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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer (6

Jahrgang 1955

Montag, den 25. Februar

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Die Hochzettskuh

Roman einer jungen Liebe von Aosef Magnus Wehner

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Copyright 1 928 b y Georg Müller Verlag A.-G., München

(Fortsetzung.)

Ein Pater?", fragte Bertold.

Er will erst einer werden. Der zieht uns noch alle in den Himmel.

3a, das Geschick hat er dazu", sagte Bertold.Ich wünsche ihm alles Glück."

So solltest -du auch sein, Bertold", seufzte die Tante.

Nicht um fünfhundert Mark." .

Die Patres sind bettelarm. Ich habe ihnen schon viel geschickt.

, Ja" sagte der Schreiner mit einer fast vorwurfsvollen Schwere, rkus'perte sich und schwieg. Die Tante sah sich durch diesen Ausruf des Schreiners, der eine verborgene Anteilnahme an ihrem Vermögen so e zensinnig merken ließ, auf einmal zwei Männern gegenüber. Diese luge verstärkte sowohl ihren Zorn als auch ihren Mut. Sie riß Bertold ien Brief aus der Hand und verschloß ihn wieder im Schrerbtisch. s sann rief sie:Von euch beiden taugt einer so viel wie der andere."

Während der Schreiner nun offenbar sofort von seiner Minderwertig- t it überzeugt war er richtete seinen Daumen starr auf und schaute in schuldbewußt an sprang Bertold, nun ehrlich gekränkt auf und erlangte Aufklärung.

Die Tante legte los. Ja, da brauche man nicht wert zu gehen, um allerhand über Bertold zu hören. Die Leute trügen es etnem ja ins Saus, ganze Bündel von Sünden. Er müsse sich ja beim Paten schon wfqeführt haben. Kein Mädchen sei vor ihm sicher gewesen. Er bringe (einen Vater noch ins Grab. Bertold stellte sich vor sie, faßte sie ins Auge, daß sie zurücksuhr und sprach:Wer hat das alles gesagt?"

Das ist schon überall herum."

War der Hott bei dir?" . ,

Nein", sagte die Tante. Aber es hieß soviel roteJa . Sie hielt auch gleich eine Lobrede auf Hott, was der für gute und fromme An­schauungen hätte. . . . ,

Bertold packte seine Sachen zusammen und ging. Niemand rief ifm nach. Er ging über die Wiese, schnitt einen Haselstock ab und lachte ich grimmig den Aerger von der Brust.

In dem Dorfe, das er jetzt bald zu feinen Fußen erblickte, wohnte em Onfel von ihm, den er nach dem Willen seines Vaters noch besuchen mußte. Dann hatte er nur noch den Onkel Pfarrer anzugehen, der im (üben Dorfe herrschte. . _ ... ., , ,,

Der erste Onkel, ein früherer Beamter in der Großstadt, hatte sich wegen eines dienstlichen Leidens in den Nuhestand versehen lassen und nicht weit von seinem Geburtsort ein schönes Haus mit einem großen Cbftgarten gekauft, woraus er einen ansehnlichen Nutzen zog. Er hing a-rade an einem Apfelbaum und zwickte die kleinen Schößlinge ab, als Lertold in seinen Hof bog und ihn anrief.

Er schwebte herunter, der alte Junggeselle, und nahm unter dem taum militärische Aufstellung. Weil er kein Lebenszeichen von sich gab, muhte Bertold selber auf ihn zugehen. Als es feinen Zweifel mehr geben konnte, daß der Neffe im nächsten Augenblick feine Hand er­greifen und schütteln würde, riß er sich aus feiner Erstarrung und rief: Ach, du bist'sl Endlich ein vernünftiger Besuch. Weißt du, Bertold, ich mache mir nichts aus den Leuten: Heuchler, Bertold, sag ich dir, baue keinem Menschen, sie sind alle falsch. Aber nun wollen wir erst einmal kräftig frühstücken. Du bist doch auch Vegetarianer?

Nein", sagte Bertold und sein Magen knurrte.

Es wäre gut für dich."

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"Der Onkel musterte Bertold von oben bis unten:Wir sprechen nachher noch ein ernstes Wort darüber, setz dich nur, Bertold.

Und er legte einen Laib Brot auf den Tisch, dazu ein Messer und mehrere Aepfel. Dann gab er Bertolds Bucksack einen harten Tritt und fragte beiläufig:Was hast du denn da drin?"

Ich weih es nicht. Ich habe noch gar nicht nachgeschaut.

Du erlaubst doch?" Und der Onkel bückte sich, schnürte den Rucksack auf und zog hohnlachend einige Würste heraus. .,

Da seht nur den Geizkragen l Schleppt sein ganzes Wlntergut mit herum! Heraus damit, da muß ich doch mal deutsch reden.

