Ausgabe 
23.8.1935
 
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Jahrgang 1935

Zreitag, -en 25. August

Nummer 65

Seine Kraft

nisvoll

zu Erschöp

So sah bas Leben in Oxford aus. Es stellte nicht die Forderung, am wilden Strom der Ereignisse teilzunehmen, nur wollte es alles zur Unter­suchung eingeliefert bekommen. Das Ungetüm Händel aber ließ sich nicht auf die Schlachtbank legen, es verlangte Selbstunterwerfung. Unwillen er­regte es bei den bleichen Herrschaften schon allein, daß er hohe Eintritts­preise verlangte, richtig wie einer, der Geld nicht als den Schutz der Gelehrsamkeit vor den Sorgen des Alltags bewertete. Daß er den Beutel der Professoren nicht schonte! Wenn jetzt einer von ihnen den Schneider um Aufschub der Rechnung bitten mußte wie schrecklich! Und für bas - Opfer diese aufwühlende Musik! Freilich gab es Menschen in Oxford, denen die Händel-Woche unvergeßlich blieb. AußerAthalia" jeden Tag noch ein anderes Werk des Komponisten aus seinem Konzertschaffen! Der Künstler spielte in der Kapelle einmal auch das Largo. Man konnte es nicht fassen, daß diese Hände mit den runden, einzeln abstehenden dicken Fingern so wundersame, unirdisch reine Töne auf der Orgel sanden. Ebenso war es allgemein unverständlich, daß er sich vom Spiel erhob und zum Essen ging, um sich Holzfällerhaft zu sättigen.

Händel wußte, ein heiteres Zwischenspiel ging zu Ende, als er Ox­ford wieder verließ. Es gab noch einen Mißklang, ehe er reifte. Sie woll­ten ihm den Doktorhut aussetzen, doch er lehnte ab, weil ihm diese Würde, die Abstand zur Welt bedeutete, mit seinem Wesen unvereinbar schien. Zuerst waren die Gelehrten arg verstimmt, Händel wäre aber nicht Händel gewesen, hätte er nicht wie je in solchen Lagen das Wort ge­funden. Er sagte einfach:

Laßt meinen Ochsenschädel unbedeckt!"

Wieder in London, fiel es ihm diesmal nicht leicht, sein Opernhaus in Schwung zu bringen. Ein Teil der Sänger hatte ihm die Gewaltarbeiten während der letzten Spielzeit und daß sie in englicher Sprache fingen muhten, nicht verziehen und gingen zur Gegenoper. Händel hatte gerade jetzt keine Lust, auf Sängersuche zu gehen, und eine Eröffnung des Hauses mit alten Opern dünkte ihm wenig erfolgversprechend. Seltsam, er be­saß Kraft für zwei Werke wieDebora" undAthalia", wurde aber

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und Erfolg. Sein Weg war deutlich gewiesen ...

Er fühlte es dunkel. Und die Welt, aus die er so gerne horchte, weil er das Wirkliche heben und verklären wollte, half ihm. Sie sagte laut aus, daß ihrem Sinn Werkzeuge gewachsen seien, Mächtigeres als die Oper zu verstehen. Man konnte Stimmen hören, die nach dem Oratorium riefen. Die guten Geister der Zeit bemühten sich, das Edle dieser Kunst­gattung, ihre reinere Wirkung gegenüber der Oper aufzuhellen. Ein Schriftsteller namens Hamilton Newburgh wies auf den weiten Stosskreis hin, den das Oratorium habe. Es brauche sich nicht etwa auf biblische Stosse zu beschränken, auch die Antike mit ihrer blühenden Mythologie, das Weihevolle an sich, und dichterische Rhythmen, die zu Musikchören anschwellen könnten, feien fein Gebiet. Als Beispiel, was er sich als Oratorium denke, führte Hamilton eine Ode Drydens an, dasAlexander- Fest."

Händel las diesen Aufsatz und holte sich den, der ihn schrieb. Un­verzüglich begann ihre Zusammenarbeit. Hamilton richtete die Ode für den Komponisten ein, Händel ging an die Vertonung. Als es in London bekannt wurde, woran er arbeite, erwuchs ihm neue Freundschaft. Man sah es als eine Huldigung vor dem enalischen Schrifttum an, daß Händel eines seiner berühmtesten Werke in Musik setzte, und sagte, daß er seist erst, nicht als er sich vor Jahren die Staatsbürgerschaft geben ließ, richtig Engländer werde. Es mar überhaupt ein glücklicher Griff: Händel konnte in dieser farbenreichen Dichtung malerische Wirkungen erproben, und tat­sächlich gelang ihm ein Tonbild, aus der griechischen Kultur in die eng­lische Landschaft übersetzt, so reich und lebendig wie die Dichtung selber, satt in Einzelheiten und fein abqeftimmt im Ganzen. Die Krone des Merkes aber brachte der Schluß, eine Verherrlichung der heiligen Cäcilie, also der Musik. Hier hatte Händel die feine und fromme Aufgabe vor sich, die Tonkunst als Mittlerin zwischen Heidentum und Christentum walten zu lassen, und von der Kriegstrommel über die selbstsüchtige Geige bis zur gottehrenden Orgel zeigte er die Veredlung der menschlichen Seele durch Musik ... , , . .

