Ausgabe 
25.3.1935
 
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ftefonbers aut seien. Ich lieferte gleich drei Gedichte ein, die ich schon auf Lager hatte und nahm sie mit Zustimmung der übrigen on-DenAreo- vaasmitaliedern brachte ich am Himbeereimer das Dichten bei, und auch be® General kam mit ein paar holprigen Versen über, die angesichts seiner kriegerischen Verdienste für gut befunden wurden. Aber die ande­ren ließen^sich lange mahnen. Endlich erschien Walter Pabst mit einem

Das Burgfräulein von Windeck.

Halt an den schnaubenden Rappen, verblendeter Rittersmann!

Der Areopag lehnte es ab Wir rauchten Zigaretten und zogen die Lippen schon beim Verlesen des Titels kritisch hinab. Auch Hermann Ecke ^"Äuch'gritz Dörtenbier fiel ab mit seinemBegräbnis einer alten Bett­lerin" Die Zurückqewiesenen murrten und behaupteten, wir dichteten auch nicht besser Es war ein Riß in unsere Gemeinschaft gekommen. Der Areopag verherrlichte seine eigenen Werke, setzte sportliche Traimngs- tage an, und vor allem die Hebungen, in denen wir Aeltesten gut waren, rote Weitsprung und Hundertmeterläufen. Und eines Tages erklärte Walter Pabst leinen Austritt: Wir wären alle ganz mords- mäßige Dummköpfe. Denn hiermit lüftete er em dem Areopag ver­borgenes, in der Truppe aber öffentliches Geheimnis die Gedichte, die er und viele andere eingereicht hatten, feien nicht von ihnen, sondern von Chamisso, Rückert, Lenau und anderen Dichtern. Und wir hatten sie abgelehnt. Und mehr sage er überhaupt nicht. Und wer noch mit ihm gehe. Es gingen leider sehr viele.

Unser kultureller Hochmut brach zusammen, und unsere numerische und moralische Stärke gegenüber Wehlheiden war dahin. Die Dumm­schnute warb gegen ein Handgeld von zehn Dauerlutschern unsere stel­lungslosen Landsknechte an. Rur ein kleinlautes Häufchen Philosophen hockte in Erwartung böser Kriegsläufte in der Burg und sann einem alten Problem nach. Wie es nämlich einem hoffärtigen Areopag ergehen kann in dem die alten Männer nach ihrem eigenen Kopf regieren wollen. Von dem, was darauf geschah, dem Angriff und Sieg Wehl­heidens unter der Dummschnute, will ich lieber nichts erzählen, denn mir bricht noch heute das Herz bei der Erinnerung an eine so voll­kommene Niederlage...

Deutsche und Engländer.

Von Botschaftsrat a. D. Harold Nicol sock.

Ich bin seit Jahren in das Problem englisch-deutschen gegenseitigen Verstehens oder sollte ich sagen Mihverstehens? interessiert gewesen und habe eine eingehende und vielseitige Erfahrung darüber gesammelt, wie sehr wir imstande sind, einander völlig falsch aufzusassen. Die Samenkörner einer englisch-deutschen Freundschaft sind mit verschwen­derischer Hand ausgeftreut worden, von Cecil Rhodes unter anderen. Doch sind viele dieser Samenkörner in die Sümpfe der Mesensfremdheit gefallen. In England insbesondere erstrecken sich die Sümpfe über viele Mellen. Ich möchte gerne das Wesen dieser unfruchtbaren und morastigen Strecken feststellen und darauf hindeuten, daß sich zwischen diesen öden Strecken Zonen oder Gürtel des reichsten Fruchtlebens erstrecken. Der Same verlangt danach aufzugehen-, der Boden sehnt sich nach Ertrag: das einzige, was nottut, ist zu vermeiden, daß die Aussaat auf die falschen Stellen falle

Ich kann die Frage nur streifen, da ich nur gewisse Gesichtspunkte Vorschlägen möchte, von denen aus meine Leser dann das Problem von sich aus betrachten können Ich mache Anspruch darauf, daß ich nicht völlig unzuständig bin, diese Gesichtspunkte vorzuschlagen. Nachdem ich mehrere Jahre lang in verschiedenen Tellen Deutschlands gelebt habe, kann ich mir zugute halten, daß meine Beurteilung des deutschen Cha­rakters nicht völlig ununterrichtet und jedenfalls nicht unfreundlich ist. Meine Absicht ist, das Einvernehmen zu stärken.

Der hauptsächliche Grund, warum der Engländer und der Deutsche sich so leicht mißverstehen, ist der, daß sie sich so leicht verstehen. Wir sind einander so gleich, wir sind einander so ungleich. Unsere Aehnlichkeiten erscheinen so häufig und so bestätigend, daß unsere Unähnlichkeiten eine Art enttäuschter Ueberraschung wachrusen.

