Ausgabe 
26.4.1935
 
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SietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1935 Hreitag, den 26. April Nummer Sss

Abendphaniasie.

Von Friedrich Hölderlin.

Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd. Gastfreundlich tönt dem Wanderer im friedlichen Dorfe die Abendglocke.

Wohl kehren jetzt die Schiffer zum Hafen auch, in fernen Städten fröhlich verrauscht des Markts geschäst'ger Lärm: in stiller Laube glänzt das gesellige Mahl den Freunden.

Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh' und Ruh' ist alles freudig; warum schläft denn nimmer nur mir in der Brust der Stachel?

Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf; unzählig blühen die Rosen, und ruhig scheint die goldne Welt; o dorthin nehmt mich, purpurne Wolken! und möge droben

in Licht und Luft zerrinnen mir Lieb und Leid; Doch, wie verscheucht von törichter Bitte, flieht der Zauber: dunkel wird's, und einsam unter dem Himmel, wie immer, bin ich.

Komm du nun, sanfter Schlummer! Zu viel begehrt das Herz; doch endlich, Jugend, verglühst du ja, du ruhelose, träumerische!

Friedlich und heiter ist dann das Alter.

Alltags graute, dachte er doch ernstlich daran, seinen afrikanischen Sturm­und Drangjahren zu entsagen und sich als Landarzt in der Heimat niederzulassen. Nur aus Pflichtgefühl wollte er für kurze Zeit ein zweites Mal nach Tunis gehen, um eine dort wütende Flecktyphusepidemie zu bekämpfen. Da rief ihn fein Schicksal.

Als Nachtigal eben zur endgültigen Heimkehr rüstete, traf in Tunis der Abenteurer und kühne Afrikareisende Gerhard Rohlfs ein, mit einer kleinen Schiffsladung voll Geschenke des preußischen Königs. Sie waren dem über das mohammedanische Negerreich Bornu am Tschadsee gebietenden Sultan Omar zugedacht. Es befanden sich darunter ein lebensgroßes Bild König Wilhelms und ein Thronsessel. Rohlfs suchte eine verläßliche Persönlichkeit, die diese Ungetüme von Geschenken quer durch die Sahara nach dem 2500 Kilometer entfernten Kuka, der Haupt­stadt von Bornu, brachte. Nachtigal erklärte sich dazu bereit. Es war em Wagnis auf Tod und Leben. Am 17. Februar 1869 nahm er am Wüsten­rande, an den letzten Gärten von Tripolis, für fünf lange Jahre Abschied von den äußersten Ausläufern der abendländischen Welt.

Ein für die deutsche Afrikaforschung ruhmvoller Zug begann. Ueber jene Wüstenstriche, die Temperaturen von fast 60 Grad im Schatten ken­nen, zog, oder wie er sich humorvoll ausdrückte,wankte" Nachtigal mit nur fünf Mann und acht Kamelen in sechs Wochen nach Mursuk, der Hauptstadt der Oase Fessan. Als Unruhen ihm vorläufig den Weiter­marsch nach Kuka verwehrten, entschloß er sich zu einem tollkühnen Unternehmen: zur Erforschung des aus der Sahara bis zu Höhen von 3400 Meter aufsteigenden so gut wie noch unentdeckten Gebirgslandes von Tibesti. Erst zu Beginn des Weltkrieges gelang es den Franzosen, Tibesti notdürftig zu befrieden. Diese Landschaft war von den so fanatisch christenfeindlichen, wilden und grausamen Tibbu bewohnt, daß selbst der in seinem Urteil so milde Nachtigal zu dem Ausspruch kam:Ich sah nie ein Volk mit weniger natürlicher Gutmütigkeit begabt."

Gesangenschast, Steinigung, grausamste Mißhandlungen erwarteten den kühnen Reisenden. Nur ungemeine Geschicklichkeit, seine unerschütter­liche Ruhe und sein eiserner Wille ließen ihn nach dieser auch geographisch glanzvollen Tat glimpflich dieser Hölle entrinnen und deneisernen Zirkumflexen", wie er launig dieunkommentmäßigen Massen dieser Schinken", die nach ihm geschleuderten wellenförmigen Wurfklingen der Tibbu, bezeichnete. Nach einer grauenvollen Wüstenwanderung, auf der er alle Schrecken des nahenden Hunger- und Dursttodes kennenlernte, traf er wieder in Mursuk ein. Während dieser Schreckenswanderung hat er nicht nur neben leinen eigenen die Waffen seines braven italienischen Dieners geschleppt, sondern auch noch für seinen Lehrer bestimmte Be­obachtungen über den Verdurstungstod niedergeschrieben.

Gegen diesen Entdeckungsfeldzug nach Tibesti und die Erlebnisse voll wildester Phantastik mag auf den ersten Blick die Reise nach Kuka, das Nachtigal kurz vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges erreichte, harmlos erscheinen. Doch blieb sie beschwerlich und gefahrvoll genug.

