Ausgabe 
23.9.1935
 
Einzelbild herunterladen

Schauend.

Don Ina Seidel.

So ins Schauen ganz versunken, Weiß ich nicht mehr, daß ich schaue, Ist der Blick mir aufgetrunken, Schwind' ich völlig hin ins Blaue, Ist mir das Gesicht vergangen, Alle Grenzen aufgehoben, Bin nicht mehr in mir gefangen, Bin nicht unten mehr, noch oben: Bin ins Lindenlaub geflossen, Goldne Blüten, braune Bienen, Sind sie ganz von mir umschlossen? Bin ich nur ein Teil von ihnen?

und ging meint, ich noch nicht

muß man

Heimat zu.

Da kam aus dem Walde hervor ein junges Mädchen gegangen, das trug einen Korb am Arm und einen breiten, schattigen Strohhut auf dem blonden Kopf.

Grüß Gott", sagte ich zu ihr,wo willst denn du hm?

Ich muß den Schnittern das Essen bringen", sagte sie neben mir.Und wo willst du heut noch hinaus?"

Ich gehe in die Welt, mein Vater hat mich geschickt. Er solle den Leuten auf der Flöte vorblasen, aber das kann ich richtig, ich muß es erst lernen."

So, so. Ja, und was kannst du denn eigentlich? Etwas

doch können."

Nichts Besonderes. Ich kann Lieder fingen.

Was für Lieder denn?" w .

Allerhand Lieder, weist du, für den Morgen und für den Abend und für alle Bäume und Tiere und Blumen. Jetzt könnte ich zum Bei­spiel ein hübsches Lied fingen von einem jungen Mädchen, das kommt aus dem Wald heraus und bringt den Schnittern das Essen.

Kannst du das? Dann stng's einmal."

Ja, aber wie heißt du eigentlich?"

Dräng'ich das Lied von der hübschen Brigitte mit dem Strohhut, und was sie im Korbe hat, und wie die Blumen ihr nachschauen, und die blaue Winde vom Gartenzaun langt nach ihr, und alles, was dazu gehörte. Sie paßte ernsthaft auf und sagte, es wäre gut. Und als ich ihr erzählte, daß ich hungrig sei, da tat sie den Deckel von ihrem Korb und holte mir ein Stück Brot heraus. Als ich da hinein biß und tüchtig dazu weiter marschierte, sagte sie aber:Man muß nicht im Laufe essen. Eins nach dem andern." Und mir setzten uns ms Aas und ich ah mein Brot, und sie schlang die braunen Hande um ihre Knie und * hWillst"du mir noch etwas singen?" fragte sie bann, als ich fertig war.

''V?n"einem Mädchen! dem ist fein Schatz davongelaufen, und es i?t bas kann ich nicht. Ich weiß ja nicht, wie das ist, und man

soll auch nicht so traurig sein. Ich soll immer nur artig unb hebens- würdige Lieder vortragen, hat mein Vater gesagt. Ich singe dir vom Kuckucksvogel oder vom Schmetterling." .

Und von der Liebe weißt du gar nichts?' fragte sie, dann.

Don der Liebe? D doch, das ist ja bas Allerschonste

Alsbald fing ich an und fang von dem Sonnenstrahl, der die roten Mohnblumen lieb hat, und wie er mit ihnen spielt und voller Freude ich Und vom Finkenweibchen, wenn es auf den Fmken wartet und wenn er kommt, dann fliegt es weg und tut erschrocken. Und fang.etter °°n dem Mädchen mit den braunen Augen und von bem °er

daher kommt unb singt unb ein Brot bafur 9ef^entt betommt aber NUN will er kein Brot mehr haben, er will einen Kuß vau ber Jungfer und will in ihre braunen Augen sehen, und stngt solange fort und hört nicht auf, bis sie anfängt zu lächeln und bis sie ihm den Mund Lippen und tat die Augen zu und tat sie wieder auf, und ich sah in die

Märchen.

Von Hermann Hesse.

Hier", sagte mein Vater, und übergab mir eine kleine, beinerne Flöte,nimm das und vergiß deinen alten Vater nicht, wenn du in fernen Ländern die Leute mit deinem Spiel erfreust. Es ist jetzt hohe Zeit, daß du die Welt siehst und etwas lernst. Ich habe dir diese Flöte machen lassen, weil du doch keine andere Arbeit tun unb immer nur fingen magst. Nur bente auch baran, baß bu immer hübsche unb liebens« roürbige Lieber vorträgst, sonst wäre es schabe um bie Gabe, bk bir Gott verliehen hat."

