Ausgabe 
25.2.1935
 
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Oie ioie Liebe.

Von Conrad Ferdinand Meyer.

Entgegen wandeln wir Dem Dors im Sonnenkuß, Fast wie das Jüngerpaar Nach Emmaus, Dazwischen leise Redend schritt Der Meister, dem sie folgten. Und der den Tod erlitt. So wandelt zwischen uns Im Abendlicht Unsere tote Liebe, Die leise spricht.

Sie weiß für das Geheimnis Ein heimlich Wort, Sie kennt der Seelen Allertiefften Hort.

Sie deutet und erläutert Uns jedes Ding, Sie sagt: So ist's gekommen, Daß ich am Holze hing. Ihr habet mich verleugnet Und schlimm verhöhnt, Ich saß im Purpur, Blutig, dorngekrönt, Ich habe Tod erlitten, Den Tod bezwang ich bald. Und geh in eurer Mitten Als himmlische Gestalt Da ward die Weggesellin Von uns erkannt. Da hat uns wie den Jüngern Das Herz gebrannt.

O»e Ge'chichte vom verlorenen Sohn.

Von Heinrich Micko.

M i ck o ist Sudetendeutscher, geboren 1899 im Böhmer­wald; er verbrachte seine Jugend zum größten Teil in der Sprachinsel Budweis, wo er den Kampf um die Erhaltung deutschen Volkstums in vorderster Front miterlebte. Er lebt jetzt in Berlin als Mitarbeiter am Grimmschen Wörterbuch in der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Die folgende Erzählung führt uns in ein verschollenes deutsches Sprach­gebiet.

Es war nicht kalter wissenschaftlicher Eifer allein, nicht der Drang «klein, Gesetze, Formeln, Lautungen einer bisher unbekannten Mundart zu erkennen, der die beiden Sprachforscher zu ihrer Ausfahrt bewog. Daß s< über die wilden Gebirge in die weltabgeschiedene krainische Land­schaft hinabstiegen, um die kleine Sprachinsel Jahre, von der man be­achtete, daß in ihr der letzte deutsche Laut längst verhallt sei, aufzu- jidjen, war weit mehr schmerzliche Liebe und war dunkle Hoffnung, es nächte ihnen im Verborgenen noch ein Klang aus dem Mund eines Nenschen entgegenblühen, dessen Ahnen vor vielen hundert Jahren, von südlichem Drang und Abenteuerlust getrieben, dieses düstere und unwirt- !chc Land zu ihrer neuen Heimat erkoren hatten.

Der kahle Karstwall im Süden der Wocheiner Save, mit dem teschwerlichen Jochpfad zwischen dem Beil und dem Ratitouz, Bergen um Verschmachten, zumal im glühenden Sonnenbrand, war uberschrit- i-n. Die Männer atmeten auf, als sich der Blick im schwarzgrunen Laub ter Nußwälder verlieren durfte. Painta, Widersunna, Umwand, die Fluren mit den tönenden Namen, wurden nach den gewissenhast vor- tereiteten Karten freudig erkannt und bald blickten zwischen den Baum- vonen rote Dächer, die zerstreuten Behausungen des krainischen Weilers. Lach einer geringen Viertelstunde war der von wenigen Gebäuden urn- siiumte Kirchplatz erreicht. Weil es ein Sonntag war, sahen die Fremd- 1 nge viele Menschen, zumeist jüngeres Volk, auf dem Platz umher- s.ehen. Die Burschen trugen hohe Stiefel, lederne Bemkleider, tue Weste rait den unzähligen Silberknöpfen, die Mädchen blaue und grellrote Löcke, bunte ober sehr große weiße Kopftücher. Durch eine staunende neugierige Gaffe zogen die Ankömmlinge zu dem als Schenke leicht l°nntlichen Haus. Wo sie gingen, hörten sie nichts als leise Bemerkungen it der wie Gesang klingenden, schönen Sprache der windischen Slawen.

