Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 48

Montag, den 2\. Juni

Jahrgang 1935

kein Wort.

30.

unmittelbar aus seinem eigenen Wesen gestaltet und ausgebaut, daß die Illusionen seiner Gegenwart die letzte Vollkommenheit erreichte. Elisabeth hatte alles rings um sich vergessen und spürte nur noch, wie seine lebendige Nähe bis in die feinsten Verzweigungen ihres Blutes eindrang, in ihr Herz zurückströmte und es mit einer Wärme und Hin­gabe erfüllte wie am ersten Tag, an dem sie Ludwig vor Jahren begegnet war. t ... , ,

,^ier bei ihm ist mein Schicksal, und es ist gut so, wie es auch immer aussehen mag!' war alles, was sie denken konnte. Sie dachte es viele Male, und alles Schwere, Trübe war von ihr genommen.

Was auf der Leinwand folgte, war für sie nicht mehr wichtig. Sie konnte nur feststellen, daß die mitreißende Wirkung bis zum Schluß anhielt Man blieb voll Teilnahme am weiteren Schicksal des Boots- rnannes Ludwig Thiele, man lachte herzlich und war ergriffen, als die Braut sich immer deutlicher als ein leichtfertiges, oberflächliches, eitles Geschöpf entpuppte, sich zwischen die beiden Kameraden drängte und Ludwig mit dem Freund betrog. Die Schlußszene jedoch, die bet einem furchtbaren Sturm wieder auf dem Schiff spielte und bei der die Kame­raden mitten in der schwersten, gesährlichsten Arbeit bereit waren zur Abrechnung miteinander, Ludwig geladen von Zorn und Verachtung Über den Verrat, der Kamerad voll stummer, höhnischer Abwehr, hinter der sich echte männliche Scham über sein eigenes Verhalten verbarg, der tödliche Kamps der beiden Männer und ihr Sichwiederfinden tn erneuter Kameradschaft über das Geständnis hinweg, daß das Madel mit ihnen beiden nur ihr sinnloses Spiel getrieben hatte, riß noch ein­mal alle aus einen Gipfel der Spannung. Man war überzeugt, daß der Film einen außerordentlichen Publikumsersolg ergeben würde, in Europa genau so, wie er ihn erst vor kurzem in Amerika gehabt hatte.

Doktor Hartl verließ mit Elisabeth das Haus Unter den ßmben. Sogleich als das Licht wieder aufgeflammt war, hatte er die Verände­rung erkannt, die Elisabeth in diesen knappen zwei Stunden durch- 9emy?er 'aud) auf der Heimfahrt nach Nikolassee sprach sie noch immer

Gegen Abend trat Elisabeth in Ludwigs Zimmer. Doktor Hartl saß am Schreibtisch, und vor ihm lag ein Briefbogen, der dicht bedeckt war von seinen kleinen, klaren Schriftzügen. Sie setzte sich neben den Schreibtisch dicht am Fenster, wie damals, als er sie zu sich gebeten hatte, um ihr feine Bilanz vorzutragen

Verzeih mir, daß ich bis jetzt geschwiegen habe! begann fie, legte den linken Arm auf den Tisch und stützte den Kopf in die Handflache. Ich weiß, daß ich dich damit unruhig gemacht und dir weh getan habe. Aber ich mußte erst nachdenken..."

Er war von ihrem ersten plötzlichen Du so betroffen und beglückt, daß seine Schwermut für einen Augenblick zurücktrat. Aber standen sie sich seit ihrer letzten Aussprache innerlich nicht so nahe, daß jede andere Anrede gezwungen und unnatürlich geklungen hätte? Sie gebrauchte ihr Du so selbstverständlich, als wären sie beide es seit langem gewohnt.

Ich habe dich hier erwartet jeden Augenblick, seit wir zurück sind" antwortete er stockend. Sie nickte.Ich mußte nachdenken... Du Lft mich ja denken gelehrt. Ich darf nicht mehr einfach zu dir kommen und dir sagen: Nein, Otto! Dort ist mein Schicksal, und es ist gut ft>, wie es auch immer aussehen mag. Das ist mein Gefühl und ist zu meiner sesten Ueberzeugung geworden. Aber du sollst nicht glauben, datz ich jetzt nur aus meinem Gefühl heraus handle, gerade weil ich von dir logisch und richtig denken gelernt habe und weiß daß mein Gefühl mit meinen Gedanken im Einklang stehen muß, soweit das über­haupt möglich ist. Darum mußt du mich jetzt ruhig anhoren, auch wenn ich mich noch unbeholfen ausdrücke. Es ist neu und schwierig für Mich. Mer ich brauche dir nur zu erzählen, wie diese Ueberzeugung in mir entstanden ist. Darüber habe ich nachgedacht und habe es auch gesunden. Bielleicht wird dir alles ein wenig sonderbar und widerspruchsvoll er- scheinen, namentlich nach dem gestrigen Abend. Ich habe mich selbst bar* über aewundert. Heute morgen, als ich die Einladung sand, spurte ich rum erstenmal, was das wirklich heißt: mein Schicksal. Zuerst mit einem Erschrecken dann aber mit einer Gewißheit, die immer klarer und freier wurde und die dann, als ich Ludwig wiedersah, mich ganz und gar aus- füllte Er ist mein Schicksal, Otto. Das mag aussehen, wie es will Ick habe gestern angefangen, über uns iirei zu sprechen, und wir haben so gesprochen, als ob Ludwig bei uns säße. Heute aber habe ich über alles was ich seitdem erlebte, so nachgedacht, als ob auch du fort parst, wie Ludwig. Und wie gestern alles ganz persönlich wurde, ist es heute ganz unpersönlich geworden. So unpersönlich, w,e eben bas Schicksal Kt Da ist mir klargeworden, daß Ludwigs Leoen ganz ohne Ordnung und Ruhe ist und daß deines ganz aus Ordnung und Ruhe besteht. Ich habe eine große Sehnsucht nach dieser Ordnung und Geborgenheit in meinem eigenen Leben, wie jede Frau. Ader ich muß sie selber schaffen

