Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1955 Montag, den 25. Dezember Hummer |00
Geweihte Nacht.
Bon Rudolfs Binding.
Die Erdennacht erzittert von einem seligen Glanze und von Geburt umwittert.
Die Berge knien im Lichte und weiß die Anger blühen den Glanz im Angesichte.
Und Könige ziehn und Weise von einem Stern geleitet verklärt in stummer Reise.
Die Wälder ruhn, verstummte Heerscharen still am Wege in Silberlicht Vermummte.
Die Bäche beten leiser in frommen Wiesengründen. Lautlos gebeugt die Reiser.
Verschlafne Furchen dehnen von süßen Saaten schwanger den schmalen Leib in Sehnen.
Und Städte tiefer schlafen und Hirten stehn geblendet vom Glanze bei den Schafen.
Bestreut vom Sternenfalle ist einem Kind bereitet Geburt in einem Stalle.
Von Seligkeit umstellt sinkt eine Jungfrau nieder: Nun komme, Heil der Welt.
Deutsche Weihnachten.
Von Wilhelm von Scholz.
Wenn wir nach dem deutschesten Fest fragen, das wir kennen, so werden gewiß die meisten Antworten lauten: Weihnachten! Gerade das Fest wird den meisten von uns als das deutscheste erscheinen, dessen Ursprung und religiös-gedanklicher Gehalt ins ferne Morgenland und in eine uns fremde, in keinem Zuge deutsche Natur zurückführt.
Dort, wo nach der Heiligen Schrift Christi Geburt geschah, geben statt der Tannen Palmen der Landschaft ihr Gepräge. Dort kennt man keinen Winter in unserem Sinne. Dort fällt fast nie Schnee. Und doch — wie gehören für uns zum Weihnachtsfeste Winter und Schnee und Tannen, deren Aeste sich von der weißen, weichen Last biegen, und leiser Flockenfall, der alle Laute dämpft, in dem der Schritt ohne Hall ist oder höchstens bei einbrechendem Frost knirscht. „Es ist gar kein Weihnachtswetter!" sagen wir, wenn noch kein Schnee gefallen ist zum Heiligenabend: wenn die Aecker und Felder noch unverhüllt und kahl, spätherbstlich statt winterlich, daliegen.
Es lohnt wohl, um die Weihnachtszeit, wo wir ein paar stille Tage ausruhen von der Arbeit des Jahres, uns besinnen und die Erlebnisse seit dem vorigen Christfest mit ihrem Glück und ihrem Leid an unserem Geiste vorüberziehen lassen, auch darüber nachzudenken, wie es gekommen ist, daß gerade dieses schöne Fest sich in seinem reinen weißen Frieden so tief mit dem Gehalt unserer deutschen Seele gefüllt hat, alle Innigkeit des deutschen Familienlebens in sich aufnahm, die schönsten alten Volksgebräuche in seinen Umkreis zog.
Es ist doch das deutsche Familienfest schlechthin geworden! Mehr als irgendein Geburtstag, die Wiederkehr eines Hochzeitstages oder sonst ein Jahrtag, der in dem kleinen Kreise nächster Blutsverwandter gilt, ist dieses allgemeinste Fest der christlichen Menschheit in jeder Familie das allervertrauieste, die Herzen am meisten zueinander erschließende, das innigste Familienfest geworden.
Wie ist das gekommen?
Gewiß, es ist nicht ohne Bedeutung, daß das christliche Weihnachtsfest offenbar ein altgermanisches Fest der Lichtwiederkehr überlagert; und daß die Erlösung der Welt aus den Nebeln, in welche J)ie tief ziehende Sonnenbahn versunken war, das Wiederansteigen der Sonne, der erste leise Beginn des Wachsens der Tage überhaupt statt des nicht feststell
baren Geschichtstages Christi Geburt aus den 24. Dezember rückte. Es gab sicher schon ein weihnachtsähnliches Fest bei unseren früheren Vorfahren, das solche reinen schönen friedevollen, die Menschen in Liebe vereinen- den und versöhnenden Züge gehabt haben wird, wie sie unser Weihnachten schmücken.
Die deutsche Seele verschmolz, als sie das Christentum in sich auf- genommen hatte, beide Feste in einer voll Glanzes und Leuchtens schimmernden Sinnbildlichkeit. In der erinnerten die Lichter am Baum sowohl an das Himmelslicht, dem das Fest ursprünglich allein galt, wie an den Stern, der über der Hütte in Bethlehem kündend und wegweisend funkelte, und vielleicht auch noch an die im neuen Jahr bald wieder mit Blutenflammen aus den Aesten brechende Natur, an die Lebens- und Zeugungskraft. Sie birgt sich in jedem ernsten gründunklen Baumzweige ebenso wie in unserer schaffenden Seele, die nur vom Druck der licht- losen lastenden Nebelzeit erlöst zu werden braucht, um leuchtend hervorzubrechen.
