Im Gommer.
Don Eberhard Meckel.
Malven, Dahlien, Rittersporn blühn im Bauergarten — Eine hat gesagt, sie kommt, auf eine muß ich warten.
Gelbes, rotes, blaues Beet, Farben wie im Traume — Eine soll mich finden dann Unterm Apfelbaume.
Königskerzen angesteckt und Glycinien leuchten — Eine wird mit Augentau alle Blumen feuchten.
Sonne brennt auf das Gesicht, Summen tönt im Ohre — Eine steht im weißen Kleid schon im Gartentore.
Die Eiskonditorei.
Eine Geschichte von Erik Bertels« n.
Lydia war der Meinung, daß sie längst verlobt sein könnte, denn es war kein Mangel an Männern, die sich um sie bemühten. Aber so einfach ließ sie sich nicht betören, daß sie darüber das Denken vergaß! Ein hübsches Gesicht und einige artige Komplimente genügten nicht, sie zu sangen, oh nein! Es muhte schon etwas Reelles — wie es so schön heißt — dahinter stecken, wenn sie Entgegenkommen zeigen sollte. Mindestens mußte der Mann eine feste Stellung haben. Sonst konnte sie besser ihr kleine Bürostellung behalten und allein bleiben.
Eine Zeitlang machte ein Steuermann sie sehr nachdenklich. Er hieß Skalling, sah nett aus und war sicher in seinem Auftreten. Sie lernte ihn bei Bekannten kennen. Danach traf sie ihn noch ein paarmal. Alles was er sagte, bestärkte ihre Meinung. Sie sand ihn ausrichtig und pflichteifrig, und man konnte sich denken, daß man an seiner Seite geborgen war. Außerdem sollte er ein sehr tüchtiger Seemann sein Aber augenblicklich hatte er keine feste Anstellung. Das Schiff, aus dem er zuletzt Dienst getan hatte, war aufgelegt worden. Also hielt sie cs für besser, sich nicht zu binden. Noch konnte sie ja ruhig ein paar Jahre mit Heiraten warten, ohne als altes Fräulein angesprochen zu werden.
Wie klug sie gehandelt hatte, wußte sie erst, als sie hörte, Skalling habe im Frühjahr eine Eiskonditorei am Strandweg eröffnet. Was hätten ihre Freundinnen dazu gesagt, wäre sie nun mit diesem Mann verlobt gewesen! Allgemein sand man es sonderbar, daß ein Steuermann mit Eis handelte! Das bildete in den nächsten Wochen das Hauptgesprächsthema der kleinen Hafenstadt.
„Zu was man nicht alles greift, wenn man keine Arbeit findet", sagten die einen. „Man muß ihm eigentlich seine Hochachtung aüssprechen, weil er die Hände nicht in den Schoß legt", die anderen.
„Ob er selber das Eis herstellt?" — „Man sollte es beinahe annehmen, es heißt, er wohnt auch da draußen."
Lydia radelte an einem Abend hinaus zum Strandweg. Sie wollte zwar kein Eis bei Skalling esien, nur sehen, wie er wohne.
Er hatte ein altes Gartenhaus eingerichtet, das mit einer breiten De- randa umgeben war, aus der die Kunden sitzen konnten. Eigentlich sah alles sehr anständig aus. Aber nur ein ganz kleiner Raum war als Verkaufs- raum herqerichtet, Skalling schien keine große Ahnung von dem Betrieb zu haben, dazu hatte er viel zu viel Rücksicht auf seine eigene Bequemlichkeit und nicht aus die des Publikums genommen! Zeigte sich em Kunde, kam er höflich und fragte, mit was er dienen dürfe, dann beeilte er sich, wieder in fein Zimmer zu kommen. Fragte man etwas, antwortete er zuvorkommend, aber kurz; man verstand, er liebe keine unnützen Gespräche. Und niemals ließ er die Tür zu seinem privaten Zimmer offen stehen, über allem lag etwas Geheimnisvolles. Man ahnte, der Handel mit Eis solle etwas anderes verbergen, und von Tag zu Tag ftieg die Neugierde.
