und sie nicht hinnehmen als ein großes und kostbares Geschenk. Gestern war ich sehr nahe daran, das zu tun. Heute aber weiß ich, daß meine schönste und größte Aufgabe ist, nicht, wie ich es bisher versucht habe, in Ludwigs Leben diese Ordnung und Ruhe hineinzutragen, sondern immer für ihn da zu sein, damit er immer wieder zu mir zurückkehren kann, so weit er sich auch entfernen mag. Denn er ist voll von Widersprüchen, die ich nicht lösen, sondern nur lieben kann, wie eben das Leben selbst, das so voll von Widersprüchen, Leiden, Schönheiten und Grausamkeiten ist. — Nein, Otto, ich bin noch nicht ganz zu Ende. Ich spüre, was du mir darauf antworten willst, und du hast recht. Auch das habe ich heute nachmittag selbst gefunden. Ich will es aussprechen, damit weder in dir noch in mir etwas zurückbleibt, das vielleicht später sehr schmerzlich werden kann. Alles, was ich soeben gesagt habe, habe ich im Grunde von dir. Auch dieses Letzte: daß ich noch viel zu jung bin, um mich selbst ohne Gefahr in diese Ordnung und Ruhe zu fügen, wie du sie mir gezeigt hast. Ich weiß jetzt von ihr und liebe sie, aber ich brauche sie nicht so notwendig wie du — noch nicht, Otto. Was ich brauche, ist Ludwig mit allem, was von ihm kommt, ob es nun so viel Freude und Glück ist wie die kleine Isa oder so viel Leid und lieber« Windung wie diese andere, Kalte, Hochmütige! — Ja, jetzt muß ich auch davon sprechen. Ich habe es bisher mit Absicht vermieden. Auch du hast nie etwas davon erwähnt, obgleich du genau so wie ich den Beweis dafür längst gefunden hast, daß sie drüben ist bei ihm und daß er sich wieder an sie verloren hat? Das tut dir genau so weh wie mir, und du hast darüber geschwiegen, weil es dir unlauter vorkam, es überhaupt zwischen uns hineinzutragen. Warum aber kam es uns beiden so vor? Weil wir beide überzeugt sind, daß er sich wiederfinden wird, über kurz oder lang, und daß das nichts für ihn bedeutet, sich zu verlieren und wiederzufinden, jedenfalls nicht das gleiche wie für uns. Daß er das täglich tun muh in seiner Kunst, in seinem ganzen Leben. — Sieh mal, Otto: Als ich heute diese Mutter und diese Braut neben ihm sah, da hatte ich das merkwürdige und wahrscheinlich nach außen hin ganz unbegründete Gefühl: Diese Mutter bin ich, und jenes Mädel ist sie, Mira von Alten. Dabei hab' ich aufeinmal genau so lächeln können, wie die Mutter gelächelt hat, als er so glücklich tat im Besitz dieses Mädels und dann wieder so unglücklich über ihren Verlust. Dieses Lächeln hieß einfach so: Ich weiß, daß das alles gar nicht so viel ist, wie mein guter Ludwig sich einbildet; daß auch all die fremden Meere und Länder, die er durchstreift, gar nicht so wichtig sind für ihn; wirklich wichtig ist nur, daß er auch am Südpol ahnt, wo sein heimatlicher Hafen ist! — Das ist vielleicht zuviel als seine Mutter gedacht und zuwenig als seine Frau. Aber ich habe eben die Aehnlichkeit zwischen der Mutter und mir heute herausgefunden..."
Die Stille, die folgte, war so lang und tief, daß beide erkannten, daß es jetzt nichts mehr gab, was zwischen ihnen gesagt werden mußte. Es war zu Ende. Aber dieses Ende enthielt keinerlei Bitterkeit und Enttäuschung, sondern den Anfang einer neuen, geklärten Beziehung. Hartl fühlte das über die schwere, drückende Melancholie seiner Einsamkeit hinweg, die ihn umfangen hielt.
„Es ist wahr und gut so, Lisa...", sagte er in die Stille hinein, der die hereinbrechende Dämmerung etwas Unheimliches und Tragisches verlieh.
Doch Elisabeth durchbrach diese Schatten noch einmal und endgültig mit ihrer klaren, entschlossenen Stimme: „Es gibt nur einen einzigen Menschen auf der Welt, vor dem ich das alles aussprechen kann, und der bist du, Otto. — Gestern habe ich zu dir gesprochen, wie ich zu Ludwig gesprochen hätte. Heute kann ich das nicht mehr. Denn was ich heute zu sagen hatte, hätte er nicht verstanden — ober anders verstanden als du. Darum brauche ich ihm das nicht zu sagen, sondern nur dir."
