ehren wollte, bereiteten auch die Gegner für diesen Tag etwas vor. Allerdings hatten sie mit ihrer Festserenade keinen größeren Erfolg als Händel, der wieder fester auf den Füßen stand. Er gewann Sänger zurück, die ihm einst untreu geworden waren, und er konnte daran denken, sich vom Ausland Leute zu holen. Aber die Italiener und Heidegger waren nicht weniger rührig als er, der alte Kampf lebte auf, und Händels Kopf begann wieder böse zu glühen ... Es schien, als reite ihn der Teufel mit dem Phantom „Oper", und so war es auch. In der Riesenseele spielte sich, dem Menschen Händel nicht bewußt, der Kampf Gottes mit dem abtrünnigen Engel ab. Und er wurde sichtbar, dieser Kampf, an den gerüttelten Körpergrenzen des Menschen ...
Händel konnte di« Spielzeit in Conventgarden mit keiner neuen Oper eröffnen, es reichte einfach nicht die Zeit dafür, eine solche zu schreiben. Und die Sammlung fehlte! Er hatte sich von allen möglichen Leuten Textbücher bestellt, aber aus ihnen zu wählen, fiel ihm jetzt sehr schwer. Er komponierte drauflos und unterlegte der Musik später irgendein Wort. Die Verwirrung kündigte sich an auf seinem Arbeitstisch ... Märsche, Chöre und Arien, mit Nummern versehen und seltsamen Aufschriften, zeigten, daß die Feder ohne Ordnung schrieb, vielleicht in einem unheilvollen Fieber. Er selber sagte sich, alles sei recht, man müsse sich für eine Sache rücksichtslos einsetzen. Und die Italiener ducken, die Italiener ducken! Vorwärts, Händel, zottiger Bär! Stapfe schneller, als das Krokodil kriechen kann!
Er schrieb in vier Monaten drei Opern ... Leitete alle Proben selbst, setzte sie selber ins Spiel, verbat sich jedes Dreinreden von anderen. Kümmerte sich um den Fundus des Theaters, um die Unterkunft der zureifenden Sänger, lief sich die Beine ab nach einem Hilligen Kohlenhändler. Händel lernte dos Feilschen und genaue Rechnen, ein Zug kleinlicher Art prägte sich an ihm aus, der nicht zu seinem verschwenderischen Wesen paßte. Er wollte, da sein Theater jetzt wieder mehr Zulauf hatte als in den früheren Jahren, mit Gewinn arbeiten und fing an, bei Zahlungen zu geizen. Er wurde blind für die großen Ziele, die seiner Seele entsprachen, und erniedrigte sich zum engen Krämer. Nie sank er in seinem Leben so tief. Er hatte zu dieser Zeit in Gesellschaft kein Ohr für geistige Gespräche, enttäuschte edle Menschen durch seine Reden, deren Inhalt oft nur Zahlen und Fluche über hohe Preise waren. Seine Freunde machten sich Sorgen um ihn. Er nannte sie Müßiggänger und verwünschte ihre Mahnungen. So stand es um ihn, als er den Ausspruch tat, er verstünde es jetzt erst, aus Musik ein Geschäft zu machen ...
Das Besinnen kam, als die Schreie der Londoner Faschingsnarren verstummten und die Fastenzeit anbrach. Da erging ein Erlaß an sämtliche Leiter von Vergnügungsstätten, daß heuer keine Veranstaltung weltlichen Charakters abgehalten werden dürfe, weil man in früheren Fastenzeiten zuviel Leichtsinn beobachtet habe. Also durfte auch keine Oper gespielt werden. Händel dachte einen Augenblick an den frommen Sinn dieses Verbots ... Dann wurde er böse und ging grimmig an die Riesenarbeit, seine Truppe auf Oratorien einzuüben. In rasender Haft studierte er „Esther" und das „Alexanderfest" neu ein, gab sich aber nicht damit zufrieden, daß diese Werke ihm den Schaden des Opernausfalles herein- brachten — er wollte verdienen und bearbeitete ein ganz frühes Oratorium feines Schaffens, studierte es auch ein, brachte das Werk in der Karwoche heraus. Es fiel beim Londoner Publikum ab. Wütend zählte Händel am Tag der Leiden Christi die geringen Einnahmen, und seine Lippen formten sich zu einem Fluch über die heiligen Gedenktage ...
Händel sah noch die Münzen am Tisch, einige hielt er in den Händen. Plötzlich war es ihm, als fühlte sich das, was er rechter Hand zwischen den Fingern hatte, anders an als das Geld in seiner Linken, bleischwer und dann zentnerschwer--Gräßliche Welt! Was geschah? Was war
da rechts ...!? Und oben, oben, oben in [einem Haupt!!
