Ausgabe 
25.1.1935
 
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Winterlandschast.

Von Friedrich Hebbel.

Unendlich dehnt sie sich, die weiße Fläche, Bis auf den letzten Hauch von Leben leer; Die muntern Pulse stockten längst, die Bäche, Es regt sich selbst der kalte Wind nicht mehr.

Der Rabe dort, im Berg von Schnee und Eise, Erstarrt und hungrig, gräbt sich tief hinab, Und gräbt er nicht heraus den Bissen Speise, So gräbt er, glaub ich, sich hinein ins Grab.

Die Sonne, einmal noch durch Wolken blitzend, Wirft einen letzten Blick aufs öde Land, Doch, gähnend auf dem Thron des Lebens sitzend, Trotzt ihr der Tod im weihen Festgewand.

Oer unbekannte Ingenieur.

Von Heinrich Hauser.

Mann unter Volldampf.

In vielerlei Gestalt habe ich ihn kennengelernt: Er saß in weißem Kittel in der hölzernen Bude seines Büros, mitten zwischen den Werk­stätten. Aus seinem Fenster schaute er auf die gewaltige Maschinerie, deren Herr er war, aber sein Arbeitsraum war einfach, wie ein Siedler­haus: Ein Tisch, ein Telephon, ein eiserner Kanonenofen, ein Regal, ein Stuhl für Besucher und an der Wand ein Plan des Werkes, das war die ganze Einrichtung. Es gab auch keine Voranmeldung und keine Türhüter; jeder, der etwas wollte, kam ohne weiteres herein. Die Papiere auf dem Schreibtisch waren mit Eisenproben beschwert, auf dem Fensterbrett lag eine Sammlung defekter Maschinenteile. Es ging rauh und herzlich zu, etwa wie auf einer Baustelle einer Bahnlinie in der Wüste oder wie in einem Regimentsunterstand.

Freimütig dröhnte seine Stimme durch drei Holzwände hindurch, wenn er die Stenotypistin rief, er schwang das Telephon wie eine Hantel und zwischen hochdeutschen, zahlengespickten Worten in den Hörer hinein flogen kernhafte Aussprüche in echtestem Ostpreuhisch einem Ar­beiter an den Kopf, der verlegen die Mütze in der Hand drehte, und verwandelten sich in unverfälschtes Westfälisch bei dem nächsten Mann. Zwar hatte er, wie die meisten Sterblichen nur einen Mund, aber irgend­wie brachte er es trotzdem fertig, nebenher noch aus einer schwarzen Zigarre dicke Wolken zu passen: der ganze Mann stand sichtlich unter Volldampf.

Er war fünfunddreißig, Betriebsingenieur, Leiter einer wichtigen Abteilung. Seit fünf Jahren hatte er vierhundert Mann unter sich und verdiente so gutes Geld wie ein höherer Staatsbeamter.

Napoleon in der Werkhalle.

Einen anderen traf ich, der inmitten feiner von Arbeit tobenden, dröhnenden, von Weißglut und Schlagschatten durchzuckten Abteilung stand, wie Napoleon bei Austerlitz Sein grüner Lodenmantel war erheb­lich abgeschabt; viele runde, schwarzrandige Löcher waren in ihn und in das verwogene Hütchen hineingebrannt, mit dessen Krempe er sich gegen die Hitze schützte. Irgendetwas ging schief: Glutschlangen aus Eisen entgleisten, schossen wildschlagend in die Luft, prallten gegen stählerne Schutznetze. Mit drei Sätzen war er an der Gefahrenstelle, packte ein Beil, durchhieb einige der tobenden Schlangenleiber, packte eine Zange Und zerrte die erlöschenden Leiber aus dem Weg. Kein Mann hätte so etwas wagen können, dem nicht feder Handgriff in Fleisch und Blut übergegangen war.

Der Herr der Geislerfabrlk.