Der alte Scheich Omar nahm Nachtigal mit rührender, ja geradezu väterlicher Gastfreundschaft aus. Seiner Unterstützung hatte Nachtigal es zu verdanken, daß er Wanderungen und Forschungen von höchster wissen­schaftlicher Bedeutung in Kanem und Borku unternehmen konnte. Auch eine jener grauenvollen Sklavenjagden, die damals noch Afrika ver­heerten, erlebte er in Begleitung des Königs von Baghirmi, der den wenig vertrauenserweckenden BeinamenAbu-Sekin"Vater des Messers" führte. ,

Dann aber entschloß er sich zu seinem größten Wagnis. Er wollte den Durchbruch durch das wegen seiner Christenfeindlichkeit berüchtigte Land Wadai nach dem Süden versuchen. Einmal schon hatte ein deutscher Reisender der junge Eduard Vogel, dieses Abenteuer gewagt. Er hatte unter den Krummsäbeln der Leibwache des Sultans von Wadai ge­endet Aller menschlicher Voraussicht nach war es der sichere Tod, der Nachtiqal dort bei Sultan Ali erwartete. Da rettete ihn jene Kunst des Jmponierenkönnens, die er in Tunis gelernt hatte. Nachdem er der Hof- etikette von Wadai gemäß auf den Knien liegend, den Kopf zu Boden geneigt die vorgeschriebene Begrüßungssormel vor dem gefürchteten Herrscher gemurmelt hatte, richtete er sich auf und rief:In meinem Lande kniet man nur vor Gott, nicht vor Menschen . Das half. Lächelnd erwiderte Sultan Ali:So stehe auf, und setze dich neben mich!Jede Furchtäußerung, jede feige Bitte hätte Nachtigal das Leben gekostet. Fortab stand er unter dem persönlichen Schutz des Despoten.

Ueber Darfur erreichte er den Nil. Fünf Jahre nach jenem Morgen, an dem die weißen Häuser von Tripolis hinter ihm am Horizonte der Wüste versunken waren. Ein vom Vizekönig von Aegypten entsandtes Staatsfchiff holte ihn von Chartum ein. Zwei Jahre hindurch hatte in Europa jede Nachricht von ihm gefehlt. Seine Heimkehr nach Deutsch­land war ein Triumphzug. Und hier bekam mit einem Male sein großer afrikanischer Zug schöpferische Kraft. Er begnügte sich nicht mit feinen kühnen Talen. Er legte nicht nur feine Erfahrungen in seinem fesselnden Buche Sahara und Sudan" nieder, das immer noch als das beste

Gustav Nachtigal.

Lin deutscher Afrikasorscher und Kolonialpionier.

Von Alfons v. Czibulka.

Es war in der Mitte der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, daß beim Hallenser Korps derAltmärker" ein wegen seiner Streiche und seiner phantasiereichen Beredsamkeit berühmter Student der Medizin in vorgerückter Stunde einen Bierschwefel hielt, in dem er darlegte, wie er leben werde, wenn er dereinst die glorwürdige Laufbahn eines Leib­arztes des Beys von Tunis beschritten hätte. Hat damals keiner der Kommilitonen geahnt, daß diese flammende Bierrede voll geheimer Pro­phetie war und der Studiosus Gustav N a ch t i g a l kaum em Jahr­zehnt später nach langen afrikanischen Jahren wahrhaftig als Leibarzt des Beys von Tunis wiederkehren sollte. ,

Allein diese seltsame Fügung wäre doch zu wenig Grund, in Bewun­derung und Liebe des 50. Todestags dieses Mannes zu gedenken, wäre dieses bedeutsame, kühne und in vielen Dingen vorleuchtende Leben nicht die schöpferische Ursache deutscher Kolonialpolitik gewesen.

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Am 23. Februar 1834 ist Gustav Nachtigal als das zweite Kind des armen Pastors von Eichstädt nahe der einst blühenden Hansestadt Stendal geboren worden. Sein Bater starb früh und hinterließ ihm in der Lungenschwindsucht ein böses Erbe. Und doch hatte dieses verhängnisvolle Uebel auch sein Gutes: es wies ihm den Weg. Nach dem Besuch« der Universitäten Berlin, Halle, Würzburg und Greifswald war junger Militärarzt in Köln, als seine Krankheit zum stürmischen Ausbruch kam. Er mußte Heilung im Süden suchen. Auf den Rat feines Lehrers und Freundes, des bedeutenden Klinikers Niemeyer, dessen Ajsistent er eine Weile gewesen, ging er nach Algier. Dadurch kam er in Berüh­rung mit der Welt seines Schicksals. Es war das Jahr 1862. .

Für echs Monate wollte Nachtigal nach Afrika gehen. Es wurden Jahre daraus. Schon die Träume des Knaben hatten immer wieder um diese afrikanilche Welt gekreist. Nun da sie so zauberhafte Wirtlichkeit geworden war, warf sich Nachtigal mit seinem ganzen Temperament seiner ungemeinen Willenskraft und unermüdlichen Zah gkeit auf das Studium dieses arabisch-maurischen Lebens. Durch denRuf ferner arat- lichen Kunst, durch den Zauber seines Wesens wurde er nach einiger 'ßeit mahrhaftia Leibarzt des Beys von Tunis. In dieser Stellung, die ihm Übrigens nichts eüibrachte, verstand er es bant feiner Sea ajJungs, gäbe und feiner Fähigkeit, sich restlos anzupassen ohne dochifetne Per sönlichkeit auch nur im geringften aufougeben des

Gebaren, die Geschmeidigkeit, die Ruhe und das SmPomertutonnen Oes Orientalen vollkommen anzueignen. Nur so laßt es sich erklären daß später unversehrt aus Abenteuern hervorgmg, die bis dahm noch jedem Christenhund" das Leben gekostet hatten. . . f ,T .um

Zwei Jahre nach dem deutschen Bruderkriege von E kehrte««um ersten Male nach Europa zurück. Obgleich es ihn vor der Tretmühle des