Nachdem sie auch in der Schenke, die von Männern strotzte, den echten Andrang von aufmerksamer Beschauung bestanden hatten, gelang (3 ihnen, sich ungestörter von der Anstrengung des Marsches mit Trank md Speise zu laben, zumal die Unterhaltung mit dem Wirt und unter ich in der ihnen geläufigen fremden Sprache vollführten. Allgemach Liang es ihnen, mit den Umsitzenden ins Gespräch zu kommen, und da e dieses bereitwillig und freigebig mit Wein würzten, erlangten sie r»ch Verfluß eines halben Nachmittags Kenntnis der verfchledensten Wnge, die das Dorfleben, die Sorge ums Brot, die Bedingungen der «Legend betrafen. Die zuletzt wie nebenbei gestellte Frage, ob es denn im Ort keine Deutschen gegeben habe oder noch gebe, machte die Ge- ftagten plötzlich mißtrauisch und die karg erteilte Auskunft war, daß in irr ganzen Gegend niemals Deutsche gewesen wären, und daß von allen (Inwohnern des Ortes niemand als der Pfarrer einiger deutscher Worte mächtig fei. Diese Aussage bestätigte der Wirt eifrig und eben dieser übertriebene Eifer war es, der die Fremden aufhorchen machte und (mfpornte, in ihren Forschungen weiterzufahren. Die Gemeinsamkeit des lirunts stellte im weiteren Verlaus des Beisammenseins das beinahe irstörte Einvernehmen wieder her, und in einem entstehenden Umkreis !wn Vertrauen löste sich von den Dorsleuten allmählich der Druck des schweigens, der ihnen von irgendeiner Seite auferlegt fchien, fo daß

zuletzt einer aus ihrer Mitte, näher rückend, mit Geheimnis heraussagke, es sei wohl kein Unrecht, und der Herr Pfarrer würde gewiß nichts da­wider Haden, wenn er den Herren verriete, daß die alte blinde Kejschar- baba die Sprache verstünde, nach der die Herren aus seien.

Von dem gutgelohnten Führer gewiesen, standen die beiden Fremd­linge in Erwartung vor der in Nachmittagsstille umsummten Hütte. Sie betraten den ärmlichen Flur und pochten an eine in die Stube führende Tür. Ihrem Pochen ward keine Antwort. So betraten sie un­gefragt den Raum und sahen wenige Schritte vor sich die Greisin. Sie saß aus einem niedrigen Stuhl und hatte die Hände gefaltet. Ihr ganz alter und schon kleiner Leib war ausrecht. Sie sah in einem dunklen Gewand, das bis auf den Boden ging. Ein ebensolches Tuch umhüllte den Kopf, fo daß noch Strähnen silberweißen Haares sichtbar waren. Mit erloschenen Augen war ihr hartes, unbewegtes Antlitz horchend gegen die Gingetretenen gerichtet.

Die Männer grüßten in slawischer Sprache und in der gleichen Sprache kam der einfache Gruß zurück. Nach einem kurzen Schweigen bot einer der Männer in deutscher Sprache den Gruß Gottes. Auf diesen antwortete die Greisin nicht. Doch war es, als ginge ein tiefes Er­schrecken durch ihr starres Sein. Ihr toter Blick und ihr Gesicht zogen sich gleichsam tiefer in sich. Sie faß unbewegt und schwieg. Nach einer Weile begann einer der Besucher neuerdings in der alten Gebirgssprache der südlichen Alpenbauern zu reden, er sagte ungefähr folgendes:Mut­ter, Ihr müht nicht erschrecken und glauben, daß wir mit einer bösen Meinung zu Euch kommen. Wir sind Landsleute von jenseits der Berge, und man hat uns heut im Dors gesagt, daß Ihr noch die Rede Eurer Kindheit sprecht. Wir wissen, daß in der alten Zeit die Leute hier anders gewesen sind, und daß ihnen die Windischen später die Rede sortgenom- men haben. Fürchtet Euch nicht, sondern sprecht mit uns, wie Ihr es in der alten Zeit von Eurer Mutter gelernt habt."

Die Greisin erwiderte auch auf diese Rede nichts. Es schien, als ob sie in etwas Wunderliches horche und in ihren knotigen Gichthänden war ein Beben. Als die nämliche Stimme abermals anhob und sagte: Mutter, wir haben das Vaterunser wie Ihr in der Kirche gebetet, wir wollen Euch nichts Böses, der Pfarrer und der Zupan sollen es nicht wissen, wenn Ihr deutsch mit uns redet!", da erschien, von Unglauben und Greisenscham zwar noch überwältigt, darob aber nicht minder aus erschrockenem Herzen steigend, hinter dem steinernen Gesicht der Greisin eine sonderliche Bewegung. Die von Mißtrauen und einsamem Schicksal versiegelten Lippen lösten sich, und auf die Fragen der Männer blätterte die letzte Zeugin eines versunkenen Geschlechts im kargen Tonfall des Alters die letzten Kapitel eines vergeßenen Sterbens auf.

