In der Giffina.

Von Conrad Ferdinand Meyer.

In der Sistina dämmerhohem Raum, Das Bibelbuch in seiner nervgen Hand, Sitzt Michelangelo in wachem Traum, Umhellt von einer kleinen Ampel Brand.

Laut spricht hinein er in di« Mitternacht, Als lauscht ein Gast ihm gegenüber hier, Bald wie mit einer allgewaltgen Macht, Bald wieder wie mit seinesgleichen schier:

Umfaßt, umgrenzt hab ich dich, ewig Sein, Mit meinen großen Linien fünfmal dort!

Ich hüllte dich in lichte Mäntel ein Und gab dir Leib wie dieses Bibelwort.

Mit wehnden Haaren stürmst du feurigwild Bon Sonnen immer neuen Sonnen zu, Für deinen Menschen bist in meinem Bild Entgegenschwebend und barmherzig du!

So schuf ich dich mit meiner nichtgen Kraft: Damit ich nicht der gröh're Künstler sei, Schass mich ich bin ein Knecht der Leidenschaft Nach deinem Bilde schaff mich rein und frei!

Den ersten Menschen sormtest du aus Ton, Ich werde schon von härterm Stoffe fein, Da, Meister, brauchst du deinen Hammer schon, Bildhauer Gott, schlag zu! Ich bin der Stein!"

Oer Vogel aus dem Hochwald.

Don Max Mell.

Ein Blatt des Gedenkens will ich dem Fremdling aus dem Hochwald widmen, der eines Tages unversehens unser Gast wurde und es durch ein paar Wochen blieb, in unserem Landhaus in Pernegg und dann auch in Wien: dessen Geschick uns naheging und dessen Eigenart uns anzog, mochte sie uns auch anfangs durch ihre Ungezahmheit befremdlich sein.

Es war nicht freiwillig, daß er zu uns kam; und es war nicht das erste Beispiel, daß es dem Kind des Hochlands mäst frommte, sich den Wesen der Talgründe zu nähern. Und so konnte es ihm bei uns unten nicht gut gehen, obwohl es zuletzt die Seinigen waren, die chm zu ver­stehen gaben, daß es aus mit ihm wäre. Sein Name war Jack. Wenig­stens bei uns hieß er so; meine Schwester Lilli, die sich seiner wie schon früher manches ähnlich Verunglückten und Beschädigten annahm, hat ihm diesen Namen gegeben, weil sie im Brehm unter Der.|d^nbel2 anderen Namen für den Tannenhaher auch den desBergjack oder Nußsäck" fand. Die Buben des Nachbarn, die ihn gefangen hatten, wußten mit ihm nichts anzufangen und brachten ihn daher. Mit leben­diger, einnehmender Aufmerksamkeit sah der große ^beuahnliche Vogel umher. Meine Schwester nahm ihn in die Hande und bestaunte sein prachtvoll schwarzes, mit runden weihen Flecken wie mit Tranen beträu­feltes Gefieder- sie hatte seinesgleichen nie in der Nahe gesehen, und er gewann sogleich ihr Herz. Die Nuß, die sie seinem großen und gewaltig aussehenden Schnabel bot, nahm er ohne Zögern und das Bertraiwn das er ihr so vom ersten Augenblick an schenkte war endgültig, tote untersuchte ihn und fand, daß ihm ein Flügel gebrochen war. D Steinwurf eines der Buben hatte ihn getroffen. Der nachbarliche B stz steigt au dem Ausläufer eines weitgedehnten bewaldeten Berglands auf. und er hatte sich an der Grenze dieses seines Wohnbezirks allzu unbesorgt an einer ausgesetzten Stelle niedergelassen. Er kannte ja von den großen einsamen Waldsttecken her den Menschen wemg.

