Ausgabe 
25.2.1935
 
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nur den

tfr hob die Augen auf und schloß die Bilder von Vater und Mutter, Dann packte er den kleinen geflochtenen Koffer.

Sechstes Kapitel.

Bergwinter.

ff« maren sroei Jahre vergangen. Der Briefträger, ein kleines runz- lioes Männchen, keuchte durch den hohen Schnee zum Berghof hinauf. Er verfonk manchmal bis zu den Hüften in den weißen endlosen Wehem Snraiam aab er acht, daß der Schnee nicht IN die schwarze Lebertasche dringe die an einem Riemen über dem abgeschabten Rock hmg. Denn in dieser Taiche stak ein Brief an Birge.

Wer anders hätte an das Mädchen schreiben können als em Lieb­haber? Liebhaber aber waren verboten, folglich auch Liebesbrlefe Ei innbte alio den Brief dem Vater aushandigen und nicht der Tochter. Auf der anderen Seite standen allerdings die Vorschriften, eindeutige Varagraphen die dem frommen Mann schon oft das Leben sauer gemacht hatten. Er hatte es bei Gott nicht so leicht wie der dicke. Land- gendarm, der hundert kleine Drohungen zur Verfügung hatte, um von den Bauern ein freundliches Frühstück zu erpressen. Jedes Loch m d r Scheunenwand war eine Brandgefahr, >edes verwaschene Wagenschild konnte verhängnisvoll werden. Dazu kam noch die halb militärische Uni­form der das blaue Röckchen des Briefträgers bei weitem nicht eben­bürtig war. So mußte er sich mit kleinen Listen behelfen. Er las unter­wegs alle offenen Karten. Auf diese Weise gelangte man m den Besitz von allerlei Geheimnissen, die man nur mit der notigen Vorsicht und Demut an der rechten Stelle anzubringen brauchte, um seines Lohnes f'd)2erUSauer Friedrich saß allein in der Stube auf der Siedel die mit einem schwarzen Schastell bedeckt war. Birge stieß tu der Küche Scheite in den Plattenofen und sah auf, als der Briefträger knarrend und den Schnee abstoßend auf die Wohnstube zuschritt, wöbe, er wegen feines bösen Gewissens mehr Lärm machte, als sich für seine kleine Person gebührte. Er senkte sein Faltenköpfchen in die Tur und fiel dann beinahe mit dem schweren Ranzen in die Stube hinein, während Fried­rich ihm gleichmütig zufah, wie er wieder Boden gewann, die land­wirtschaftlichen Zeitungen umständlich auskramte und dann, indem er den Brief an Birge kunstvoll in der hohlen Hand verbarg, verlegen stotterte:Da habe ich noch etwas für Birge. Es steht kein Absender ^Frhdrich wartete. Der Briefträger hielt den Brief vor die Augen, um sich Über die Anschrift noch einmal zu vergewissern, und starrte die Briefzeichen fo lange an, bis Friedrich langsam aufstand, ihm miß­trauisch das Schreiben abnahm und ihn aufforderte, sich hinter den Tisch zu setzen. Dann rief der Bauer nach Birge. Sie trat ein, blieb mit niedergeschlagenen Augen stehen und wartete, bis der Vater, der den Brief hin und her drehte, ihr befahl, dem Mann ein Frühstück zu richten. Sie wagte nicht zu fragen, wer geschrieben habe, sondern trug stumm einen Teller Schwartenmagen, Schnaps und Brot auf und ging, indem sie sich die Hände abwischte, wieder in die Küche. Sie war sehr neugierig, was der Brief, um den so viel stumme Feierlichkeit gemacht wurde, enthalten möge.

Aber es dauerte lange, bis das hungrige Männchen gefüllt war. Und als es gegangen war, blieb der Vater immer noch sitzen und las.

Es war ein Brief von Bertold, feinem Paten, den er nun fchon feit zwei Jahren nicht mehr gesehen und halb vergessen hatte. Der Brief hatte diesen Wortlaut:

Liebe ferne Birge, obwohl ich weiß, daß dieser Brief nur durch ein Wunder in Deine Hände gelangen wird, schreibe ich Dir doch, zum ersten Male. Vielleicht hätte ich auch jetzt nach zwei Jahren noch nicht geschrieben, wenn ich nicht fo schreckliches Heimweh hätte.