Mein lieber Vater verstanb wenig von ber Musik, er war ein Ge­lehrter; er buchte, ich brauchte nur in bas hübsche Flötchen zu blasen, so werde es schon gut sein. Ich wollte ihm seinen Glauben nicht nehmen, darum bedankte ich mich, steckte die Flöte ein unb nahm Abschieb.

Unser Tal war mir bis zur großen Hofmühle bekannt; bahinter abenn also bie Welt an, unb sie gefiel mir sehr wohl. Eine mübe-

)gene Biene hatte sich auf meinen Aermel gesetzt, bie trug ich mit mir fort, bamit ich später bei meiner ersten Rast gleich einen Boten hätte, um Grüße in bie Heimat zurückzusenben.

Wälder und Wiesen begleiteten meinen Weg, und der Fluß lief rüstig mit; ich fah, die Welt war von ber Heimat wenig verschieben. Die Bäume unb Blumen, bie Kornähren unb Haselbüsche sprachen mich an, ich sang ihre Lieber mit, unb sie verstauben mich, gerade wie daheim; darüber wachte auch meine Biene wieder auf, sie kroch langsam bis auf meine Schulter, flog ab und umkreiste mich zweimal mit ihrem tiefen, süßen Gebrumme, dann steuerte sie geradeaus rückwärts, der

nahen braungoldenen Sterne, darin war ich selber gespiegelt und etn paar weiße Wiesenblumen.

Die Welt ist sehr schön", sagte ich,mein Vater hat recht gehabt. Jetzt will ich dir aber tragen Helsen, daß wir zu deinen Leuten kommen."

Ich nahm ihren Korb, und wir gingen weiter, ihr Schritt klang mit meinem Schritt und ihre Fröhlichkeit mit meiner gut zusammen, und der Wald sprach fein und kühl vom Berg herunter; ich war noch nie so ver­gnügt gewandert. Eine ganze Weile fang ich munter zu, bis ich aufhören muhte, vor lauter Fülle, es war allzu vieles was vom Tal und vom Berg und aus Gras und Laub unb Fluß unb Gebüschen zusammen rauschte unb erzählte.

Da mußte ich denken: Wenn ich alle diese tausend Lieder der Welt zugleich verstehen und fingen könnte, von Gräsern und Bienen unb Men­schen und Wolken unb allem, voM Laubwald unb vom Föhrenwalb und auch von allen Tieren, und dazu noch alle Lieder ber fernen Meere, und Gebirge, unb bie ber Sterne unb Monbe, unb wenn bas alles zugleich in mir innen tönen unb fingen könnte, bann wäre ich ber liebe Gott, unb jebes neue Lied müßte als ein Stern am Himmel stehen.

Aber wie ich eben so bachte unb bavon ganz still unb wunderlich wurde, weil mir das früher noch nie in den Sinn gekommen war, da blieb Brigitte stehen und hielt mich an dem Korbhenkel fest.

Jetzt muh ich da hinauf", sagte sie,da droben sind unsere Leute im Selb. Unb bu, wo gehst bu hin? Kommst bu mit?"

Nein, mitkommen kann ich nicht. Ich muß in bie Welt. Schönen Dank für das Brot, Brigitte, und für den Kuh; ich will an dich denken."

Sie nahm ihren Eßkorb, und über dem Korb neigten sich ihre Augen im braunen Schatten noch einmal zu mir, und ihre Lippen hingen an meinen, und ihr Kuß war so gut und lieb, daß mir vor lauter Wohlsein beinah traurig werden wollte. Da rief ich schnell Lebwohl unb marschierte eilig bie Straße hinunter.

Das Mädchen stieg langsam den Berg hinan, und unter dem herab- hängenden Buchenlaub am Waldrand blieb sie stehen unb sah herab unb mir nach, unb als ich ihr winkte und den Hut überm Kopse schwang, da nickte sie noch einmal unb verschwanb still wie ein Bill) in ben Buchen­schatten hinein.

Ich aber ging ruhig meine Straße unb war in Gebanken, bis ber Weg um eine Ecke bog.

