afrikanische Reisewerk gelten muß, sondern er bemühte sich auch mit Erfolg, in zahllosen Vorträgen auf Den praktischen, also k o l o n l a l p o l i- tischen Zweck deutscher Asrikaforschung Hinzuwelsen
So hob Gustav N a ch t i g a l die tapferen Taten der großen deutschen Afrikaner aus der Sphäre des Abenteuers zu höherer, in der Folge so segensreicher Bedeutung. Es ist Bismarcks Verdienst, das erkannt zu haben. Im Jahre 1882 entsandte er Nachtigal als Generalkonsul nach Tunis, wo dieser aber wenig Wirkungskreis' fand und sich, wie er selbst schrieb, im wesentlichen „fortdauernd der Beschäftigung hingab, der Marius nur augenblicklich gehuldigt: auf den Trümmern von Karthago zu ’ 5 Dann aber schlug noch einmal seine Stunde. Er erhielt den Auftrag zur Flaggenhissung an der westafrikanischen Küste, wo etliche Jahre zuvor vor allem Woermann Hoheitsrechte von den Duala-Häuptlingen erworben hatte. Nachtigal wußte, wie wenig widerstandsfähig sein Körper gegen das Fieber der Westküste war.
Böser Ahnungen voll brach er auf.
Auf rastlosen Reisen und Wanderungen, deren eine er in Gemeinschaft mit dem jungen Seeoffizier Graf Spee unternahm, der dreißig Jahre später vor den Falklandsinseln zu den unsterblichen Kapitänen eingehen sollte, setzte Nachtigal an zahllosen Orten das Hoheitszeichen.
So auch in Togo und Kamerun.
Gegen den Willen der Engländer nahm er dann auch Besitz von den nördlich und südlich davon gelegenen Ländern.
Während dieser letzten Züge und Fahrten holte er sich die Todeskrankheit. Auf der Heimreise ist er an Bord des Kanonenboots „Möwe", in dem Zelt, das man ihm auf Deck errichtet hatte, am 19. April 1885, erst 51 Jahre alt, gestorben. Auf Kap Palmas, am Golfe von Guinea, wo schon der große Kurfürst von Brandenburg einst eine deutsche Kolonie errichtet hatte, wurde Gustav Nachtigal in afrikanischer Erde begraben, ein Vorkämpfer deutscher Art, deutschen Kolonialgeistes und deutscher Tüchtigkeit.
Wie mein Foxterrier den Löwen besiegte.
Von Cherry Kearton.
Die Geschichte vom Hunde Simba ist kein Jägerlatein und kein Tierroman, sondern ein schlichter Tatsachenbericht. Cherry Kearton, der Verfasser der bei Engelhorn in Stuttgart erschienenen Bücher „Die Insel der 5 Millionen Pinguine", „Pallah / Ein Tierleben in afrikanischer Wildnis" und „Im Lande des Löwen" hat im Londoner Tierasyl einen kleinen Foxterrier gekauft, der als treuer Begleiter seines Herrn die erstaunlichsten Abenteuer in Afrika erlebt.
Endlich erreichten wir einen Massai-Kraal — ein Negerdorf. Wir fanden die Bewohner in größter Aufregung, weil in der Nähe zwei Menschenfresserlöwen ihr Unwesen trieben. Tatsächlich lagen sie, während wir mit dem Häuptling verhandelten, noch keine 500 Meter entfernt auf der Lauer. Unsre Somalireiter machten sich auf den Weg, und bald kehrte einer von ihnen mit der Meldung wieder, ein starker Löwe nebst Löwin liege ganz in der Nähe unter einer Akazie, und alles sei so weit, daß ich mit meinen Apparaten anrücken könne. Die Masiais waren über diese Nachricht natürlich genau so erfreut wie ich: bei den Massaikriegern ist nichts so heiß begehrt wie die Mähne des Löwen. Das Recht, diesen Schmuck zu tragen, erhält aber nur derjenige, der einen Löwen mit eigener Hand tötet.
Vier Somalis ritten als Späher aus, um die Löwen zu reizen und herauszufordern, während die übrigen zu einem Halbkreis ausschwärmten, auf dessen äußerster Linken ich mich aufbaute. Dann drangen wir behutsam durch dichtes Gestrüpp vorwärts und auf die große Akazie zu, unter der dem Vernehmen nach das Paar lagerte.
Wir waren vielleicht noch siebzig Meter von dem Baum entfernt, als ich mit einemmal merkte, daß meine kleine Pip, die ja überall dabei sein muhte, sich von ihrem Platz im Lager, wo sie angebunden gewesen war, losgerissen hatte, um sich nun aufgeregt und eifrig an meiner Seite einzustellen. Ich blieb also stehen, rief Killenjui, meinen Kameraträger, heran und befahl ihm, dazubleiben und auf Pip aufzupassen.
