Ausgabe 
23.12.1935
 
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Fenster des Stalles nach der Krippe gucken oder oben am Himmel das Frieden auf Erden!" fingen, haben blonde deutfche Köpfchen.

Das ist fo weiter durch die Jahrhunderte gegangen bis zu Ludwig Richter und Schwind. Alle die Künstler haben gefühlt, dah sie eine rechte Weihnacht für uns nicht zuwege bringen konnten fei es im Wort ober im Bild sie ließen sie denn in Deutschland spielen, wo der weihe Winter dazugehört und Menschen unseres Volkes dazugehören.

Daran wollen wir denken, so oft wir im neuen Deutschland wieder die Weihnacht feiern, und wollen dies Fest des Friedens und der Ge­meinschaft als das deutscheste aller Feste begehen!

Legende von Esel und Ochs.

Von Ruth Schaumann.

Jedes Jahr in den heiligen zwölf Nächten können die Tiere reden. Die Menschen aber verstehen, was sie zueinander sagen. Und in einer solchen Nacht einmal hat mir ein alter Ochs diese Geschichte erzählt und der müde Esel, der neben ihm stand, neigte das Haupt mit den langen, seidengrauen Ohren dazu und sagte: ja, ja so ist cs.

Wie die ersten Menschen Gott betrübt und beleidigt hatten, dah der Engel sie forttreiben muhte aus dem hellen Paradies, zogen all die armen Tiere einher. Die hatte ja Gott um der Menschen willen gemacht in seinen lieblichen Garten hinein, so muhten sie bei den Menschen bleiben und mit ihnen ziehn, wohin die zogen: das war nun viele Trüb- nis und sehr viele Not. Da klagten die Menschen, da klagten die Vögel, da klagten alle Tiere im Wald und die auf dem Felde, und die Fische im bitteren Meer klagten auch, mit Flossen und schuppigen Schwänzen Sagten sie, weil sie keine Stimme haben.

Und alles schaute recht sehnsüchtig auf nach dem verlorenen Himmel, ob denn keine Hilfe kommen wolle, wie ein Tau auf verdorrende Kräu­ter, aber der Himmel blieb zu.

Wie aber die ersten Kinder kamen, die ersten jungen Rehlein, die ersten kleinen Vögel im Nest lagen, die ersten winzigen Lämmer unter den alten Schasen ruhten, und kleine Esel auf hohen Beinen zwischen den müden Tieren standen, die noch das Paradies gekannt, hat man manchmal an stillen Abenden eines Engels Stimme fingen gehört, fern, fern im Abendbrot. Des Engels Stimme fang:

Gott will nicht ewig tragen Den so gerechten Zorn.

Es wird ein Röslein schlagen Aus bitterlichem Dorn.

Gott wird sein Kind entsenden, Das trägt und löst die Schuld Und wird die Nacht beenden. O liebe Erde, hab Geduld

Wenn dann die Stimme schwieg, war es schon, als sei nicht der Tau, aber Dust vom Tau gekommen. Mensch und Tiere blickten sich siebreicher an und taten sich eine kleine Weile nichts mehr zu leid. Aber nur eine kleine, kleine Weile, bann war wieder alles wie zuvor, wehe und dunkel. Alle tausend Jahre sang der Engel einmal. Und wie zehn­tausend Jahre vergangen waren, da seufzte die Welt: wann kommt der Sohn des großen Gottes, wann, o wann, aber er kam immer noch nicht. Und es vergingen taufend Jahre und abermals taufend, und wie der Engel wiederum fang, da zitterte feine Stimme. Und die Menschen fragten sich: was zittert des Engels Stimme fo sehr, kommt wohl der Sohn Gottes, kommt er nun bald?

Und wie die Menschen, so sprachen auch die recht traurigen Tiere, die müden, miteinander und die große Giraffe sagte: wenn er kommt, auf den wir alle fo warten, werde ich ihn zuerst sehn, ich, die Giraffe, denn ich habe einen recht langen Hals.

Nein, schrie der Adler, ich sehe ihn zuerst, denn ich fliege ihm ent­gegen, so hoch, wie Engel fliegen, komme ich auch.

Nein, ich, sagte der Elefant. Ich bin stark, ich zertrete alle Wälder wie Gras und mache ihm eine recht große Straße, daher er kommt...

Nein, sprach der Löwe, ich werde rufen mit meiner stärksten Stimme, daß er herbeikommen muß, um zu schaun, wer fo furchtbar laut ruft ich sehe ihn zuerst und werde es euch dann sagen.

