EWimKmilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Nummer 74
Montag, den 25. September
Jahrgang 1935
1. Fortsetzung.
Liebesroman
GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE Von Walther von Holländer Copyright 6y August Scherl G.m.b.y., Berlin
Borbora zuckt zusammen. Sie geht schnell in das Dunkle des Ladens. Sie lätzt sich die Vorzüge des teuren Apparates genau auseinandersetzen. Sie spricht ausführlich über die Zahlungsweise, obwohl der Vater es nie dulden würde, daß sie irgend etwas kauft, das nicht sofort bezahlt wird. Sie kauft den Apparat. Sie hat sich noch ein paar hundert Mark vom Gehalt gespart. Alfred wird sich bestimmt freuen. Bitte gegen Abend schicken... Hier die Adresse, eine kleine gummierte Adresse aus einem Block, der noch fünfzig Barbara Schreiners enthält. Gibt's nun bald
Block, der noch fünfzig
nicht mehr. Aus mit Barbara Schreiner.
Sie taucht also zehn Minuten später aus dem dunklen Laden auf, em wenig geblendet. Es ist halb zehn, wie sie drüben an einer Uhr sieht. Sie hat also noch eine Menge Zeit. Sie wendet sich nach der Gedächtniskirche hinunter und steht vor Rauthammer, der lachend den Hut gezogen hat.
, Guten Tag", sagt Rauthammer, „also da hätte ich Sie doch noch
beute..."
„Guten Tag", antwortet Barbara tapfer und gibt ihm die Hand.
"Famos", fährt Rauthammer fort und setzt seinen Panama zurecht, „mein Glück hat mich noch nicht verlassen. Hätte sie allerdings spätestens heute nachmittag angerufen. Sie wohnen noch draußen in Lichterfelder Natürlich. Oder ich wäre einfach in der Klinik vorbeigekommen.
„Ich arbeite nicht mehr in der Klinik", lächelt Barbara.
Jetzt ist Rauthammer erstaunt. „Sie arbeiten nicht mehr in der Klinik? Das war doch nicht eine Arbeit, die man einfach hinlegen kann. Was macht Ihr Boter denn ohne Sie? Was tun Sie denn den ganzen Tag. Nein, es ist ganz unmöglich!" „ m „
Barbara zeigt auf ihre Pakete. „Was ich tue? Genau das, was andere Frauen auch tun. Besorgungen ... Einkäufe ... Friseur ...
Rauthammer lacht sein heftiges, klangloses Lachen. „Unsinn , lacht er „Sie sind nicht wie andere Frauen und schon gar nicht w,e irgendwelche
sein", sagt Barbara ärgerlich und bricht ab. Sie wünscht keine langen Unterhaltungen mehr mit Herrn Rauthammer^ S>e hat damals acnua mit ihm über die Welt, über das Leben und über Barbara Schreiner gesprochen „Vielleicht", meint sie, „bin ich doch wie andere Frauen, Sie streckt ihm die Hand hin. Sie will über die Straße weg m das Dell- katessengeschüft auf der anderen Seite. Auf Wiedersehen. Aber Raut- ^^Cz^sind^sast^Efün^Iah^"^fährt"erweise fort, „nein, mehr, vor fünf Jahren im März wurde ich von Ihrem Herrn Vater als geheilt enL lassen Er hat übrigens recht gehabt. Ich bin kerngesund seitdem. Ich ^"zaubse"^aLr7Ä1u°.Nm"Erstaunen nicht über die Straße auf das Delikatessengeschäft losgegangen, sondern geht neben Rsuthamm ber Sie liebt aufmerksam den langen, dürren Schatten des Mannes an, überOem wie ein Pilz der Phr°midenschatt-n-desHut^ schwebt. Sie siebt den Schatten mit einem dicken Bambusstock gestikulieren. L- Y seine Stimme, eine Schattenstimme, eine etwas hezstrei aber^ angenehm tttagende Sii „ f ,, nvm ox* nm 10 Ja, gleich^drüben
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Menschen her und schmeißt einen von der Welt hinunter, eye m fertig ist."
bara, „ich muß mich beeilen. Ha!
rm gelegt, eine
Stimme ist,
kleine, wollte Weile,
Sie
„ich
Schade", sagt Rauthammer, „ich habe es wohl geahnt, aber ich bab" es doch nicht genau gewußt." „Vielleicht ist es schade gewesen, vielleicht auch nicht", antwortete Barbara, „das ist \a nun alles Ctn Sie' ftetjt schnell auf. Auch Rauthammer hat sich erhoben.
, Es ist ganz und gar nicht einerlei", sagt er scharf, „ganz und gar nicht. Denn wenn etwas jemals war, so ist es immer... Das ist doch
Barbara erschrickt. Das hat sie vor ein paar Monaten ihrer Freundin
„Jetzt im Augenblick ist die Zeit auch hinter mir her", lächelt Bar- _.;a, „ich muß mich beeilen. Habe noch allerlei zu besorgen. Ich..."
