Ausgabe 
23.12.1935
 
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i, wenn

zumute.

Bissen in den Mund schieben.

Der Appetit kommt beim Essen!" ermuntert Borte und gibt nicht nach, als er ihre Hand abzuwehren beginnt. Schade, daß sie nichts für ihn zu trinken hat. Sie würde ihm gern was aus der Gaststube herunter­holen, aber sie scheut die Fragen oben und die verwunderten Gesichter.

Also einen Schatz hast du", kommt Lars auf das zurück, was er be­obachtete.Er meint es doch ehrlich mit dir, wie? Eigentlich bist du ja noch zu jung für so etwas."

Sorte errötet bis an die Haarwurzeln. Was soll sie sagen? Er sollte doch davon schweigen, wirklich.

Na ja", fährt Lars fort.Es ist ja schließlich kein Wunder. Aber du hättest es mir ruhig sagen können ... Wer ist es denn? Aber mit der Heiraterei werdet ihr doch noch warten? Mutter soll es wohl nicht wissen, wie?"

Sorte wundert sich, daß er so ruhig mit ihr darüber spricht. Aber es ist Lars beinahe ein Trost, daß er es nun weiß. Denn wenn er nun nicht mehr da sein wird, hat sie am Ende doch jemand, der für sie denkt und sorgt.

Du wirst mir wohl nicht gern sagen, wer es ist?" fragt er wieder. Doch nicht einer der Kellner hier im Hause? Da wäre mir der junge Hausdiener, den ihr hier habt, schon lieber, muß ich sagen. Heißt er nicht Fritz? Ich hab ihn neulich mal in der Küche gesehen, meine ich. Kannst du dich darauf besinnen? Aber der ist es wohl nicht? Er erzählte mir damals, daß er vom Lande ist. Da hat er sicher einen guten Kern in sich, mehr Treue und Beständigkeit, siehst du."

Sorte ist aufgestanden. Saß er gar nicht davon aufhören kann. Sie ist ein wenig ärgerlich auf ihn. So schwatzhaft ist er doch sonst nicht. Ihr Schatz heißt auch nicht Fritz, sondern Martin.

Aber", setzt sie hinzu,du mußt nicht mehr davon reden, nicht wahr? Cs ist ja alles noch ganz heimlich mit uns. Niemand weiß etwas davon. Es kann ja auch fein, daß alles noch anders kommt."

So, so", brummt Lars.Es ist wohl gar nicht so einfach für euch, immer aufzupassen, daß niemand etwas merkt, wie?"

Nein, das kannst du dir wohl denken. Sie haben hier alle Luchs­augen auf so etwas, sag ich dir, und die Erna, die heute weggegangen ist, hätte ihn auch gern gehabt, wie ich gemerkt habe ... Aber du mußt nicht meinen, daß ich ihm nachliefe. Sas wäre das letzte."

Lars hat noch nie daran gedacht, daß Sorte einen Liebhaber haben könnte. Aber aus Kindern werden Leute. Ja, das ist wohl so.

Du sagst es zu Hause dach noch nicht, nicht wahr?" bittet Dörte ihn.

Nein, wenn du es nicht willst", antwortet Lars und empfindet es als eine Auszeichnung, daß er es nur erst allein wissen soll.

Im Grunde ist es mir sogar ganz recht", beginnt Lars von neuem. Wenn es ein ehrlicher Mensch ist, nicht wahr? Du bist ja dann nicht mehr so allein hier, und ich brauche nicht daran zu denken, daß du eines Tages das Heimweh kriegst, wie? Aber nun muh ich wohl aufstehen", sagt er und wirst die Bettdecke zurück. (Fortsetzung folgt.)

Ist es Sorte, die sich da auf den Hofplatz hinunterbeugt? Aber es ist zu dunkel, so daß er sie nicht sicher zu erkennen vermag. Jetzt wird edoch in einem der Gastzimmer im ersten Stock Licht angeknipst, und der Widerschein vom Schnee genügt gerade, daß er die Umrisse ihrer Figur erkennt. Gewiß ist es Borte. Wer sollte es denn auch sonst sein? Mit wem lästert sie denn da nur? '

Nein, geh doch jetzt, hörst du, und sag nichts davon, daß ich ihn hier in meinem Zimmer untergebracht habe. Es braucht nicht gleichdurch das ganze Haus zu gehen, daß er vorhin hier krank geworden ist-"

Nein, so dumm bin ich denn nun doch nicht", antwortete jemand ebenso leise, aber Lars hörte deutlich, daß es eine Männerstimme war.

