Sie bleibt also hier?"

Nur für diese Nacht, kleiner Dummkopf. Also ich kann dir das toerlaj(en?

Sie nickte.Der Kellner ist noch auf. Ich habe ihn vorhin gesprochen und weiß, wo er steckt", sagte sie und wandte sich um.Aber helfen werde ich ihm nicht!" murmelte sie vor sich hin, doch so, daß er es nicht mehr verstehen konnte. Dann eilte sie davon.

Ludwig trat in den Saal zurück und fand einen Teil seiner Gäste tm Ausbruch.

Der Agent Henschke, der hinter der Flügeltür aus ihn gelauert hatte, stürzte sich wie ein Raubvogel auf ihn und packte ihn an der Schulter.

Ein paar Worte, Thiele! Den ganzen Abend warte ich darauf, und Grolman ist im Begriff, nach Hause zu fahren. Er läßt Sie übrigens bitten, chm eine Taxe kommen zu lassen. Das wird es doch hier geben? Run hören Sie einen Augenblick scharf zu, wenn Sie dazu noch in der Lage sind: Die Sache wird morgen oder übermorgen perfekt! Jeden­falls hat er mich auf morgen zu sich ins Hotel bestellt. Ich habe ja Ihre Vollmacht und werde das Kind schon schaukeln. Selbstverständlich ruse ich Sie an, und dann kommen Sie eventuell sosort herein. Jetzt zeigen Sie mir, wie ich hier zu einer Taxe komme! Ich werde die Heimfahrt be­nutzen, um der Sache den letzten Schliff zu geben. Es war großartig bei Ihnen, Thiele, und Sie haben es richtig gemacht, daß Sie sich fast gar nicht um ihn gekümmert haben. Erst stiegen mir schwere Bedenken aus. Das kann ich Ihnen offen gestehen. Ich glaubte sogar, daß er noch ganz vbspringen würde. Aber jetzt bin ich so sicher, als hätten wir schon unterschrieben ... Menschenskind, ich bin derart aufgeregt und werde kaum schlafen bis übermorgen. Aber das ist auch 'ne Sache, wie sie einem nicht alle Tage passiert! Ich freu' mich für Sie wie ein Schnee­könig. Uebrigens ein merkwürdiger Bursche, dieser Grolman. Bis vor zehn Minuten konnte ich nicht aus ihm klug werden und hab' doch schon allerhand Direktoren in den Händen gehabt! Ader prima, prima! So, und nun kommen Sie und zeigen Sie mir das Telephon!"

Thiele wies ihm den Weg und ging zu Grolman hinüber. Doch der Filmdirektor sagte ihm nur ein paar liebenswürdige Worte über den Abend, der ihm wirklich gefallen hatte, und verabschiedete sich. Er wollte sich unbemerkt entfernen, um niemand ein Zeichen zum Aufbruch zu geben. Die blonde Schönheit jedoch muhte erfahren haben, daß er nach einer Taxe verlangt hatte, und war fest entschlossen, ihm einen Platz in ihrem eigenen Wagen aufzudrängen. Sie benutzte zu diesem Angebot den Journalisten Ollendorf. Dieser hatte kaum eine Andeutung gemacht, als Grolman ihn unterbrach. Er sah dabei Gerda Diemer an, die sich in seiner Nähe gehalten hatte.Ich habe soeben den Eindruck empfangen, daß Ihre Dame ebenfalls daran denkt, aufzubrechen. Ich würde mich freuen, wenn Sie beide von dem Wagen Gebrauch machen wollten, den mir Herr Henschke gerade besorgt. Wir werden so heimlich wie möglich verschwinden. Nochmals meinen Dank, Herr Thiele! Es war sehr hübsch und interessant. Auf Wiedersehen!"

Natürlich stürzte sich Gerda Diemer auf diese Gelegenheit. Sie nickte, ganz erfüllt von freudiger Ueberraschung, und verlieh rasch den Saal. Ollendorf folgte ihr, aufgeregt von den zwiespältigsten Empfindungen.

Henschke hatte wirklich eine Taxe aufgetrieben, die gegen eine be- 1 andere Vergütung die Fahrt übernahm. Gerda Diemer, im Fond neben 'em Direktor, erlebte auf dieser beinahe einftünbigen Fahrt in die Stadt die größte Enttäuschung ihres Lebens. Grolman sprach überhaupt kein Wort, sondern sah in seine Ecke zurückgelehnt mit geschlossenen Augen, als wäre sie überhaupt nicht vorhanden. Nur Henschke und Ollendorf auf den beiden Vordersitzen unterhielten sich halblaut und ein wenig krampfhaft über die gleichgültigsten Dinge der Welt.

