Ausgabe 
25.2.1935
 
Einzelbild herunterladen

;W

bar

El Escorial

wird

Wieder in der Mittagssonne, die alle Gedanken an den Tod

ver-

DeraaiworUich. t)r. Hans Lhyciot. Druck undDerlag:Drühl'scheUniversitäts-Duch- und Stein drucker ei. 2t.Lange,Gießen.

Mil P'P! iure nirty

freu

Nachdem sie rüstig fort.

D UM i bim

j schrie i Der

E

F l einer IFlli I lein

der Natur alles Ungesunde wie einen Fremdkörper ausstoßen, deutet diese Tragik und die des enttäuschten Vater-Gatten?

Zu den beiden Rätseln kommt jetzt ein drittes hinzu. Einmal sie vielleicht ein Dichter lösen.

treibt. Junge Mädchen, blondgefärbt, und junge Stutzer kokettieren am Korso der Sommerfrische Escorial. Die Mädchen tragen ein silbernes Kreuz auf der Brust. Sie sind Spanierinnen, sie lieben wie jener Philipp das Leben und den Tod!

gefaßt: El Escorial, das Kloster des heiligen Laurentius, die gigantische kastilische Klosterburg Philipps II.

Man hat den Escorial mit den Pyramiden der ägyptischen Tyrannen verglichen. Man hat ihn verleumdet und verhimmelt. Man hat vergeblich die Deutung seiner Gröhe versucht

Heute sieht er da, wie vor 400 Jahren, keine der grauen Granitquadern zeigt den grausamen Hauch der Zeit. Spanien war groß, seine Herr­lichkeit ist vergangen. Vergessen. Nur der Escorial ist geblieben. So­lange er steht, und er wird die Jahrtausendwende überdauern, wird diese Mönchsfestung von der Gröhe eines Gottesglaubens zeugen, der nur in der starren Weite des kastilischen Plateaus zur Ekstase entbrennen konnte. Ihm sind die Inquisition und der Escorial entsprungen.

Kastilien ist weit, sein Horizont kalt und leblos. El Escorial ist 207 Meter lang, 161 Meter breit, er hat 16 Höfe, 15 Kreuzgänge, 9 Türme und 86 Treppen, 89 Brunnen und 300 Zellen, 1200 Türen und 2673 Fenster. Die Kuppel der Kirche ragt 92 Meter in den kahlen Himmel, der über dem Guadarramagebirge steht. Wer den steinernen Bau durchwandert, hat einen Weg von 160 Kilometern vor sich.

Ein Kloster? Eine Festung? Ein einsames Grabmal? Das Rätsel ist noch immer nicht gelöst.

inir tni

Der Escorial.

Das Schloß der spanischen Könige.

Von Heinrich B. Kranz.

ist ein Rätsel. Ein Rätsel entsprungen dem Kopfe eines Üebermenschen.

Soldaten.

Von I. W. von Goethe. Burgen mit hohen Mauern und Zinnen, Mädchen mit stolzen Höhnenden Sinnen Mächt ich gewinnenl Kühn ist das Mühen, Herrlich der Lohn!

Und die Trompete Lassen wir werben. Wie zu der Freude, So zum Verderben. Das ist ein Stürmen! Das ist ein Leben! Mädchen und Burgen Müssen sich geben. Kühn ist das Mühen, Herrlich der Lohn! Und die Soldaten Ziehen davon.

El Escorial ist ein Rätsel wie die Seele seines Erbauers. Philipp II. war klein und zart und hat diesen Giganten geschaffen. Ein Gemälde, das in einem der kleinen Zimmer des Herrschers hängt, zeigt ein bleiches Gesicht, melancholische Züge, müde blaue Augen. Philipp II. hat eine Menge Kriege für seinen Gott geführt, den er fo liebte, daß er sein Bett neben dem Hochaltar ausschlug. Er hinterlieh ein armes Land mit 100 Millionen Dukaten Schulden. Und den Escorial.