Weiter ging es nach vorn. Ms ich etwa fünfundzwanzig Schritt vor der Stelle angelangt war, wo die Löwen in Kampfbereitschaft standen, bohrte ich die Füße meines Stativs fest in die Erde. Das dauerte einige Sekunden. Als ich gleich danach ausblicke, bietet sich meinen Augen eine Szene, die ich nie vergessen werde. Schritt vor Schritt rücken die Masiais an, mit hochgehaltenen Speeren, um das Löwenpaar aus seiner gesicherten Stellung herauszulocken. Inzwischen sind die Bestien in wilde Wut geraten, graben die Borderpranken ins Erdreich und stoßen die furchterregendsten Drumm-, Knurr- und Brüllaute aus, die ich je zu hören bekommen habe.
Es ist ein aufs Höchste spannender Augenblick, der einem gleichzeitig angst und bange machen kann. Aber langes Ueberleaen gibt es nicht; denn endlich ist die heißersehnte Gelegenheit da, auf die ich mich schon so lange vorbereitet habe. Nun es einmal so weit ist, scheint alles so einfach: ich habe nichts weiter zu tun, als den Apparat auf die wütenden Deftien einzustcllen und die Kurbel mit möglichst ruhiger stetiger Hand zu drehen. Aber kaum habe ich damit angefangen, als die Löwen ihre Taktik ändern. Ein berittener Somali hat sich um einen Schritt zu nahe herangewagt, und schon schießt die Löwin wie der Blitz aus ihn zu. Nur dem Glück und der Schnelligkeit seines Pferdes verdankt er es, daß er mit heiler Haut davonkommt.
Die Löwin, die ihre Beute verfehlt hatte, verschwand vom Kampfplatz und kehrte nicht zurück. Wir sahen sie auch nicht wieder. Der Löwe zog es jedoch vor, zu bleiben, wo er war, und stieß das furchtbare Brummen aus, dessen die Tiere sich meiner Meinung nach mit der Absicht bedienen, ihre Feinde einzuschüchtern, was ihnen auch, soweit es meine Person betrifft, restlos gelingt. Ich kenne wirklich nichts, womit ich diesen Laut vergleichen könnte.
Inzwischen hatte ich bei meiner Kurbelei mit beträchtlichen Schwierigkeiten zu tampsen. Das Buschwerk, das die Masiais im Vordringen auf«
hielt, erwies sich auch für meine Tätigkeit als hinderlich. Das Dorn- gestrüpp würde auch dann schon störend genug gewesen sein, wenn ich nur als Zuschauer dem Kampf zwischen Mensch und Bestie hatte bei- wohnen wollen. Doppelt und dreifach so schwierig aber war es, eine in ständiger Bewegung befindliche Szene zu filmen, und als erschwerend kam außerdem noch hinzu, daß die Masiais andauernd ihre Stellung wechselten. Bald sprangen sie vor, um den Löwen zu reizen, bald huschten sie zurück auf einen Platz, von wo sie den Speer schleudern zu können hofften. Kurz, jedesmal, wenn der Augenblick günstig für mich war, den Löwen scharf aufs Bild zu bekommen, tauchte todsicher ein Massai zwischen ihm und meiner Linse auf. Dieses Spiel setzte sich mehrere Minuten lang fort. Dann fühlte der Löwe endlich den Boden ungemütlich heiß werden und hielt den Zeitpunkt zu einem gewaltsamen Ausfall für gekommen. Ehe der ihm zunächst stehende Massai es verhindern konnte, war er fchon wie ein fahlgelber Blitzstrahl in ein enges ausgetrocknetes Flußbett hinuntergeschvsien, das ganz mit dornigem Gesträuch bewachsen war und eine fast ebenso gute Deckung bot wie der Platz vorher. Es mochte gut achtzig Meter weiter fein. Eine Sekunde lang durchfuhr es mich mit Schreck, daß er ja dann nur wenige Meter an Killenjui und Pip vorbeikommen mußte. Nun hing alles davon ab, inwieweit er schon eingeschüch- tert war und ob ihn die Laune noch ankommen würde, sich mit den beiden einzulassen. .
Man male sich mein Entsetzen aus — denn beschreiben laßt es sich nicht — als ich den Löwen etwa zwölf Schritt von ihnen entfernt stehen bleiben und sie anftarren fah.
Ich glaube genau zu wissen, was in diesem Augenblick in Pip . vorging. Furcht? Kein Gedanke daran! Das beherzte kleine Geschöpf hatte nur einen Wunsch — am Kampf teilzunehmen; und als der Lowe jetzt fo nahe war, verlor sie völlig den Kopf. Da sie auf i h n nicht losfahren konnte, weil Killenjui sie fest im Griff hatte, drehte sie sich einfach zu diefem um und biß ihn dafür.