Als Gerda vor ihrer Wohnung ausstieg, war sie vollkommen ver­wirrt und hilflos, ein hart gestraftes Kind, und nahe daran, in das Schluchzen auszubrechen, gegen das sie in der letzten halben Stunde mühsam angekämpft hatte. Sie erreichte gerade noch ihre elegante Zwei­zimmerwohnung. Dann aber ergossen sich ihre ganze Enttäuschung und ihre schwerverletzte Eitelkeit in einem hysterischen Anfall über den unschul­digen Ollendorf.

Nach dem Weggang Grolmans befahl auch die blonde Diva mit einer starren, gefährlichen Ruhe ihren Wagen. Professor Bernau, der sich ihrer angenommen hatte mit der Absicht, sich und Inge Graf von ihr nach Hause bringen zu lassen, wurde von Thiele aufgehalten. Jetzt war die Wirkung der Weine auch an dem Schauspieler deutlich zu merken.

Du willst dich drücken? Das gibt es nicht!" sagte er und faßte den um eine Kopfeslänge kleineren Architekten am Arm.Ich habe mit dir zu sprechen und wette jede Summe, daß du dableibst, wenn du hörst, um was es sich handelt."

Laß mich los! Ich muß heim. Sonst komme ich überhaupt nicht mehr weg vor dem hellen Morgen. Mein Auto ist wieder kaputt, und ich habe keine Lust, noch einmal Stadtbahn zu fahren. Wo steckt denn eigentlich Inge?"

Dort drüben tanzt sie. Die kriegst du jetzt noch nicht weg!"

Das wollen wir sehen. Wer ist denn der Mensch, mit'dem sie seit einer Stunde herumhopst?"

Ein reizender Kollege von mir. Ich finde ihn sogar hübsch."

Was heißt hübsch ... Grünes Gemüse!... Aber wir gehen seht ab durch die Mitte! Gute Nacht, Ludwig!"

Du solltest sie heiraten!" sagte Thiele und blinzelte vergnügt.Cs wird höchste Zeit für dich. Glaub mir, es ist gar nicht so schlimm, das Heiraten. Sie scheint gerade die Richtige zu sein. Wenigstens jetzt noch. Wenn du zu lange wartest, kann sich das ändern, und dann geht sie dir durch die Lappen. Schau mal ganz scharf hin! Sie tanzt großartig mit dem Jungen findest du nicht?"

Mach keine dummen Witze! Laß mich lieber aus! Sonst versäume ich die letzte Gelegenheit."

Du hast Zeit, mein Lieber. Man wird nicht ohne dich wegfahren, dafiir werde ich sorgen. Dort steht ja noch unser blondes Gift!" Er winkte mit der Hand zu der Diva hinüber. ..Ich lass' dich nicht weg, bevor

du mir versprochen hast, die Kleine zu heiraten, und nebenbei, mir mein1 Haus auszubauen."

Ich habe immer geglaubt, daß du mehr vertrügst. Aber das scheim ein grober Irrtum gewesen zu sein. Bist du sinnlos betrunken, oder dis: du nur so?"

Das hilft dir nicht. Morgen oder übermorgen kaufe ich das Hau: drüben am See. Ich habe es dir ein paarmal gezeigt. Du wirst es mit ausbauen, genau so, wie ich es haben will. Verstanden."

Nein!"

Sann muß ich es dir also noch einmal in die Ohren brüllen: 3d) werde morgen ober übermorgen ...

Halt ben Munb! Von was willst bu benn das Haus kaufen? Das riecht verdammt nach Größenwahn. Du fängst an, mir Kummer zu machen, mein Junge!"

Sann bist bu also ber einzige, ber nicht weiß, baß ich im Frühjahr nach Hollywood gehe mit einem ganzen Sack voll Sollar! Oder glaubfl bu, ber Sirettor Grolman von ber Gloria-Film-Corporation war ze seinem reinen Vergnügen hier?"

Im Ernst, ßubroig?" rief Bernau aufflammenb.

Mein voller Ernst. Willst bu bas Haus ausbauen ober nicht?"

Natürlich will ich! Aber nicht heute."

Sas wollte ich nur wissen. So, jetzt hol dir deine Kleine und komm so bald wie möglich mit ihr wieder zu mir heraus, um alles abzumacher Vor allem den Preis. Eigentlich wollte ich das gleich heute nacht tun. De bu aber feine Zeit mehr für mich übrig hast ..."

Sei nicht so albern, Lubwig! Su muht doch einsehen ..."

Natürlich sehe ich ein. Alles sehe ich ein. Auch, daß unsere Dio» nicht länger auf dich warten will. Also geh schon! Ich schick' dir bit Kleine."

Thiele ging hinüber und fing die blonde Inge Graf beim Tanze» ein. Sie schien ein wenig unwillig über die Störung ihres Vergnügens das ihr Stirn, Wangen und die bloßen Schullern gefärbt hatte, füg!« sich aber und eilte zu Bernau, nach einem flüchtig gestammelten Sank.

