Ausgabe 
23.9.1935
 
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Sophie Wahnke gesagt. Und Sophie Wohnte hat gelacht. Sie kann sich das nicht denken. Aber es ist wirklich wahr: Wenn man jemals geliebt hat, liebt man immer. Es gibt ewige Liebe oder eine, die nichts wert ist. Ganz klar.

Sie steht vor Rauthammer, nur durch einen Kafseehausstuhl getrennt. Sie sieht auf seine Krawatte, eine hellblaue Krawatte mit weißen Punk­ten Sie hebt ihre Augen und blickt in seine Augen, die braunen, ruhigen Augen in dem unruhigen Gesicht. Sie erinnert sich ganz genau an die Stunden vor fünf Jahren am Bett Rauthammers. Wie er ihr den Sinn des Lebens erklärt hat oder doch seinen Lebenssinn: Aktivität, Rhythmus, Witten Das seien die drei Grundphänome, aus denen sich Aufstieg und Abstieg Leben und Tod ergäben. Der Sieg des Willens über die Materie, das sei die ewige Ausgabe jedes Menschen. Begriffen nur von wenigen. Durchgeführt nur von einzelnen. Diese einzelnen muhten sich zusammen­tun, mühten sich stärken. Ja, sie gehörten zusammen nach dem Lebens- geseh, einerlei, was die Gesetze der einzelnen Leben und die Zufällig­keiten der einzelnen Schicksale über sie beschlössen.

Man sieht: Eine recht allgemeine Theorie, gut angespitzt für den Ge­brauch in dieser Liebesangelegenheit. Damals aber hat Barbara das alles geglaubt. Auch nachher noch, als Rauthammer schon abgereist war. Bis eines Tages vor ihrer Abreise nach China Frau Rauthammer zu ihr kam, eine hochmütige, kalte Frau, umgewisse Illusionen" zu zer­stören, umbestimmte, rein äußere Tatbestände" festzustellen (daß sie nämlich Herrn Rauthammer niemals freigeben würde, niemals), um , das Fräulein Schreiner vor den Neb'elreichen der Rauthammerschen Gedankenwelt zu warnen", denen einerecht brutale Tatwelt" gegen-

aus aus

als könnte er sie mit dieser Nachricht fest- Barbara höflich,sie war eine sehr schöne Sie kannten sie also doch. Sie war also mir."

Er hält Barbaras Hand, halten.

Das tut mir leid", sagt Frau."

So", sagt Rauthammer, doch bei Ihnen. Ist dachte es

Barbara nickt. Sie macht ihre Hand los. Sie geht an Rauthammer vorbei aus die Strahe. Sie hört ihn noch sagen:Jetzt wird mir manches klarer. Nur nicht, warum sie ihr geglaubt haben. Nein ... das müssen Sie mir noch erzählen." Und indem er noch ein paar Schritte hinter ihr hergeht:Wir sehen uns noch vor Ihrer Abreise. Unbedingt. Sagen Sie mir, wann ich Sie sehen kann ..."

Barbara bleibt stehen und sieht ihn böse an. Sie schüttelt abwehrend den Kopf. Er muß doch sehen, daß sie ganz und gar nicht mehr will. Ewige Liebe? Unsinn ... das war keine Liebe. Das war ... das war Lüge ... und Betrug ... Das war ...

überstünde.

An wieviel kann man sich in zehn Sekunden erinnern! Wieviel kann man in einer Sekunde wieder spüren!

Also jetzt gehe ich wirklich", sagt Barbara endlich,leben Sie wohl." Rauthammer nickt. Er kann sie nicht länger halten. Er begleitet sie nur noch bis zum Ausgang aus dem Cafe. Er geht neben ihr, lächelnd und freundlich wie immer.Uebrigens", sagt er am Ausgang, als hätte er doch die Macht, Gedanken zu lesen,übrigens starb meine Frau vor vier Jahren in Hsinking. Bald nachdem sie aus Deutschland nachgekommen war. Ganz plötzlich ... Denken Sie..."

Siebe? Sie weih es selbst nicht.

3.

Sie dreht sich um und geht ganz schnell weg. Sie läuft beinahe. Sie läuft an einem großen Kurhaus vorbei. Sie sieht die riesigen Plakate verschwimmen. Durch ihre Tränen lächelt eine geschminkte Dame' Hollywood. Barbara weint. Aus Schmerz, aus Zorn ... ober doch

Zehn Minuten später scheint alles ausgestanden. Barbara hat sich in die dunkle Ecke eines anderen Cafäs geflüchtet. Draußen vor den offenen Scheiben blendet der Berliner Sommertag vorüber. Farbig, hell, lärmend.