Die Buben standen und sahen zu, was Lilli.mit demTier anfmg. Sie fragte den Uebeltäter, warum er denn nach ihm geworfen habe- -I . ° V7 keck daa'sessen is". Er war zur Erde gefallen, hotte sich

flink in7 Gesträuch verkrochen und es war keine kleine Muhe, feiner habhaft zu werd em Aber dann konnten ß- ihn nicht^brauchen und erin­nerten sich manches tierfreundlichen Tuns der Nachbarin.

h-nir^n firh und bei ihr stand es fest, dem Berwundeten ein Asyl zu Meten in bcm^'er womöglich ausgeheilt werden könnte; denn in der

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fo bot er einen erbarmungswerten..^m'chLpfe herausforderte. Ich das Verhalten der Menschen gegen ihre A g I PT .t bej

muß freilich gestehen, ich war im 3meifU > ,1,nächst in einer uns weitergehen sollte, und zog es auch v , halten und es

gewissen Entfernung von dem Gast aus der Wildms zu hauen, u

war mir unheimlich, meine Schwester unbekümmert nahe M dem VogSk zu sehen, der mit einem Schlag seines Nabenschnabels etwa nach ihrem Auge ihr eine furchtbare Verletzung beibringen konnte. Das durch­dringende Krächzen, in das er immer wieder ausbrach, war im geschlosie- nen Raum nicht lieblich zu hören, und die Personalbeschreibung, die wir im Brehm fanden, nicht durchaus oertrauenserweckend, es wurden ihm auch grausame Eigenschasten nachgesagt.

Indessen Lillis Sicherheit und Ruhe in der Behandlung ihres Schütz­lings behielt wieder einmal recht, und es genügten wenige Tage und er hatte gewonnen. Wie er sich er war noch ein junges Tier in fein Schicksal fand, mußte uns rühren. Er litt, aber es war kein Zweifel, er fühlte, daß man ihm wohlwollte, und das besticht ja fchon; und feine Anhänglichkeit an seine Pflegerin war nicht zu verkennen. Aus dem Brehm war auch festzustellen gewesen, was ihm zur Nahrung diente, und auch Zirbelnüsse waren zu beschaffen. Denn die sind es vor allem, die der Tannenhäher sucht, und die Jäger sagten uns: bis in die Hohe von tausend Metern herrschte der Nußhäher: darüber bann ber Tannen­häher, unb er trüge sehr wohl das Seine zur Verbreitung ber Zirbel­kiefer bei. In unsere tiefer gelegenen Waldgriinde war sein Schwarm offenbar der bort häufigen Haselnüsse wegen eingefallen unb auf man­chem Waldgang traf ich die Schor an, deren Rus ich jetzt ja kannte. Unser Pflegling hatte den Trieb, Kerne und Nüsse zu verstecken, er tat es dem Fensterbrett entlang oder unter die Zeitungsblätter, die seinet­wegen ba unb dort aufgebreitet waren. Er streute wohl auch die Kern­gehäuse weit umher unb bas Reinhalten seines Winkels war keine kleine Mühe der sich aber Lilli unb Paula gern unterzogen. Er klopfte wohl oft ungebutbig an Fensterstock unb Scheibe unb stieß seine ratlosen Schreie aus. Dazwischen aber brachte er unvermittelt auch ein paar leise ver­haltene Töne hervor, Bruchstücke eines stillen Gesanges ober eines Selbstgesprächs, das freilich bald wieder in schrilles Krächzen umschlagen konnte.

Wir fanden dann unversehens ein Mittel, rote wir die tobende Un­ruhe in ihm, die ihn auf seinen Leitersprossen aus und ab trieb, beruhig­ten. Wir stellten in die offene Türe, die auf den Balkon ging, einen Stuhl und auf der Lehne, mit dem Ausblick auf die Berge und über das Tal, durfte er sitzen. Da war er in einer Sage, die er offenbar kannte und liebte: einen Rundblick zu haben wenn es freilich auch die mar, die ihm verderblich geworden und da faß er nun felbst- oeraeffen vor den großen blauenden Waldwänden und fing an, in jenen halbunterdrückten Tönen mit sich selbst zu plaudern und zart zu psalmo- dieren und es war ein solcher Ausdruck des Sichbescheidens unb ber Wonne seelischen Gleichgewichts in biefem nach innen gerichteten Plauschen, als lobte er aus einem sicheren Dasein heraus feinen Schöpfer, rote wir es dem Lieb ber Singvögel anzuhören meinen.