Wenn je ein Werk für seinen Schöpfer spricht, so spürt man es hier. Was berichten die Geschichtsschreiber von dem Monarchen? Er war finster und unheimlich. Er war ein Tyrann und heimtückisch. Er war hartherzig und grausam. Aber andere sagen, er war nur männlich und mißtrauisch, ein Asket der Pslichttreue, mönchisch, gottergeben im Leid und von Gottesliebe brennend Und selbstlos bis zur Selbstzerfleischung.

mittelalterlichen

Man führt eine Stunde lang von Madrid zwischen sandigen Hügeln, zyklopenhaften Stcinklumpen und niederen Baumgruppen nach Norden. Dann ist man jäh überwältigt. In der feierlichen Gebirgseinsamkeit ist ein rtesenhastes, steinernes Rechteck aufgetaucht, von sechs Türmen ein­

nur in anderer, krankhaft tragischer Fassung. Zwei Liebende, die ein­ander nicht überleben können und auch nicht dürfen, weil die Gesetze ~ ....... ~ " Wer

M 6d)u töirtl Warn

U bie! Mi

Wer will heute solche Geheimnisse lösen? Er war ein armer Mensch, ^^"Dieser^riesenhafte^Bau ist sein Spiegelbild: kalt und groß, höfisch, starr und feierlich kahl, prunkhaft und leblos. Ueberall harte Limen, von keiner weicheren Rundung gelöst. In diesen Mauern konnte man nicht lächeln. Und doch überwältigt die Harmonie der übermenschlichen Make.

El Escorial ist ein Kloster und zugleich ein Palast, so wie Philipp Kaiser und Papst zugleich sein wollte und daran gelitten haben mag. Denn Gott machte ihm dieses Leben aus Erden nicht leicht.

Mit zwanzig Jahren war er Witwer. Maria von Portugal hinterließ ihm einen Sohn. Don Carlos, der zügellos und geisteskrank war und als Jüngling vom Vater ins Gefängnis gestoßen wurde. Auch Mana von England starb bald, Elisabeth von England wies seine werbende Hand ab, und die dritte Gemahlin Elisabeth von Valois folgte, 21jahrig, ihren Vorgängerinnen ins Grab. Erst Anna von Oesterreich, die vierte Gemahlin, schenkte ihm dann den ersehnten Thronerben.

71 Jahre alt, wurde der gewaltigste Streiter des Katholizismus er­löst Er starb in einem Alkoven seiner Zellenwohnung, den Blick auf den Hochaltar gerichtet, im Ohr die tröstenden Klänge der Messe, m den Händen das Kruzifix seines Vaters Karl V., der vorher im Kloster geendet hatte. , _

Nie vorher, nie nachher hat ein Herrscher mit seinem Gott unter einem Dache gewohnt. Philipp II. erbaute sich den Escorial, um im steinernen Prunk als Mönch, um in Größe als niederer Diener seines Herrn in den Himmel aufzusahren.

Spaniens achtes Weltwunder ist eine Welt für sich. In seinen Mauern vergißt man alles, was draußen im Sonnenlicht lebt: die beiden Dörf­chen Escorial de Arriba und Escorial de Abajo, die nüchternen Baum­alleen der Jardines des Principe, die Menschen, die Tiere, den Atem der Erde Nur der Gedanke an den Tod bleibt und der Weg aus dieser irdischen Welt durch den Geist, der das Fleisch überwindet.

Da ist die Kirche mit der Granitkuppel und dem goldstrotzenden 2tlt<5u beiden Seiten knien in Lebensgröße Karl V., Philipp II. und ihre Frauen. Auch Don Carlos.

Da ist eine Gemäldegalerie mit Grecos, Riberas, Tintorettos, einem Velasquez, einem Tizian, einem Baldes Leal. Da ist auch die alte Kirche und anschließend eine Bibliothek mit 40 000 Bänden.

Es gibt wenig Fremde in Spanien, und diese Fremden ziehen die Tänzerinnen Andalusiens einem düsteren Gebirgskloster vor. Deshalb sind sogar der königliche Palast und die Königsgräber menschenleer. Und doch schlägt hier der Puls jener spanischen Welt, die einmal ganz Europa beherrschte und sogar nach Amerika die Arme ausstreckte. Denn hier wohnte und starb Philipp II.