Barbara prüft sich ruhig, fachlich. Spürt sie noch etwas? Ja, ein bißchen Herzklopfen. Ist nicht merkwürdig, Sie hat Rauthammer ja zugegebener­maßen geliebt. War natürlich ein grober Fehler, das zuzugeben. War ober anständig. Und in Gefühlsdingen wollen wir doch anständig fein. Hochnobel, sehr sauber, peinlich exakt, wie bei Operationen. Sie weiß doch, was für entsetzliche Folgen die geringste Nachlässigkeit haben kann. Also bitte sauber!! Mag er es ruhig bestätigt kriegen, was er sowieso gewußt hat. Obwohl es doch eben eine Frage ist: Hat sie ihn wirklich geliebt?

Sie sieht wieder das enge, kleine Zimmer in der Klinik, mit dem Blick aus den Stamm einer Pappel, mit einem Stuck Himmel, der be­grenzt war von einem Fabrikschornstein und einem Balkon. Es war der Februar in jenem kalten Winter, in dem irgendwo die Kohlenkähne für Berlin einfroren, in dem im Kohlenkeller des Krankenhauses noch für einen Tag Kohlen waren und der Vater wirklich aufgeregt wurde, faugrob mit einigen Ministerien und Behörden telephonierte, man solle lieber eine Steuerbehörde ober ein paar Schulen zumachen, ehe man feine Kranken erfrieren ließe.

Damals war Barbara noch Pflegefchwefter ... Die metften Männer waren etwas verliebt in sie. Ist ja klar: Wenn man das Leben wieder- kammen fpürt ober ben Tob herannahen fühlt, wird mangefühlig". < ines Tages aber hatte sich die Schwester Barbara auch in einen Patienten verliebt, in den Kaufmann Karl Rauthammer, aus Schon- Ning, China. Warum?

Barbara weih es nicht mehr genau. Wahrscheinlich war sie doch geehrt, als sie merkte, daß sie in diesem kalten Menschen, in dem witzigen, welterfahrenen Mann ein Feuer entzündete. War also im Anfang eine ganz gewöhnliche Geschichte. Wurde nur langsam gefährlich. Abend für Abend faß Barbara an feinem Bett. Zwischen Hitze und Kälte. Denn die Heizung funktionierte natürlich. (Schreiner hatte die Kohlen bc- ommen, die er brauchte, selbstverständlich.) Aber das Fenster mußte mer aufstchen. Denn Rauthammer litt unter Beengungen. War die

westen gelben Ebenen gewöhnt, die weiten, offenen Zimmer, den ganzen Sternhimmel nachts ... Heiß und kalt war dieser Februar. Er ver­langte eine großartige Liebe von ihr, eine Liebe, die so stark fein sollte wie alle anderen Mächte der Welt zusammen. (Sonst würde man nicht mit ihr durchkommen, sonst hätte sie keinen Zweck.)

Barbara denkt an jenen Abend, da er sie bat, mit nach China zu neben in jene Welt,in der noch tiefe Gedanken und großartige Ge- Ühle "soviel gelten wie die Wirklichkeit der Europäer". Da er ihr sprach von , den arktischen Zonen der reinen Gedanklichkeit, in denen man erst das freie Atmen lernt und die man beherrschen muß, ehe man es wogen darf, die tropische Gefühlswelt wuchern zu lassen".

Barbara, die jetzige Barbara, wundert sich, daß sie damals unter diesen betäubenden Ged'anken wach blieb. Vielleicht aber weckte sie auch der Vater.Nein ... nichts für dich", sagte der Professor eines Tages, als er mit ihr zusammen das Zimmer Rauthammers verließ.

Was ist nichts für mich?" fragte Barbara. Aber der Vater hatte bereits die Tür zum nächsten Krankenzimmer aufgeriffen, stand, ehe er hätte antworten können, über einen anderen Patienten gebeugt.

Hat sie Rauthammer nun geliebt? Sic kann es nicht entscheiden. Die Zärtlichkeiten dieser Liebe sind schnell ausgezählt. Es waren erstens ein Handkuß, den er ihr unvermutet gab, und zweitens ein Kuh auf die Stirn, den sie ihm gab. War das Liebe? Sie kann es nicht entscheiden. Aber sie kann eine Art Orakel anrufen. Wenn zum Beispiel zwischen ihr und Alfred Meimberg eine wirkliche Liebe ist und davon ist sie fest überzeugt, dann muß er jetzt mit seinem Termin gerade fertig Jem. Dann muß sie ihn im Anwaltszimmer erreichen können, dann muß er zwischen seinen Konferenzen zehn Minuten Zeit aufbringen, um sie irgendwo doch noch zu treffen. Ist das zu kindlich? Nein, es ist kindlich, aber es ist richtig.

Sie geht also in die Telephonzelle. Sie steht in der Hitze und im Dunst der schlechten Zigaretten, die immer beim Telephonieren geraucht werden. Sie bekommt sehr schnell das Landgericht, das Anwaltszimmer, sie bekommt Dr. Kleesand, den Sozius.Nein, nein", sagt Kleesand,der werte Bräutigam ist noch im Termin. Nichts auszurichten? Nun, die werte Braut kann ja ab übermorgen mit dem Herrn Meimberg alles ausführlich befprechen. Genügt nicht? Sie brauchen ihn gleich? Alfa gut, dann werde ich vertagen."

