Ausgabe 
24.6.1935
 
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kräftig anfassend, voller Sachkenntnis. Dazwischen wurde gekostet, wobei er mich vor dem Duft des Weines warnte, der allzu sehr berauscht. Dann ging es ans Korken, und alles wurde wieder in Ordnung gebracht, die Flaschen verwahrt, wie es sein soll ...

Oie Nachtigall.

Von Theodor Storm.

Das macht, es hat die Nachtigall die ganze Nacht gesungen; da sind von ihrem süßen Schall, da sind in Hall und Widerhall Die Rosen aufgesprungen.

Sie war doch sonst ein wildes Blut, nun geht sie tief in Sinnen, trägt in der Hand den Sommerhut und duldet still der Sonne Glut, und weiß nicht, was beginnen.

Das macht, es hat die Nachtigall die ganze Nacht gesungen;

da sind von ihrem süßen Schall, da sind in Hall und Widerhall die Rosen aufgesprungen.

Kampf um Olga.

Eine Geschichte von Frank F. Braun.

Inspektor Helbig von der Kriminalpolizei war im Begriff, das Büro zu verlassen, als ihn der Anruf von Bord des DampfersHelgoland" erreichte. Der Dampfer hatte an diesem Morgen an den Sankt-Pauli- Landungsbrücken festgemacht und meldete der KriminalinspektionHafen" einen Mord. Jedenfalls drückte sich Kapitän Hamkens dem Inspektor gegenüber so aus. Helbig änderte infolgedessen seine Dispositionen und suhr zum Hafen hinunter. Das Boot derHelgoland" erwartete ihn am Kai und fuhr ihn hinüber.

Kapitän Hamkens empfing den Beamten und bat ihn in feine Kabine. Dort wartete der Schiffsarzt auf sie. Dr. Huck stellte sich vor und begann einen hastigen Bericht. An diesem Morgen sei er von dem Matrosen, der den dritten Offizier wecken sollte, an das Lager dieses Mannes gerufen worden. Der dritte Offizier fei nicht zu erwecken gewesen, berichtete der Matrose. Dr. Huck hatte sich sofort hinbegeben. Er konnte nur die Tatsache seststellen: Der dritte Offizier lag tot auf dem Divan in seiner Kajüte.

Auf dem Divan?", meinte Inspektor Helbig,also angekleidet?"

Jawohl. Ich untersuchte die Leiche. Der Tod war schon vor geraumer Zeit eingetreten. Eine äußere Verletzung war nicht zu finden. Dagegen fand ich alle Symptome einer Vergiftung, die zu einer Herzlähmung geführt hatte. Das Gift festzustellen gelang mir nicht. Es war in die Blutbahn gedrungen und mußte von rascher starker Wirkung gewesen sein. Es war ein mir ganz unbekanntes Gift. Ich habe Blutproben dem Chemischen Staatsinstitut eingereicht; man ist dabei, es zu analysieren."

Helbig nickte.Wurde sonst noch etwas veranlaßt?"

Dr. Huck tat eine Bewegung, die den Kapitän in den Vordergrund wies und Hamkens nahm bedächtig das Wort:Unser dritter Offizier war ein junger, lebensfroher Kamerad. Es ist ganz ausgeschlossen, daß hier ein Selbstmord vorliegt. Es ist auch undenkbar, daß er sich zufällig vergiftete. Man muß ihm das Gift beigebracht haben."

Sie haben einen Verdacht, Herr Kapitän?"

Wir alle an Bord hegen einen bestimmten Verdacht, Herr Inspek­tor. Es bestand eine Rivalität besonderer Art zwischen meinem Ersten Offizier Petermann und dem jungen Dritten. Sie liebten beide dieselbe Frau und waren einander nicht grün. In dieser frühen Morgenstunde, als wir in die Elbmündung kamen, hat es sie wohl zu einer Entschließung gedrängt. Einer mußte zurücktreten. Das spürten sie beide, je näher wir Hamburg kamen. Sie setzten sich zu einer ernsthaften Aussprache in die Messe und beredeten bei einem Glas Portwein den Fall. Wir sind seit Wochen von Portugal mit einer Korkladung unterwegs. Kork ist eine ruhige gute Ladung. Es ist unerfindlich, was den ersten Offizier Petermann hat veranlassen können, dem Dritten so harte Worte zu sagen, wie es geschah. Wir hörten den Streit bis zum Achterdeck. Der dritte Offizier trägt die Verantwortung für richtige Lagerung der Ladung. Petermann hatte revidiert und schlug Krach. Ein Wort gab das andere. Die Einigung über das Mädchen ging wieder in die Brüche. Dr. Huck und ich vernahmen deutlich, wie der dritte Offizier feinen eben ausgesprochenen Verzicht zurücknahm. Er werde kämpfen um Olga!, schrie er. Dann war es eine Weile still, bis Petermanns kalte drohende Stimme erscholl:Ich werde dafür sorgen, daß es nicht zu diesem Kampf kommt!" Der Kapitän schwieg.

