Wo
Die Und Die Und Der
rinnt, fort
Wasser strömen durch sie , rauschen durch das irdische Haus ... Bäu'rin hebt den Krug vom Bord schöpft am schattigen Brunnenort Ahnen dunkle Kraft daraus.
Erdwurzeln wild umschmiegen Erdmutterarme wiegen sie, tief der ewige Brunnquell
In moosigen Kammern liegen sie. Beim Mann das Weib, beim Ahn das Kmd. sie.
m, Straßenecke laufen sieht. Er hat es eilig rote immer, er steht still unb winkt ungeduldig zurück, als wollte er jemanden antreiben, der hmter ihm ist. Gleich darauf biegt der Schlitten mit dem Sarg um die Ecke, Halljorq erkennt ihre Söhne, erkennt das Pferd, erkennt den alten Ion aber Steindor ist fort, verschwunden. Da erhebt sich Halftorg, holt ttes Atem und geht Steindor ausnahmsweise entgegen, bis auf die Straße ^Der Sarg wird ins Haus gebracht, in der guten Stube auf Stuhle aestellt Dann wendet sich Halljorg ruhig, trockenen Auges an ihre Sohne. — Ihr könnt gleich ein Doppelgrab bestellen. Und dann laßt meinen Sarg holen, solange noch Schlittenbahn ist, sagt sie.
Tags darauf stirbt Halljorg.
Bauernfriedhof.
Von Helmut Bar tuschet.
Als der große, schwere Frachter aber dann in Stettin bei Herbig & Langfeld mit der Motorwinde auf die Dockrolle getrellt wurde, da rissen plötzlich d>e beiden Stahltrossen auf unerklärliche We.se (sie hatten schon viel schwerere Lasten ausgehalten) und die „Tille rückwärts wieder in das Wasser zuruck. Sie wollte noch nicht abdan en. Martha Krüger aber zerriß jubelnd den Vertrag über die Abwrackung. Die „Tille Twachtmann" hatte ihr Schicksal selbst entschieden, feitbem> fuhr sie wieder mit Kohlen von Schlesien die Oder hinunter, kam mit Steinen und Kies den Strom herauf, die Lage für die Schiffer hob sich wieder und der Kahn lief besser denn je. Heinrich und Paul sprachen zur Mutter auch nie mehr über die Aufgabe des Schiffes, bis eines Tages ein rat el- haftes und merkwüriges Erlebnis das Leben der Leute auf ber „Tille Twachtmann" noch enger und noch stärker mit dem alten Kahn verband^ Das war am 16. September, einige Jahre zuruck. Die „Tille Twacht mann“ hatte volle Fracht und fuhr den Strom durch die niederfchlefische Ebene abwärts. Man hatte sich in Steinau ein wenig zu lange aufgehalten und Heinrich und Paul halfen nun der Strömung mit den langen Stakstangen nach. Ein schöner, warmer Spatsommertag war es Man ahnte ben frühen Herbst, unb durch die Luft schwammen ^fJ^unb Fäden des Altweibersommers. Martha Kruger stand am Ruder unb versuchte sich das Gespinst vom Gesicht zu wischen, aber die ganze Lust war voll davon. ___
Macht zu, Jungs!" ries sie ihren Söhnen zu.
Noch mehr legten sie sich in die Stakbügel, und gleich
mäßiger Bewegung zog die „Tille Twachtmann durch das Wasser.
Ab und zu begegneten sie langen Schleppzügen oder °"ch einzelnen Dampfern. Man grüßte hinüber, luftiger Zuruf kam zuruck. Wer kannte nl^marenJieleD?rbeaid)fo'aftanb Martha Krüger aber wieder mit ernstem Gesicht am Steuer. Sie ärgerte sich über die verlorene gAe", die Konkurrenz war schwer, unb gerabe >etzt war es wichtig, b,e Vertrage puntt lief) einzuhalten. So langsam zog bie Lanbschaft "°^i, rmnchmal schien es, als führen sie gegen ben Strom unb bewegten sich gar nicht von ber ^Auch ihre Söhne merkten, baß irgenb etwas mit bem Kahn los war.
Es geht schwer, Mutter", sagte Heinrich beim kurzen Mtttagbrot. Ein schlechter Tag. Stellte Tille hat's heute wieber ma mächtig!
Auch am Nachmittag würbe es nicht besser. Gewiß, sie hatten volle Fracht, und ber Kahn lag tief, aber trotzbem schien für alle noch eine andere Kraft vorhanden zu sein, die hemmend wirkte.