In diesem Augenblick fegt Dr. Alfred Meimberg in feiner Robe ins Anwaltzimmer.Schweinerei", flüstert er Kleesand zu.Vertagt. Ist Quatsch, was der Gegner oorbringt. Aber wir müssen beweisen, daß es Quatsch ist."

Herr Dr. Meimberg selbst", sagte Kleesand in den Apparat.

Zum drittenmal an diesem Vormittag ist die Stimme Alfred Meim- bergs am Apparat. Aber dieses Mal ist es wichtiger und schöner als bie anderen Male. Was er lagt? Nichts besonderes natürlich. Daß er gerade einen großen Aerger schluckt, wegen einer kleinen Niederlage. Der andere war schlauer, und er, Meimberg, haßt diese Art juristischer knifsüger Schläue. So betrachtet, ist er kein guter Jurist. Also dreimal ausgespuckt und zweimal umgedreht. Fertig ist die Sache. Er wird sich nun in die Konferenzen stürzen. Adieu also! Ach, richtig, sie wollte wohl auch etwas sagen. Sic muß ihn sprechen? Dringend? Mächtig dringend? Er hak wirklich keine Zeit bis abends. Duldet denn die Sache tatsächlich keinen Aufschub? Also was heißt das: Doch und doch nicht?

Das heißt doch: Doch. Also, es ist jetzt elf Uhr.- Um 11 Uhr 45 muh er im Büro in der Kurfürstcnftraßc fein. Um 11 Uhr 15 ist eine ganz- kurze Besprechung am Potsdamer Platz. Wie, bitte? Um 11 Uhr 35 halt Barbara die Tante Anna Löpel von Lösselholz auf dem Anhalter Bahnhof ab? Paßt. Er wird um 11 Uhr 30 auf dem Bahnhof fein und steht ihr von 11 Uhr 30 bis 11 Uhr 35 zur Verfügung. Genügt? Genügt lange? No, geht in Ordnung. Was muh sie tun? Sie muh ihm in die Augen sehen? Bitte, bitte. Sie muh ihm eine Kleinigkeit erzählen, eine Kleinigkeit, die an Herz und Nieren geht? Na, da sind wir ja ge­spannt aus die Kleinigkeit. Aber nun Schluß. Adieu. Wiedersehn!

Barbara kommt erschöpft aus der Telephonzelle. Sie geht noch hin­über zur Gedächtniskirche, um mit dem Küster die Trauung zu besprechen. Es ist aber gar nichts zu besprechen.Alles in allerbester Ordnung, lacht der Küster.Sie werden sehen, es wickelt sich ganz von selbst ab. Und mit einem Mol ist man verheiratet. Kann jeder."

Sann jeder", lacht-Barbara,wickelt sich von selbst ab."

Die Sonne scheint wunderbar. Es ist sehr heiß. Fast alle Frauen tragen leichte, helle Kleider. Ein paar Männer sind in Hemdsärmeln er­schienen, in weihen Hosen, in hellen Anzügen. Erdbeerwagen mit Zent- nern rot lackierter Erdbeeren, Kirschwagcn mit roten und schwarzen Kirschen stehen in- den Nebenstraßen. Rosen blühen, Waschkörbe voll an den Rändern des Gehsteigs. Stadtsommer! Und auf der anderen Seite, in den Schaufenstern, stehen sommerliche Puppen, riesige Puppen in Damengröße, in Bademänteln, in sehr engen, weit ausgeschnittenen Badeanzügen, Puppen in Herrengröße mit Pomadenscheitcln, in Tennis­anzügen. Rucksäcke gibts in einem Schaufenster, nur Rucksäcke, Auto­koffer, zweihundert Autokoffer in einem anderen, fünfhundert Reise­necessaires in einem dritten, Kochgeschirre und Nagelschuhe, Reifemützen und Wettermäntel, Sandgcrätc und Springfdjnüre für kleine und große Kinder, ein paar tausend Bälle in allen Größen, in Trauben, als Früchte, als Hindernisse ... alles, was man zur Reise braucht. Alle Menschen wollen verreisen. Barbara ist sehr zufrieden.

Unten im Herzen ist allerdings noch ein bißchen Unsicherheit. Das spürt sic genau. Rauthammer? Nein, sie denkt nicht an Rauthammer. Sie denkt jetzt, daß sic morgen abend mit Herrn Rechtsanwalt Alfred Meim- berg wegfahren wird. Das ist und bleibt kornisch. Man kennt sich seit sechs, sieben Jahren. Man hätte ja auch früher zusammen wegreifen können, man hätte vor drei Jahren heiraten können. Aber damals hatte Barbara jeden ausgclacht, der ihr Alfred Meimberg als Ehemann an- geboten hätte. Warum nur?

(Fortsetzung folgt.)