Das ist alles, was Sie vernahmen?!", fragte der Inspektor sachlich. Hamkens nickte.Die beiden blieben noch eine Weile stumm einander gegenüber sitzen und tranken die Flasche Wein aus. Dann verließen sie fast gleichzeitig die Messe. Petermann blieb in der Tür stehen und sah mit verzerrtem Gesicht dem Dritten nach, der zur Ladeluke hinunterging. Wir sahen sein Gesicht; es verhieß Böses. Wir ahnten nicht, daß das Böseste schon geschehen war Einige Zeit später kam unser Dritter wieder herauf und ging in seine Kabine. Wir glaubten, er habe sich zum Schlafen hin- gelegt, aber er hatte sich zum Sterben niedergelegt. Er hat mit niemanden

mehr gesprochen; keine Speise oder Trank mehr zu sich genommen. D-, ist festgestellt. Das Gift, das ihn tötete, muß ihm beim Wein eingegeben worden fein. Leider sind die Gläser bereits gesäubert und eine wichtig Spur ist verwischt."

Wo ist der Erste Offizier jetzt?"

Unter Bewachung in seiner Kajüte."

Danke", sagte Inspektor Helbig. Er ging in die Kabine des Ersten Offiziers und fand in Petermann einen noch jungen Menschen, der ihm sofort entgegenstürzte.Um Himmelswillen, Herr Inspektor, ich höre, unser Dritter Offizier ist gestorben, man hat mich in Berdachi, ihn getötet ju haben. Wie ist das möglich?!"

Helbig musterte den erregten Mann. Sah so ein Mörder aus?Mai hat Sie nicht gerade in Verdacht", sagte er,aber Sie sind der Leiste, der mit jenem zusammen war. Ist Ihnen der Wein gut bekommen«

Petermann zuckte zusammen.Der Wein? ..."

Den Sie mit Ihrem Nebenbuhler tranken, ja. An dem Wein ist ti nämlich gestorben!"

Petermann schlug die Hände vor sein Gesicht.Großer Gott, was wir denn in dem Wein?"

Das wollte ich Sie fragen!" sagte Helbig.Was taten Sie ihm in beit Wein?" Petermann war zusammengesunken. Er antwortete nicht. Dir Inspektor beugte sich vor. Dringlicher kam seine Forderung:Ein Geständ­nis würde den Fall wesentlich vereinfachen, Herr Petermann!" Er rüttelte den Mann, der jetzt mit dem Kopf auf dem Tisch lag.Haben Sie beit Dritten Offizier vergiftet?"

Aber Petermann antwortete nicht. Er rutschte, von des Inspektor» Griff aus dem Gleichgewicht gebracht, zur Seite, fiel auf den Stuhl zuriil und glitt langsam zu Boden. Helbig sprang auf, er wollte ihn noch stütze», aber er kam zu spät. Da trat er zurück. Er riß die Tür auf. Dr. Huck urb der Kapitän waren in der Nähe.Doktor!", rief er,Sie müssen sich um unseren Mann kümmern. Er ist ohnmächtig geworden." Dann ging it nach vorn und ließ sich die Kabine des nun toten Dritten Offiziers zeige», in der noch die Leiche lag.

Er sah den Leichnam kurz an. Offensichtlich kein friedlicher Tod. Dan» schckute er sich im Gemach um.

Als der Arzt hereinkam und berichtete:Eine harmlose Ohnmacht' stand der Inspektor beim Waschtisch.Herr Doktor", sagte er, effigfaure Tonerde ist doch nur äußerlich zu benutzen?",Gewiß", bestätigte Er. Huck,Wunden, Verbrennungen..Helbig winkte ab.Sehen Sie hier. Die Flasche mit essigsaurer Tonerde ist entkorkt. Das Tuch hier riech sauer. Es ist mit Tonerde getränkt. Es scheint, der Verstorbene hat als letzte Tätigkeit versucht, sich einen Umschlag, einen Verband mit e[fiq saurer Tonerde zu machen. Also muß er doch eine Verletzung erlitten haben, die Ihnen entgangen ist."