Hartl stand auf und reichte ihr das engbeschriebene Blatt, das vor ihm lag. „Das habe ich heute an Ludwig geschrieben in den Stunden, die ich auf dich hier gewartet habe", sagte er, ging zur Tür und schaltete das Licht ein, da es im Zimmer zu dunkel geworden war, um die kleinen Schriftzüge lesen zu können.
Elisabeth las und war nicht erstaunt, ihre eigenen Gedanken darin SU finden. Rur in einer anderen, bis in die letzte psychologische Feinheit vordringenden Form, die der Schmerz der Erkenntnis geschliffen hatte.
Der Satz am Schluß des Briefes, der unvollendet geblieben war, begann mlt der Mitteilung, daß Hartl nach Dresden zurückgekehrt fei. Als Elisabeth alles gelesen hatte, stand sie gleichfalls auf.
„Nein!" sagte sie und gab ihm das Blatt zurück. „Das bleibt hier, llsas zu sagen ist, werde ich sagen, sowie Ludwig zurück ist. Dieses Blatt hier gehört dir allein."
Hartl nahm es zurück und zerriß es langsam in viele kleine Stücke.
„Ich fahre heule nacht. — Meine Arbeit ist auch hier nicht fertig geworden. Vielleicht gelingt es mir in den nächsten Monaten... Sie wird dich überall erreichen, und du wirst sie brauchen, Lisa "
„Ja", antwortete Elisabeth. „Nun komm mit mir in den Saal hinunter! Ich habe ihn so schön gemacht, wie es sich gehört. Billy und Kern habe ich m die Stadt geschickt... Aber es bleibt uns ja noch viel mehr als diese eine Stunde."
, ,Gr „l°lgte shr in den Saal, in dem sie die Kerzen anzündete. Sie saßen sich allem in der Mitte der langen Tafel gegenüber.
„Aus der schmerzlichen, aber zugleich überlegenen Feierlichkeit dieses Abschieds erstarkte m Hartl die Gewißheit, daß er auch in Dresden nie wieder so einsam sein würde wie in seinem früheren Leben
31.
.Der Monat August war zur Hälfte vorüber, und Elisabeth wartete jeden Tag auf den Brief oder das Telegramm aus Hollywood, in dem Ludwig seine Rückkehr meldete. Die Nachricht blieb aus. Ludwig schwieg jefct s">on über einen Monat, wenn man von wenigen lakonischen Postkarten absah. Auch hatte er seit Isas Geburt kein Geld mehr gesandt.
Bald nach Hartls plötzlicher Abreise wurde Elisabeths äußere Situa- üon wieher kompliziert und drohte so verwickelt und schwierig zu wer
den wie früher. Aber sie selbst hafte diesen Schwierigkeiten gegenüber eine veränderte, überlegene Haftung gewonnen. Früher hatte sie mi einer unbezahlten Rechnung, einem hohen Wechsel oder einem persönlich und energisch auftretenden Gläubiger innerlich gezittert und ehe gewisse Scham empfunden, wie vor etwas Fremdem, Gefährlichem und Ungehörigem.
Jetzt nahm sie das alles gelassen hin mit der Sicherheit einer grau, die aus Erfahrung weiß, daß diese Perioden der Knappheit genau |g zum Leben Ludwigs gehörten wie die des Ueberfluffes und imnur wiedersehren würden, auch wenn er das Doppelte oder Dreifache verdiente wie jetzt. Nur daß er so lange schwieg, bereitete ihr einige Kummer, konnte sie aber nicht mehr so erschüttern wie noch vor km. gern. Sie fühlte eine Zuversicht, die sich ihrer ganzen Umgebung mitteilte und die sie trug, auch über den Schmerz hinweg, den sie über Hartls Abreise empfand. Sie spürte im Haus und im Garten eine Leere ohne seine stille, aufmerksame Gegenwart, die eine so wohltuende geistige Atmosphäre ausgeströmt hatte. Doch sie zweifelte nicht, daß er eines Tages zurückkommen würde, wenn auch Ludwig wieder da war uni sie mit ihm gesprochen hatte. Geschrieben hatte sie nichts von dem, was geschehen mar.
Unangemeldet erschien eines Tages Steinten in Nikolassee und liefc durch Billy, die ihn im Garten abfing, Elisabeth um eine Unterredung bitten. Nach einer kurzen Besichtigung des Hauses mit Einschluß bt; Babys nahmen sie auf der Terrasse Platz, und Billy brachte ihm Kaff« mit einem Gläschen Kirschwasser, wie er es liebte.
„Sagen Sie, verehrte Frau Thiele: Wann gedenkt Ludwig eigent- lief) wieder hier zu sein? Mir gelingt es nicht, eine Antwort von ihn zu bekommen. Weder die größten Briefe noch die dringendsten Telegramme erzielen irgendein Resultat. Da ich am fünfzehnten September das Deutsche Volkstheater wieder eröffne, muß ich wissen, woran ich bin. Es war vereinbart, daß er am Ersten hier ist und mit den Probe, beginnt. Auch von Henschke ist nichts zu erfahren. Darum komme ich zu Ihnen."
