Baum und Wolken.
Don Wilhelm Luetjens.
Wolken ziehen vorüber an meinem Haus.
Wie große Vögel, zu Vielen gesellt, drohend und dunkel, silbern, von Sonne erhellt, so segeln sie mit den Winden in alle Weiten hinaus. Ihre endlose Reise geht um den Erdball im Kreise ...
Gebunden an engen, begrenzten Raum, ans Erdreich gefesselt, steht vor dem Haus der Baum. Durch sein Gezweigs blicken die wandernden Wolken herein, ziehn weiter ins Weite — der Baum bleibt immer allein.
Und seine Krone, die Sturmwind umbraust, die Regen und klirrender Frost zerzaust, zeichnet auf meines Fensters Scheiben die Runen seiner Beharrlichkeit, die krausen, gewachsenen Zeichen von Warten und Bleiben.
Jahr um Jahr muh sie sein Schicksal aufschreiben, das Da-Sein heißt, Beständigkeit und Gestalt.
Und während die Wolken verwehn und sich tausendfach teilen, niemals im Einen verweilen und immer enteilen — baut an seinem Bilde der Baum, wird groß und wird alt ...
Unser ist beides: Es treibt gleich der Wolke im Raum das Herz, nie gesättigt, die Weiten und Fernen zu messen. Denoch, im Drang, der Lockungen zu vergessen, das Eigne zu bilden, wächst es heran, wie der Baum.
Stefan George, persönlich gesehen.
Ein Erinnerungsblatt von Sabine Lepsius.
Im Hause des Künstler-Ehepaares Reinhold und Sabine Lepsius in Berlin ist Stefan George oft zu Gast gewesen. Dort fand der Dichter eine geistige Luft, die ihm Anregung und Widerhall zugleich schenkte. Die Geschichte dieser denkwürdigen Freundschaft hat Sabine Lepsius im Verlag „Die Runde" in Berlin verösfentlicht.
Im Herbst des Jahres 1896 wieder in Deutschland angelangt, wurde mir eines Tages eine Besuchskarte geboten mit dem Namen Stefan George und einigen geschriebenen Worten. Als ich in mein Wohnzimmer trat, stand er schon dort: nie werde ich diesen ersten Eindruck vergessen, ich wußte sofort, daß ich einer überragenden, machtvollen Persönlichkeit gegenüberstand. Seine Begrüßung, von selbstverständlicher Natürlichkeit und Lebendigkeit, hatte nichts von dem Absonderlichen, das mir geschildert worden war. Seine Blicke fern und doch auch liebenswürdig. Seine Sprache ohne laut zu sein von markiger Wucht. Der süddeutsche Dialekt brachte jene Anmut in das Gespräch, welche die zu große Schwere hindert und sich weit entfernt hielt von der allzu sachlichen gelehrten Schriftsprache, die das Leben und die Beweglichkeit, den Schmelz und die Farbe aus den Worten vertreibt.
Sein Lachen, das sichere Erkennungszeichen für den Menschen, war sieghaft gewinnend und vom Schütteln der Mähne begleitet. Wo war der abspenstige Menschenfeind, bett man mir geschildert hatte? Wo der Unnahbare, Abholde? Warum aber duldete er, daß seine Nächsten so irreführende Gerüchte über ihn verbreiteten?
Als störend empfand ich damals nur den Zylinder in seiner Hand und den gläsernen Fremdkörper vor seinem einen Auge; aber auch oas Monokel trug bei ihm einen anderen Charakter, als man es sonst gewohnt war, und die Schwäche des einen Auges mußte ihm unbedingt geglaubt werden, wenn er sich vor Reinholds Kopie des Gwrgwne- Konzertes stellte, um es genauer zu betrachten. Einige wenige -Worte, d er nun sagte, sind mir in Erinnerung geblieben, da sie il)n mir ob Künstler von Geblüt zeigten: „In einer solchen Hand ist das ganze Leben des Malers, das macht es eben zum großen Kunstwerks.daß 1
Nebensache das ganze Leben enthalten ist." So ungefähr lautete der Ausspruch, der mir von einem Kunstgesprach am lebendigsten m Erinnerung blieb ...
