Ausgabe 
25.11.1935
 
Einzelbild herunterladen

GietzenerKimilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1955 Montag, den 25. November Nummer 92

.Und nun ist

haben wir es geschafft."

Das hast du vorhin auch schon gesagt", murrte Lena, es bald Mittag. Ich bin müde zum Umfallen, sage ich dir.

Dann ruh dich doch erst ein wenig aus! Es ist ja niemand mit der Hetzpeitsche hinter uns", redete Lars ihr zu.

Nein, laß uns machen, daß wir weiterkommen, das ist gescheiter. Zuletzt muß der Weg ja wohl mal ein Ende nehmen."

Wie du willst", gab Lars nach, spuckte sich in die Hände und griff von neuem nach Deichsel und Zugseil.Was mich betrifft, so könnte es ruhig nach ein paar Stunden so weiter gehen."

Ich danke», entrüstete sich Lena.Ich begreife ja überhaupt nicht mehr, daß ich jemals ja zu der Geschichte gesagt habe."

Du hast ja gar nicht ja gesagt", lächelte Lars, ließ die Deichsel fallen und trat wieder zu ihr.Denn wenn es nach dir gegangen wäre, wären wir geblieben, wo wir waren. Lena. Aber das mag nun gehen, wie es will, wir müssen unseren besten Fuß vorsetzen, siehst du. Denn umkehren ist meine Sache noch nie gewesen. Ist es nicht herrlich hier draußen? Wenn ich von mir reden will, so muh ich sagen, daß ich schon ein ganz anderer Kerl bin, seitdem mir der Wind hier um die Nase weht. Und zu alledem scheint die Sonne, daß es schon allein ein Vergnügen ist. Wetten, Lena, daß sie es ganz allein für uns heute so gut meint? Wenn der Wind nicht wäre, könnten wir uns schon in der Sonne braten lassen.

Lars der Gerechte

Roman von Wilhelm Scharrelmann

Lars war froh wie noch an keinem Tage seines Lebens. Jeder, der ihn kannte, hätte es ihm angesehen. Dabei war es ein saures Stück Arbeit, und der Schweiß stand ihm auf der Stirn, aber er lächelte trotzdem, und wenn ihm auch Rücken und Schultern vom Ziehen schmerzten, erinnerte er sich doch nicht, jemals so ausgelassen und vergnügt gewesen zu sein.

Was sagst du?" rief er seiner Frau zu, die neben dem Karren ging und ein wenig nachschob. Denn der Wind hatte ihr die Worte vom Munde weggenommen.

Ich sage, daß es verrückt ist", wiederholte Lena verdrossen.

Meinst du?" lachte Lars und hielt den Karren an.Warte nur noch ein wenig. Es ist ja nun wirklich nicht mehr weit. In einer halben Stunde

sage ich dir!"

Na und du?" rief er zu dem Kleinen hinauf, der auf einem Paar zusammengeschnürter Bettstücke hoch oben auf dem Karren saß und aus seinen kleinen, immer ein wenig geröteten Augen auf seine Eltern herunter­guckte.Gefällt es dir denn wenigstens da oben, du?"

Lars hatte ihm vorhin aus einem Stocke und einem Bmdsadenende eine Peitsche geknotet, und Ian kam sich damit wie ein richtiger Kut­scher vor. , ... .

!" rief er ungeduldig, damit es endlich wieder weiterginge, und schnippte mit dem Peitschenende nach Lars.

Hallo'" lachte der.Du meinst wohl, ein Gaul brauchte sich nicht zu verschnaufen, wie? Du bist mir ein schöner Kutscher, muß ich wohl sagen.

Nein", begann Lena wieder,ich spreche ja auch nicht von Umkehren, siehst du. Du hast ja seit Jahren davon geredet und hast nun deinen Willen, Lars. Wenn du mir nur sagen wolltest, woher du das Geld genommen hast? Für das Haus und all das andere... Das ist doch kein Pappenstiel, Lars, das mußt du doch zugeben, u"d wenn ich mir Sorge darum mache, nun du so hinter dem Berge damit hältst brauchstdu dich darüber nicht zu wundern. Irgendwoher mußt du es doch haben, sollte

an, wie klug du bist?" antwortete Lars, und seine Stirn b^Jch? verstehe nicht, warum du mich darüber im Dunkel läßt", fuhr Lena fort Es ist doch selbstverständlich, meine ich, daß ich

Nichts da!" rief Lars und eine Blutwelle des Aergers schoß ihm ins Gesicht "Habe ich dir nicht schon oft gesagt, daß da» meine Sachen sind? Cs wäre gut, wenn du das endlich begreifen wolltest. Aber Hols der x,u,ä iäs'äw».

darüber damit du es weißt, Lars. Und ich sage d.r, ich setze memen Fuß "^Abe^Lar?°ha?te7ie^tehen lassen und das Zugseil wieder über die Schulter genommen. Gerade jetzt lehnte er sich

über, und rumpelnd setzte sich der Karren hinter ihm wieder in Bewegung.

Tu, was du willst!" brummte er ärgerlich und biß die Zahne zu lammen. *

Es war richtig, Lars hatte den Weg unterschätzt, denn es war ein Unterschied, ob man ledig ging, oder so ein Biest von einem Wagen mit allem, was einem gehörte, dabei hinter sich Herzog. Viel war es ja nicht, was er auf den Karren zu packen gehabt hatte, aber es genügte, um allmählich selbst so einen wie ihn mürbe zu kriegen.