O nein, sagte die Fledermaus er wird zur Nacht kommen, darin niemand sonst wacht als ich und die Eule mit ihren Mondaugen, wir werden ihn sehn, derweilen ihr schlaft.

Sie waren alle so stolz und schrien durcheinander, und das Pferd meinte: Er ist ein König, und er wird auf mir daher reiten, auf meinem Rücken wird er thronen. Nein auf mir, sagte das Dromedar, ich will ihn viel besser tragen als du... Nein, auf mir, kam der Elefant; er ist groß wie Gott, er, der Sohn Gottes, er wird allein Raum haben auf meinem Rücken Und er warf seinen Rüssel in die Luft und hielt ihn ganz still und steif, als hielte er den Himmel daraus wie einen Ball. 0 du törichter Elefant.

Die kleinen, schwachen Tiere aber standen dabei. Sie sagten nichts, was sollten sie auch sagen. Die kleinen Schafe froren fo sehr, es war Winter, sie hatten ihre Wolle hergeben müssen. Die kleinen Mäuse ziep­ten so kläglich, sie hatten recht Hunger, den Vögeln hatte der Sturm ihr Nest verweht,, sie schrien vor Leid.

Mitten unter ihnen stand ein blindes Eselein und ein großer alter Ochse betrachtete seine Hufe, die voll trockenem Schmutz waren, und rieb seinen Rücken an einem toten Saum, er war wund von der Peitsche eines Bauern. Und der Ochse sprach zu dem Esel, seinem armen Freunde: du und ich werden den großen, guten Gott niemals sehen und auch nicht hören, denn du bist blind und ich bin taub und kein Mensch hat mit uns ein Erbarmen.

Ganz still gingen alle zwei zurück in ihren armseligen Stall, vor die leere Krippe hin. Und da standen sie nun. Mit ihnen tarn nur ein räu­diges ßämmlein, eine hungrige Maus und endlich eine häßliche Spinne, die setzte sich in ihr kleines Netz unterm Balken. Und dann kam die große, tiefe, lange Nacht.

Kein Stern war im Himmel, kein Wind bewegte die Baume im Schnee, nur einmal klagte ein kleines Reh im Wald, und ein Vogel schrie traurig im Schlaf. Und auf einmal ein Stern, im schwarzen Him­mel, ein riesiger, starker, klarer, ein glänzender Stern und des geliebten Engels Stimme dabei, die fang:

Er ist nun auf Erden,

Des großen Gottes Sohn, Geht hin mit allen Herden ' Und wollet selig werden

Und steht um seinen Thron.

Da, horcht, begann der mächtige Löwe sein tiefstes Gebrüll, laut und lauter, stark uiid stärker, daß feine gewaltige Brust fast zersprang: Sohn Gottes, komm herbei, daß ich dich sehe. Sohn Gottes, komm herzu. Aber wie sehr er auch rief, er hörte sein eigenes Gebrüll nicht mehr, des großen Löwen starke Stimme war so leise geworden wie ein Hauch, der große Löwe war stumm. Der Elefant aber raste jetzt durch die Stämme, er zertrat sie wie Gras, aber seltsam, hinter ihm standen sie allesamt wieder auf. Und wie der Elefant in die Wüste gerannt tarn, fand er sich dort vor einem dunklen Mann, der trug eine Krone. Da beugte sich der Elefant, so groß und schwer er war, und sagte: Sohn Gottes, großer König, sitz auf, ich habe dich zuerst gesehen, ich, der Elefant. Da saß der König auf, aber er lachte leise: ich bin nicht der König der Welt, den will ich ja auch suchen, trabe dahin, alter, törichter Elefant, bis wir ihn finden. Also ritt der Mohrenkönig Balthasar auf dem Elefanten dahin, immer dem neuen Sterne entgegen. Auch bas Dromedar hatte einen König getroffen und es sagte: siehst du, ich habe dich zuerst gesehn. Doch das war nur der König Kaspar, den es gefunden.

Auch das stolze Pferd fand einen König, und nahm ihn auf feinen Rücken. Es warf die Hufe und den Schwanz, ben langen, wie einen Schleier und sagte: ich trage den König der Welt, ich, das Pferd. Da antwortete der sehr alte Mann auf seinem Rücken traurig: Gutes Tier, ich heiße Melchior, ich begehre selbst nach dem König, den du suchst, bringe mich hin, bringe mich hin.

Die Giraffe reckte sich durch das Geäst, sie sah nur den Stern, sonst sah sie nichts, der helle Stern blendete sie.

Der Adler hatte aufsteigen wollen, aber seine Flügel waren ihm schwer wie Blei, ein kleiner Spatz gelangte höher als er. Die Fleder­maus und die Eule flatterten wohl neugierig umher, sie trafen aber nur Hirten, die schritten rüstig dahin. Sie fragten: wohin, ihr Hirten, was schlaft ihr nicht, heute Nacht?

Nach dem König der Welt, der heute gekommen ist. Wer hat ihn zuerst gesehen, fragte die Eule. Ich weiß es nicht, antwortete der älteste Hirt, ich gehe ihn grüßen.

Ja, wer hat ihn zuerst gesehn? Das war der alte, sehr alte Ochs und das Eselein, das blinde. Das blinde? Ja, o dies!

Sie standen alle zwei an der Krippe, der leeren. Sie murrten auch nicht, als noch ein armer Mann mit einem sehr schönen Weibe dazu kamen, frierend und hungernd wie sie, mit einem winzigen Laternchen, das hängten sie an der Krippenwand auf. Sie schliefen ein vor Ermattung, vor Trauer, vor Hunger, und wurden wach an einem sehr hellen, süßen Licht, das vor ihnen war in der Krippe.

Der Ochse sah es, der Esel spürte es nur. Der Ochse sagte zum Esel: es ist ein kleines Kind, ein sehr kleines Kind, Ach, sähe ich bas kleine, bas sehr kleine Kinb, ich wollte ben König ber Himmel nicht lieber sehn.

Da lächelte bas Kinblein in ber Spreü unb bas Eselein konnte bie schweren Liber erheben unb sah bas Kindlein vor sich, das sehr kleine Kind. Cs lächelte und es weinte unb ber Ochse sagte: könnte ich sein Stimmlein vernehmen, wie süß muß es sein, ich wollte ben König aller Völker nicht lieber hören, mit aller Musik, barinnen er naht. Oh, oh, ba hörte ber Ochs bas sehr kleine Kinb meinen, ganz zärtlich meinen, aus lauter Liebe, bie es zu bem armen Tier empfanb, aber es lächelte ben- noch babei.

Auch bas räubige Lamm sah nun bas Kinb, bie kleine Maus sah bas Kinb, unb die häßliche Spinne sah das Kind im Stroh des Stalles, und feine Mutter kniete bei ihm. Dann find die Hirten gekommen, bann die Könige, auf Roß, Elefant unb Dromebar, sie knieten unb riefen: O Kinb, o König, o Gott

Ochs unb Esel aber haben es zuerst gesehn, benn ben allerärmsten unb ben gebulbigften neigt sich bie emige Liebe zuerst unb zutiefst. Ja, ja, so ist es, sagte der Esel zu mir unb ber Ochse sprach leise: unb mir roerben es mieber sehn in ben nächsten Nächten, benn es ist bie Zeit, ba es kommt.

Ganta Kathrin stopft Socken.

Eine hamburgische Weihnachtsgeschichte von Hans Leip.

Junggesellen mögen gemisse Vorzüge genießen, ja, es kann zu Zeiten angebracht [ein, ihre Ungebundenheit zu preisen, zu Weihnachten aber finb sie ziemlich überflüssig. Es sei benn, sie lassen sich als Onkel ver­brauchen, inbem sie bie Schätze ber Süßigkeiten- unb Buchläben in vielen kleinen tannenreisiggeschmückten Paketen verstreuen ober gar ben Weihnachtsmann mimen, wozu natürlich die nötige vermandtfchaftliche ober befreundete ober gemeinnützige Gelegenheit unb einiges Gelb unb, ben Weihnachtsmann betreffend, Begabung gehört. Das alles nun kam bei bem Junggesellen Christian Möck nicht in Frage. Man mußte ihn, meihnachtlich gemessen, zu den gänzlich Ueberflüffigen rechnen, was nicht Hindert, gerade an ihm merken zu lassen, mie den allzu Einsamen ge­legentlich ein unvorhergesehener Trost zuteil werde.

Möck mar Bootsmann auf der BarkKathrin", die gerade Heilig­abend im Hamburger Hafen hinterm Ionas lag. Sie hatte ihr Finn- landholz gelöscht und hoftte, gleich nach ben Feiertagen einen Schubs Koks Überzunehmen unb bamit ihren Heimatort Geestemünbe anzutun. Bis auf Bootsmann Möck hatte sich die Besatzung samt Kapitän an