In den Herbst 1898 fielen die Porträtsitzungen, die Ite^n George mir gönnte. Ich hatte ein Riesenbild entworfen in Form -mes Triptychons, auf welchem in der Mitte George m ganzer ytgu f 6, b ihm Architektur die der Villa Aldobrandim in Rom glich. Die beiden Felder rechts und links waren ausgefulit mit nackten uiUsizierenden Knaben und harferührenden weiblichen Gestalten, meinte damals
die Epheben sollten lieber die Flöte spielen, statt der Geige, doch konnte ich ihm die Vorstellung des Vibrierens der Violine, mit der ich so vertraut war, nicht opfern.
Diese unvollendete Arbeit entstand in einem kahlen W-lier außerhaw unserer Wohnung, in dem sich nur eine Staffele, einMa ri t u ö einige Stühle befanden. George erschien zu den Sitzungen mit größter Pünktlichkeit und unterzog sich den Pflichten!des.Modells। mit beschämen der Geduld. In der Pause erklärte er plötzlich, eine D'^elstunde schlafen zu müssen, da er Frühaufsteher sei und ihn infolgedessen ch l gelegentlich bei Tag überwältige. Ich konnte ihm nur eme De e i
Fußboden legen, einen Mantel über ihn breiten und mich ganz still verhalten. Nach wenigen Minuten schlief er fest. Er lag da wie ein schlafender Ritter. Das Pathos eines Monumentes umgab ihn, alles Zufällige des Lebens war gebannt, der Schlafende schien über sich selbst hinausgehoben.
Mit Muße konnte ich, noch ungehinderter als im Wachen, die Bildung dieses edlen Hauptes studieren: die über den Brauen löwenartig hervorgebeulte Stirn flieht zurück gegen den dichten Haaransatz. Die Ohren sind gut geformt. Das Jochbein tritt stark hervor, ebenso die hagere Kinnlade. Die Nase ist asymmetrisch, jedoch im Profil von schöner Linie. Die Lippen schmal, die Unterlippe etwas hervorgeschoben trotz des normalen Gebisses.
Die Augen, die weniger „zum Sehen geboren", als „zum Schauen bestellt" sind, liegen tief in den Höhlen. Aus einer unbewußten Schonung für sein Gegenüber mag George sein Blicken dämpfen, wie der Löwe die Kralle einzieht. Trotzdem sind aber die Augen, gerade weil sie mehr nach innen als nach außen schauen, beteiligt an den unendlichen Ausdrucksmöglichkeiten dieses Kopfes, in dem es kein Beiwerk gibt, sondern jeder Muskel, jede Linie durchgeistigt ist.
Die Eindringlichkeit des Ausdrucks verteilt sich über das ganze Gesicht und ruft Bewegungen zu Hilfe, wie Schütteln der reichen braunen Haare, unverhohlenes oder spöttisch zurückgehaltenes Lachen. Dies alles ersetzt die mangelnde Wärme und Fülle des Blickens. Die Gestalt ist auch asymmetrisch und hat nur die Ausgabe, den Kops zu tragen. Die Hände, wenn sie nicht eine Zigarette halten, auf der sie gern ein Weihrauchkörnchen glimmen lassen, ruhen meist still, sind herbe und wohlgebildet. Nirgends ein Weibliches.
Als er erwachte, erklärte er sich bereit, wieder gemalt zu werden. Er hatte recht gehabt, zu wünschen, daß eine gemeinsame Arbeit von uns unternommen würde ...
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Wenn auch nur auf einen Tag hier in Darmstadt, aber wie tat es wohl, dem stetigen, dem planvollen Manne zu begegnen. Wir unternahmen zu zweien einen Spaziergang auf dem Herrgottsberg. Die Gespräche sind meiner Erinnerung völlig entfallen, weil ein anderer stärkerer Eindruck als Worte mich packte, der unvergessen bleibt: ich hatte Stefan George noch niemals in der Natur erlebt, in der ich nun in völliger Einsamkeit mit ihm wandelte. Eine plötzliche, unheimliche, ich möchte fast sagen böse Wirkung ging von ihm aus, die mich ihn als unmenschlich empfinden lieh. Müdigkeit vorschützend, drängte ich zum Rückweg, weil Furcht mich erregte und von ihm forttrieb.