ut, daß Du da bist

ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR

Copyright 193? by August Scherl G- m. b. H.^ Berlin

(Fortsetzung.)

Der Film begann an Bord eines Frachtdampfers, der sich aus der Rückfahrt von Südamerika nach seinem Heimathafen San Franziska befand mitten im Stillen Ozean: eine vollendete Aufnahme des abend­lichen Ozeanspiegels, in den soeben die glühende Scheibe der Sonne untergetaucht war und über dem in der Hellen tropischen Dämmerung das Kreuz des Südens flimmerte. Langsam schob sich die dunkle Silhouette des dahingleitenden Schisses in diese flimmernde Einsamkeit. Die Bugwelle begann ihr eintöniges Rauschen, das Stoßen und Stamp­fen der Maschine wurde lauter und taktmaßiger, und fetzt befand man ich schon auf dem Achterdeck, auf dem die wachtfteie Mannschaft Karten Leite und fang. Deutlich trat aus der untermalenden Musik die Melodie der Ziehharmonika hervor. Die Kamera wanderte weiter und es erschien auf der Leinwand der Bootsmann Ludwig Thiele, Der auf einer Taurolle faß, bas Instrument in ben Händen hielt und die letzte Strophe des Liedes sang. . - .,

Der Film lief weiter, aber Elisabeth folgte der einfachen Handlung nur mit halbem Auge und Ohr. Mit biefem ersten Bild Lubwigs erwach­ten in ihrer Erinnerung alle Einzelheiten aus jener entscheidende Nacht imWaldwinkel" wieder. So war er damals mll der Harmonika plötzlich im Saal erschienen und hatte mit seiner Melodie wie em Rattensänger alle zu Tanz und Ausgelassenheit hingerissen. So riß er auch jetzt von der Leinwand herab vorn ersten Augenblick ab alle hm.

Ein Kamerad hob sich aus der Mannschaft heraus, in seiner Erschei­nung, seinen Gesten und seiner Sprechweise der stakste Gegensatz zu dem Bootsmann Ludwig: ein langer, sehniger, bunte Iflebrauirt« Kann, der im Dienst und in der Freiwache Ludwigs erklärter Agner schien, mit ihm raufte und wieder für kurze Stunden Frieden schloß der m ihm trank und fang, die Koje teilte, die zum Schauplatz ihrer Kampfe und Vertraulichkeiten wurde, dem Ludwig von feiner Mutter: unb feiner Braut erzählte, breit ausladend und mit männlichen Übertreibungen. Der Hafen von San Franzisko kam in Sicht. Dort wurde er dem ffep- tiichen Kameraden heute abend noch Mutter Braut vorfuhren d Mustereremplare der Weiblichkeit. Man war im Hafen und verabredete sich in einem der besten Lokale. Ludwig kam nach Hause nach zehn­monatiger Abwesenheit, die Taschen voll Geld und bas Herz voll Swlz und Zärtlichkeit. Die Mutter, eine hochgewachsene statt che Frau aus dem Volk mit einem offenen Gesicht voll nachsicht^er Gu , fana des heimkehrenden Sohnes im altmodischen Staatskle d, jchlotz: um wörttos in die kräftigen Arme. Sie erschien keineswegs alt und W bebürftig j fSnbernX eine selbstbewußte Frau von em.gen vierzig

kam auch bie Braut hinzu und gestaltete den Empsang^zu einem lauten, wirbelnden Fest. Sie wirkte neb . . , , f>üb[chheit

und behend hübsch, aber von jener etwas ausdruckslosen Hiwfchye blonder Amerikanerinnen und für diese Umgebung allzu elegant.

.Hat sie nicht irgendeine entfernte Aehnlichke.t: m. der Erschmung Mira von Altens? Und die Mutter nut mir selbst? schoß -- Llftaveiy durch den Kopf, und sie lächelte luifrebte Ludwig

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und trank, ftihlte Elisabeth sich von neuern ganz nach n

zurückversetzt. Wurde nicht das gebratene Hih t e5 mit ejn Holzplatte herangebracht und vor Ludwig 5 $ ganze Tisch

paar Schnitten mehr zerriß als zerteilte? S °nb mcht^der^gad ^aj voll von Schüsseln, Gläsern und Gestern, pflegte? Ging

Hagen getafelt wurde, genau so wie Ludwig zu ta ein nieg y nicht ein behagliches sinnliches Schmunzeln 1 ursprünglicher

fdjauerraums bei dieser breit °usgep°nnenn °°n^ uüprung.icy^ Lebensfreude durchtränkten Szene? Die Wirku g aber wuchs

Ludwig Thiele war stets eine naive und elementare, H.» aber w ck die ganze Szene so sehr aus feiner eigenen Na h