Und er fuhr mit einer Wurst wie mit einer Gerte durch die Luft, fgnitt sich ein Stück davon ab und es gleich vom Messer weg. Dann

legte er die Wurst auf den Tisch und sagte sanfter:So, nun, Bertold. Es spricht sich besser, wenn man etwas im Magen hat; das Echo, weißt du."

So aßen sie einträchtig die Wurst auf. Nach dem Frühstück zündete sich der Onkel eine Pfeife an und sprach ernst:Was ich dir jetzt erzähle, Bertold, bleibt unter uns. Vor allem sagst du deinem Vater nichts davon. Du wirst mir später noch einmal dankbar sein für diese Stunde."

Der Onkel zog seine Brauen hoch. Jetzt ging es los, das deutsche Wort. Es bestand in einer ausführlichen Aufzählung guter Ratschläge für junge Männer.

Warum erzählst du mir das alles?" fragte Bertold.

Na, hör mal, Junge. Wer es fo treibt wie du, der sollte doch für jeden guten Rat dankbar fein."

Was habe ich getrieben?"

Na, wenn das ganze Dorf voll davon ist, wirft du mir doch keine Sperenzchen vormachen wollen. Gott, ich kann's ja verstehen, aber mir gegenüber, weißt du, solltest du doch kein Blatt vor den Mund nehmen. Komm, setz dich und erzähl mir!"

Bertold schnürte seinen Rucksack zusammen. Der Onkel ging hustend durch die Stube. Einmal zog er die Brieftasche heraus und schob sie wieder ein. Als Bertold gerüstet war, sagte er:Es wäre viel schöner gewesen, Onkel, wenn du mir erzählt hättest, was ich auf dem Berg­hof erlebt habe. Vielleicht holst du das das nächste Mal nach, ich werde dir Zeit genug dazu lassen."

Dem Onkel blieb die gute Reise im Halse stecken, ober vielmehr, er knurrte sie in die Pfeife hinab.

Das sind alfo die Verwandten väterlicherseits , sagte sich Bertold, als er auf der Straße stand. Er hatte noch viel weniger Lust, jetzt zum Pfarrer zu gehen, mit dem er von der Mutter her verwandt war. Um aber wenigstens etwas erzählen zu können, wenn er zum Vater käme, ging er auf die Staketen des Pfarrgartens zu. Er hatte Glück. Der Pfarrer kniete gerade vor feinem Weiher. Als er Bertolds kräftigen Schritt hörte, sah er auf, senkte aber sofort wieder feinen Kopf gegen den Wasserspiegel.

Da erkannte Bertold, daß die üble Rede auch schon das Staket des Pfarrhauses übersprungen habe, und er beeilte sich nun aus Leibes­kräften, sofort in fein Dorf zu kommen, damit er schneller vor feinem Vater stehe als die üble Nachrede. Wie er so eilig durch die Häuser ging, schaute ihm wohl mancher, der von seinen Schandtaten wußte, nach. Aber er sah nicht die schadenfrohen oder lüsternen Gesichter, sondern lief mit straffen Füßen in fein Dorf.

Bertold ging den kleinen Steinhügel vor dem Vaterhaufe hinauf. Er trat sehr laut und schallend auf. Der blaue Berg, auf dem eine Ziegelsteinkapelle des Erzengels Michael stand, tanzte vor feinen Augen. Er sagte kein Wort, als er in die Stube trat. Der Vater schaute zum Fenster hinaus zu seinen Tauben. Er wandte sich um, als er Bertold hörte, und vergrößerte seine Augen, als ob er zornig sei. Aber es war nur Verstellung. Denn als Bertold nun rief:Verdammte Schwindel­bande", sagte er:Mir ist es genau so ergangen, als ich jung war."

Dann brachte er eine Flasche Wein aus dem Keller und sie tranken den Abschied. Am Abend ging Bertold auf den Berg und schaute noch einmal über seine Heimat.

Da ging er unter eine Tanne und zog Birges Abschiedsgeschenk heraus. Es war ihr Bild; schlank und süß in ihrem blauen Seidenkleid stand sie da und schaute ihn an. Er strich über das Rähmchen, das sie wohl selbst aus Birkenrinde gefertigt haben mußte.

Heimat, wo du bist, Birgel" rief er in den Wind, der zum Berg- ' Ma9 sagte Bertold allem Lebewohl, dem Fluß, dem Wald, den Bergen, den Vögeln, Bäumen und Winden. Auch den Wolken gab er einen Abschiedsblick und den Geistern, die nur er kannte. Und ging so zum letzten Male über die väterliche Schwelle. Das Haus summte und bebte wie von vielen Wasserfällen.

Musik", schrie es in Pertold; er warf sich auf das Klavier; er spielte, was ihm aus dem Herzen kam, bis er auf einmal fühlte, daß der Mond auf den Tasten ftiöf'tanb, ebenso wie feine Hände, die schon längst auf­gehört hatten, zu spielen.