Es ist doch nichts Ernstliches mit ihm, wie? Umgefallen ist et, ägst du?"

Beinahe, ja. Aber es war wohl nur die Müdigkeit. Jetzt liegt er und schläft."

Aber da hast du doch selber diese Nacht kein Bett?

Bas hilft sich schon. Ich bin auch kaum müde heute abend. Im Not- all schlafe ich ein wenig im Sitzen."

Warte, ich hole dir eine Becke aus meinem Zimmer."

Nein, auf keinen Fall. Ich will das nicht, hörst du?"

Boch, laß mich nur machen. Bavon merkt niemand was."

Nein quäl dich nicht um mich und mach jetzt, daß du wegkommst.n Nein, so laß das doch ... du ..."

Schlaf gut, hörst du?"

Du auch. Mußt du noch wieder zum Bahnhof?"

Ja, nur zum Berliner Zug noch. Dann ist Schicht."

Leise Schritte knirschen im Schnee, und leise wird auch das Fenster jetzt wieder geschlossen.

Du hast einen Schatz?" fragt Lars, als Sorte sich wieder still auf ihren Stuhl gesetzt hat.

Sie erschrickt so, daß sie zusammenfährt. Gut, daß Lars es nicht sehe»

Bu wachst?" fragt sie und tritt zu ihm ans Bett.Und wie geht es

dir jetzt?"

£)", antwortet Lars.Ein wenig matt bin ich noch ... ßte ver­dammte Lauferei, siehst du. Man geht doch seine fünf Stunden bis hier­her. Auch ...ich bin schon seit gestern abend auf den Beinen."

Lars beißt sich auf die Zunge, aber Sorte beachtet es zum Glück nicht, daß er sich da eben ein wenig verplapperte.

Warum bist du eigentlich nicht mit dem Wagen gekommen?" fragt sie.

Lars antwortet nicht. Er weiß nicht recht, was er sagen soll.

Komm, nun sei vernünftig und ein wenig. Ich hab dir vorhin etwas mit hereingebracht. Nur ein einziges Stück! Bu follst sehen, du erst mal einen Mundvoll gegessen hast, wird dir ja gleich besser zu

Es ist ihr eigenes Abendbrot, das sie mit in ihre Kammer genommen und für ihn zurückgestellt hat.

Lars läßt sich bereden und sich wie einem kleinen Kinde ein paar

Lars der Gerechte

Roman von Wilhelm Scharrelmann

(8. Fortsetzung.)

Aber nun steht er von neuem und jetzt so entschlossen auf, daß Sorte keinen Widerspruch mehr wagt. Als er aber draußen über den Flur tappt, kommt wieder so ein dummer Schwächeanfall über ihn. Es ist ganz ähnlich, wie damals am Brunnen. Hastig greift er nach einem Halt. Ah. die Mauer ist so wundersam kühlend, und es tut wohl, em paar Augenblicke lang die Sttrn daran zu drücken.

Aber dann hat er sich wieder.Holla", sagt er und lächelt,da wäre ich doch wahrhaftig beinahe gestolpert. Aber das macht dieser glatte Fuß­boden, den ihr hier habt." . ...,

Nein", erklärte Sorte nun bestimmt,bu gehst letzt wirklich noch nicht weg. Es ist unmöglich, siehst du, nun du den weiten Weg nach Hause vor dir hast ... Komm, tritt hier in meine Kammer, wenn du in der ßeuteftube nicht gerne sitzen magst, wo jeden Augenblick jemand herein- tommen kann, nicht wahr? In meiner Kammer bist du bann ganz sur dich ... Komm, es sind nur ein paar Schritte." Widerstrebend läßt Lars sich bereden. Er ist noch nie in Bortes Kammer gewesen, ja, er hat nicht einmal gewußt, wo man sie im Hause untergebracht hat. Alle anderen schlafen oben in bett Erkern, nur sie hat bamals als Küchenmäbchen ihre Kammer hier unten bekommen.

Es ist ein kahles, nichtiges Gelaß mit getünchten Wanben, unb bas Fenster geht nach hinten zum Hofe hinaus. Nun sie Zimmermädchen geworden ist, hat sie Anspruch auf eine der Kammern auf dem Haus- boben. Aber bart wirb sie mit Sophie in einem Zimmer schlafen müssen, und ba ist es ihr eigentlich lieber, wenn sie hier unten bleiben bars. Jedenfalls ist es heute gut, daß der Vater nicht erst die vielen Treppen nach oben zu steigen braucht.