Mit einem dritten lief ich in einer sehr unheimlichen Fabrik herum, die aussah, wie eine ins Gigantische gewachsene Hexenküche: Es war eine Stickstoffabrik; sie arbeitete mit unvorstellbar hohen Drücken und unvorstellbar tiefen Temperaturen. Vom Herstellungsprozeß war kaum etwas zu sehen, weil er sich hinter dicken Stahlwänden, in explosions- fidjeren Wänden eingemauert verbarg. Wir gingen einen endlos langen, Marmor- und nickelschimmernden Gang entlang, von dessen Wänden viele hundert große Lichteraugen farbig leuchteten. Strahlend erklärte er, tpte diese Augen das Unsichtbare spiegelten, wie er durch sie die geheim­sten Vorgänge hinter den Panzerwänden verfolgen könne. Er öffnete eine dieser Augenkammern und zeigte mir die unendlich seine Mechanik, die auf langsam rotierende Trommeln farbige Linien schrieb: Tempe­raturlinien, Drucklinien, Linien der Gaszusammensetzung und Menge. Winzige Elektromotoren summten dünn, winzige Zahnräder drehten sich nraaeiw Zahn um Zahn, magnetische Hämmerchen lösten sich jäh aus teritarrung, pochten und hingen wieder reglos zwischen bläulichen Stahl- federn. Ein halbes Dutzend Männer in Arbeitskleidung stand, scheinbar untätig in dem Marmorgang, in die Betrachtung der farbigen Lämpchen t>er,unten bei der Sauberkeit und Eleganz des Raums hätten sie grade- jogut Gesellschaftskleidung tragen können. Sie waren die Wächter der fast automatisch arbeitenden Fabrik

All diese unendlich komplizierten Fernkontrollen hatte dieser junge Ingenieur selbständig eingerichtet Nachdem sein Plan einmal von der -Otrettmn genehmigt war, hatte er in der Ausführung freie Hand gehabt, »le Sabrtf bestand drei Jahre, aber schon zeigte sich die Notwendigkeit, Produktionsprozeße zu verbessern, Anlagen von der Größe eines mitt-

T* C«er ^elle auf die andere zu schieben, Neubauten zu schotten mit dem Kostenaufwand von Millionen. Würde er seine fpiane durchfuhren können? - Wenn er einen Nutzen nachwies, ohne

Zweifel. Wenn er sich aber in seinen Berechnungen irrte, dann würde er sich auf seinem Posten wohl nicht halten können. Eine erstaunliche Machtfülle und Verantwortung war in die Hände dieses jungen Mannes gegeben, der sich in feinem grauen Kittel fo gar nicht von feinen Ar­beitern und Werkmeistern unterschied.

Jugend und Wagemut waren wohl notwendig in einer fo schnell sich wandelnden Industrie; ihr menschlicher Ausbau schien nach dem Prinzip Napoleons sich zu vollziehen: Junge Offiziere alte Soldaten.

Der Sieger.

Ein vierter, ein Bergbauingenieur diesmal, schilderte mir achthundert Meter unter Tag angesichts einer Zementwand, die den Stollen abschloh, dramatisch den großen Wassereinbruch, der hier einmal erfolgt war. Das war im Krieg gewesen, bei einem allgemeinen Mangel an Maschinen; Maschinenleistung aber brauchte man, um der Wassermassen Herr zu werden. Mit einem mühsam aufgetriebenen Auto fuhr dieser Ingenieur von Werk zu Werk im Revier, um auf irgendeine Art Elektromotoren und Pumpen herbeizuschaffen. Schließlich sand er einen entbehrlichen Motor von tausend Pferdekräften, verlud ihn und fuhr selbst mit ihm im offenen Waggon, einen Tag und eine Nacht bei strenger Kälte. Dra­matisch war es, wie sie bann im letzten Augenblick den Schacht erreich­ten, wie die Sprengmannschaft hastig ein genügend großes Loch auf der zweiten Sohle in den Berg schoß, um den Motor aufzustellen. Wie sie dann um ihn herumstanden in atemloser Erwartung, als man den Schalthebel herumwarf und der mächtige Motor mit tiefem Dröhnen anhub zu arbeiten. Wie sie oben in Jubelrufe ausbrachen, als das Waffer in manndickem Strahl aus dem Schacht hervorschoß, als der Wasser­spiegel sank und die Grube gerettet war.

In der Schilderung von dem sieghaften Gesang der Maschine, der die Rettung brachte, klang etwas wie in dem ChoralNun danket alle Gottl"; klang etwas von Heldentum und Kampf, was mir unvergeßlich bleiben wird.

Der unbekannte Ingenieur über Sowjet-Rußland.

