Verantwortlich: vr. HanS Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl fche Universitäts-Buch. und Steindruckeret. 2t. Lange, Gieße».
er- als der Es die
ich
doch konnte er mit dem Schnabel nicht ganz sicher danach langen. Er wurde in ein Kistchen mit einer Strohlage gebettet. Am andern Morgen schüttelte ihn wiederholt ein inneres Zittern, manchmal richtete er sich auf, doch die Hoffnungen, die wir daran noch knüpfen wollten, zeigten *id) CeiAMtarr, reinlich und schon so sehr Nichts lag der Gast aus dem Hochwald in dem Kistchen. Wir gruben ihn unter dem Mispelbaum em und schüttelten noch die Blätter der letzten Marechal-Niel-Rose des Gartens auf fein schönes Gefieder. Der Arbeiter, der an den Beeten zu tun hatte sah uns verwundert nach, als wir ins Haus zurückgingen, denn er merkte, daß wir nicht vermocht hatten, die Tränen zurückzuhalten. —
Soldat im schönsten Regiment.
Bon Wilhelm Schmidlbonn.
Wir entnehmen das folgende Kapitel mit Genehmigung des Verlages dem soeben bei Rütten und Loening in Frankfurt erschienenen Lebensbuche „An einem Strom geboren" von Wilhelm Schmidtbonn. In diesem Werke gibt der rheinische Dichter, der im kommenden Winter 60 Jahre alt wird, ein farbiges, an Gestalten, Landschaften und Erfahrungen reiches Bild seines Lebensweges.
Das bayerische Infanterie-Regiment Nr. 1 in München, in das ich für ein Jahr eintrat, setzte sich zusammen aus den Söhnen der Berge. Tanzend, jodelnd, mit Mundharmonika und nackten Kmen rückten die Rekruten auf den Kasernenhof ein: Holzfäller, Alphirten aus Garmisch, Tölz, vom Eibfee, vom Walchensee, Geigenmacher aus Mittenwald. Vor dem Dienst, nach dem Dienst hallten die Zimmer vom Gestampf der Schuhplattler.
Aus diesen freien Naturmenschen emgegheberte Soldaten zu machen, schien schwer und fast traurig. Aber es erging ihnen wie mir: sie wollten, sie hatten Freude daran — und es ward leicht und blieb heiter.
Ich hatte es noch leichter. Denn jene waren langsame Bewegung gewöhnt, die Aelpler, meist hart beladen, schleichen ja die Berge hinauf. Meine Glieder jedoch waren durch das Rad gelöst und Geschwindigkeit gewöhnt. . _
Ich hatte es dadurch vor allem leichter als meine neun engeren Kameraden die wie ich nur ein Jahr dienten. Sie tarnen aus Städten und von Schreibtischen. Da damals Sport, besonders unter Studenten, ganz unbekannt, ja verachtet war, litten diese Neun sehr unter den körperlichen Anforderungen. Sie vertrugen anfangs nicht einmal die freie Himmelsluft, die uns andern allen Lebenselement war.
Man unterfchätzt vielleicht heute, nach dem Krieg, die Strapazen der Friedenssoldaten, die ohne unmittelbaren Zweck vom Morgen zum Abend marschieren, rennen, sich hinwerfen und auffpringen, mit der schweren Waffe Griffe bis zu maschinenhafter Exaktheit üben, im Manöver aber nach der Vorschrift das Aeuherste hergeben müssen, wozu Menschennatur fähig ist: Märfche von vierzehn Stunden gab es, im Sonnenbrand, in der engen Uniform, mit schwerstem Gepäck. Die Ränder der Straßen waren an besonders heißen Tagen besät mit Erschöpften und Zurückgebliebenen.
Ich entschloß mich, von vornherein das, was ich war, ganz zu sein: Soldat. Als ich die Disziplin erst in der Gewohnheit hatte, war das neue Leben meinem bisherigen nicht einmal so unähnlich. Bei Morgengrauen marschierte man los, oft die Musik voran. Wir freuten uns, die Bürger durch übermütigen Gesang zu wecken. Die Mädchen öffneten die Fenster und winkten.