Aber dieser vom Volk vergessene und erst wieder von der Wissenschaft aufgefundene Zusammenhang kann es nicht allein sein, dem unser heutiges Weihnachten seine einzigartige deutsche Schönheit und Gefühlssinnig, keit verdankt Ich glaube, daß wir nicht in eine so ferne Zeit zurllck- zublicken brauchen, um die überzeugende Ursache davon zu finden. Wir stehen hier vielmehr vor einem der köstlichsten Wunder, welche die deutsche Kunst, die alte Volksdichtung sowohl wie die Malerei, dem deutschen Volke geschenkt hat.
Die Erzählung von Christi Geburt im Lukas-Evangelium, deren erhabene friedevolle Schlichtheit namentlich in der Lutherschen Ueber- setzurrg kaum je von einem weltlichen Erzähler erreicht oder gar Überboten worden ist, greift am tiefsten an deutsche Herzen, ist mit ihrem Gehalt an schwerstem größtem Erleben wohl nur von der deutschen Seele ganz zu erfassen. Die holdselige junge Mutter und das Kind in ihrer Schutzlosigkeit inmitten der bösen Mächte der Welt, durch welche sie hindurchgerettet werden müssen; Armut, der von ungerechtem hoffärtigem Reichtum unbarmherzig begegnet wird; ein neues großes in die Welt eintretendes Ereignis, ein sich über alle bisherigen Könige hoch erhebender gewaltiger neuer König, dem zuerst die Hirten, die Bauern und die Tiere huldigen und der selbst — trotz seiner Abstammung aus dem Königsblut seines Volkes — in einer Handwerkerfamilie zur Welt kommt — das war so recht ein Stoff für die Gefühls- und Gedankenfülle unserer Dolksdichter, für die ehrfurchtsvoll auch dem kleinsten Wirklichen zugewandte Kunst unserer Zeichner, Maler, Holzschneider.
Selbst ohne den göttlichen Erlösungsvorgang, den die Heilige Schrift als ein geheimnisvolles Leuchten über die Geschichte von Christi Geburt ausgießt, ist in dem Stoff der Lukaserzählung alles, was den deutschen Künstler zur Erschaffung der Weihnacht, wie wir sie heute im Gefühl tragen, anregen mußte. Und daß in diese deutsche Weihnacht aus fernem Morgenlande die heiligen drei Könige kommen, von denen einer gar ein Mohr ist, das machte sie nur noch deutscher; denn das deutete ja den Weg an, den diese Weihnacht selber vom Morgenlande zu uns hergewandert ist
Die alte Zeit unseres Volkes, die noch nicht wissenschaftlich sondern gläubig war — ich meine nicht kirchengläubig sondern gläubig all dem gegenüber, was sie in ihrer Seele trug und "was sie aus Erzählungen und Berichten schlicht hinnehmen mußte, ohne es sich weiter erklären lassen zu können — die konnte sich ja ein fremdes Land und das Geschehen darin nicht anders vorstellen als wie ihr eigenes Land und wie das Leben im eigenen Volke.
Als unsere Altvorderen die Geschichte der heiligen Geburt dem Lukas nacherzählten oder aus Tafeln mit einer deutschen Landschaft, deutschen Häusern und Wäldern als Hintergrund und einer deutschen Mutter und ihrem Kind als Personen abfchilderten oder — das ist das Schönste! — in wundervoller Dichtung, in den Krippenspielen als einen lebendigen, nicht nur in ferner Vergangenheit gewesenen sondern sich immer, in jedem Jahr, wiederholenden Vorgang vor das Volk stellten, in Auge, Ohr und Herz zugleich einbringen ließen, da begannen sie uns die deutsche Weihnacht zu schaffen, die wir heute in uns tragen, so wie sie aussehen muß, wenn sie eine richtige Weihnacht sein soll.
Statt der Palme steht da die Tanne. Und mag in den überzeitlichen Gewändern der heiligen Personen auch noch ein wenig der Schnitt und Faltenwurf aus ihrem Ursprungslande zu spüren sein — schon Joseph, der Zimmermann, und gewiß die Hirten, die Bauern und ihre Tiere, die Bauten und die Baume, die sind in jeder Faser deutsch. Und deutsch wie die Gegenständlichkeit der Bilder sind all die Regungen, die sich in den schönen schlichten Versen der Krippenspiele aussprechen und die noch heute unser innerliches Weihnachtserleben bestimmen: da ist das Mitgefühl und das Helsenwollen, da ist die Mitfreude der anderen armen Väter und Mütter an Maria und ihrem Kind, da ist die deutsche Schlichtheit und Treue in Joseph. Und selbst Gottvater mit seinem wallenden Bart ist ein würdiger alter deutscher Mann, und die Englein, die durchs