So, hier wohnst du also", nickt Lars, mehr um etwas zu sagen, als daß er dem armseligen Raum eine besondere Aufmerksamkeit widmete. Sieh an, das ist ja, als wenn bu eine Prinzessin wärst, ben Teufel auch."

Schweigenb zieht ihm Borte bie schweren Stiefel von ben Füßen, wie sie es früher zu Haus tat, wenn Lars von ber Arbeit kam, unb er läßt es sich stillfchweigenb gefallen, so baß sie sich im stillen darüber wundert. Sa wird sie sofort noch um ein Stück mutiger unb gibt nicht eher nach, bis sie ihm auch die Joppe von ben Schultern gestreift hat.

So, unb nun hole ich dir etwas zu essen", erklärt sie kurz und bestimmt. Aber Lars widerspricht so energisch, daß sie es doch wieder aufgibt. Nein, es ist wirklich genug mit ber Sorge um ihn. Er muß sich ja schämen, baß er so mit sich umgehen läßt! Als hätten sie beibe bte Rollen getauscht unb er wäre nun ein Kind geworben, statt baß sie bas seine sei. Nein, zum Teufel noch mal, er will nicht noch schlapper gemacht werben, als er ist.

Aber im Grunbe empfinbet er ihre Sorge um ihn bankbarer, als er sich merken läßt. Um ben Finger wickeln könnte sie ihn, nun sie ihn aus ihren blauen Augen bittenb wie mit leisem Vorwurf ansieht.

Barum willigt er jetzt sogar ein, sich für eine Weile auf ihr Bett zu legen. Senn wenn ihm auch oerbammt schwach in ben Knochen ist, ins Bett braucht er barum noch lange nicht. Aber mach einer was gegen so ein junges Frauenzimmer!

Komm", sagt Sorte unb zieht ihm bie Becke ein wenig höher, bamit er ein wenig roieber burchwärmt, so eiskalt wie seine ©lieber finb, unb ,jomm", sagt sie roieber, unb biesmal meint sie das Kopskissen, bas sie ihm ein wenig höher zieht.

Liegst du so gut?" fragt sie.

Ja, ja", antwortet er.Mach nur nicht fo viel Geschichten. Bu weiht, ich kann so was nun mal nicht ausstehen."

Nun schlaf ein paar Stunden, hörst bu? Nur schnarchen barfst bu nicht", lächelt sie.Es ist nämlich nicht gerabe nötig, baß jemand, der draußen vorbeigeht, merkt, daß ich hier ein Mannsbild in meinem Zimmer habe."

Ja, bie Sorte! Sie kann einen ordentlich ein wenig aufheitern, wenn man ihr so zuhört, bentt Lars.

Alles ist so eigen um ihn, neu unb wunberlich. Auf ber kleinen Kommode, die Borke von zu Hause mitgekriegt hat, als sie in Bienst tarn, tickt ber Wecker, unb nun sie hinausgeht unb ben Schlüssel braußen im Schloß umdreht unb abzieht, kommt ein so ruhiges Gefühl der Ge­borgenheit über Lars, wie er es feit langem nicht mehr gekannt hat ...

Als er wieder erwacht, ist es stockdunkel im Zimmer. Nur der Schnee, der am Tage gefallen ist, leuchtet vom Hof her in einem matten Licht herein.

Lars liegt in einem stillen Verwundern unb braucht ein paar Augen­blicke, um sich barauf zu besinnen, wo er ist unb wie er in bas Bett gekommen ist, in bem er liegt.

Ach ja, richtig, er ist in Bortes Kammer, unb er hat so fest geschlafen, wie seit langer Zeit nicht mehr.

Wie spät es wohl sein mag? bentt er, ohne nur zu ahnen, wie lange er geschlafen hat. Es kann wohl nur eine halbe Stunde gewesen sein, vielleicht auch breioiertel, bestimmt nicht mehr.

Wo Borte nur stecken mag? Vielleicht, daß sie noch oben in ben ?;immern zu tun hat, nun sie doch einen ganz neuen Bienst im Hause at? Sa kann er am Enbe noch eine Weile liegen bleiben, ohne ihr ben Platz wegzunehmen, wie?

Sa hört er ein leises Flüstern im Zimmer. Es kommt wohl vom Fenster her? Unb jetzt spürt er auch einen leisen Luftzug, als stände bas Fenster offen, unb nun er schärfer bort hinblickt, erkennt er all­mählich, daß jemand am Fenster steht ...

Der antwortlich: l)r. Hans Thyriot. Druck und D erlag: Drühl'sche Univ ersitäts-'Luch- und Eteindrucker ei. A. Lana«, Gießen.