Die vielen hundert jungen gesunden Männer bildeten einen einzigen Körper mit gleichem Schritt. Es entstand ein unendlich gesteigertes Krast- gefiihl. Sorgen gab es nicht. Das Ziel, die Dauer, der Lagerplatz, das Esten, die Rückkehr, alles war bestimmt — von andern, die sich darüber den Kopf zerbrechen mußten. Ob man das Gewehr rechts ober links trug, wann man den Kragen öffnete, den Helm abnahm — das alles
Waldtiere. , r,„
Bei jeder Strapaze, wenn die Kräfte auszugehen drohten, stärkte mich mit dem Gedanken: Wie kommt das deinem Körper zugut!
Aber auch der Seele kam es zugut. Sie lernte ertragen, das Letzte aus sich herausholen. Obwohl sie unter Befehl stand, lernte sie merkwürdigerweise doch am meisten: wollen.
Ja selbst bei den oft quälenden Oriffübungen dachte ich: Das kommt deinem eigentlichen Beruf zustatten. Ebenso unnachlässig genau müssen deine Worte stehen, deine Gedanken ineinanderschließen.
Trotzdem: ein Jahr ist eine lange Zeit. Es gab Kameraden und Vorgesetzte, mit denen sich keine leichte Berührung herstellte. Nichts war so heilsam, als auch hier eisern sich fügen müssen.
’ Dafür fand ich einen besonders guten Kameraden an dem jungen Unteroffizier, iem meine Ausbildung als Soldat in die Hand gegeben war. Unter den vielen Lehrern an Schulen, in der Musik, an Universitäten, später an Theatern, denen ich dankbar bin, ist er nicht der
Abschied.
Von Eduard Morike.
Unangeklopft ein Herr tritt abends bei mir ein: „Ich habe die Ehr', Ihr Rezensent zu sein." Sofort nimmt er das Licht in die Hand, Besieht lang meinen Schatten an der Wand, Rückt nah und fern: „Nun, lieber junger Mann, Sehn Sie doch gefälligst mal Ihre Ras' so von der Seite an! Sie geben zu, daß das ein Auswuchs is." — Das? Alle Wetter — gewiß!
Ei Hasen! ich dachte nicht, All mein Lebtage nicht, Daß ich so eine Weltsnase führt im Gesicht!! Der Mann sprach noch verschiednes hin und her, Ich weiß, auf meine Ehre, nicht mehr: Meinte vielleicht, ich sollt' ihm beichten.
Zuletzt stand er auf; ich tat ihm leuchten. Wie wir nun an der Treppe sind, da geb’ ich ihm, ganz froh gesinnt, Einen kleinen Tritt.
Nur so von hinten aufs Gesäße mit — Alle Hagel! Ward das ein Gerumpel, Ein Gepurzel, ein Gehumpel! Dergleichen hab' ich nie gesehn, All mein Lebtage nicht gesehn. Einen Menschen so rasch die Trepp' hinabgehn!
war Sorge des Hauptmanns. Was man morgen tat, was übermorgen, was nächste Woche, was nächsten Monat — Sorge des Hauptmanns. Eine ungekannte Lebensleichtheit ergab sich dadurch.
Die Freundschaft mit dem Gras, die ich mir die letzten Jahre worben, blieb mir auch hier erhalten: wer war dem Gras naher der Soldat, wer ging durch das Gras, wer lag im Gras mehr als Soldat? Im Manöver gab es herrliche Zeltnächte bei Wachtfeuern, gab Tag und Nacht Patrouillen, kriechend, schleichend, horchend wie
(ctatc.
Mit dem ersten Blick waren wir uns nah. Er war aus der Unteroffizierschule hervorgegangen, also Soldat von Kind an. Seine Unermüdlichkeit, Gewandtheit, Genauigkeit, Hingebung an den Dienst, die Gewalt, die er dadurch auf uns alle ausübte, waren bewundernswert. Unter allen Exerzierübungen ruhten unsere Augen mit äußerstem Wohlgefallen auf seinem durchgebildeten, sehnigen, in jedem Muskel immer sprungbereiten Körper, auf seinem nicht schönen, aber vor Willensstärke strahlenden Gesicht. Er schien mir zu schade für den Exerzierdienst. Er hatte eher in ein früheres Jahrhundert gehört, in die Zeit der Landsknechte, als der Kampf noch Mann gegen Mann ging.