Zuerst einmal sind wir beide Arier und nordische Menschen. Wir können, nicht selten, äußerlich einander gleich aussehen. Ein Deutscher, der drei Jahre in Oxford war, kann sich ganz so anziehen wie ein Engländer, der ein Jahr in Oxford gelebt hat. Ein Engländer, der ein paar Jahre in Deutschland gelebt hat. neigt dazu, deutsche Sitten, Er­nährungsweise und Leben allgemein sich ganz angemessen und natürlich zu finden. Unsere Einstellung wiederum zu der Frage persönlicher Sau­berkeit ist ebenfalls die gleiche. Wir beide waschen uns häufig und gründlich, aber weder mit der klinischen Uebertriebenheit des Ameri­kaners nach mit der fröhlichen Oberflächlichkeit der lateinischen Rassen. Noch ist das nicht alles. Die Deutschen und die Engländer sind beide männliche Rassen im Gegensatz zu den femininen Rassen auf dem Konti­nent und im fernen Osten. Beiden Ländern lag als oberster Erziehungs­grundsatz die Idee zugrunde, daß Männlichkeit die höchste Tugend sei, deren der Menicb fähig ist. Dieses Band ist in der Tat recht stark.

Viele Anzeichen der Angleichung können ferner zwischen den sanf­teren Seiten unserer Natur gefunden werden. Wir sind beide empfind­sam. Wahr ift. daß die deutsche Empfindsamkeit, da sie ehermusi­kalisch" als . literarisch" ist, gemeinhin durch eine mystische Bewegkraft ausgelöst wird während britische Empfindsamkeit fähig ist, sich an die törichsten Symbole zu klammern und daran kleben zu bleiben. Im besten Falle sublimi.-rt ihr eure Empfindsamkeit, während wir die unsere unter­drücken.

Als ein Gegenmittel gegen diese krankhafte Empfindsamkeit besitzen mir beide diele nützliche Arzenei. die alsSinn für Humor" bekannt ist. Vielleicht der hoffnungsvollste Faktor in unseren Charakteren und ich

me(ne hoffnungsvoll für bte|enlgen, welche ein besseres Verständnis Aschen den zwei Völkern herbeisehnen - ist die Aehnlichkeit unteres Sinns für Humor. Ihr findet Zeichnungen von Baternan komisch, und wir finden Wilhelm Busch komisch. Es mag sein, daß ihr denPunch nicht sehr witzig findet; aber das tun auch wir nicht Er ist eine natto« nale Einrichtung und wenn wir auch bei allen unseren nationalen Ein­richtungen lächeln, so lachen wir doch nie darüber. Ja, man darf fagen, daß die Deutschen und die Engländer beide über die gleichen Dinge und auf die gleiche Weise lachen. Und doch gibt es einen großen Unterschied. Denn während der Engländer sich selbst für sehr komisch und seltsam hält, hält sich der Deutsche selbst weder für seltsam noch komisch. Ein Deutscher findet es würdelos, allzuoffen über sich selbst zu lachen. Das tut mir leid, denn wenn sich die Deutschen gestatten würden, über sich selbst zu lachen, so wie die Engländer ihre eigene Albernheit genießen, so könnte ein weiteres Glied der Gemeinsamkeit ge­schmiedet werden. , ,. t ,

Unsere Einstellung zur Natur ist, wenn auch nicht die gleiche, so doch im Vergleich zu den lateinischen Rassen eine ähnliche. Zweifellos treten wir an solche Probleme wie Religion, Familie, Freundschaft, sogar Sport von demselben Gesichtspunkt aus heran, wenn auch die Ent­wicklung, die wir diesem Herantreten geben, oft weit voneinander ab« schweift Und endlich besitzen unsere beiden Sprachen, wie ungleich immer sie an der Oberfläche scheinen mögen, eine grundsätzliche Uebereinfttm« mung Shakespeare auf deutsch ist weit mehr Shakespeare als er es auf ^Jch^chaube, daß der grundlegende Unterschied zwischen den Deutschen und den Engländern auf dem Gebiete des Selbstgefühls zu suchen ist. Der durchschnittliche Deutsche war zum mindesten bisher keine selbst- sichere Persönlichkeit; der durchschnittliche Engländer ist selbstsicher. Ich bin überzeugt, daß die Hauptursache für den Mangel an Selbstsicherheit beim einzelnen Deutschen eine historische Ursache ist. Es kann nicht bezweifelt werden, daß viel von der behäbigen Selbstsicherheit des Eng­länders von der Tatsache berührt, daß er sich seit undenklicher Zeit der insularen Sicherheit seiner Lage erfreute, während sich der Deutsche seit undenklicher Zeit einer Grenze bewußt war, die nicht naturgezeichnet und offen war. _,

Eines der Dinge, das einem Engländer am meisten am Deutschen ausfällt, ist sein Mißtrauen. Wenn der Deutsche einem Menschen zu trauen wünscht, so schafft er eine Legende von einem Manne, der ihm so unähnlich ist wie möglich. Der Engländer andererseits ift vollkommen bereit, feinen Landsleuten zu trauen, vorausgesetzt, daß sie nicht den Durchschnitt überragen. Sollten sie irgendeine ungewöhnliche Unterneh­mungslust an den Tag legen, so werden sie sofort verdächtigt.

