Castellis Batt
Von Gert Lynch.
, Oh!" rief Frau von Heimgart entzückt, als ihr Raftelli einen großen bunten Ball in die Loge warf. m v '
Der Meisterjongleur, der im ersten Variete der Stadt auftrat, verschenkte noch mehrere solcher Bälle, aber derjenige, den Frau v Heun- qart bekam, war entscksteden der schönste. Er trug ein phantastisches Muster von grünen, gelben und roten Streifen, und Rastelli hatte mit ihm atemraubende Experimente gemacht. So war der Ball rund um seinen Körper gelaufen: von den Zehen zum Knie, über den Schenkel zum Leib, dann aus das Kinn, dann auf die Nase zur Stirn, dann über den Kops zum Nacken, und über Rücken und Wade zurück bis zum Fuß.
Das Publikum war starr. So etwas war noch niemals dagewesen. Manche schlugen sich die Hände wund vor lauter Applaus.
Als Frau v. Heimgart auf dem Nachhausewege war, druckte sie ihren Ball mit einem zärtlichen Impuls an sich und gedachte der Zeit wo sie selbst noch mit Bällen gespielt hatte, und plötzlich, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß niemand zuschaute, ließ sie den Ball aufs Pflaster fallen, um ihn beim Aufschnellen zwei, drei, vier, fünf, sechs Mal zuruck- zuschlligeNu bann den Batt aus ihren Flügel und hütete ihn
hinfort wie einen Augapfel. Ihr Bruder, der um diese Zeit aus Besuch kam und ein Sammler von Sonderlichkeiten mar, bot ihr lOv Mark für den Ball, aber sie gab ihn nicht her Sie freute sich an diesem Andenken, wenn immer sie es betrachtete. Und wenn sie musizierte, so begann der Ball aus der polierten schwarzen Fläche des Flügels zu zittern und zu tänzeln, und Frau v. Heimgart dünkte es dann, als ob dieser Ball nicht mit Luft, sondern mit einer Seele gefüllt wäre und Heimweh hatte nach seinem grasten Meister. , ... „
Wenige Monate später ging die traurige Nachricht durch die Blatter, daß Enrico Rastelli, der Welt bester Jongleur, eines frühen Todes gestorben sei. Frau v. Heimgart war tief erschüttert. Sie versah den Ball mit einer schwarzen Florschleise und wagte fortan nicht mehr, mit ihm zu svielen. . , ...
Aber Bälle sind unberechenbar, sie rollen zu gern und zu leicht...
Eines Tages ließ Frau v. Heimgart einen blinden Klavierstimmer kommen. Es war dicke Luft im Zimmer- und die Fenster wurden geöffnet, und wäbrend der Blinde am Instrument saß, legte Frau Heimgart Rastellis Ball sorglos aufs Fensterbrett. Und da geschah es denn: Der Klavierstimmer kam mit dem Ellbogen dem Ball zu nahe, und der Ball schnellte geschmeidig zum offenen Fenster hinaus.
Als Frau v. Heimgart den Verlust entdeckte, war sie untröstlich. Sie machte dem Blinden, der seine Unschuld beteuerte, heftige Vorwürfe und ließ im weiten Umkreise ihres Fensters die Straße absuchen. Es nützte nichts. Der Batt war verschwunden. Dann gab sie ein Inserat in die Zeitung ober auch dieses verfehlte den Zweck. Die Baronin mußte sich damit abfinden, daß das unersetzliche Andenken endgültig verloren gegangen war.
Rasteliis Ball indessen hatte eine neue Liebhaberin gefunden. Kaum, daß er dem Fenster entsprungen war und einige große Sätze in Freiheit gemacht hatte, war er von der zwölfjährigen Gerit Bauer, die gerade des
Berantwortltch: l)r. Hans Thyriot. — Druck und Detlafl: Brühl'fche Untverfttäts-Buch» und Stetndruckerei. A. Lange. Giebe"-
ganzen Volkes, das, wie auch heute, wieder, bereit war alles für seine Seekerrschast zu opfern. Am 29. September erreichte er Cadix.
