August.
Don Theodor Storm.
Die verehrlichen Jungen, welche Heuer Meine Aepsel und Birnen zu stehlen gedenke». Ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen Womöglich insoweit sich zu beschränken, Daß sie daneben auf den Beeten
Mir die Wurzeln und Erbsen nicht zertreten.
Böhmische Landschaft.
Ein Umriß von Emil Merker.
Oh unser Böhmen mit seiner Mannigfaltigkeit! Vielleicht nicht immer und überall von der aufgeräumten Ordentlichkeit einer frifch gebohnerten Sonntagsstube, aber überall voll gewachsener, oft fremder und befremdender, oft dunkler Schönheit.
Ein Strich von ein paar Kilometern von sächsischer Grenze ins Land hinein, welch ein Wechsel! Erzgebirge, rauhe, von grauen Winden über- braulte Hochflächen, Wald und Moore. Armut und wieder Armut! Kartoffeln und Hering und Kornkaffee. Und — welche Ironie! — aus dem Klöppelsack der Luxus der seinen Welt: die Spitze. Die freilich den Weg oft über Brüssel nehmen inuß, um sich die volle Anerkennung zu erwerben. So wie unser Glas oft über Venedig, unser Reichenberger Tuch über England gehen muß.
Erzgebirgselend, seit je sprichwörtlich! Aber da und dort hört der Wanderer, den sein Weg durch eine Ortschaft führt, Musik aus einem Fenster, fidele Tanz- und Unterhaltungsmusik: Kapellen, die für die Reife üben, Reisen, die jetzt in der Zeit des Radio ja wohl kaum mehr, aber früher oft um die ganze Welt führten.
Und einen Schritt weiter: die schweren fetten Böden des Saazer Landes mit Weizen und Hopfen und Zuckerrüben. Reiche Bauernhöfe, stolz wie Herrschastsgüter, durch Jahrhunderte angestammter von Geschlecht zu Geschlecht vererbter Besitz.
Und wieder ein paar Kilometer weiter: der Boden schauerlich verwundet, Pingen, eingesunkene Erdlöcher voll übelriechenden Wassers. Die Landschaft eingehüllt in dunst- und nebelschweren Brodem, in dem ein süßlicher Kohlengeruch steht: das Brllx-Duxer Kohlenbecken.
Aber diesmal soll nur vom Saazer Land die Rede sein. Man kennt es nicht. Und kennt man es, man wird nicht davon begeistert sein, denn es steht in keinem Bädeker, daß man davon begeistert sein muß. Der Reisende, der aus seiner Fahrt in die böhmischen Bäder zufällig zwischen Saaz und Kaaden den Kops zur Seite wendet, denkt hinter verschlafen gesenkten Lidern: „Merkwürdig triste Gegend das!, gähnt ein wenig und schlägt ein neues Blatt seiner Zeitung auf.
Aber vor ein paar Jahrtausenden mag es zu Rast und Siedlung gelockt haben. Es ist uraltes Kulturgebiet. Der Pflüger fand und findet heute noch Scherben ferner Kulturepochen. Das Saazer Museum, dem sich mehr und mehr das Interesse auch der ausländischen Gelehrtenwelt zuwendet, birgt mancherlei: Gefäße und Waffen: Hockergräber mit Skeletten, in sich gekrümmt, gefesselt, damit sie nicht wiederkehren: Idole der Fruchtbarkeit, einen Mann aus Ton, eine Frau mit acht Brüsten...
Fruchtbarkeit, das ist das Wort der Landschaft, gültig für ihre fetten schwarzen Erden, für ihre schweren Egerschwemmlandsböden. Freilich nur dann, wenn der Himmel seinen Segen dazu gibt: Regen. Steppe sonst, verbrannt, verlechzt, verdorrt, voll grandioser Oede.
lieber dieser Landschaft ist eine Gebärde von lässiger Großartigkeit. Natur und Siedlungen der Menschen, sie haben hier nirgends etwas Kleinliches. Eine große Achtlosigkeit, Versunkenheit, eine schwere wilde träge Eintönigkeit ist über dieser Landschaft, daß man oft für Minuten vergißt, wo man ist, sich irgendwohin in den Süden, in den Osten verzaubert wähnt.
Sommerwochen, der Himmel Tag für Tag in strahlendem Blau. Westwind in jähen, ungestümen Stößen braust daher, etwas dunkel Erregendes ist in seinem Atem, als schmecke er noch nach salzigem Meer. Wolken ziehen auf, schwergeballt, als mühte die nächste Stunde eine Sintflut bringen. Der Einheimische lächelt. Er weiß es — leider — besser: es regnet nicht! Ist es der nordwestlich vorgeschobene Erzgebirgsriegel, der den Regen abfängt?