Ferner ift der Deutsche, wie der Amerikaner, geneigt, die Dinge nach ihrem quantitativen Verhältnis zu anderen Dingen zu beurteilen. Er neigt dazu, sich beispielsweise zu erkundigen, ob ein gewisser Bahnhof , größer" obermoderner" sei als ein anderer. Der Engländer hat nichts mit solchen vergleichenden Maßstäben zu tun. Er weiß zum Beispiel, daß der Clearing Cross-Bahnhof weniger wirkungsvoll ift als der Bahnhof von Frankfurt am Main ober bet Bahnhof in Sincinati, Ohio.

Der Deutsche besitzt nichts von bieser auf bas eigene Ich gerichteten Gleichgültigkeit gegenüber ber Wirkung, bie er ober zu ihm gehörige Dinge Hervorrufen. Eben weil er fo empfinbfam ift betreffs ber Wir­kung, ift er so empfinblid), fo leicht verletzt. Die Deutschen unb die Amerikaner finb vielleicht bie empfindlichsten Menschen auf ber Welt. Der Dünkel bes Englänbers ift fo rückfällig, baß ihn nur ein Platin- geschoß je burchbringen könnte. Aber jeher Deutsche hat zwei ober so­gar brei psychologische Häute zu wenig.

Aber ich habe genug von ben Sonberheiien bes beutschen Charakters gesprochen. Es ist höchste Zeit, baß ich zur Kehrseite ber Mebaille komme unb bie Fehler meiner ßanbsleute bespreche. Sollte ich mich über bie Fehler bes englischen Charakters in eine Erörterung einlassen, so mürbe ich mehr als ein bißchen Platz brauchen, bas mir noch bleibt. Ich bin gewiß, baß bie meisten Deutschen, bie nach Englanb kommen, einmal durch eine Zeitspanne hindurch mußten, während welcher'sie jeden Eng­länder für anmaßend, eigenbrötlerisch, schlecht erzogen und unfreundlich hielten. Aber ber kluge Deutsche merkt von Anfang an, baß gute Um­gangsformen in Englanb eine Frage bes Herzens finb unb nicht bes Benehmens. Also lehnen sie es von Anfang an ab, sich von ber Art von schlechten Umgangsformen beleibigt zu fühlen, bie sie baheim als Krän­kung ihrer persönlichen Ehre betrachten mürben. Denn sie begreifen, baß ber Engländer feine Perfönlichkeck in einer geheimen Schublade meg- zufchließen münscht. Wenn sie es fertig bringen, ihn zu veranlassen, diese geheime Schublade zu öffnen, fo sind sie mit ihm in den Zustand der Vertraulichkeit getreten. Aber diese geheime Schublade bedeutet eines Engländers Jungfernschaft. Monate heimlichen Werbens sind notroen- big} ehe ein Blick hineingeworfen werden kann.

Als Raffe find mir untauglich in allem, was über die oberflächlichste unb herkömmlichste gesellschaftliche Beziehung hinausgcht. Trotzbem be­sitzen wir eine geniale Gabe für Vertraulichkeit. Unb wir verstecken biefe Gabe mit großer Vorsicht. Ist aber eine vertraute Verbinbung erst ein­mal hergestellt, so ist sie tiefer unb bauerhafter, als man glauben möchte.

Unb so möchte ich zu ben Engländern sagen:Denkt daran, daß die Deutschen sehr empfindliche Menschen sind, und daß ihre Schüchternheit sehr oft die Form von Selbftbetonung annimmt." Und zu den Deut­schen würde ich sagen:Denkt daran, daß die Engländer sehr scheue Menlchen sind und daß ihre Scheu oft die Form von Unterdrückung des Selbst annimmt."

Wenn mir diese beiden Lehrsätze in unseren Köpfen behalten könnten, fo würden mir einander weit besser verstehen, als mir das heute tim. Und auf diesem Verstehen als einem vernunftmäßiq erkannten, nicht gefühlsmäßig empfundenen, beruht der Friede der Welk.

(Deutsch von Hans B. W a g e n s e i l).

Deraniworl lich: Or. HanSTHyriot. Druck und Der lag: Drühl'scheUnt Vers itäts-Duch» und Stein drucker ei, 2C Lange. Gieße».