Es ist plötzlich über mich gekommen, heute abend, als ich vor dem Jagdhaus meines Freundes im Schnee stand und ins Gebirge schaute. Wie da Gipfel um Gipfel zum Schein wurde und aufglühend verging, wie aus der blauen Nacht die Sterne heraufkamen, da fühlte ich mich so elend und verlassen wie noch nie. Wohl summte unten der Strom im Tal, wohl glühte verschiedenfarbig das himmlische Feuer, aber je mehr die ganze Natur Leben gewann, je stärker die Bäume brausten und auch die Büsche aus heimlichen Herzen redeten, um so heftiger begehrte ich nach Dir. Ja, ich meinte, ich müsse sterben, wenn Du nicht augen­blicklich vor mir stündest. Ich sah, wie schnell unser Leben in die glühen­den Abgründe hinunterrollt, ich hörte die Liebeslaute der Nachtvögel und den fernen Gesang von Mädchen, die ihren Burschen antworteten ... und mußte auf meinem Fleck bleiben. Und nun erst der Mond! Als er in seinem Farbenrad aufging und den ganzen milden Himmel erfüllte, da meinte ich, ich sei ein ganz fremder Mensch, nicht von dieser Erde, sondern vom Mond. Ich hatte eine große und stille Lust, emporzufliegen und in dem Zauberlicht zu vergehen. Aber das war alles so traurig, daß ich mir bald wie ein Toter vorkam.

Hott, der falsche Mensch, ist auch hier; er treibt sich herum, in der Universität habe ich ihn noch nicht gesehen. Aber solchen Lumpen hilft das Schicksal immer schneller als unsereinem. Was habe ich geschafft die Zeit her! Nicht nur im Semester, auch in den Ferien habe ich Stunden gegeben, meist auf dem Lande, um mir das nötige Geld zu verdienen. Aber ich weiß wenigstens, für wen ich schaffe. Kannst Du Dir es denken? Bitte schreib mir doch darüber, ich mochte es furchtbar gern wissen.

Hast Du schon gehört, daß auch Anna hier ist? Du warst ja gar nicht eifersüchtig, als ich ihr vor zwei Jahren beim Dreschen den Ho machte. Gewiß, sie ist schön, aber ich mag sie doch nicht, weil ich eine andere im Herzen habe, die Dir sehr ähnlich ist. Leider hat sie mir ihr Bild gegeben, vor zwei Jahren, und von dem Bild ist außer Augen nicht mehr viel zu erkennen.

Gott weiß, wann ich wieder nach Haufe komme! Vielleicht erst nach der Prüfung, die ich in einem Jahre machen werde. Aber bann! Ich glaube nicht, daß Du mir schreiben wirst, obwohl ich Dich darum gebeten habe. Dein lieber Vater, mein herzensguter Pate, wird Dir sicher das

Tintenfaß wegschließen. Grüße ihn und vor allem fene Rui), mit der ich vor zwei Jahren in Euren Hof marschig kam. Ach -Birge, mein Herz ist recht schwer, und ich kann es Dir nicht ausschutten, ich habe in der Heimat keinen Freund. , . ~

Ein Jahr noch, dann bin ich frei und dann freie^ ich. Im Notfall soll es mir auch auf einen Brautraub nicht ankommen.

Friedrich war mit dem Briefe zu Ende. Ganz gegen seine Gewohn­heit setzte er sich sofort, während Birge in der Küche fast verging, hinter den Tisch und schrieb an seinen Paten, dessen Anschrift er m einer heimlichen Ecke der Briefhülle hingekritzelt fand, folgende Antwort:

Lieder Pate, wenn ich gewußt hätte, daß du em so überspannter Mensch bist, hättest du lange schreien können, ehe ich Dich aus der Taufe gehoben hätte. Aber ich habe schon so eine Ahnung gehabt, als ich Dich mit Deinem großen Kopf in den Windeln hegen fah. Gott fei Dmik bist Du nur mein Taufpate. Wärst Du mein Firmpate, so mußte ich mich für den heiligen Geist schämen, der Dich so wenig erleuchtet, daß Du nach meiner Tochter Birge trachtest. Schlag Dir diesen Gedanken aus dem Kopf, je eher, je besser, denn Du bist ein richtiger Narr. Brautraub, das ist wohl jetzt modern bei euch?

Meine Tochter Birge kommt ins Nachbarhaus. Das ist so klar wie Kloßbrühe. Die Aussteuer wird nächstens angeschafft, Verlobungskarten chitfe ich nicht. Solltest Du Dich noch einmal unterstehen, meiner Toch- er Birge einen solch verrückten Liebesbrief zu schreiben und andere Leute zu verdächtigen, deren Vater ein bekannter Viehdoktor ist, wenn er auch nicht studiert hat, dann schicke ich Deine Zeilen sofort an den Direktor von Eurer Universität, der foll Dich schon Mores lehren, ^er^pacite den Brief sorgfältig ein, schob ihn in die Brusttasche, rief Birge herein und hielt ihr den Umschlag von Bertolds Brief unter die Augen.