Indessen schritt ber Gang ber Heilung vor, aber den Gebrauch des Flügels gab sie ihm nicht mehr. Es war vielmehr der oberste Teil des Flügels abgestorben unb er biß ihn sich selbst samt den großen Federn daran ab. Fliegen konnte er nicht mehr, unb wir erörterten sein künfti­ges Schicksal, denn in Wien konnten wir ihn kaum bei uns behalten. Noch war aber inzwischen die Obsternte und da durste er öfters mit tn den Garten, saß da in irgendeinem Apfelbaum und sonnte fick. Seme Beschützerin kannte er gut, war sie in feiner Nahe, fühlte er sich gebor­gen. Als einmal eine Katze um den Baum herumstrich, auf dem er sah, schrie er jämmerlich; im Augenblick, als Lilli in seine Nähe kam war er ruhig. Einmal, rote sie ihn mit in den Garten nahm, sah ich, wie er auf ihrem Unterarm saß und wie in Erschütterung über die Freiheit in die er kam, lautlos den Schnabel ein wenig gegen sie öffnete, mit einem unendlich beredten Ausdruck, als wollte er über die Menschen klagen, die ihn zum Krüppel gemacht hatten. ..... .

Aber nun ging^er Oktober zu Ende, und rotr rüsteten zur Heimfahrt nach Wien. Es war beschlossen worden, ihn dem Tiergarten in Schön­brunn anzudieten, doch vergingen noch einige Tage bis dahm, tn denen er immerhin in einem kleinen Werkstattraum und im Garten vor allem auf dem niedrigen Mispelbaum, einigermaßen heimisch rourbe^ Auf die Zusage von Schönbrunn brachte ihn seine Schutzertn in dieAusnvhme- kanzlei" Als sie ihn aus dem Körbchen hob, sagte der Leiter der Abtei­lung- Ach das ist ja ein lieber Kerl!" Er kam in eine geräumige Voliere" nahe am Eingang zu drei Tannenhähern durchwegs größeren Tieren als er war, und Lilli verlieh ihn der Beftiebtgung. daß er nun doch wieder unter Seinesgleichen war und mit der Absicht ibn baw zu besuchen, es war ihr auch dauernder freier Eintritt zugesichert Am übernächsten Tag, bei regnerischem Wetter, fuhr sie nach Schönbrunn, kam aber etwas niedergeschlagen zurück; er hatte sie nicht erkannt. Er hatte erst am Futterplatz der Käfiganlage gefreßen, sich dann wie zum Schlaf hingesetzt und auf ihren Zuruf nicht geachtet. Das chlechte Wetter hielt an erst nach drei Tagen konnte sie ihn wieder ausiuchen. Und da brachte sie ihn wieder mit. Sie hatte ihn mit gelahmtem Fuß auf der Erde gefunden. Man war in der Kanzlei damit einverstanden 'hn öuruck- zugeben nannte ihr auch einen Tierarzt, ber bei Vögeln besonders Be­scheid wußte; denn der Fuß hing wie em geknicktes welkes Blatt herab. Sie barg ihren Jäck im Mantel; niemanden in der Stadtbahn fiel er auf er war ganz still. Als sie dann durch d,e Baumgrupven am Sötern c[..k unterem Haus zuging, fing er in feiner heimlichen Art am zu ihr

.unserem biefer @cgenb a(s sein Zuhause,

erkannte bann auch sogleich den Mispelbaum, seinen Platz in ber Werk­statt und die Sckachtel, aus ber er Mehlwürmer erhalten hatte: mit Heißhunger verschlang er, was man ihm gab. Denn die Tannenhaher^ in deren Gesellschaft er gekommen war, hatten an ihrem Futterplatz offenbar nicht gern einen Fresser mehr gesehen, und wollten wobl auch ke nen vom Schicksal Gezeichneten unter sich; seine neue Verwundung rührte von einem schweren Schnabelhieb her. Jener Twrarzt wurde zu uns gebeten wa7 von Jäck entzückt und meinte,'die Sache wäre m v,er- ^S^"der Wiedergeroonnene in Ruhe bei Lilli schien zufrieden und war ganz still Am andern Tag aber erschrak fie; als sie ihn Hand nat>m; er war so leicht und zeigte Mattigkeit. Er ftaß noch Zirbelnüsse,