„Leider weiß ich darüber bis jetzt so wenig wie Sie."
„Das ist doch nicht möglich!" rief Steinlen ausgebracht. „Was treibt er denn drüben? Mit den drei Filmen muß er längst fertig fein!"
„Nach unserer damaligen Berechnung, ja. In feinem letzten ausführlichen Brief, der allerdings schon vier Wochen alt ist, deutet er an, daß er bald fertig sei mit seiner Arbeit, die außerordentlich anstrengend war. Er schreibt, daß er noch nie im Leben so schwer gearbeitet hab-! wie in diesem Sommer; nicht einmal früher, als er noch zur See fuhr Aber wann er zurückkommt, steht nicht darin."
„Man könnte bei Gott auf den Gedanken kommen, daß er gan] drüben bleiben will, neue Filmabfchlüsfe vorhat und uns einfach vor bi e vollendete Tatsache stellt! Das ist denkbar nach dem Erfolg des erste« Films. Ich habe ihn mir neulich angesehen. Für meinen Geschmack ei« wenig zu primitiv. Aber wirksam und vor allem populär. Ein Bomben? geschäft, wie ich höre, wenigstens bis jetzt. Um fo ärgerlicher für mich, daß ich noch immer nicht disponieren kann, womit ich eröffne. Mi.: Ludwig ober ohne ihn. Ich fürchte fast: ohne ihn. — Uebrigens, das mit dem Wallenstein ist natürlich Unsinn. Das habe ich ihm auch gefchriebeni. Vielleicht ist er darüber fo böse, daß er keinen Laut mehr von sich gibt Ganz wie ein verstocktes Kind. Was meinen Sie?"
„Möglich", antwortete Elisabeth. „Es lag ihm sehr viel daran. Gerade auf diese Rolle hat er sich gefreut wie nie!"
„Aber das geht nicht! Wie soll ich denn das machen? Den ganzen Wallenstein! An zwei Abenden? — Unmöglich! Das kann sich ein Staats- theater leisten. Ich nicht. Oder zusammengestrichen auf einen Abend? — Mache ich nicht. Ich halte das für ein Verbrechen. Aber daran benfit Ludwig überhaupt nicht. Er will den Wallenstein spielen, und bamiü basta! Ob ich und bas Deutsche Volkstheater baran kaputtgehen, ist ihm Hekuba. Sie müssen mir helfen, liebe Frau Thiele!"
„Was ich babei tun kann, ist ja fo wenig..."
„Ist ungeheuer viel! Das Wichtigste ist, daß wir fo bald wie möglich in Erfahrung bringen, wann er zurückkommt. Das können nur Sie. Wenn er tatsächlich noch rechtzeitig kommt, müssen Sie ihm beibringen, daß wir mit dem Wallenstein bis nach Weihnachten warten müssen- Mir scheint er ja nicht mehr zu glauben."
„Damit wird er einverstanden sein — wenn Sie es ernst meinen, Herr Steinlen."
„Wir müssen den richtigen Zeitpunkt abwarfen. Ob der gleich nach Weihnachten da ist ober noch spater, kann ich jetzt nicht übersehen!"
„Sie wollen ihn überhaupt nicht geben!"
„Das wäre mir bas liebste. Aber wenn es nicht anders geht.. .*
„Es wirb nicht anbers gehn, Herr Steinlen."
„Dann also in Gottes Namen! Aber später. Später. Ich muß mit dem neuen Stürf eröffnen. Mit den .Verrätern'. Die Rolle hab' ich ihm: längst geschickt. Sie ist ihm geradezu auf den Leib geschrieben. Aber wenn: er nicht will, muß ich eben einen anderen dafür finden. Und ich werde: ihn finden. Nur muß ich vor dem Ersten noch wissen, ob er will- ober nicht."
„Ich werbe ihm heute telegraphieren."
„Aber ausführlich unb so, baß er überzeugt ist, es kommt von Ihnen. — Unb wie steht es mit Ihnen, Billy? Soll ich Ihnen eine nette klein« Rolle reservieren?"
„Nee, Direktor!" antwortete Billy, die wieder hinzugekommen mär' und den letzten Teil des Gesprächs mit angehört hatte. „Sie wissen ganz genau, wie wenig Talent ich habe, unb machen mir dieses Angebot nur, weil Sie sehen, wie gut ich mit Elisabeth stehe unb Sie gerabe etwas von ihr wollen. — Ich habe wahrhaftig Besseres zu tun!"
„Sie wirb heiraten!" sagte Elisabeth.
„Das nennen Sie etwas Besseres als Theaterspielen? Das werben Sie sicher bereuen!" rief Steinlen unb erhob sich.
(Fortsetzung folgt.)