Zitternde Weißglut der Erntetage. In einem Taumel, einem Rausch brennenden Lichtes breitet sich das Land in dürstender Mittagsschwüle, überwölbt von einem Himmel — mir ist, soviel Himmel gebe es nur noch am Meer. Wer weiß von der fonnenmüben Weite, die da auf allen Seiten ist, wer hat erfahren, wie es da Licht niederregnet, das durch alle Poren der Haut, in den Körper, in die Seele bringt, unb dort löst, löst bis alle ernsthafte Wichtigkeit, aller Kummer, alle dumme Geschäftigkeit unseres Lebens zu einem Lächeln zerfließen, in dem die tiefe Weisheit steht: Nichts ist wichtiger, so wichtig es sich auch gebärden mag, als dieser endlose Himmel, diese Lichtflut, diese weite selbstvergessene Erde.
Von Obstbaumzeilen gesäumte Straßen durchwandern das Land kreuz und guer. Garbenbeladene Leiterwagen, klappernde Sä- und Mähmaschinen, schwere Zuckerriibenfuhren schieben sich auf ihnen, je nach Jahreszeit, vorwärts. Von jeder der niederen Bodenschwellen sind, wohl ein Dutzend zählbar, Ortschaften zu sehen, in die Landschaft gebettet; eine Handvoll hellgestrichener Häuser, überragt von dem barocken Zwiebelturm der Kirche Einen Teichtümvel gibt es in jeder Ortschaft, oft grün von Algen, darum und darauf Scharen von Gänsen und Enten. Gänse und Enten, sie gehören zur Landschaft.
Gepflegte Vorgärten, Blumen in den Fenstern, Schmuck und Zierat? Man findet sie hier kaum. Und ich sage dies nicht bedauernd. Der Verzicht
auf Verzierung und Verschönerung hak hier, dünkt mich, etwas Groß, zügiges. Die Erde schmücken? Sie ist schön ohne dies in ihren blonden wogenden Kornfeldern, ihren smaragdenen Rübenäckern, den geheimnisvoll wehenden Girlanden der Hopfengärten. Ja, sie ist schön selbst noch in dem verwilderten Winkel hinter einer Scheune, einem Stall, wo mannshohe Kletten und Brennesseln und Disteln wuchern. Blumenfenster und Gärten würden sie nur verniedlichen, wären Spiel und Spielerei.
Vielleicht sind auch die Blumen, die hier am Feldrain wachsen, nicht sehr verführerisch. Winde und Hühnerdarm, die so geduldig den ausgedörrten Lehmboden mit den handtiefen Sprüngen überziehen, Teufelszwirn, dessen Wuschelhaar über die Mauern hängt und dessen Ranken sich die Kinder beim Gänsehüten zu Kränzen biegen, Rittersporn mit seinem namenlosen Blau.
Keinen Wald kennt diese Landschaft, und warum sage ich das so froh, ich liebe doch den Wald? Der Wald ist Geborgenheit, ist Haus, ist schirmende freundschaftliche Enge. Aber hier ist Weite, Einsamkeit. Der Wald führt dich zu dir selber, in dein Bestes, Innerstes. Diese Weite aber gibt mehr: sie saugt dich auf, sie erlöst dich von dir selber.
Keinen Wald hat diese Landschaft, aber hat sie «mch keinen Baum? Oh, über den Baum in der Ebene müßte man viel sagen. Und wieder muh ich vergleichen: Der Wald ist Gemeinschaft, warmes Beieinander, ist Kampf und Brüderlichkeit; ach, der Wald ist nur eine Wiederholung des menschlichen Lebens. Aber der Baum hier, einsame (kiche, Pappel, für sich allein, stundenweit sichtbar, mit weitausholendem ungeheurem Wipfel, wie er den Morgen, den Mittag, das Abendwerden erlebt, nicht voll kleinlicher Tagessorgen, voll Nahrung^-, Licht- und Luftmißgunst, vom Konkurrenzkampf in die Höh' gezwungen wie der Baum im Walde — der Baum in der Ebene, er ist voll Einsamkeit und Philosophie.