Wie ehrte man ihn für bas Oratorium! Hochadel und Mitglieder des Königshauses wohnten der Aufführung bei. mehr als tausend Menschen waren da. Jubel umbrauste den Künstler, tief war die. Achtung vor ihm, würdig klangen die Stimmen der Blätter. Aber seine Feinde verstumm­ten, als nun auch der Kronprinz sich versöhnlich zeigte und sich Musik zu seiner Hochzeit von Händel erbat. Und dieser hatte nichts Eiligeres zu tun als den Ruhm seiner Oratorien dranzugeben und seine Oper wieder 'zu eröffnen ... Die Gewinne seit der Ostorder Woche steckte er in sie hinein, warb neue Sänger und schrieb zwischen anderen Geschäften, feiner Gesundheit nicht achtend, unheimlich rasch ein Premierenwerk ...

Da es der Prinz von Wales war, den Händel mit der neuen Oper

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(10. Fortsetzung.)

Seltsame Luft empfing ihn bort. Zum erstenmal wieder seit den Jah­ren seiner Lehrzeit und pedantischer als damals mußte er in Oxford feine Weisheit über Musik auskramen und sich Dinge sagen lassen, von denen bisher kaum etwas in den Traum feines gefunden Schlafes drang. Blaffe I Stubengesichter mit Brillen über der Nase, das Persönliche der Köpfe durch Perücken ausgelöscht, kurz, die Gelehrsamkeit empfing ihn neu­gierig. Ader sie wurden mißtrauisch, als sie Händels rote Backen sahen. Ein Kranz von Jünglingen, die ihnen ähnlich zu werden versprachen, umgab diese Herrschaften in schwarzen Röcken, denen nie bas dicke Buch unterm Arm fehlte. Zuweilen deutete ein blankes Auge, die widerspenstige Locke eines Studenten Leben und Trotz an, aber das Reptil der Gelehrsamkeit überwältigte gewiß bald auch diese Störrischen, die Sehnsucht dieser ein­zelnen ... Verwundert fragte sich Händel, woher Menschen, die zugaben, daß sie kein Instrument spielten und daß Gesang ihr Denken störe, soviel von Musik wußten, mehr noch als die Literaten Londons, deren Kritiken Händel so gerne ungelesen ließ. Einen der Professoren frug er geradezu, woher bas komme. Ein mageres Gesicht verzog sich in Falten und Fältchen, List und Ueberlegenheit sprachen aus dem abgründigen Lächeln, noch ehe der dünne Mund Antwort gab:

Ja Herr Händel, wir sind die Wacht ... Wohin käme die Welt ohne die Aussicht der Wissenden ..."

Erlauben Sie, Herr Doktor, ich bin der Meinung, sie käme ebenso­weit!"

Sie irren ganz gewaltig. Es würde keine Ordnung in unserer Welt geben, keine Wertmaßstäbe, auch für den Künstler nur einen ganz blinden Ruhm...

Na, die Hauptsache, man geht nicht leer aus!"

Aber für die Nachkommen"

Die sollen sich bei meiner Musik denken, was sie wollen!"

O Herr Händel, oh! Das ist gar nicht richtig! Was wären die schönsten Kunstwerke, wenn niemand wüßte, welchen Ursprunges sie sind, wie ihre Vorläufer heißen, von wem ihr Schöpfer lernte!"

Händel gab mit einem feinen Lächeln zu:

Natürlich, man hat feinen Wegbahnern manches zu danken."

Nun wurde der Professor jäh überheblich:

Sehen Sie! Und daß muß man wissen! Sie wären nicht Handel, Sie wären überhaupt nichts ohne Carissimi, Fux, Battista, nichts ohne Burtehude, (Hari, Habermann, Lully. Sie fanden schon alle Formen musikalischer Architektonik vor, Sie brauchten ben Kontrapunkt nur an« guroenben, Polyphonie nur zu ftubieren, nicht erst zu versuchen, eine Glänzende Chortechnik würbe Ihnen überliefert, eine vollenbete Opern­form Herr Händel, Sie mürben falschen Ruhm genießen, wüßte,, die Forschung ni*t, wo anbere aufhörten unb wo Sie begonnen hoben!"

Hänbels Lächeln war mieber erloschen. Er würbe nachdenklicki. Sie mären überhaupt nichts, sagte der Gelehrte. Verdammt, unb es ließ sich nicht einmal schnurstracks antworten auf diesen Unsinn! Vielleicht aber so:

. Was würben Sie lagen. Herr Doktor, wenn ich kein Komponist wäre, fonbern etwa Baumeister?"

Ja bas Bilb des musikalischen Lebens wäre natürlich etwas anders ols so ..."

Sie können acmz ruhig feststellen: Händel wäre in der Musik über­nimmt nicht da. Und Sie wüßten, daß es Battista und Burtehude und Lully gibt, daß diese dem Oratorium und der Oper ben Wea bahnten, ober daß es nach ihnen leer auslähe na ja. freilich, das konnten sie nicht wissen, bas würbe man einfach nicht merken!"

. Sehr sein gebucht, Herr Hänbel! Wilsen ist ^«'ri auf Erfahrung ge­gründet. und man kann die Dinge der Welt nur rückblickend feststellen unb

Die Shibenten waren währenb bes Gesprächs nähergetreten. Ent­zückt von b-m Scharfsinn ihres Professors erröteten mehrere unb einer tnar so im Klaren über bie Welt, baß er, in bie Meise fernes Sehers fal­lend unb mit gleich erhobenem Zeiaefinaer zu flänbel hm sprach:

Und was nie ist, wird man nie vermissen."

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müde schon bei dem Gedanken, eine neue Oper zu komponieren. Geheim­führte jede weitere Anstrengung für das Theater bei ihm nun löpfungsjuffänben, jedes Blatt Dratoriummufit brachte ihm Freude

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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger