Canb vernebelt, zieht doch jebermann vor, ben Festesglanz von einem warmen unschwanken Sofa und womöglich in Familienschoß zu A grüßen, umgeben von Annehmlichkeiten, die an Bord nicht vorhanden sind. Zumal ja bie „Kathrin von der ganz alten aussterbenden höl- zernen Sorte war, die noch bas geschnitzte Abbild ihrer Namenspatin 0 5 Gallwnsfigur unterm Bugspnt trug, und war sie auch gemütlicher und ver"wanzt" E,,entasten, so war sie doch auch eng?°erbrauA
Jahren seine erste Reise gemacht brechungen treu geblieben war. G
Krischan Mock liebte sie trotzdem, und gern blieb er als Hafenwache an Bord. Im Hamburger Hafen gibt es allerdings nicht viel zu wachen denn es herrschen dort gesittete Zustände, so daß Möck ahne Gewissens- b.sse den Mittag sich von einem Jollenfllhrer nach Johannisbollwerk hatte übersetzen lassen, um sich ein bißchen fürs Abendbrot zu besorgen Er war fast so alt schon wie das Schiff, mit dem er vor mehr als füniüa fahren seine erste Reise gemacht, und dem er mit kurzen Unterbrechungen treu geblieben war. Gewiß, die Examina waren ihm ent- gangen aber er wußte von den Dingen der See soviel wie irgendein durch Patent Erhöhter ohne daß es seiner Beflissenheit und Tüchtigkeit vorm Mast Abbruch tat. Wie es denn noch so ein paar dieser alten durchgesalzenen Seerobben gibt, die allen Kartotheken zum Trotz kein Gnadenbrot brauchen und keine Rente kennen, bis der Tod sie holt So man ihnen begegnet, grüße man sie in Ehrfurcht!
Diesen Abend hatte Krischan Möck den Logisofen gut in Schwung und hielt die Kaffeekanne daraus warm. Seine Hand in ihrer derben Härte schien diesem glanzlos gewordenen Bunzlauer Geschirr sonderbar verwandt zu sein, ach, wie oft waren die beiden einander zugetan gewesen Schmunzelnd und schmatzend goß Möck den zichoriengewürzten Inhalt m eine längst des Henkels entbehrende bauchige Tasse und verwandelte ihn schnuppernd jeweils mit einem Schuß Rum in den gehörigen Festpunsch. Auch gönnte er sich heute ein Stück Räucheraal züm Schiffsbrot, dazu ein Viertel Sülze und auch drei Stangen Laufkäse, die er, ohne daß sein Appetit litt, knurrend als Leichenfinger bezeichnete, wie er denn überhaupt den von hohlen Schlaskojen eingerahmten einsamen Raum der Back mit Gerassel und Geräusper und lautem und leisem Geschmack geräuschvoll erfüllte.
Als er genügend in sich hatte, entfachte er den Sägbrösel, qualmte eine Weile gedankenvoll vor sich hin, genießerisch an feinen braunen Zahnstummeln nachschmeckend, was er Gutes gehabt, gedachte mancher Mahlzeit an mancher Küste und mancher schmalen Tage auf See, erhob sich vom Hängetisch, schrob den Docht der pendelnden Petroleumlampe ein wenig höher, vermeinte Glocken zu vernehmen, ging mit steifen, winkligen Knien, die schon sachte sich der ewigen Heimat zuneigten, an die Logistür.
Jawohl, da läuteten sie schon, die vom Michel und die von St. Nikolai und ebenfalls die von der Catharinen. Der Hafen lag diesig. Von Lichtern und von Schiffahrt war nicht viel spürbar. Nun, er hatte seine Ankerlaterne in Ordnung. Ein paar Möven strichen meckernd umher. Möck holte die fettige Aalhaut, die blankgesogene Aalgräte und die Sülzenschwarte und warf sie ihnen an die Schnäbel, damit sie auch ahnen sollten, daß Weihnachtsabend sei. Es war eine schudderige Luft, und es zog ihn bald ins Logis zurück, wo er denn ein wenig auf und ab ging, wie ein Wachthabender es auf der Brücke tut, und er fetzte feine flachen Füße taubenhaft behutsam auf in der langen Hebung, bei keiner Aenderung der Grundlage unvorbereitet zu sein. Sein Rücken war nicht mehr so marinestur wie bei ben jungen Maaten, seine ungewöhnlich breiten Schultern ermangelten des wohlgefälligen Specks, aber über den strengen Sehnen feines Halses wuchs der grießstoppelige, dürre, zonengebeizte Schädel ihm noch aufrecht und ohne Zittrigkeit, gekrönt von der blauen Bootsmannsmütze, die er nur im Bett ablegte.