Eine Stunde lang, bis jemand kam, lag Händel über die Münzen geworfen, schräg, di« linke Gesichtshälfte am Tifch hingepreßt, die rechte verzogen, herabgefallen das Augenlid, blöde der enge Blick daraus, einen irren Ausdruck im Mundwinkel. Hand und Schulter hingen herab, schwer lastete der Fuß am Boden — die rechte Körperseite des Riesen war gelähmt ... Gedanken krochen durch sein Gehirn, wie schwarze Egel, stockend, unendlich gedehnt die Bilder und die Worte ... Eine halbe Stunde brauchte das einzige Wort „Hilfe", bis es im Kopf zuftandekam ... Ueber die Lippen gelangte es nicht, niemand bestellte es dorthin ... Aber das Gefühl, die Angst, sprang hurtig im Herzen aus und ab, im ganzen linken Körper, hurtig, entsetzt, auswegsuchend! Als ein Angestellter des Opernhauses hereintrat und Händel so unglücklich antraf, leistete er ratlos die ersten Dienste, öffnete Rock und Hemd, rieb ihm Brust und Hals. Laut und gewaltig, bis in die Kehle, fühlte der Mann Händels Herz empor- lchlagen, und als jener den großen Schädel vom Tifch aufhob und zurück- lehnte in den Stuhl, sah er aus dem linken Auge ein Flehen kommen, eines stummen Kindes erschütternde Sprache ...
Und Wochen der Geduld brachen an, Dunkelheit im Geiste und dankbares Empfinden jeder kleinen Besserung. In ein niegefanntes Zeitmaß stellte das Schicksal den Raschen, [eine Tage und Gedanken. Als er sich aufrichten konnte und langsam gehen, war es ihm doch nicht möglich, die Hand zu erheben. Er besah sein Gesicht, dem die Spannkraft genommen war, im Spiegel, und brach in Tränen aus. Niemals konnte er sich eine Wiederkehr des Feuers in diese gedunsenen und trägen Mienen vorstellen. Doch er spürte, es hals ihm, wenn er den Willen anspannte. Er konnte besser gehen, sich schon rascher erheben. In Dämmerstunden riß er sogar Gedanken, die dunkel qualmten, auf zur Helle durch Willenskraft. Es kam also am Ende doch wieder aus ihn an, nicht aus den Arzt und seine widerlichen Pillen! Als Händel diese in den Kübel warf, hatte er seit dem Unglückstag die erste Anwandlung von Humor ...
Keinen Monat dauerte es, und er sah sich schon wieder in der Oper um! Allerdings konnte er dort nicht eingreifen, aber er sah nach dem Rechten, er war da! Sein erster Kapellmeister hatte ihn vertreten und die Sache gut gemacht. Er hörte, daß London Teilnahme für seine Krankheit bewies und ihm durch fleißigen Opernbesuch hals. Es freut« ihn. Ader ihn freute noch mehr, zu hören, daß seine Italiener schlechte Geschäfte machten. Und am meisten freute ihn ein Einfall seines Mit
arbeiters Henry Carey, der den lieben Italienern auf feine Weise bei, kam. Er lieh sie in Händels letzter Oper ein Drache auf der Bühne [ein Händel vergaß [eine Krankheit über den ebenso gelungenen wie ein, träglichsn Scherz. Man schlug die Feind« zweifach!
Zur (eiben Zeit, als Händel den Schlaganfall erlitt, war Heideggei auf Komponistensuche. Wenige Wochen später wurde die erste Zugkrah der Italiener, der Kastrat Farinelli, in einer elenden Flickoper heraus, gestellt und fiel mit dem Werke durch. Tief gekränkt darüber und eini bessere Aussicht in Spanien wahrnehmend, verließ der Star seine Lands leute. London und Händel waren ihn los. Die Haymarkeioper hatte aus gespielt. Der Sieg schien bei Händel zu fein. Ader auch er konnte [ein Unternehmen nach dieser Spielzeit nicht weiterführen. Der, mit bcm man ihn fo oft verglich, der unbeliebte Walpvle, führte ein Zensurgese« für das gesamte Theaterleben ein. Er wollte damit jene mundtot machen, die ihn seit der Bettleroper von der Bühne herab angriffen. Fortan mußte jede Theateraufführung in London von der Behörde genehmig! fein, jedes Werk wurde vorher geprüft, bisherige Theatergulasiungni waren aufgehoben. Die strengste Klausel aber war die, es durfte Bühne» überhaupt nurmehr im Westminftergebiet geben. Also mußte nicht nur Lincolns Jnn-Fields-Theater, sondern auch Conventgarden schließen.
Ein erbitterter Zeitungskrieg folgte Walpoles Gesetz. Aber Hände! traf es auch am eigenen Leibe. Die Lähmung, erst wenig behoben, ver, fchlimmerte sich. Aerzte und Freunde redeten Händel nach diesem Rück, schlag zu, die heilsamen Quellen in Aachen zu brauchen. Das war eir guter Rat. Aber fo hatte noch kein Kranker Bäder genommen! Die Kur ärzte schrieben ihm eine genaue Zeit vor. Er nun blieb dreimal so lange im heißen Wasser sitzen, und kam der Badediener ihn mahnen, dann spritzte ihn Händel so lange naß, bis der Mann verschwand.
„Sterben werden Sie!" sagte der Besorgte beim Abtrocknen.