Eigentlich will sie ihm sagen, daß sie heiratet. Aber dann denkt sie: Es geht ihn gar nichts an! Gar nichts geht es ihn an... Er hat auch nie von seinen persönlichen Angelegenheiten erzählt. Erinnere dich! „
„Morgen oder übermorgen werde ich Ihren Herrn Vater aufsuchen, erzählt Rauthammer, „er muß mir ein kleines Lebensattest ausstellen. Einen Garantieschein auf fünf oder sechs Jahre. Brauche das..."
Er ist vor einem Cafe stehengeblieben, dessen Tische dicht neben der
lt. Sie will aufstehen. Aber
Straße aufgebaut sind. .....
„Eine Viertelstunde ... nach fünf Jahren ... alle fünf Jahre eine Viertelstunde ... soviel Zeit ist immer. Kommen Sie!"
Sehr merkwürdig. Plötzlich sitzt Barbara neben Rauthammer im Cafe, rührt in einer Schokolade, raucht eine von Rautharniners winzigen Zigaretten «sind übrigens ausgezeichnete, selbstgestopfte Zigaretten — alles Lüge, die Zigarettenbeforgung, alles Lüge), fitzt und sieht aus die Straße hinaus, hört den merkwürdigen Galoppsätzen Rauthammers zu, den springenden Sätzen, muß manchmal lachen.-Muh den Kopf schütteln. Rein — das weiß sie jetzt — die Welt ist nicht so, wie er sie malt obwohl sie vielleicht so sein könnte. Dabei studiert sie vorsichtig sein Gesicht. Er ist nicht jünger geworden. Natürlich nicht. Von den Haaren, die damals noch gescheitelt werden konnten, ist nur ein grauer Haarkranz rings um den Schädel übriggeblieben. Unter den Augen sind die Iahrzehnts- ringe gezogen, fünf Ringe, fünf Jahrzehnte. Der Mund ist noch schmaler geworden. Noch zusammengekniffener sind die Lippen.
Rauthammer erzählt. Er ist lange in China gewesen Er hat die Kämpfe der letzten Jahre um Mandschukuo miterlebt. Als Zuschauer, als Mitkämpfer ober als Kaufmann? Er fagt nichts darüber. Er berichtet von Russen, von Japanern, von Chinesen, von Abenteurern aller Lander die ihre Geschäfte da unten machen, blutige Geschäfte, trübe Geschäfte, glänzende Geschäfte. Von alten Kulturen, die langsam zerbröckeln, und neuen Kulturen, die zu wachsen anfangen. Daß die Europäer Schritt für Schritt Boden verlieren, ganz allmählich, wenn man es em paar Jahre beobachtet, und rasend rasch, wenn man es mit chinesischen Augen ansieht, die mit der Zeitlupe der Jahrhunderte zu betrachten verstehen. Sehr interessant ist das alles. Sehr aufregend. Aber em bißchen unmenschlich, nein, fern-menschlich. So, als ob um etwas Außermenschliches gekämpft würde und nicht — zunächst mal um gjlatj, um Nahrung, um Kleidung, um Wohnung für unzählige Millionen. Außerdem hat sie im Augenblick sehr persönliche Sorgen, Gedanken, Interessen. Sie ist wohl politisch aufmerksam geworden, seitdem Alfred Meimberg ihr klargemacht hat, daß im Politischen heute viele andere Dingen des Menschenlebens mitentschieden werden müssen. Aber am Tage vor der Hochzeit, nicht wahr ... . .... n- . . .. __
Rauthammer bricht fein Referat plötzlich ab. Er wird in einem halben Jahr wieder nach Sibirien ober Mandschukuo gehen. Aber letzt hat er ein paar Monate Urlaub. , . „
Jetzt will er ein bißchen als Europäer leben, als zuschauender Europäer, als Deutscher, aber als zuschauender Deutscher. .
„Wohin reifen Sie?" fragte er. „Oder ist es em Geheimnis? Ich möchte es wirklich gern wissen."
„Es ist kein Geheimnis", antwortet Barbara, „aber ich weiß es nicht. Irgendwohin mit dem Auto."
Ob sie selbst fährt, will Rauthammer wissen. Sie kann wohl selbst fahren. Aber sie fährt nicht selbst? Nein,nicht immer.
„So", sagt Rauthammer, „so ist das." „
,',Ja", antwortet Barbara, „so ist das.
Sie findet, nun ist endgültig alles gefagl Rauthammer hat feine Hand auf ihren Ar schmale und starke Hand.
„Biste, bleiben Sie noch ein bißchen , flüstert er, „ich "^Schweigen. ^„Fragen Sie", sagt Barbara nach einer muß nämlich bann wirklich gehen."
„Ich wollte gern wissen", fagt Rauthammer, unb ferne rote damals auch manchmal, plötzlich klar, „ich wollte nämlich wissen, ob Sie mich damals geliebt haben."
Barbara nickt. „Ja", sagt sie einfach, „ich habe Sie damals wirk-