Nun er so wandelte, mar feine gemächliche Seele voller Vorstellung von allerlei Tannenbaum und Kerzenschimmer nebst Karpsenesfen und Puter- oder Gänsebraten, wie es zu dieser Stunde fein mochte in Stadt und Hafen, Häusern und Schiffen bis auf die See hin und Über die Meere hinaus, soweit es mit der Nacht gelegen ist und es Christenmenschen gibt. Er hörte auch vielerlei Stimmen, große und kleine, lebendige und tote, war er doch alt und besinnlich genug dazu, gähnte hin und wieder den Spuk mit kröchelndem, knatterndem Tonfall an und fühlte mit Behagen sich die Lust anbämmern, allmählich zu Koje zu muscheln und einen von Glasenschlag und vierstündiger Auspurrerei unbehelligten gesegneten Schnarch zu tun.
Dem bevor jedoch versäumte er nicht, feiertagshalber schon ein bißchen frische Wäsche bereitzulegen, um am Morgen gleich hinein- slutschen zu können, ein graugelbes Normalhemd, eine kleinfingerdicke himbeerfarbene Unterhose aus Flanell, ein mildblauweißkariertes Leinenoberhemd und die schwarzwollenen Pulswärmer, die noch von seiner Mutter selig stammten, und ein Paar graue Socken. Alles erwies sich als heil und richtig bis auf die Socken, die leider nicht mehr von der handgestrickten Mutterforte waren (ist doch das Leben der Socken aufreibender als etwa das der Pulswärmer), sondern aus einem Laden Herrührfen für seemännische Ausrüstungsgegenstände, welche Läden gemeinhin damit zu rechnen scheinen, daß allen Seeleuten ein rasches Ende beschieden sei. Der alte Möck aber hatte manchen Sturm überdauert und so auch dieses Paar/ das mit betretenem Grinsen aus zwei klaffenden Hackenlöchern zu ihm aufjappte. Er durchforschte seine Seekiste nach einem besseren, aber es fand sich {eins. Somit nahm er murnrnetnö und grummelnd Nadel und Knäuel und begann bas schwierige Werk, einen fußligen Wolltampen einzufädeln, indem er ihn mehrmals zwischen Daumen und Zeigefinger aus dem Born des bartlosen Mundes befeuchtete und so zu bändigen trachete und das Oehr mit ausgestrecktem Arme dicht vor den Lampenzylinder hielt. Aber so spitz und scharf auch seine Hellen feegrauen Augen zwischen Brauengebüsch und Zwinkerfalten k^rvorttochen. es wollte nicht gelingen, sei es, daß die Länge der Arme seiner Weitsichtigkeit nicht mehr gewachsen waren, sei es, daß der Kafsee-
ßunsch dem ehrsam häuslichen Bestreben im Wege stanb. Gewohnt, bh ^a/.i)e5h Schicksals nie überraschend zu finden, brach er sein Vor- den widerspenstigen Faden ansauchenb: Ich wollt, du wärst em Kamel, eh du mich dazu machst, denn daß du ein Reicher bi ft, mußt du einem erzählen, der eins ist! 1' °
o •Plad’ Är verwickelten, biblisch gegründeten Betrachtung war es Krischan Mock auf einmal erst richtig weihnachtlich zumute. Ihm fiel auch noch anderes bei, indes er die Lampe ouspuftete und sich schnaufend und ächzend m die Koje rollte, Lieder kamen ihm in den Sinn die der Stimmung noch gemäßer waren, und gelinde Kindheitsbilder aus Stube, Straßen und Kirchenschiffen dieser Stadt, darin er arm geboren war und in deren Hafen er nun kaum wohlhabender vor Anker 'lag Da war es besonders der Choral „Lobt Gott, ihr Christen —", der sich zu seiner Genugtuung fast lückenlos in ihm aufzufinden schien, um jedoch bei der bedeutenden Zeile „er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel fein —1" hängen zu bleiben, worüber sich bann einiges in seines Herzens Einfalt bewegte, den Zeitläuften gemäß, und ihn brummig zu stimmen anhub, bis ihm ein verklärendes Beispiel aus eigener Erfahrung in den Wind kam, nämlich von der letzten Instanb- fetzung und Ueberholung der „Kathrin" vom Sammer her, wo auch der Gallionsfigur eine Auffrischung zugesprochen war, der dazu beorderte Matrose es aber ihm, der die Aufsicht führte, nicht zu paß trieb, worauf er denn selber die Stelling geentert und die hölzerne Segelfrau unterm Bugsprit in drei Farben angepinselt hatte. Da also hatte er sich vom Herrn zum Knecht gemacht, rein um des guten Erfolges willen. Wie es denn also auch ewigeren Ratschlägen in Ansehung des Christkindleins vorgeschwebt haben mochte. Zufrieden mit solch findiger Verknüpfung persönlicher und höherer Vorfälle, ließ Möck den Sinn wieder ins Naheliegende sinken, wo im Grunde der Seele die ärgerlichen Socken grinsten. Ein Glück, feine Ausgeh-Stiefeletten reichten hoch genug, um die Un- gedührlichkeit nicht in den Festtag ragen zu lassen. Er hätte auch nichts Gewaltigeres auf den nackigsten Fersen vor, als eben zum Steinshöst und zum Seefahrerheim, woselbst ein alter Freund von ihm, Segel- macher Poggels, dem Rest des Daseins in Beschaulichkeit verdöste, imb wo die Mission und die Wohlfahrt und gewiß auch ein brauchbarer Damenverein den Insassen zu Weihnacht reichlich zu spenden pflegten, braune Kuchen und Zahnpasta und Zigarren, Nützliches und Unnützl'iches durcheinander, was zu Weihnacht aber alles ebenbürtig willkommen ist; denn es kommt auf das Herz an, und es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn nicht unter den milden Gaben für Poggels sich auch ein Paar vernünftige Socken anfinden würden, die man ihm abschnacken könnte, wo er doch nur Fußlappen trug.