„Laß mich! Vorläufig lebe ich noch und fühle mich weih Gott besser als vor einer Woche! Weißt du, was dazu gehört, Freund, um dieses Körperchen da frisch zu erhalten? Grobheit gegen sich selber gehört dazu! Komm! Bring vier schöne Aachener Würste!"
Er wurde gesund. Lachend und glücklich wie schon lange nicht, freute er sich, wieder bei Kräften zu fein, fcherzte und war schlagfertig iit: humorvollen Reden. In der Umgebung Aachens traf er fahrende Zigeuner und -hielt sie an, ließ sich von ihnen anlügen über das Ziel ihrer Fahrt, das sie nicht nennen konnten, weil es keines gab ... In einem Dors« wieder, wo Kirmes abgehalten wurde, setzte sich Händel gar ins Karussell zwischen Kinder und kreischende Frauen. Er verlebte einen Sommer auf deutschem Boden, trank in vollen Zügen den Wein der Landschaften und ließ sich alle Dolksgerichte, die er ausfindig machen konnte, kochetr Auf Hügelwegen, ohne Perücke, war er anjutreffcn, er trat in Bauern, Hütten und ging tief in die Wälder, wo er die Frucht der Eichel zu kauen versuchte. Auf Wiesenwegen sprach er mit alten Weibern, verteil!« Geld, hörte Sorgen der Armen an. Er war gesund und frisch bis in bis Seele! Von Aachen weiterreisend, kam er nach Elbing, wo zur Fiins- hundertjahrfeier der Stadt gerüstet wurde. Die guten Leute erkannten den berühmten Mann und gingen ihn um Mithilfe bei der Festmusik an Gutmütig und in herrlicher Laune sagte Händel zu und schrieb ohne viel Lieberlegen eine Kantate. Man ehrte ihn, und er tat mit, besonders bei den großen Tafeln. Da erlebten die Elbinger Wunder, was in einen Magen ging. Aber nicht nur der Welt zeigte Händel ein freundliches Gesicht. Er dankte auch dem Himmel auf dieser glücklichen HeimsahrU In fast allen Städten, wo sein Wagen hielt, erklang in Kirchen, wo sich eine gute Orgel fand, fein Spiel, innig und reich. Welche Fürsorge mochte der Allmächtige dir zu dieser Zeit deiner Gespräche mit ihm zuwenden, du Geschöpf seiner Gnaden, da er wußte, es würde bei deiner Heimkunft noch einmal der Versucher stehen vor deiner Tür ...
„Lieber Herr Händel! Sie dürfen weder allzu überrascht, noch bös« sein. Wir sind keine Feinde — wir waren es nie! — Wir sind beide Geschäftsleute. Wenn ich also heute zu Ihnen komme und die Hand zur Versöhnung ausstrecke, bann vergebe ich mir nichts. Das Geschäft mitt den Italienern mißlang mir, nun inöcht ich's eben wieder mit Ihneiu versuchen!"
„Ein wenig wie der Wind sind Sie schon, Heidegger, und — ich« kann ja nicht so im Handumdrehen vergessen!"
„Seien Sie vernünftig und sparen Sie Ihr Temperament für di« Arbeit. Denken Sie nach! Die Lizenz für Conventgarden ist Ihnen genommen. Meine Leute haben Schluß gemacht, ich stehe da mit einem leeren Opernhaus. Wer soll dort einziehen als Sie?"
Schlauer Kerl, dachte Händel, geriebener Dachs! Zuerst hast du mich, hinausgeworfen, und jetzt bin ich dir wieder gut genug, weil die Nachtigallen fortflogen! Er stellte, bevor er ja oder nein sagte, scharfe Be> bingungcn. Und Heidegger ging daraus ein. Er wollte so wenig wie Händel einsehen, daß die Oper in London zusehends verlor. Man hatte auch keine besonderen Zugkräfte mehr. Händel teilte sich mit Heidegger in die Leitung und übernahm auf eigene Rechnung feine guten Sänget' aus Conventgarden, vor allem die Straba. Deren Gatte drangsalierte die Treue, daß sie Händel einen spitzfindigen Vertrag vorlegte, den dieser nur flüchtig prüfte und einging. Weder sie noch er hatten je mit' einander um Geld gestritten.
Und doch ging es einzig um Geld bei Händels neuem Unternehmen. Mit längst verbrauchten Mitteln arbeitete Heidegger neben ihm, glaubte, ein neuer Sängername genüge, um London wieder zu begeistern, und er meinte wohl auch, Händel werde wieder Opern aus dem Aermel schütteln. Damit war es vorbei. Heidegger sah nicht, daß der Tondichter durch eine schwere Krankheit, die erst ganz kurz hinter ihm lag, geläutert werden sollte für etwas Neues. Wie damals, als Händel zu ihw vom „Wahren" sprach, stand er auch heute verständnislos vor dem Korm poniften. Für ihn gab’s keine Entwicklung: er setzte, solange er lebte, Maschinerien in Bewegung.
(Fortfetzung folgt.)
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