Inzwischen halte Dilleneuve von Napoleon den strengen Beseh erhalten, nach dem Mittelmeer zu segeln, auch sollte er durch Admiral Ros Sly ersetzt werden. Aber erst am 20. Oktober 1805 lief er mit ber gesamten französisch-spanischen Flotte von Cadix aus. Zwei gewaltige Gegner traten den schicksalschweren Gang an, 33 sranzofisch-spanische Linienschiffe mit 2626 Kanonen standen 27 englischen Linienschiffen mit 214yt SZyX sich im rechten Winkel aus die in Fahrt des»"?nÄe Jlotte Billeneuves, eine Taktik, die für ihn gefährlich werden tonnte, oücr die TüchiiakeU seiner Unterführer, die Geschicklichkeit seiner Mann- sibaften und die ungeheure Begeisterung, die alle beseelte, überwandten alle Gesahrenmomente Das Flaggschiff »Vic or> , auf dem sich Nelson besand, kam zuerst ins Gefecht. Er wollte durch sein- Beifpieseine Leute anfeuern, und lehnte den Wunsch seiner Admirale, sich nicht so sehr den Gesahren anszusetzen, ab. Ein Kamps unerhörter Wildheit ent- brännte. Die feindlichen Admiralsschiffe lagen Bord an Bord, auf beiden Seiten wird mit einer Erbitterung ohnegleichen gekämpft. In diesem Ringen wird Nelson um 1.15 Uhr von einer feindlichen Kugel in das Rückgrat getroffen, schwer verwundet bricht er zusammen. Er fühlte, daß es mit ihm zu Ende ging. „Von unseren Schiffen hat doch noch keines die Flagge gestrichen?" fragte Nelson den Admiral §>"^9 "Nein, Mylord, das war nicht zu befürchten", lautete die Antwort. Er hatte noch als sterbender Oberbefehlshaber die Genugtuung, eine siegreiche Flotte zu führen. Immer von neuem hörte er, in feiner Kabine 'egend, das Hurra seiner Mannschaften, wenn wieder em feindliches Sch'ff die Flagge herunterholen mußte. Von den englischen Schissen hat in dieser Schlacht nicht ein einziges die Flagge streichen Mussen Dilleneuve, dessen Flaggschiss kampfunfähig geworden war, geriet in Gefangenschaft. Sieben ranzösische und fünf spanische Schisse fielen den Engländern in bte Hanbe. Gott sei Dank, ich habe meine Pflicht getan , bas waren die letzten Worte Nelsons. Die französisch-spanische Flotte war bis ans wenige Schisse vernichtet, keines hat jemals roieber einen französischen Hafen aesehen. Dem toten Nelson hat England die Wiedererlangung der See- ^^Es°erscheiM'nicht ohne Reiz, heute den Blick in die Vergangenheit zu lenken und Vergleiche zwischen damals und heute in weltpolitischer und auch technischer Beziehung anzustellen. Wer weiß, ob nicht in abiehbarer Zeit England wieder um seine Stellung zur See und um seine Stellung als Welimacht zu den Waffen greifen muß?
Weges kam, begeistert empfangen und inbrünstig festgehalten. Und bannt begann für den Ball eine tolle, luftige Zeit. Gerit nahm ihn mit m d,- Schule und in den Wochen, die nun folgten, lief er durch vielerlei flinke , Jungmädchenhände und lernte jeden Quadratmeter der Schulmauern gründlich kennen. Dabei büßte er merklich an Farbe ein, nicht aber an Gerits Liebe. Gerit und der Ball waren unzertrennlich geworden. Ihre Finger kneteten all ihre Freuden und Leiden hinein, und so ost man ihn auch zu hoch ober zu weit wars, er kam immer wieder zu diesem halbwüchsigen Mädchen zurück, das ihn weder schonte noch mit geizte j und nichts von seiner Herkunft wußte. Und so blieb er bei Gerit drei J volle Monate lang. Vielleicht wäre er gern auch noch langer geblieben, . aber als er einmal hoch über der Hosrnauer schwebte, da kam eine Ba ■ dazu und drängte ihn ab in eine andere Welt. Er flog mitten aus die Straße und nachdem er sich wieder beruhigt hatte, stand er vor beit tranigen Stiefeln eines Berkehrsschutzmannes still.
Der hob ihn schmunzelnb auf unb legte ihn sorgsam auf seine Insel. Eine Stunbe barauf, währenb Gerit verstört beim Unterricht sah, wurde ber Polizist abgelöst unb ba ber Ball nicht abgeholt worben war, nahm er ihn mit in bie Wachstube, ols ©pieljeug für Peter. smn*fnM
Peter, so hieß ein junger pechschwarzer Maikater, ber bem Wachlokal zugelaufen war unb von den Beamten verwöhnt würbe. Als nun der Ball, ber erste in seinem Katerleben, auf ihn zurollte, würben bie gelben Kleckse seiner Augen tugelrunb, unb fein Schwanz glich einer zuckenden Flammenlinie. Peter war einen Katzensprung lang starr über bas lautlost Ding, bas ba bäuchlings über bie Diele kroch, bann aber stürzte er sich kopfüber aus biefe riesenhaft biete Maus ... Unb letzt begann eine Sal« qereie wie sie bie Wachstube noch nie erlebt hatte. Der Ball unb Peter kugelten, schossen, hüpften unb brehten sich um bie Wette unb überboten ich in Bravourstückchen, unb bie Polizisten stauben herum, knallten sich auf bie Schenkel unb amüsierten sich königlich.