Kennst du die Schrift?" r

Birge warf eine flüchtigen Blick darauf und ahnte, als sie den Post­stempel erkannte, was die Glocke geschlagen habe, öie wurde glührot und sagte kein Wort. m ,.

Da brach der Alte los und machte Bertold herunter. Birge wich vor dem herandonnernden Vater zurück, biß die Zähne zusammen, und als sie fick, nicht mehr zu helfen wußte, räumte sie den Tisch ab.

Friedrich aber ließ nicht nach. Nachdem er Bertold kurz und klein geschlagen hatte, rückte er ihr in sanfteren Registern den Nachbarhof vor Augen. Er malte ihr aus, wie gut sie es haben werde, wenn sie da drüben neben Hans als gute Frau sitze. Da könne sie dick und fett werden und brauchte keinen Finger krumm zu machen, wenn sie nicht wolle; Hans werde sie immer seidensanft anfassen, und sie fei in dieser Arche mit soundsoviel Stück Vieh ihr Leben lang die große Fram Er schloß seine Rede, indem er die Stiefel übereinander stülpte und Birge mit kränklich klingender Stimme fragte:So, mein Mädchen, und jetzt jage mir offen und ehrlich: willst du deinem alten Vater gehorchen oder nicht?"

In diesem Augenblick entfiel Birge das tückische Schnapsglas, das sie in die Fensterecke stellen wollte, und zerschellte am Boden. Der Bauer, der hierdurch Birge in Schuld gesetzt sah, sagte kein Wort, sondern wartete um so geduldiger auf Antwort. Birge aber blieb stumm, bückte sich und las die Scherben in ihre Schürze.

Du bist jetzt neunzehn", sagte Friedrich,und könntest vom Fleck weg heiraten." , . . , ,

Da senkte Birge ihren Kopf und sagte leise:Gebt mir den Brief, Vater, dann will ich ja ober nein sagen."

Friebrich würgte.

Er brückte den Brief in seiner Hand herum und verspürte plötzlich einen brennenden Durst. Er mußte einen Augenblick mit der Flasche allein sein, und so machte er nur noch einen schwachen Vorbehalt:Es steht fo nichts Gescheites drin, Birge, ich will dir ein Stück vorlesen."

Nein, Vater", sagte Birge in stolzer Demut,Ihr müßt ihn mir schon ganz geben."

Da hast du ihn, aber in fünf Minuten liegt er wieder auf dem

Birge nahm ihn und verschwand in der Küche. Friedrich setzte die Flasche an den Hals und tränt einen guten Schluck auf sein hinter- gangenes Gewissen hinunter. Dann trommelte er einen Marsch auf die Fensterscheiben und sah dabei auf die Uhr. Als die fünf Minuten um waren, ging er in die Küche. Birge wusch sich. Er fah, daß sie geweint hatte.

Wo ist der Brief?"

Er ist mir ins Feuer gefallen und verbrannt", sagte Birge mög­lichst unschuldig und deutete auf die verkohlten Papierreste, die sich in der Herbglut plusterten.

Deshalb brauchst bu nicht zu heulen", knurrte Friebrich.

Ich habe mich", fuhr jetzt Birge mit fester Stimme fort,entschlossen, ben Hans zu freien, wenn bu mir eins versprichst, Vater."

Was soll bas fein?" fragte Friebrich.

Du barfft von heute an keinen Tropfen Schnaps mehr trinken."

Da setzte sich Friebrich langsam auf ben Hackklotz zurück, ließ die Rechte auf bas Knie fallen, währenb die Linke haltsuchenb in ber Lust stehen blieb, unb zwinkerte mit beiben Augen.

Er wehrte sich lange gegen bas Ansinnen Birges, als sie aber fest blieb, versprach er ihr, was sie verlangt hatte, nicht ohne Hoffnung, mit heimlicher List bennoch zu seinem Trunk zu kommen. Er hanbelte ihr auch noch ab, baß er ben Schnaps, ber noch im Fasse sei, austrinten dürfe, was Birge leicht zugab. Erleichtert verließ er die Küche unb ging zum Vieh. Birge aber strich Bertolbs Brief glatt, ben sie vorhin an ihrer Brust versteckt hatte, zerrieb bas verkohlte Papier ber Zeitung, bie sie in einem blitzartigen Einfall an Stelle bes Briefes ben Flammen übergeben hatte, unb mußte enblich lächeln. Dann wollte sie schnell beten, zu irgendeinem Heiligen, bah sie ben Vater einmal beim Trinken ertap­pen möge, wenn bas Faß leer sei, es fiel ihr aber rechtzeitig ein, welch ein gotteslästerliches Gebet das jein müsse. (Fortsetzung folgt.)