An einem Maiabend herrschte großer Betrieb im Theatersaal. Em bekannter Polarforscher hielt einen Vortrag über seine Erlebnisse. Es war ausverkaust alles, was Ansehen in der Stadt genoß, war gekommen. Es erweckte großes Erstaunen, als man nach dem Dortrag Den Eisverkäufer zu dem Forscher gehen sah und bemerkte, wie herzlich ihn der bekannte Mann begrüßte. Sie sprachen miteinander, als hatten sie vergessen, daß noch andere Menschen anwesend waren.
Leider konnte niemand hören, um was sich das Gespräch drehte, nur war man sich klar darüber, daß Skalling so unbedeutend nicht [ein könne, da so ein berühmter Mann mit ihm sprach. Don diesem Tage an begegnete man ihm mit größerem Wohlwollen, und seinem Geschäft kam das zugute. Man drängte sich auf seiner Deranda.
Er zeigte es nicht, ob er sich freute. Alle bediente er gleich und man wurde immer neugieriger.
Ein Knecht, der einmal von einem Wolkenbruch auf dem «trandweg überrascht wurde und Schutz bei Skalling suchte, berichtete, daß in oem privaten Zimmer eine große Karte der nördlichen Polarlandschaft hing. In einer Ecke hätten ein Paar Skier gestanden, auf einem Regal hatte er Bücher entdeckt, ebenso ein paar optische Instrumente.
Damit schien das Rätsel gelöst. Sicher wollte Skalling an der Polarexpedition teilnehmen, die im nächsten Frühjahr nach draußen gehen würde. Und wahrscheinlich betrieb er feine Eiskonditorei, um sich die Mittel für feine Ausrüstung zu verschaffen. Auch Lydia hörte, was man vermutete und sagte sich, daß ein Forscher nicht zu verachten fei.
Es traf sich also, daß sie am Abend den Strandweg entlang ging und trotz recht kühlen Wetters gern Eis essen wollte. Skalling zeigte keinerlei Ueberraschung, als sie auf seine Veranda kam, auf der im Augenblick keine Gäste waren. Und als er sie bediente, sagte er ganz natürlich, als sähe er sie jeden Tag: „Es scheint in diesem Jahr nicht recht warm werden zu wollen."
„Ja", lachte sie. „Aber ich bin vom Gehen so warm geworden, daß ich Appetit auf Eis bekam." Gleichzeitig schüttelte sie sich vor Kälte.
Er öffnete eine Tür: „Wollen Sie lieber hier hineingehen? Dort ist es wohl etwas wärmer."
„Vielen Dank — nur muß ich bald heim."
Aber als sie erst in dem Zimmer war, hatte sie keine Eile mehr. Es gefiel ihr hier. Zwar fehlte überall die Hand einer Frau, aber sonst war alles sehr behaglich. Sie besah sich die Karte und die Skier und meinte: „Ach ja, Herr Skalling, man ist anscheinend in einem verkehrten Lande geboren. Hier ist weder ein vernünftiger Winter, noch ein ordentlicher Sommer."
Als sie bann ging, begleitete er sie ein Stückchen. Bevor sie ihm aber Hoffnungen machte, wollte sie doch lieber sicher gehen. Deshalb fragte sie plötzlich:
„Stimmt bas, was man sich von ihnen erzählt?"
„Was erzählt man sich denn?"
„Daß Sie im nächsten Jahr bie Polarexpebiiion mitmachen."
„Das ist nicht wahr." Er blieb stehen unb sah sie ernst an. „Fräulein Lydia, da Sie es sind, bie mich danach fragen, will ich die Wahrheit sagen. Ich interessiere mich sehr für die Polarforschung, besonders, seitdem ich selber auf einer Reise da oben war und den bekannten Forscher kennenlernte. Das ist alles. Ich weih, was die Leute denken. Warum soll ich sie nicht in dem Glauben lassen, wenn das mein Geschäft hebt? Es ist nun ' einmal so, die Menschen schaffen sich Illusionen, wenn sie mit der Wirklichkeit nicht fertig werden. Und man begreift nicht, warum ich mit Eis handle und will nicht verstehen, baß mich meine Armut dazu zwingt, weil ich keine neue Stellung finden kann. Das ist die Wahrheit. Vielleicht interessiert Sie bas, Fräulein Lybia?"