Mit einem fünften Ingenieur sprach ich über Sowjetrußland, das er grabe bereift hatte. Bei ihm überraschte mich die überaus knappe Formulierung russischer Probleme, vom Standpunkt des Technikers aus, der so völlig anders war, als der des typischen Berichterstatters. Er sah die Industrialisierung Rußlands als einen Wettlauf zwischen der tech­nischen Erziehung des russischen Menschen zum Facharbeiter und zum Ingenieur und der Dauerhaftigkeit der importierten Maschinen. Beim jetzigen Zustand der Dinge würden, fo meinte er, die importierten, wert­vollen Maschinen durch unsachgemäße Behandlung sehr schnell zerstört. Gelang es rechtzeitig Facharbeiter und Ingenieure in genügender Zahl auszubilden und die Maschinen durch sie zu retten, ober gelang es nicht? Von biefer Frage hing ber Erfolg bet Industrialisierung ab.

Dieser Mann hatte sich durch Reisen einen weiten Blick erworben, und das erschien mir typisch für seinen ganzen Stand. Die meisten dieser Betriebsingenieure hatten einmal in Lothringen, im Saargebiet, in Bel­gien gearbeitet, überall, wo es Schwerindustrie gab, und da ihr Beruf sie dauernd mit dem Volk in Berührung brachte, war ihr Urteil über menschliche Dinge treffend und genau.

3m Heim des unbekannten Ingenieurs.

Einen sechsten besuchte ich in seinem Heim. Er bewohnte ein hübsches kleines Haus, gut ausgewählt auf der Windseite der Industrie, er hatte eine liebenswürdige, musikalische Frau, zwei Kinder, einen Garten und einen kleinen Wagen: es fehlte ihm nur an Zeit, fein häusliches Behagen zu genießen. Sie hatten eine ganze ansehnliche Bibliothek, aber bezeich­nenderweise stand sie im Zimmer der Frau.Ich lese gern ein gutes Buch", sagte dieser Mann,aber da ich nicht viel von Literatur verstehe, bin ich so oft hereingefallen. Ich wollte moderne Autoren lesen, und wenn ich so ein vielgepriesenes Buch erwarb, bann hcmbelte es von ben sexuellen Problemen ber Heranwachsenden Jugenb ober begleichen. Das hat mich nun wirklich nicht interessiert, ja es hat mich sogar abgestoßen, und darum habe ich bie ganze Sache aufgegeben."

Man hat ber Industrie oft vorgeworfen, daß sie sich zu wenig um die Musen kümmerte. Ich möchte umgekehrt den Musen vorwerfen, daß sie sich zu wenig um die Männer kümmern, die, mitten im tätigen Leben stehend, handfeste geistige Nahrung brauchen;nützliche" Bücher im besten Sinn des Wortes, deren Gehalt sich auf irgendeine Weise an* wenden läßt im täglichen Leben, stärkende Bücher, hilfreiche Bücher, positiv gerichtete Bücher. Die gibt es natürlich; es hat mir immer Freude gemacht, einem Mann der Tat auf den richtigen Leseweg zu helfen.

Taten ohne Phrasen.

Die Männer, von denen ich kleine Wesenszüge zu schildern hier ver­sucht habe, bilden bei aller menschlicher Verschiedenheit doch einen Typ: denUnbekannten Ingenieur". Unbekannt, weil seine Arbeit so selbst­verständlich wichtig ist, daß kein Aufhebens von ihr gemacht wird, am wenigsten durch ihn. Unbekannt, weil die Person zurücktritt hinter dem Werk, weil sie scheu und bescheiden kaum je von sich selber spricht, weil ihr jeder Tag ein Kampstag ist und keine Zeit bleibt, selbstbewußt zu werden. Ich halte den unbekannten Betriebsingenieur beinahe für den wichtigsten Mann im Ruhrrevier, denn er ist der Mittler zwischen Kapital und Arbeit, nicht seit heute oder gestern, sondern er ist es immer ge­wesen. Ihm lag die Lösung der sich widerstreitenden Interessen ob, er war der eigentliche Gestalter des Arbeitslebens im Betrieb Von ihm hing es weitgehend ab, welcher Geist den Betrieb beseelte. In ihm ruht ein sehr großer Schatz an menschlicher Erfahrung, der ungehoben ist, weil jeder feine Erfahrungen hat selber machen müssen, weil' ihm bisher kaum Gelegenheit gegeben worden ist, sie auszutauschen und der Gesamt­heit dienstbar zu machen. Es wird in Zukunft die Aufgabe unserer technischen Hochschulen fein, nicht nur die Technik, sondern auch die Menschenführung im Betrieb zu lernen.

kveran!wörtlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl sche Aniversitäts-Vuch- und Steindruckerei. A. Lange. Gießen.