Es war eine bittere Chronik, die der eilige Stift der Forscher in die mitgeführten Bücher zu zeichnen hatte. Wenn die Zeugin, Johanna Kaiser mit Namen, auch ein Leben von mehr als achtzig Jahren, sechzig davon in Finsternis der Augen, gelebt hatte, so war ihre Erinnerung doch ohne Trübung, und die Geschehnisse lagen von einem inneren Licht erhellt vor den Hörern. In den Jahren, da das Mädchen zuerst das Brot Gottes empfing, sagte der Priester vor dem Altar noch die deutschen Gebete; zwanzig Jahre darauf wußten die jungen Bräute noch aus Muttermund bas Gebet des Herrn in ihrer Sprache zu beten; und wiederum zwanzig Jahre nachher, als die geistliche und weltliche Obrig­keit das Deutsche schon wie Gift ausrotteten, sprachen nur noch die älte­ren Leute in heimlicher Kammer die vertrauten Laute, während die Kinder auf dem Anger ihre Reigen tanzten und sich die Worte dazu in der neuen Sprache vorsangen.

Auf die Frage, ob sie noch die Gebete der Kindheit und die Worte der Schrift wüßte, gab die Greisin zur Antwort, wenn sie nachdächte, würde sie wohl das eine oder andere Stück sagen können, aber eines, das sie in den jungen Jahren, wenn es der Priester von der Kanzel verkündigte, besonders gern gehört hatte, die Geschichte vom Verlorenen Sohn, die vermöchte sie, wenn es die Herren wünschten, gleich aufzu­sagen. Dann tastete der Mund der Greisin in das ferne Begebnis zurück und stockend, wie aus uralter Rückerinnerung, begann das ewige Gleich­nis vom ausziehenden und wiederheimkehrenden Sohn. Es fiel den Män­nern nicht schwer, die wie aus verschollenen Zeitaltern heroorklingende Rede mit den feinen Schriftzeichen der Wissenschaft festzuhalten.

Als der Mund der Greisin verstummte und die erste Stille nach der Feierlichkeit des alten Berichts verklungen war, sprach wieder einer der Männer:Mutter, was Ihr uns jetzt erzählt habt, ist von uns in unsere Bücher gezeichnet worden, denn wir wollen es unseren Landsleuten be­richten, daß das Wort Gottes in der schönen alten Rede noch nicht ganz erstickt ist in diesen Gegenden. Ich will Euch nun das Evangelium wieder lesen und Ihr müßt sagen, wo ich es etwa anders geschrieben habe, als Ihr gesagt habt."

Die Greisin widersprach nicht und der Forscher begann laut zu reden: A gewisser Mendisch Hot gehät zwean Söhne. Dar Jüngare unter ihn' hüt geräibet zem Vouter: .Vouter, gib mirs Tool, was mir gehört!' Und höt er zetoalt 's Vermögnisch." Stark und voll klangen die biblischen Worte in dem Raum, die Greisin horchte hochausgerichtet wie auf eine Stimme, die aus der Tiefe der Zeit heraustönt. War sie wieder ein Kind, ber Gesang ber (Bemeinbe ist verklungen, von ber Kanzel verkündet der Priester die heiligen Gleichnisse? Die Männerstimme ging weiter und berichtete, wie der Sohn ins Fremde zieht, das Seine verpraßt und in bittere Armut stürzt. Er berichtete, wie Demut in das Herz des Ver­lassenen eingeht, und er beschließt, reuig vor den Vater zu treten, damit ihn dieser unter die geringsten seiner Knechte ausnehme.

Die Greisin atmete tief, als die Stimme meldete, wie der Vater dem Heimkehrenden liebreich begegnet, ihn küßt und in feine Arme schließt. Der Sohn spricht:Vouter, geschäntet hän i wider me Himbl und wider Sein. I pin nit mehr roartt, Dein Sohn ze hoaßan!" Der Vater aber heißt die Knechte ein gutes Gewand zu bereiten, einen Ring für die Hand und Schuhe für die Füße; aus dem Stall läßt er ein gemästetes Kalb ziehen und dann spricht er die Worte:Wir wällen essen und seien guater Dinge! Waia der mein Sohn ist gewesen toat und ist er wieder erlebenbiget; er ist gewesen verlorn, ist wieder gewonnen!"