Ja, es interessierte sie sehr. Sie bankte es ihm, baß er so offen gewesen war. Aber als sie allein weiter ging, gelobte sie sich, nicht noch einmal bei ihm Eis zu essen. Sie mußte ihn sich aus bem Kopf schlagen, es half nichts. — Kurz darauf kam der langersehnte Sommer. Skallings Eis- konditorei ging ausgezeichnet.
Dann lernte Lydia einen Mechaniker kennen, feine Verliebtheit schmeichelte ihr, und da sie ihn gut leiden mochte, verlobte sie sich mit ihm.
Der Mechaniker bestellte Möbel und suchte Wohnung. Sie wollten bald heiraten. Lydia versuchte einige schwache Einwendungen zu machen, es eilte ihr gar nicht so damit. Aber er Überhörte das. Die Hochzeit sand statt.
Lydia bekam ein hübsches kleines Heim. Ihr Mann verdiente gut, es ging ihr also nichts ab. Sie konnte mit ihrer Heirat zufrieden (ein, besonders, als sie hörte, daß Skalling, um sich durch den Winter zu bringen, als Arbeiter eine Stellung angenommen hatte. Man bewunderte ihn deswegen, aber Lybia rümpfte bie Nase. Wie gut, baß sie ihn nicht genommen hatte, sie kannte bie richtigen Zusammenhänge.
Nur in einer Hinsicht war ihre Che nicht sa, wie sie es sich wünschte. Man bürste ihrem Mann in feiner Weise widersprechen, bann würbe er hart wie Stein. Tränen unb Bitten halfen dann nichts. Paßte ihr alles nicht, formte sie ja gehen! Sie gewöhnte sich also daran, sich unbedingt nach ihm zu richten. Und er war immer gut zu ihr, wenn sie nur feinen eigenen Willen hatte.
Im Frühjahr wurde er arbeitslos. Das war ein netter Schreck für sie. Ader er blieb ganz ruhig:
„Das wird für uns nicht schlimmer werden als für andere. Ich werde schon irgend etwas finden, davor ist mir nicht Angst."
Aber es war nicht [o leicht, Arbeit zu finden, wie er es sich gedacht hatte. Und es war schwer, mit der fleinen Unterstützung ausgufommen. Lydia war ständig schlechter Laune, aber sie wagte nicht, ihm das zu zeigen.
Als sie eines Tages einen Spaziergang machten, tarnen sie gerade an den Hasen, als ein Schiff einlief. Oben auf der Kommandobrücke stand ein Mann in funkelnder Uniform.
„Sieh", sagte Lydia atemlos, „ist das nicht Skalling?"
„Ja, das ist er. Ich habe davon gehört, daß er eine gute Stellung gefunden hat."
Als das Schiff angelegt hatte, ließ ihr Mann sie los. „Warte hier, ich gehe einen Augenblick an Bord."
Sie wartete gespannt. Warum ging er an Bord? Wollte er sich an- heuern lassen? Vielleicht war das gar nicht einmal so schlecht.
Als er endlich zurückkam, leuchtete sein Gesicht vor Zufriedenheit. Er nahm ihren Arm, zog ihn unter den feinen und ging mit ihr der Stadt zu.
„Nun werden wir es gut haben, mein Mädchen , sagte er. Ich sprach mit Skalling und habe von ihm seine Eiskonditorei am Strandweg gemietet. Er hat ja selber keine Verwendung mehr dafür."
„Was?" Sie büeb starr vor Staunen stehen. „Wir wollen Eis verkaufen?"
Ja, natürlich! Da machen wir sicherlich ein gutes Geschäft. Und wenn ich wieder eine Anstellung in der Fabrik bekommen sollte, kannst du die Eisfonditorei ja allein besorgen. Das ist etwas für uns, mein Mädchen."
Unb sie hatte nicht den Mut etwas dagegen zu sagen.
(Aus dem Dänischen übertragen vonKarinReitz -Grundmann.)