Möck sann noch ein paar Atemzüge lang der bezüglichen diplomatischen Rede und Gegenrede nach, bis es ihn ermüdete und, wie oft in solchem Zustand, ein kleiner Jammer nicht ausblieb, Darin er sich plötzlich fürchterlich verlassen fühlte in der Welt, auch voll Bitternis seiner einstigen Braut gedachte, der einzigen seines Lebens, und es war vierzig Jahre her, da sie ihm während einer Australienreise ein Glücklicherer weggeschnappt hatte. Seufzend und stöhnend wälzte sich Möck auf die andere Seite, wo ihn der Schlaf alsbald empfing und feine Betrübnis löste.
Da deuchte ihm auf einmal, es brenne wieder Licht im Logis, und bann faß da jemand Weibliches am Hängetisch und hatte seine Socken vor, nahm die Maschen zierlich auf und webte das gute Gitter sachgemäßen Stopfens über die elenden Hackenmäuler. Möck tat nicht erstaunt Wird wohl eine von der Mission sein, dachte er etwas mißtrauisch. Doch als er länger hinsah, kamen ihm das faltenreiche Gewand der Dame und die Farben Rasa, Gold und Himmelblau merkwürdig bekannt vor, auch entdeckte er eine kleine Goldkrone in ihrem dicken Haar. Kein Zweifel, es war die Gallionsfigur vom Bugsprit die Santa Kathrin höchsiselber. Sie hatte so in halber Ansicht die dralle Rundlichkeit seiner verwichenen Liebsten, er entsann sich, das gerade hatte ihm die Malerarbeit nicht unangenehm gemacht. Hallo! äußerte er sich schließlich, schon aus Höflichkeit. Die Santa Kathrin blieb eine Antwort nicht schuldig, oho, man merkte ihr nichts Hölzernes an, und sie sagte, es sei wegen der sommerlichen Gefälligkeit, die Möck ihr erwiesen, darum wolle sie ihm zu Weihnachten auch eine erweisen. Was Wunder, daß Krischan Möcks Herz weit wurde und er, als sie mit den Sacken fertig zu fein schien, eine blumige Bemerkung fallen ließ bezüglich der kalten Nacht außerhalb und einer gewissen warmen Koje innerhalb was ihm die Heilige aber nicht übel nahm, sondern ihm bloß holdselig lächelnd mit der Stopfnadel drohte, worauf sie verschwand. Denn die Heiligen bedürfen der irdischen Erwärmung nicht, wie es auch in dem Liede heißt:
Santa Kathrin, auf Erden ist es falt, aber bei dir ist es warm.
Santa Kathrin, nimm uns doch halb in deinen himmlischen Arm!
Vielleicht hätte Krischan Möck nichts gegen eine derartige reizvolle, aber icherlich endgültige himmlische Unterbringung einzuwenden gehabt. Stattdessen erwachte er ben anbern Morgen außergewöhnlich munter. Seine Socken entdeckte er allerdings genau so ungeftopft, wie er sie verlassen hatte. Die Wäsche auf dem Schemel hingegen, darauf er bie Dame hatte sitzen sehen, schien ihm einen unzweifelhaften Eindruck aufzuzeigen, womit bewiesen wäre, baß auch Erscheinungen ihr Gewicht haben können. Das Gute blieb aber bennoch nicht aus. Denn ber Bericht Des fonberbaren Traumes ließ ben Segelmacher Poggels so irre werben an Möcks Geisteszustand, baß er ihm halb ängstlich, halb mitleibig, nicht nur bie tatsächlich eingetroffenen Milbe-Gabensocken, sondern obendrein eine Tüte Pfeffernüsse, eine Bartbürste, eine Rolle T^m, einen Band „Herzblättchens Zeitvertreib" und einen kaum gebrm>*t<>n Spa zierstock schenkte.
Wohl bekomms!