Jeboch, auch bie wilbeste Jagd nimmt ein Ende, unb biesmal war er ein Ende mit Schrecken. Im selben Moment, ba bie Tur aufging, flitzte ber Ball bem hereintretenben Wachtmeister burch bie Fuße, unb ehe sich s jemand versah, waren Ball und Peter draußen im verkehrsreichsten Gewühl der Straße. Unb ber Trambahnführer ber Linie 29 bte gerade vorbeiraste, ahnte gar nicht, baß er einen Kater in zwei Teile Zerfahren hatte unb baß im Fangnetz vor ben Borberrabern ein Ball lag, srieblich unb harmlos, wie eben nur ein Ball
Siebenmal fuhr Rastellis Ball an biefem Tage burch bie ganze Stabt im Fangnetz ber Linie 29, ehe er spät nachts von bem Manne, ber bi Wagen säuberte, gefunben würbe. Sei es nun, baß dieser Mann kein« Kinder hatte oder verdrießlich war oder daß ein aufgeblasener Gummi ihn kalt ließ, — (ebenfalls schaufelte er den Ball mitsamt dem Kehricht verächtlich in eine Unratstonne.
Als Kunzens Willi, fünf Jahre alt, am nächsten Mittag nach Haus kam hielt er in seinen schmutzigen Händen einen schmutzigen Ball. Dar erste war, daß Willis Mutter mit spitzen Fingern und einem überzeugten Psui" den dreckigen Ball von der Küchenveranda hinunter in den Himer- hos schmiß, unempfindlich für bie Tränen unb bas Wehegeschrei ihre-
Der^Kunstmaler Olas Lauben, ber gegenüber am Atelierfenster stand unb zufällig Zeuge biefer Szene würbe, batte gerabe einen nachbenklnbeT, Tag, und bilderreich, wie er dachte, zog er sofort Parallelen zwiststen sich und dem Ball. Auch er war ja so ein Spielball des Schicksals. Auch er war so unbedeutend unb namenlos wie biefer graue mißhanbelte Bai., ber gebulbag warten mußte, dis jemanb sich seiner erbarmte Auch er konnte die Hänbe nicht wählen, mit benen er in Berührung kam. Ja- ! wohl so war es, genau wie jener verfemte Ball ba unten, so rollte set- eigenes Leben, von bem er sich so viel versprochen hatte ... Ob er roohi einst auch so enden würde wie dieser Ball? ...
Lauben, der wie die meisten Künstler einen Stich ms Abergläubisch hatte, fühlte plötzlich den Wunsch in sich groß werden, das Schickst dieses Balles herauszufordern, um es symbolisch für sein eigenes Lazu deuten. Und im Banne dieser Idee eilte er augenblicklich in ben SW unb bemächtigte sich bes verwaisten Balles. Dann trat er barmt auf Dy Gasse hinaus und ließ den Ball, der sein Schicksal darstetten sollt« I einfach aufs Pflaster fallen. Und da die Gasse, die zur Ludwigsbruck führte; beträchtliche Senkung auswies, begann der Ball zu rollen un Lauben dicht hinterdrein. Es war ihm gleichgültig, daß die Leute laibelns stehen blieben und sich nach ihm umguckten, wie er als Erwachsener am hellichten Tage einem Ball nachsetzte, wie wenn dieser sein Schrtti- | wacher wäre--Ader vielleicht war er das wirklich auch! Denn ön
Batt auf ber schiefen Ebene glich seinem eigenen Wege burchs Heben i Es fragte sich bloß noch bas eine, ob er unb ber Ball sich roieber fangen mürben ober ob sie babei unter irgenbroeldje Räber gerieten, bie sie zn- nl<,I3nbeffen bie Krise trat schneller ein, als Lauben erwartet batte. Der Ball lief schräg auf bie Brücke zu, prallte an einer Schiene ou würbe zurückgeworfen, stieß sich von neuem unb schoß, als ob er gefiel worben wäre, mitten burch ein Luftloch des Gelänbers Hindurch iral
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Wie Lauben sich über die Brüstung beugte, war nichts mehr von bem Ball zu erblicken. War er nun wirklich ins Wasier gefallen, um vielleicht neuen belferen Zelten entgegenzuschwimmen? Ober war er unterhalb aus ber Baustelle gelanbet, wo ein neuer Brückenpfeiler gegellt« roUßauben mußte sich mit ber Feststellung begnügen, baß ber »aU einen Sprung ins Ungewisse gemacht hatte, unb in diesem Sinne nahm « auch die Deutung seiner eigenen Zukunft vor.
Der Ball aber, ber in bie Mörtelmaschine ber Baustelle gefallen roor, würbe mit tausend Tonnen Beton in einen Brückenpfeiler gemauert un» balanciert heute einen kleinen Teil dieser großen Welt. Doch das rn- schließlich nicht weiter verwunderlich, denn er war ja fein gewohnucyk Ball, sondern ein Lieblingsball seines großen Meisters Rastelli.