Dr. Huck zuckte ratlos die Achseln.Sowohl der Sanitäter als roch ich fanden nichts."

Es kann ja eine winzige Verletzung gewesen fein", sagte Helbiz. Welche Fleischteile sind immer frei? Gesicht und Hände, nicht roaljr. Bitte bemühen Sie sich noch einmal."

Sie traten zu dem Toten und untersuchten ihn, Helbig nahm ein Lupe zu Hilfe. Das Gesicht war ohne jede Verletzung; auch die linke Hani. Am Daumen der Rechten fanden sich zwei rote Punkte; fterfnabeltopfgroj nur. Helbig zeigte sie dem Arzt.Keine Geschwulst", sagte der,zwei winzige Stichwunden. Es ist wohl ausgeschlossen, daß hier das Gift Ein­treten konnte."

Weshalb nicht", meinte Helbig.Wir kennen das Gift nicht. Wk wissen nur, daß es von unerhört rascher und stärkster Wirkung ist."

Er sah ins Leere.Wenn man es ihm mit einer Nadel einstach, ein­spritzte ..." Dr. Huck sah ihn an.Herr Inspektor", sprach er und roor | überlegen,das sind wohl Phantasien". Helbig drehte sich um.Phanin- sie", sagte- er und nickte vor sich hin,sonst hilft uns hier nichts weiter '

Er ging hinaus. Der Arzt lief hinter ihm her; Kapitän Hamkens Mn] hinzu. Zu diesen Beiden sprach ber Inspektor; es konnte aber auch fein, baß er zu sich selber rebete.Als unser Dritter Offizier in ber Messe au- staub, als es ihn wurmte, wegen ber Labung einen Tabel erhalten j: haben, hat man beobachtet, wie er zum Laberaum hinunter ging. Wa- wollte er bort?"

Nachsehen, ob bie Korkballen noch festlagen, ob nichts ins Rutsche» gekommen war, benfe ich mir", sagte ber Kapitän.

Bitte führen Sie mich, bat Helbig. Zu britt gingen sie in ben Lade­raum. Die Luken waren schon geöffnet. Gleich würben bie Sdjauerl1« kommen unb DampferHelgolanb" konnte seine Labung löschen. Sii! ftanben unten im Raum, der jetzt fast hell war.So wird auch unser toter Freund hier gestanden haben", fugte ber Inspektor,er wollte M überzeugen, ob bie Ballen fest verstaut lagen, sagen Sie? Dann trat er vielleicht hier heran, rüttelte bie oorberen Korklasten ..." Helbig fprat) nicht weiter. Er war gestolpert, wäre fast ausgerutscht, aber er hielt sich noch aufrecht.Sie sind über ein Tauende gestolpert", sagte Hamkens. Er stanb am weitesten weg, aber er kam rasch näher. Dr. Hucks erschrockener Ausruf lockte ihn heran. Sie umftanben beide ben Inspektor, ber sich bückte, am Boben kniete.Ich wußte es", sagte Helbig,vielmehr: ich ahnte so etwas. In ber Korklabung ist eine Schlange in Portugal m! oerlaben worben. Sie war giftig unb biß ben ahnungslos sie berührende» Dritten Offizier. Er schlug sie tot. Hier liegt sie." Er hob eine bunteI- gefleckte Schlange hoch. Die beiden Schiffsleute prallten zurück.Uti Gotteswillen, warum kam er nicht zu mir?" rief Dr. Huck.

Inspektor Helbig sagte -leise:Das ist bie Tragik. Er erkannte niH ben Ernst ber Wunde. Sie war kaum sichtbar am Daumen. Er wollte sich einen kleinen Verbanb mit essigsaurer Tonerbe machen. Aber ebenso wir er zu Ihnen zu spät gekommen wäre, Herr Doktor, war es auch für [ei» kleines Hausmittel zu spät."

Verantwortlich; Or. Hans Thyriot. Druck und Derlagt Drühl'sche UniverfttätS-Duch-und Steindrackeret.D. Lange. Gießen.