Er gehörte nicht zu dieser idyllischen Natur. Der gelbe Ginster, der in Blüte stand und einen Hügel wie vergoldet erscheinen ließ, entzückte mich, und ich sah fragend nach dem Freunde, der, unbekümmert um die Herrlichkeit des Sommers, wie ein gefährlicher Dämon neben mir herging. Für ihn gab es kein Idyll. Ich hörte nicht den Aufschrei des Städters, wenn er die Mauern hinter sich läßt, in seinem Herzen: im „Hornungsschein" geboren, mochten grausame Mächte in seinem Innern hausen. Zu Hause angelangt, wurde uns der kleine Stefan entgegengetragen, dem George sich zutraulich nahte, worauf das Kind eine solche Todesangst befiel, daß man es nur schnell unter lautem Gekreisch wieder fortbringen muhte. Es war dies nicht die Furcht des kleinen Kindes wie vor allen freycden Gesichtern, denn der kleine Stefan war doch schon so groß, daß er dachte und sprach ...
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Einige Tage später besuchte ich Stefan George in Bingen in Begleitung meiner jungen schönen Nichte Eva Lepsius. Sein Elternhaus, aus starken Steinen erbaut, war grau und düster, und es lag etwas Freudloses darüber, was sich mir mitteilte, obgleich ich damals noch nicht wußte, wie asketisch die Mutter, eine strenggläubige Katholikin, dieses Haus verwaltet hatte, die ihren Kindern, jede Zärtlichkeit verwehrend, ihnen sogar verbot, sie zu küssen. Sie war eine herbe, opferbereite Mutter, die zum Beispiel ihre drei Kinder umschichtig täglich den Berg heraus in die Sonne trug, die ihnen nach überstandener Krankheit Heilung bringen sollte. Der Eindruck dieser Häuslichkeit, die in mir Erinnerungen an Herrnhuter Atmosphäre erweckte, war mir als Umwelt Georges unerwartet. Er selbst hatte ausfallende Aehnlichkeit mit dem Typus bretonischer Bauern und überdies eine verwandte Art mit ihnen, sich zu schmücken; es lag um seinen Hals eine Uhrkette, aus langem Frauenhaar geflochten, mit einer goldenen Verzierung, auf dem Kopf trug er eine baskische Kappe. Später erfuhr ich, dah feine Vorfahren Weinbauern gewesen waren. Er erzählte mir einmal von der Großzügigkeit seines Vaters, der, obwohl selbst Weinbergbesitzer und aus Erwerb eingestellt, diesem Sohn den Weg ebnete, dessen Wert er nur ahnen konnte, ohne ihn zum Verdienen anzufeuern, ohne von ihm zu fordern. „Das nenne ich göttlich!" ries George und schüttelte bewundernd sein Haupt. Er sprach zu Hause mit seiner Schwester meist Französisch und wurde von ihr Etienne genannt. Da er sie sehr lieb hatte, war er freundlich mit ihr obschon er drastische Bemerkungen nicht scheute, so zum Beispiel, wenn er zu ihr sagte: „Weil du gut koche kannst, wirst du vielleicht nochmal eine Rolle in meinem Leben spiele." ...
Das Beisammensein mit George löste die denkbar vielseitigsten Stimmungen und Situationen aus und führte natürlich auch zu gemem- amcm Tun. So wurde eines Tages ein Fatz leichten Weines herangerollt das Reinhold am Rhein beslUlt hatte, dem mir aber etwas ratlos qegenüberstanden. Aus meiner Kindheit erinnerte ich mich, daß mein Vater in solchen Fällen einen Küfer kommen lieh und erwog nun vor unserm Gast diese Notwendigkeit.
Ei da brauche Sie gar keinen Küfer komme zu lassen, das versteh ick "qra'b so gut und Sie könne es von mir lerne." Den nächsten Tag stiegen wir zusammen in den Keller, spülten Flaschen, stachen das Faß an, daß es eine Lust warl . .. ....
George zog seinen Rock aus, ich band ihm eme grüne Gartnerschurze vor, und nun arbeiteten wir viele Stunden zusammen im Keller; er


