und Spann­kraft des anderen abzumessen. Und sie hatten es miteinander beim ersten Blick nicht leicht. Vergebens suchte der Listigeren Muskelberg zu durch­schauen, aber auch umfonft warf Händel die wuchtige Kraft feines Blickes auf den Italiener. Ein alter, geriebener Dachs, dachte der Hüne. Des andere, Ariosti, auf geringere Lorbeeren zurückschauend, stand Bononeini dem Lebensalter und dem Schassen nach nahe, doch er besaß nicht die tückische Geschmeidigkeit des Landsmannes. Aus seinen Augen sprach unverhohlen die Lust am Versteckspielen Und seine dünnen Lippen waren verkniffen und gekerbt.

(Fortsetzung folgt.)