Wenn er von den zehn Einjährigen, die ihm übergeben waren, mich besonders ansah, so waren daran, unbeschadet jenes sofortigen Gefühls gegenseitiger Hingezogenheit, zuerst einmal meine langen Haare schuld.
„So kommt der Mensch in die Kaserne?" sagte er, lachend und staunend. Er schickte mich über Mittag zum Haarschneider und gäb mir gleichzeitig acht Tage Kasernenarrest. .
Er fühlte, daß hier ein Mensch scharf angepackt werden mußte. Bei meinem Widerwillen gegen zu kurzes Haar ließ ich meinen Schopf nur hinten und an den Seiten kürzen. Das übrige, dachte ich, ist ja von Mütze und Helm bedeckt.
Er nahm, mir am Nachmittag sofort die Mütze ab, sagte mir aber nur mit einem Blick, daß er meine List verstanden habe und auf andere Weise mit mir fertig werden würde.
So begann zwischen uns ein freundschaftlicher Kampf, der mich einmal sogar Tränen der Erbitterung kostete. Er stellte an mich Anforderungen wie an keinen andern und reizte mich um so mehr, wenn er sah, daß Trotz in mir hochkommen wollte. Gelang es mir, den Trotz niederzukämpfen, dann war er zufrieden und lobte mich irgendeines gut ausgeführten Griffes wegen. Dann lachten wir uns ein wenig an und verstanden uns. Die Kameraden bedauerten mich, daß ich an diesem Unteroffizier einen offenbaren Feind gefunden habe. Erst später merkten sie, wie gute Freunde wir waren.
„Das andere befriedigt mich wenig", sagte er mir einmal, als er mich abseits besonders ftrena vornahm, in plötzlicher Weichheit und Vertraulichkeit, während ich stand und vor Anstrengung und Grimm keuchte, „aber jedes Jahr einen Menschen Ihrer Art bändigen, das erst macht mir Freude." . m , , r „ .
Sobald er morgens vor uns trat, wenn wir im Kasernenhof standen, noch Schlaf in den Knochen, ging seine Kraft mit dem Befehl auf uns über. Muskeln und Herz schwollen uns. Er wußte es und versuchte manchmal im Scherz die Grenze dieser Gewalt. Einmal tarnen wir im Sturmlauf an einen tiefen Vach und machten halt. „Vorwärts!" schrie er hinter uns.
Wir sahen uns erschreckt um. „Vorwärts!" schrie er noch einmal, und ohne Besinnen sprang ich bis an die Brust ins Wasser und kämpfte mich durch. .
Da kam er selbst erschreckt heran und lachte bis zu Tranen. Von nun an hörte er auf, mich besonders herzunehmen. Er hielt meine Erziehung für beendet.
Im Manöver nahm er mich zu allen Patrouillen mit, zumal nachts. Das waren die unvergeßlichen Ereignisse im Soldatenjahr.
Am letzten Tage des Dienstjcchres vermachte ich ihm meine wenig getragene "Paradeuniform und sprang aufs Rad. Trotzdem wir uns schon voneinander verabschiedet hatten, trat er noch einmal vor die Tür unseres Kompaniehauses und rief mir im Scherz nach: „Halt! Zurück!".
Ich war noch in Uniform, aber ich hatte das neue Leben schon angefangen, meinen Paß in der Tasche, und winkte nur mit der Hand zum letztenmal ihm zu.
„Zurück!"
Aber diesmal half ihm kein Befehl mehr.
Das Herz schmerzte mich, wie wohl auch ihm. Aber unter den lachenden Zurufen aller Feldwebelfrauen, die herumstanden, fuhr ich zum Kasernentor hinaus. Selbst der Wachtposten lachte und ließ den ungehorsamen Soldaten passieren.
Es ist nicht zuviel gesagt: ich fuhr aus der Kaserne und dem Militärjahr als ein gesteigerter Mensch, befähigt, nicht nur mit enge- fammelter Gefundheit, sondern auch mit geübten Seelenkräften zu dem viel schwereren Dienst anzutreten, der nun kam und viel länger dauern wird: Soldat des Ledens.