Doch nun tauchte das Haus aus der Landschaft vor ihm auf, und im Augenblick hatte er alle Müdigkeit vergessen.

Siehst du es? Da drüben liegt es!" rief er Lena zu und wies mit ausgeftrecktem Arm über das Moor.Da hinter den Birken! Warte nur, gleich wirst du es besser sehen können. Nun, was sagst du? Habe ich über­trieben wie?"

Ich weiß nicht", antwortete Sena, ohne in seine Freude einzustim­men.Jedenfalls wird es Zett, daß der Weg ein Ende nimmt. Ich muß sagen, daß ich am Rande bin, ich kann einfach nicht mehr!"

Ja, es war ein saures Stück, das ist wahr, Lena", versuchte Lars sie zu trösten.Aber nun haben wir ja die Quälerei gleich hinter uns. Gewiß, ich hätte mir ja ein Pferd mieten können, aber es ist gut, wenn wir unser Geld ein wenig Zusammenhalten ... Komm, laß uns nicht mehr lange stehen. Wir haben ja nachher Zeit genug, uns auszuruhen, so lange wir wollen."

Aber der Weg, der zum Hause führte, war schlimmer als alles, was vorangegangen war. Die Räder wühlten sich wie Maulwürfe in den weichen Grund, als sträubte sich der Wagen, dem Haufe näherzukommen, und Lars war es, als wäre die Last hinten noch mal so schwer geworden.

Schnaufend blieb er zuletzt stehen.

Komm herunter!" rief er dem Kleinen zu.Auf so einem Wege wiegt selbst so ein Zweigroschenkerl wie du noch etwas."

Gehorsam begann der Kleine herabzuklettern, aber Lars packte ihn, sobald er ihn erreichen konnte, und setzte ihn mit einem Schwung auf den Boden.

Vorwärts! Hilf deiner Mutter beim Nachschieben!" sagte er.Wenn es nicht viel bringt, so bringt es doch was."

Er legte sich von neuem in das Zugseil, aber wenn er auch alle Kraft aufbot, wollte es ihm nicht gelingen, den Karren wieder in Gang zu kriegen. Es half nicht, er mußte sich entschließen, einen Teil der Sachen vorher am Wege abzusetzen.

Als er mit dem Rest dann beim Hause angekommen war, hob er einen Stuhl vom Wagen und setzte ihn Lena hin, damit sie erst einmal wieder zu Atem kam.

Nun wartet einmal!" rief er, lief hin und schloß die Seitentür des Hauses aus, ging aus die Diele, öffnete die große Tür an der Giebelseite und sperrte beide Flügel auf, damit Lena von ihrem Sitze aus ins Haus zu blicken vermochte.

Nun, was sagst du?" rief er strahlend vor Freude.

es

die Diele und

und trat nun auf die Diele.

Lars! Lars!" antwortete Lena und schüttelte seufzend den Kopf.

Nun?" verwunderte sich Lars.Ist es nicht herrlich? Natürlich hat ein Strohdach. Was mich betrifft, so bin ich stolz darauf. Auch mein Elternhaus hatte ein Strohdach, ich habe dir oft davon erzählt. So etwas hält im Sommer kühl und im Winter warm. Zuerst wird dir ja fo vieles ungewohnt hier draußen fein, nun du in der Stadt aufgewachsen bist. Sieh doch die schöne breite Diele. Da können wir abends tanzen, wenn wir Lust haben und rechts und links sind die Ställe. So hat man alles beieinander, weißt du. Und über dem Herd können wir zum Herbst Speck und Schinken räuchern, hahaha! Da hinten die Türen gehen in die Zim­mer links eins und rechts das andere. Ja, was du wohl glaubst! Gewiß, alles ist ein wenig verfallen, das ist richtig. Aber laß mich nur erst zu Atem kommen, dann sollst du einmal sehen, wie schön ich alles wieder in Ordnung machen werde. Auch das Dach ist ein wenig schadhaft, das gebe ich zu. Aber so etwas ist mit Leichtigkeit auszudesiern. Ein paar Bund Stroh, weißt du, und alles ist wieder in Ordnung!'

Lena hatte den kleinen Jan an die Hand genommen beklommen und niedergeschlagen van allem, was sie sah, Lars! Lars!" sagte sie wieder und schüttelte den Kopf.

Also das war das Haus, in dem sie nun miteinander wohnen und arbeiten wollten? Verstört und traurig ging ihr Blick über die Diele und die rauchgeschwärzten Balken unter der Decke, über den löchrigen lehm- gestampften Fußboden, die dunkle Hille über dem kleinen Kuh stall und dem niedrigen steinernen Herd, auf dessen Feuerloch noch die Asche von dem letzten Feuer lag, das darauf gebrannt hatte.

Wortlos ging sie weiter, öffnete die Tur zu dem einen der beiden Zimmer neben dem Herd und blickte hinein.

10 Ja sieh dir nur alles ordentlich an", rief Lars und begann den Karren'abzuladen und die Sachen und Kisten nachzuholen, d,e er vorhin °"^Ms°er zurückkam,"fand er Lena auf der Türschwelle sitzen und meinen.

Was ist denn nun los?" fragte er bestürzt.