Lubwig suchte vergebens nach Mira. Sie war mit Aenne unb Bill» verfchwunben.

17.

Nach einer Stunbe es war fünf Uhr vorüber entschloß sch auch Sottor Kern zur Heimfahrt. Sein Wagen füllte sich mit ben übrig« gebliebenen jungen Leuten, bie der Alkohol überwältigt hatte.

In ber Ecke um Lubwig Thiele lagen in tiefen Sesseln nur noH Franz Martin, ber Bilbhauer, der gänzlich stumm geworden war unb in einem seligen Rausch bie Harmonika auf ben Knien hielt wie ein kleines Kind, sowie Hubert von Gerber, der einen von langen Pause» unterbrochenen Sialog über die Letzten Singe mit Sottor Hartl führte Ser Schriftsteller phantasierte hemmungslos unter der Wirkung bei schweren Weine unb sprang ohne Uebergang von einem Gegenstanb auf ben anderen über, während Sottor Hartl, der als einziger feinen tlarcm Kopf behalten hatte, die stärksten Reserven seiner Logik ins Tresse» führte, aber auch er gelöst und bereit, bis zum grauenden Marge» für feine Erkenntnisse einzutreten.

Ludwig Thiele saß aufrecht in seinem Sessel unb schien zu träumen. Nur hin unb wieder verriet ein unwillkürlicher Einwurf, begleitet do» einem langen Zug aus seinem Pokal, daß er dem Sisput folgte, ber sich immer weiter in dem Gestrüpp gewagtester Abstraktionen verlor.

Als einziges weibliches Wesen huschte Billy von Zeit zu Zeit durch den Saal, wie ein lautloser, behender Spuk. Sie füllte die Gläser, er­setzte die Flaschen, und es machte ihr nichts aus, daß keiner der Männer von ihr Notiz nahm. Sie verstand die Kunst, zuzuhören und sich zugleich überall nützlich zu machen, ohne sichtbar zu werden. Alle spürten ihr« Anwesenheit nur ganz entfernt, fo etwa, als würden ihre heißen Köps§ hin und wieder von einem kühlen, angenehmen Luftzug gestreift.

Die Unzulänglichkeit aller menschlichen Dinge ...", brummte ber Schriftsteller.Sie, Hartl, können bas Bewußtsein davon ebenforoenij ertragen wie ber Doktor Kern, ber sich fluchtartig aus dem Staub ge­macht hat. Sie flüchten auch davor, und zwar in Ihre Philosophie, bie im Grunbe eine absolut ibeallstische geblieben ist wie jener in bas Gegenteil: in ben absoluten Zynismus .. .*

Doktor Hartl war im Begriff, ihm zu antworten, ba die Rebe sich ins Uferlose auszubehnen brohte, als plötzlich Lubwig Thiele aus feinem Sessel heraus zu sprechen begann, langsam, stockenb unb mit Pausen, so, als förbere er bie Silber mühsam als einem verschütteten Schachit seiner Erinnerung zutage. Die ganze Umgebung schien für feine halb- geschlossenen Augen versunken.

Wir tarnen von Sansibar ... Es war ein alter, klappriger Kasten, ein Frachtschlorren von ganzen zweitausenb Tonnen. Drei Monat« waren wir unterwegs unb wußten alle schon von Hamburg ab, baß ber Kasten nichts mehr taugte. Aber es ging, wie es immer gegangen war. Wir tarnen hin unb waren schon auf ber Heimfahrt, etwa auf der Höh« von Malta. Daß mit der Maschine schon immer etwas nicht in Drbnung gewesen war, hatten wir säst schon vergeßen ... hatten auch das präch­tigste Wetter. Mitten am schönsten Tag platzt ba auf einmal ein Kessel» und wir mußten zwei Heizer heraufholen ... Bis auf die Knochen ver­brüht. Mit dem schäbigen Rest ber Maschine tarnen wir gerabe noch« bis Marseille. Aber ohne bie zwei armen Burschen. Wir haben sie aufj bas Achterbeck geholt unb hingelegt. Wir taten noch, was wir tonnten- Es war nicht viel: Ganz in Del gepackt unb in Zeltbahnen gerollt. Es hat alles nichts mehr geholfen. Einen jungen Arzt hatten wir ba am Borb, von bem wir nie viel gehalten hatten. So ein blonder, langer Bursch, ber gerabe ein Examen gemacht hatte unb zum zweitenmal die Safe in ben Wind steckte. Der packte zu, wo wir alle fast nicht mehr Hinsehen! konnten. Der zeigte auf einmal, daß er ein ganzer Kerl war, obgleich« er kaum einen richtigen Flaum um den Mund hatte unb niemand ihm zutraute, baß er einem je einen Zahn ziehen könnte.

(Fortsetzung folgt.)