Die Dörfer, die Häuser? Alle Dörfer sind nur fo hingewischt, ausgelöscht in flimmernder Sonne oder grauem Regen. Sie lehnen an den Lehmwänden der Racheln, liegen nackt inmitten ihrer Getreidefelder. Grüne herabgelassene Jalousien sind an vielen Fenstern, manche Wände sind mit Wein berankt In den geräumigen Hof führt ein breites Einfahrtstor und ein kleines Eingangspförtchen, beide bogig übermauert. Wohnhaus. Schupfen, Scheune, durch verbindendes Mauerwerk in klaren klassizistischen Profilierungen oder leichtern Barock zufammengefaßt, sie sind von lässiger selbstsicherer, verhaltener Vornehmheit. In den weiten Höfen, dem fliefen- belegten Vorhaus, dem Gewölbe, der fliegendurchsummten Wohnstube stehen die vielen Gerüche der Landwirtschaft: der säuerliche der Milchkeller, der roarmbnmpfe von Stroh und Getreide, der erdig-strenge von Kartoffeln und Rüben, der beizende der Dungftätten, die kühle Süßigkeit frisch geschnittenen Klees, die würzige Bitternis des Hopfens.
Und auch der Mensch hier hat trotz der hazardierenden Spekulationswirtschaft des Hopsenbaus die große ruhige Gelassenheit. Jnduftrie- konjuntturen, wirtschaftliche Hetzjagd des Tages, brennende Not sozialen Elends, sie rühren nicht so nackt und unmittelbar an ihn wie anderswo. Die Landschaft und damit unbewußt der Mensch sind dem Kosmos zu nahe. Das Nächste sind hier nicht der Berg und jenes Tal, dieser Betrieb und jene Fabrik, das nächste ist hier der unermeßlich sich wölbende Himmel.
Aber ein Kapitel sür sich ist der Fluß, der sich in zahllosen Schleifen durch die Landschaft windet: die Eger mit ihren seltsamen Ufern, den Racheln. Was sind das: Racheln? Bodenabstürze, Einstürze der Lehmwände, abbröckelnder Erdbrand, wie man den bald felsigen, bald mürben, durch benachbarte Basalteruption gebrannten Ton nennt. Am linken Eger- ufer, oft auch mitten in der Landschaft leuchten sie auf, weithin sichtbar, weiß, rötlich, phantastisch unwirklich aufglänzend. Wie Marmorbrüche, wie die Karstwände Dalmatiens, denkt man sich, ehe man diese gesehen. Hat man sie aber gesehen, dann weiß man: unsere Racheln sind seltsamer. Andere aber fallen nicht steil ab, schwingen weich und breit aus, sind bedeckt mit einem niedrigen samtigen Rasen, sind wollüstig-verlockend zu Ruh' unter dem tiefen Mittagsschatten ihrer niedrigen Bäume.
Aber die Eger selbst, sie ist, als hätte sich an ihr alles verdichtet, alle verhaltene Leidenschaft dieser Landschaft zu zitternder vibrierender ©Dünnung. Da ist alles schwül-geheimnisvoll. Am Hang blühen noch Blutnelken und Katzenpfötchen, süßduftender Thymian und bitterduftender Wermut. Aber unten stehen im Egerschutt mannshohe Königskerzen, blauer verstaubter Natternkopf und schwarzes Bilsenkraut. Mir ist. als um= wittere schon die Namen ein geheimnisvoller Zauber. Das Bilsenkraut ist schmutziggelb, voll Verderbtheit und in der Tiefe der Blüte steht ein Violett, das ist wie der Inbegriff des Lasters.
Und es riecht feucht und kühl und seltsam nach Verschiedenem, was du nicht kennst. Wer den Dust des Wassers beschreiben könnte. Weiden- gebüsch, Dickicht von Seifenkraut, überdacht von den schwarzen Kronen der Ulmen und Erlen.
Aber ein Grauen überkommt einen, tritt man in das Dickicht der Insel bei Kudenitz. Die breiten sleischig-strotzenden Blattschirme der Pestwurz sind beängstigend. Du fühlst sie atmen wie tierisches Leben Die Schierlingsdolden sind höher als du. Das Gras ist fett, wie überdüngt. Kröten fitzen reglos und stieren dich an. Manchmal klatscht es im Wasser. Die Wellen glitzern und locken, Libellen flirren lautlos in der zitternden Luft.
Und in einer Benommenheit^ langsam wie im Traum, ziehst du dich aus, trittst zögernd in die kühlen Wellen hinein, deren reißende Eiligkeit du erst jetzt merkst, gehst widerstrebend mit den Zehen weiter, svürst mit klopfendem Herzen das herausfordernde Andrängen dieses Wassers, läßt dich in dieses Bad ein wie in ein Abenteuer.
Aber ich spreche immer nur von der Eger im Sommermittagsbrand. Und doch sah ich sie letzthin einmal im leise rieselnden Frühherbstregen, wo sie schöner war denn je: eine Goldschmiedearbeit in Grau und Silber . -.
Verantwortlich; l)r. KansThhriot. — Druck undDerlag:Drühl'scheUniv er NtätS-Buch- undSteindruckerei. R.Lange, Gießen.