Gelebt hat er zwischen Wänden, die von Bildern des Hieronymus Bosch und einer Dürerzeichnung bedeckt sind. Ein Planetarium für astrologische Studien steht da, eine Standuhr, der Schreibtisch des Herr­schers, ein Bücherständer, ein Lederstuhl. Auch das grüne Samtstühlchen, auf welches der gichtkranke Philipp sein Bein zu strecken pflegte. Und im Alkoven das Bett mit der Aussicht auf den Hochaltar. Alles düster, asketisch.

Das Panteon de los reyes liegt gerade unter dem Hauptaltar, lieber 59 rote Marmorstufen steigt man in das Achteck aus grauem Marmor und Gold hinunter. An den Wänden einfache Sarkophage in Nischen, vier Reihen übereinander, links die Könige, rechts die Königinnen, 26 Särge, der erste mit den Gebeinen Karls V. Oben wird ihm alljähr­lich eine Messe gelesen.

Im Kerzenlicht schimmern die goldenen Inschriften der Särge. Einer ist noch leer Er wird einmal Alfons XIII. aufnehmen. Was ließ den Schöpfer dieser Gruft vor 400 Jahren ahnen, daß mit Alfons die Dynastie der spanischen Könige zu Ende gehen wird?

El Escorial ist das erste Rätsel. Hier notiere ich ein zweites.

Im Panteon de los infantes liegen 110 Prinzen, Prinzessinnen und jene Königinnen, die keine Thronerben hinterließen. Neun heitere, weiße, feierliche Marmorkammern. Hier ruht in einem glatten Sarkophag Don Carlos, in einem anderen die geliebte Stiefmutter, Elisabeth von Valois.

Ecce enim veritatem dilexisti! (Denn siehe, du hast die Wahrheit erkoren.) Wer diese Inschrift auf den Sarg eines Sohnes meißeln ließ, kann ihn vielleicht liebevoll gehaßt, aber kaum getötet haben. Was ist übrigens heute noch von der poetischen Fabel Saint Reals geblieben, die Schiller entflammt hat?

Als Philipp jene Elisabeth zur Frau nahm, war Don Carlos gerade 13 Jahre alt und die junge Braut 11 Jahre. Wenn wirklich Eifersucht den jungen Prinzen das Leben seines Vaters bedrohen ließ, kann man sie anders als Wahnsinn bezeichnen? Was blieb Philipp übrig, als sein unglückliches Kind ins Gefängnis zu fetzen? Sein Herz wird der frühe Tod des Erben ebenso schmerzlich berührt haben wie der Tod der Gattin, die jenen nur einige Monate überlebte. Wenn seine Umgebung diesen Schmerz nicht sah wen will das in Spanien wundern?

Don Carlos und Elisabeth, zwei Liebende wie Romeo und Julia,

Bi h# itteni tinb i unter

Ar ! Ee[ie i Jreur I litt) n !Iiir,

A OJln

JÄVÄ'Ä'ttSWi» ÄÄÄff S £ ÄjK. fein Leben mehr war Herbeigeholte Nachbarn mühten sich, den Körper aus sein Lagcr ;u Z bald war die Stube voller Menschen die tn der rem- den Sprache beteten schrien und klagten,- aber die Tote lag seltsam fremd und unnahbar auf ihrer Statt. Die Manner sahen noch, w.e man bunte Weihblumen in die gefaltetenHandeder L'egendentat, dann wußten sie es nicht anders als daß sie ,hr Bündel auf den Rucken luden und schweigend den Raum verliehen...

Als iie eine geraume Zeit gegangen waren, wandten sie sich noch einmal und sahen den Keiler, vom Abendlicht friedlich beglänz im Tale liegen. Keiner der Männer sprach ein Wort, aber beide hatten in diesem Augenblick den gleichen "Gedanken: Em verlorener Sohn.

eine Weile gestanden hatten, setzten sie ihren Weg