freundlich entlassen und nahmen das sichere Gefühl mit, daß uns von dieser höchsten Stelle jede Unterstützung zuteil werden wurde. Sie wurde uns mehr als wir hofften. Bekamen wir doch später einen eigenhändig unterzeichneten großen Reisebrief mit dem großen Staatssiegel versehen, der uns Tür und Tor öffnete und die jeweiligen kleinen und großen Gouverneure und Landesverwalter zwang, uns kostenlos Lebensmittel und Unterstützung zu liefern.
Am nächsten Tage wurden wir zu einem abessinischen Essen geladen. Man sitzt dabei auf Teppichen und Kissen nach türkischer Art auf der Erde. Zuerst wird warmes Wasser für die Hände gebracht, dann große Körbe mit Brotsladen. Zwischen 4 bis 5 Personen wird immer ein Korb mit Fladen gestellt. Zuletzt werden Töpfe mit scharsgewurzten Fleisch- saucen (Wot), Hühner, Eier und andere Sachen serviert, welche zwischen die Brotfladen gestellt werden. Jeder greift mit der rechten Hand zu, reiht ein Stück Fladen ab, fischt mit diesem Stück in der Sauce herum und versucht ein Stück Fleisch einzuwickeln. Ist man soweit, wird alles in den Mund geschoben; ohne Messer, ohne Gabel, alles mit der bloßen Hand. Jeder versucht natürlich das beste Stück zu finden, und es herrscht ein edler Wettstreit. Eine besondere Ehre ist, wenn der Hausherr einen Extrabissen zusammenkullert und dem Gast höchst eigenhändig in den Mund schiebt. Hammelkeulen mit beinahe rohem Fleisch werden von den Dienern, einfach in der Hand, natürlich am Knochen, gehalten, herumgereicht. Man reißt soviel ab, wie man gerade Appetit hat. Als Getränk wird Tetj, der abessinische Wein, den man mit Vorsicht genießen muß, in kleinen Trinkslaschen gereicht. Gläser gibt es nicht. Das Essen war so scharf, daß uns die Augen tränten. Wir hielten es für übertrieben gewürzt, vielleicht um uns Neulinge anzuführen. Später haben wir oft im Süden des Landes bei kleineren Machthabern am Essen teilnehmen müssen und da gingen uns erst recht die Augen über. Das abessinische Essen ist das am schärfsten gewürzte, das ich bisher gekostet habe. Es ist viel schärfer, als da« auch schon berüchtigte Curryessen oder Palmölschop Indiens, der Südsec und Westküste Afrikas. Einige Tage später waren wir beim Kaiser zum Abendessen geladen. Ein Märchen von Tausend und einer Nacht verwirklicht sich, wenn man von goldenen Tellern ißt. Diener hinter jedem Stuhl, jedes Winkes gewärtig. Französische Küche und die besten Weine. Wieder hatte ich Gelegenheit, die mich stark interessierende Erscheinung des Kaisers zu beobachten. Die kleine zierliche Figur, helle gelbliche Gesichtsfarbe, ein gutgeschnittener dunkler Vollbart, große sprechende Augen, die sehr energisch blicken können, ein Willenskraft verratender Mund, kennzeichnen eine Persönlichkeit von Geist, Energie und Diplomatie, die imstande ist, dieses von Interessenten umlauerte, im Innern aber von selbstsüchtigen und intriganten Fürsten beherrschte Land zu regieren. — An der Nord-, Süd- und Westseite wird Abessinien von Kolonialländern Englands begrenzt, das an dem im Norden hochgelegenen großen Tana-See, dem Hauptwafjerspender des Blauen Nils, reges Interesse hat. Könnte man doch hier durch geeignete Sperren sehr gut eine endgültige Wasserregulierung des Nils durchführen. Frankreich besitzt den Hafen und beherrscht mit seiner von dort ins Innere Abessiniens führende Bahn den Handel.
Im Nord- und Slldosten umklammert Italien mit seinen afrikanischen Kolonien das Land und könnte für seine Menschenmassen sehr wohl das hochgelegene, gesunde und fruchtbare Siedlungsland Abessinien gebrauchen. Im Innern des Abessinischen Reiches leben mächtige Fürsten, von denen jeder heute noch glaubt, daß eigentlich seine Familie mehr Anrecht aus den Herrscherstuhl Aethiopiens hätte, als der Sohn des „Löwen von Adua". Wenn sie vielleicht auch keinen offenen Aufruhr wagen können, so gab und gibt es wohl auch heute noch andere Wege, um ein solches Ziel zu erreichen. Seit jeher wurde in orientalischen Ländern gern mit Gift gearbeitet. Die Gebräuche des „schwarzen Kaffees" erfreuen sich noch immer einiger Bedeutung, und so ist auch der Beruf eines „Vorkosters bei Hose" am kaiserlichen Hof in Abessinien eine durchaus ernst zu nehmende Position, denn auch bei unserem Abendessen wurden alle Gerichte vorgekostet. Die Kaiserin, eine imposante Erscheinung orientalischen Formats, verschönte durch ihre sympathische Liebenswürdigkeit den denkwürdigen Abend.