Da ftanb eine Mühle, unb bei ber Mühle lag ein Schift auf dem Wasser, darin saß ein Mann allein und schien nur auf mich zu warten, denn als ich den Hut zog und zu ihm in das Schiff hinüber stieg, da fing bas Schiff sogleich zu fahren an unb lief ben Fluß hinunter. Ich saß in ber Mitte des Schiffes, und ber Mann faß hinten am Steuer, unb als ich ihn fragte, wohin wir führen, ba blickte er auf unb fah mich aus ver- fchleierten grauen Augen an.

Wohin bu magst", sagte er mit einer gedämpften Stimme.Den Fluß hinunter und ins Meer, ober zu ben großen Städten, bu hast bie Wahl. Es gehört alles mir."

Es gehört alles bir? Dann bist du ber König?"

Vielleicht", sagte er.Unb bu bist ein Dichter, wie mir scheint? Dann singe mir ein Lied zum Fahren!"

Ich nahm mich zusammen, es war mir bange vor dem ernsten grauen Mann, und unser Schift schwamm so schnell unb lautlos ben Fluß hinab. Ich sang vom Fluß, der die Schiffe trägt und die Sonne spiegelt und am Felsenufer stärker aufrauscht und freudig seine Wanderung vollendet.

Des Mannes Gesicht blieb unbeweglich, unb als ich aushärte, nickte er still wie ein Träumender. Unb alsdann begann er zu meinem Erstau­nen selber zu singen, und auch er sang vom Fluß und von des Flusses Reise durch die Täler, und sein Lied war schöner unb mächtiger als meines, aber es klang alles ganz anbers.

Der Fluß, wie er ihn sang, kam als ein taumelnber Zerstörer von den Bergen herab, finster und wild; knirschend fühlte er sich von ben Mühlen gebänbigt, von ben Brücken gefangen, er haßte jedes Schiff, das er tragen muhte, und in feinen Wellen unb langen grünen Wasser­pflanzen wiegte er lächelnb bie weißen Leiber ber Ertrunkenen.

Das alles gefiel mir nicht, unb war doch fo schön unb geheimnisvoll von Klang, daß ich ganz irre würbe und beklommen schwieg. Wenn das richtig war, was dieser alte, feine und kluge Sänger mit feiner gedämpf­ten Stimme, fang, bann waren alle meine Lieder nur Torheit unb schlechte Knabenspiele gewesen. Dann war bie Welt auf ihrem Grunde nicht gut unb licht wie Gottes Herz, sonbern dunkel unb leibenb, böse unb finster, unb wenn bie Wölber rauschten, fo war es nicht aus Lust, sondern aus Qual.

Wir fuhren dahin, unb die Schatten wurden lang, und jedesmal, wenn ich zu fingen anfing, tönte es weniger hell, und meine Stimme wurde leiser, und jedesmal erwiderte ber frembe Sänger mir ein Lied, bas bie Welt noch rätselhafter unb schmerzlicher machte und mich noch befangener unb trauriger. , ...

Mir tat bie Seele weh, unb ich bedauerte, daß ich nicht am Lande unb bei ben Blumen geblieben war ober bei ber schönen Brigitte, unb um mich in ber wachsenben Dämmerung zu trösten, fing ich mit lauter Stimme wieder an unb fang, burch ben roten Abenbschein bas Lieb von Brigitte unb ihren Küssen.

Da begann bie Dämmerung, unb ich verstummte, und ber Mann am Steuer fang, unb auch er fang von ber Siebe unb Liebesluft, von braunen unb von blauen Augen, von roten feuchten Lippen, unb es war schön unb ergreifend, was er leibvoll über dem buntelnben Flusse fang, aber in seinem Lieb war auch bie Siebe finster unb bang unb etn tödliches Geheimnis geworden, an dem bie Menschen irr unb rounb in ihrer Not unb Sehnsucht tasteten, unb mit bem sie einanber quälten unb töteten.

Ich hörte zu unb würbe so mübe und betrübt, als sei ich schon Jahre unterwegs unb sei durch lauter Jammer unb Elend gereift. Von dem Fremden her fühlte ich immerzu einen leisen, kühlen Strom von Trauer unb Seelenangst zu mir herüber unb in mein Herz schleichen.

Also ist benn nicht das Beben das Höchste und Schönste , rtef ich endlich bitter,sondern ber Tod? Dann bitte ich dich, du trauriger König, singe mir ein Sieb vom Tobel"