Was Pip auch dabei gefühlt haben mag, mir fiel jedenfalls ein Stein vom Herzen, als der Löwe sich dafür entschied, lieber das Feld ju räumen als feine Zeit mit Hunden zu vergeuden. Eine Minute später sahen sich die Masiais wieder vor der gleichen Aufgabe wie kurz zuvor. Der Löwe war abermals in einer Dgckung, die ihnen ebensolche Hindernisse entgegensetzte wie die, aus der sie ihn glücklich nach fast einstündigem Geplänkel herausmanövriert hatten. Und was die Sache noch besonders nachteilig für uns machte: er steckte jetzt im Gebüsch und wir ttefanben uns auf freiem Feld.
Einige meiner Träger wurden nun ausgefanbt, um ihn burch Geschrei unb Steinwürfe ins Freie zurückzutreiben; aber er verhielt sich jetzt ganz still, und die Massais konnten nicht dahinterkommen, wo er sich verkrochen hatte, um ihnen womöglich abermals zu entwischen. Uns allen sank der Mut. Allen — ausgenommen meiner kleinen Pip, die, mit Tatendrang geladen wie nur je, daraus brannte, rnitmachen zu dürfen. Angesichts dieser Unerschrockenheit kam mir ein Gedanke. Hunde werden >a oft bei der Löwenjagd gebraucht; ihr Kläffen macht den Löwen nervös und reizt ihn, ins Freie herauszukommen, wo er bann sogleich von den Jagern gestellt wird, ehe er den Hunden Schaden zufügen kann. Da mir bis jetzt noch kein Glück eniroiäelt hatten, fragte ich mich, ob man Pip nicht vielleicht doch ohne Sorge an der Jagd teilnehmen lassen konnte. Sie selber würde — des war ich gewiß — nur zu bereit sem. Schwerlich aber würde sie — so erwog ich weiter — den Mut haben, tätigen Anteil an einem Nahkampf zu nehmen. Mich plagte nur die einzige Sorge, das kleine Vieh könne im kritischen Augenblick von einem der durch die Lust schwirrenden Speere getroffen werden. Dies erklärten aber tue Masiais für völlig ausgeschlossen, und beruhigt über diesen Punkt befahl ich Killenjui, den Hund loszulassen. Der Boy, der immer noch fein gebissenes Bein rieb, war nur zu gern bereit. __
Bis dahin waren wir alle noch ganz tm Unklaren, wo der Lowe sich versteckt hielt. Daß er bei dem allgemeinen Gejohle und Steineschmeihen noch im trockenen Flußbett kauerte, war nicht wahrscheinlich. Wenn aber doch, dann hatte er wohl Schutz in dem dichten Buschwerk gesucht, das die Ufer säumte. Aber in welchem? Wir konnten nichts Besseres tun, als einen Speerwerfer auf jeder Seite aufjuftellen unb uns selber zu gemeinsamem Vorgehen bereit zu hasten, sobalb ber Hunb uns ben Stanbort bes Löwen verraten würbe. Unb so würbe Pip auf bas große Abenteuer ihres Lebens losgelassen.
Zuerst wuselte sie suchenb ein paar Meter weit herum, bann schlüpfte sie zu unser aller Erstaunen gerabesroegs ins Flußbett hinunter unb ent- schwank, unfern Blicken. Im nächsten Augenblick erbrohnte bas furchtbarste Gebrüll von eben ber Stelle, wo Pip verschwunben war; unb da es von einem Fleck kam, wo wir ben Löwen am allerletzten vermutet hätten, nahmen bie Massais, mein Kameraträger, bie Somalis unb meine Wenigkeit zunächst Reißaus. . ,
3um Glück hatten wir uns halb roieber gefaßt, unb die Masims hegten natürlich nach wie vor ben Wunsch, ben Löwen zu erlegen. Ich, ber ich auch noch zu meinen Aufnahmen zu kommen hoffte, war jetzt aber m erster Linie besorgt um bas Schicksal meines armen kleinen Hunbemeh--. Narr ber ich war, bas Tier mit hineinzuziehen in diesen Kamps! Aber wie gesagt: konnte ich denn ahnen, daß Pip wirklich so tollkühn sein würde, sich in dieses Gebüsch zu wagen? Ehe ich aber noch irgendeinen Entschluß fassen kann, vernehme ich abermaliges Brüllen, in bas sich bas schwache, aufgeregt heisere Kläffen mischt, bas mir so wohl vertraut ist. Pip lebt also noch! .
Knapp breifeig Meter stromabwärts ist eine kleine Lichtung zu sehen. Ich eile hin in ber Hoffnung, von bort aus beobachten zu können, was vor sich geht. Mein Platz gewährt einen freien Ueberblirt über bas Flußbett, und ich kann jetzt sehen, daß die Masiais dort drüben beieinanber- stehen, bie Waffen lose in ber Hanb, als sei der Kampf schon beendet. Da naht einer meiner Kameraboys unb melbet, ber Löwe habe einen ber Massais geschlagen. Niemand aber scheint etwas über Pips Verbleib zu wissen. Näherkommend kann ich jetzt ben Löwen ausgeftrcitt am Boben sehen — tot. Ihm zur Seite liegt ber Massai. Von Pip nirgenbs eine Spur.