Oer Bart im Wandel der Zeiten.
Ein männliches Kapitel Kulturgeschichte.
Von Dr. Wolfgang Frahm.
Ein Streiszug durch die Geschichte zeigt uns ein endloses, niemals entschiedenes Hin und Her zwischen der Sitte, das Antlitz bartlos zu halten, und der Barttracht, die wiederum in unzähligen Abwandlungen aufgetreten ist. Die einen haben den Bart stets für ein Zeichen der männlichen Kraft gehalten, und in manchen Zeiten und bei manchen Völkern wurde ihm sogar eine geheimnisvolle Macht zugesprochen. Der Muselmann schwor beim Barte des Propheten. Ja, man ist so weit gegangen, die Zeitalter, in denen der Bart — wie im Rokoko — verpönt war, als unmännlich zu verdammen. Die anderen aber sahen in der Barttracht einen nicht lebensberechtigten Rest der Vergangenheit, eine lästige Sitte und zudem — wie in der Neuzeit immer wieder behauptet wurde, — einen Verstoß gegen die Hygiene.
Soweit wir den Gang der Geschichte zurückoerfolgen können, ist überhaupt nicht zuverlässig zu entscheiden, ob zuerst die Barttracht oder das glattgeschorene Gesicht als „höherstehend" gegolten hat. Bei den Kulturvölkern des Altertums rasierten jedenfalls die Sumerer, die Völker des östlichen Mittelmeerkreises, die Kreter, Philister und Aegypter ihren Bart. Der Vollbart und die sogenannte Fräse, der Kranzbart, wie wir ihn heute noch bei Fischern und Schiffsleuten finden, setzten sich wohl zuerst in Bahylo'üen durch. Aus diesen beiden Barttrachten entstand eine dritte, die nach ihrem Verbreitungsgebiet die babylonisch-assyrisch-persische genannt wird und in der das Haar kunstvoll zu Strähnen und Locken
wickeln geflochten wurde. Später trat bei den Aegyptern der Königsbart auf, der als Hoheitszeichen der Herrscher galt. Bald trug der Pharao sogar einen künstlichen Bart, der umgebunden oder angeklebt wurde. Selbst Königinnen unterwarfen sich dieser Tracht. -
Die alten Griechen sollen sich zuerst glatt rasiert haben, bis von Kleinasien her im archaischen Zeitalter der Vollbart zu ihnen gelangte. Alexander der Große erließ jedoch 330 v. Ehr. einen Armeebefehl, in dem feinen Kriegern das sofortige Rasieren befohlen wurde. Nach Darstellungen von Plinius und Varro haben die Römer um 452 o. Ehr. begonnen, das Gesicht zu scheren, als Publius Mena Barbiere von Sizjlien mitbrachte. In den letzten vorchristlichen und in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten scheint jedenfalls die bartlose Mode vorgeherrscht zu haben.
Auch bei den Germanen hat die Einstellung zur Barttracht geschwankt. Während in den Gräbern aus der Bronzezeit Rasierklingen als übliche Beigaben aufgefunden wurden, begegnen uns die Germanen der Römerzeit in fast allen Darstellungen mit starkem Bartwuchs, wobei allerdings nachweislich zwischen den einzelnen Stämmen große Verschiedenheiten bestanden haben. Die Angelsachsen trugen Bärte bis zur normannischen Eroberung; erst Wilhelm der Eroberer zwang sie, sich zu rasieren. Wenn in Mitteleuropa von der Epoche der Karolinger an bis ins 11. Jahrhundert hinein auch die Bartlosigkeit weit verbreitet war, so ist der Vollbart doch niemals ganz verschwunden gewesen. Mit Ausnahme des 12. Jahrhunderts, in dem häufig der gekürzte Spitzbart getragen wurde, hat sich das glatt rasierte Gesicht mit einigen kurzen Unterbrechungen bis zu Anfang des 16. Jahrhunderts behauptet. Sowohl in den Kreisen der Ritter als auch bei den Bürgern kam während der Reformationszeit der Vollbart auf. Je stattlicher der Bart, um so geachteter war der Mann. Dem Bart zu Ehren gab Antonius Hotomannus im Jahre 1556 sogar ein besonderes Werk heraus. Mit der Ausbreitung der spanischen Tracht in Europa kam ein kurzer gestutzter Sinnbart mit kleinern Schnurrbart zur Geltung, der ganz zu Unrecht den Namen „Henri quatre“ führte, denn Heinrich IV. trug einen vollen Kinnbart mit Mittelscheitel. Die Zeiten für Langbärte wurden immer schlechter. Der Bischof von Halberstadt, Herzog Heinrich Julius, lieh feinen Hofleuten und Räten gegen Ende des 16. Jahrhunderts die Bärte abfchneiden, fo daß sie nur die Zwickel behielten. Bei Ludwig XIV. wurde der Schnurrbart ganz dünn, und der Kinnbart hatte an der Unterlippe nur noch als „Fliege" ein kümmerliches Dafein. Die Rokokozeit verdammte dann die letzten Reste des Bartes als verachtenswerte Zeichen einer überlebten Barbarei.
Aber die Barttracht erwies sich als unverwüstlich; in den einzelnen Ländern feierte sie auf verschiedene Weise fröhliche Wiederauferstehung, wobei Monarchen und andere hochgestellte Persönlichkeiten eine bedeutsame Rolle spielten. Von England aus verbreitete sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Mode des Backenbarts, aus dem sich die sogenannten „Koteletten" entwickelten. Napoleon III. verhalf dem kräftigen Kinn- und Knebelbart zum Siege, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für den Franzosen ebenso kennzeichnend war wie der große Vollbart für den deutschen Demokraten. Anderseits haben manche Herrscher sogar Gesetze gegen das Tragen von Bärten erlassen. Im Jahre 1850 verbot der Kaiser von Oesterreich seinen Zivilbeamten die Barttracht. Drei Jahre später wurden widerspenstige Männer auf Veranlassung der neapolitanischen Regierung unter Einsatz von Karabinier! gezwungen, ihren Bart stutzen zu lassen. Andere Völker, andere Sitten! Großfürst Nikolaus, der Oberbefehlshaber der russischen Armee, verbot hingegen den Offizieren, sich den Bart ganz abzurasieren, weil die Bartlosigkeit den allrussischen Ueberlieferungen widerspreche. Besonders in Rußland haben derartige Bartoerordnungen eine lange Geschichte. Als Peter der Große, in feinem Bestreben, dem Geist der Kultur der westlichen Länder in feinem Reich Eingang zu verschaffen, auch eine Kürzung der Bärte befahl, entfesselte er bei den gläubigen Altrussen einen regelrechten „Bartausstand".
Auch außerhalb Rußlands war das Beispiel der Fürsten für die Byrt- rnode tonangebend, und beim Militär sind zudem noch häufig die gleichen Rücksichten 'maßgebend gewesen, die überhaupt eine Uniformierung der Soldaten wünschenswert machten. Das Vorbild des Monarchen wurde aber auch aus eigenem Antriebe von Höflingen und Beamten bis hinunter zum teinften Akutarius nachgeahmt. Der im Jahre 1821 verstorbene Zopfkurfürft von Hessen, Wilhelm I., befahl seinen Beamten und Offizieren sogar, den Bart in Form eines „W“ zu tragen, was natürlich geschah.
In der englischen Armee war den Offizieren hingegen bis zum Jahre 1840 jeder Bort untersagt, nach dem Krimkrieg setzte sich bann allmählich der Schnurrbart durch, und zwar so gründlich, daß jeder Zivilist mit Schnurrbart für einen Offizier gehalten wurde, eine Tatsache, die der weiteren Verbreitung dieser Barttracht nur förderlich war. In Deutschland und besonders in Preußen war durch das Beispiel König Wilhelms I. eine besondere Art von Backen- und Schnurrhart Mode geworden, die man noch heute in seltenen Fällen bei einigen älteren Herren beobachten kann. Unter Wilhelm II. hatte der Schnurrbart mit den kühn nach oben gezwirbelten Enden, die der Volkswitz ebenso schnodderig wie treffend mit den Worten „Es ist erreicht" übersetzte, seine große Zeit, und jeder bemühte sich, es mit Bartbinde und Brillantine zu dem gleichen Ergebnis zu bringen.
Eine besondere Regelung erfährt die Barttracht der Geistlichen innerhalb der katholischen Kirche. Durchweg ist den Priestern hier die Barltracht untersagt, vor allem der Schnurrbart. Bei den Mitgliedern des Kapuzinerordens ist der Vollbart jedoch sogar Vorschrift, und auch den Missionaren ist er selbst bis zu den höchsten Würdenträgern erlaubt. — Die Entwicklung der Barttracht ist eines der aufschlußreichsten Savim der Kulturgeschichte; aus ihm können wir manche Wandlungen von Sitte und Brauch, von religiösen Vorstellungen und politischen Anschauungen ablesen, die immer wieder von den Schwankungen der Mode durchkreuzt werden, von der wir — ohne die tieferen Gründe enträtseln zu wollen — nur sagen können, daß sie die Abwechslung liebt und unberechenbar ist.
'verantwortlich: Or. HanSThyriot. — Druck undD erlag: Drühl'scheUniversitäts»Duch-undSteindruckerei.2i. Lange, Gießen.