Die Mutter saß gerade unter Deck über ihren Fakturen, das Ruder hatte sie sestgelegt und oben stakten noch immer Heinrich und Paul, ihre Gesichter waren feucht von Schweiß, und ihre Schultern leersten. Sa hörte Mutter Krüger plötzlich ein rasselndes Geräusch, als ob die Ankerkette rollte. Sie warf ihre Rechnungen zusammen rannte tue kleine Treppe hinauf, da gab es auch schon einen starken Ruck durch den ganzen Kahn, der alte Kohlenbuchter zitterte, und dann lag die „Tille Twacht
I mann" mitten in der Oder ruhig und unbeweglich vor Anker.
„Dösköppe!" schrie die Mutter ihre Jungen an. „Habt ihr denn den Anker nicht hochgebunden?" , , . . .. ,
Doch, Heinrich schwor Stein und Bein, er habe in Steinau die Ankerwinde festgepflockt. Jetzt eben hätten sie beide vorne gestanden, er steuer, bords und Paul am Backbord, und plötzlich sei hinten die Ankerkette herunteraefauft. Wie es gekommen sei, wüßten sie auch nicht.
„Ja, $s ist heute was los mit ber Tille", sagte Paul. „Da hilft kein Fluchen, Mutter. Wenn's sie mal hat, bann hat's sie."
Also roieber eine Verzögerung ber Fahrt!
„Nun aber schnell roieber rauf bamit , sagte bie Mutter.
Heinrich unb Paul gingen an bie Winbe, versuchten zu drehen, sahen sich an versuchten roieber. Der Anker kam nicht heraus, er saß fest.
„Verflucht!" sagte Paul unb spuckte über Borb.
Aber alles Fluchen unb Spurten half nichts. 3rgenbetroas hielt ben Anker im Obergrunb fest. Sie loteten, warfen ben Spiekhaken aus —, ohne Erfolg — bie „Tille Twachtmann" rührte sich nicht von ber Stelle. Zufällig war auch weit unb breit kein Lastzug zu fehen unb bis em Schlepper vorbeikam, konnte lange bauern. Außerdem kostete bas Schleppen wieder Geld, und womöglich ging noch der Anker zum Teufel.
Eine halbe Stunde hatte man schon versucht, Heinrich wollte sich gerade ausziehen und an der Ankerkette auf ben Obergrunb tauchen, um bas Hindernis wenigstens festzustellen da probierte Pau noch einmal an ber Winde unb plötzlich faßten die Zahnräder die Kette raffelte und ohne Anstrengung ließ sich der Anker lichten. Alle drei, sahen sich top schüttelnd an. Es war sehr merkwürdig. Und wahrend die Tille Twacht mann" dann ihre Fahrt fortsetzte, war ,eder tief in Gedanken mit diesem seltsamen Vorkommnis beschäftigt, dessen schicksalhafte Bedeutung sie genau eine halbe Stunde später erfahren sollten und das wieder einmal bewies, wie stark die geheimen Kräfte in der „Tille twachtmann '^A^d7^Frachtkahn sich nämlich dem Ort Möckwitz,' ber 3u beiben Seiten ber Oder liegt, näherte, sahen Mutter Krüger unb ihre Sohne in jähem Erschrecken ein grauenvolles Bilb. Die große Eisendrucke, bie über ben Strom führte, war eingebrochen. Vor einer halben Stunbe erst war bas Unglück geschehen, bas sechzehn Menschen bas Leben gekostet hatte, unb Heinrich rechnete aus, baß sich bie „Tille Iroachtmann zu ber Zei aerobe unter ben Pfeilern befunben hätte, wenn nicht bie unerklärliche Verzögerung burch ben Anker bazwifchengekommen wäre.
Die große, starke Frau Martha Krüger aber lehnte einen kurzen Augenblick bleich am Deckaufbau, bann streichelten ihre harten Hanbe das schwarze, blasige Holz bes Schiffes, ihre Söhne aber nahm sie in beibe Arme, unb in ber Nacht beteten alle brei für bie armen toeelen der Umgctommenemitfame ^Mckste des Kohlenfrachters „Tille Twachtmann", | ber mehr ist als ein einfacher ßafttahn.
Nie Fahrt der „Til-e Twachtmann".
Erzählung von HeinzOskarWuttig.
Einer ber merkwürdigsten Lastkähne, bie jemals bie Ober jroifchen Hass und Oberschlesien hinaus unb hinunter fuhren, ist bie „Tille Twachtmann" Sie ist ein breiter, roeitauslabenber Kohlenbuchter, biete, schwere Eichenplanken bilben ihren Leib, geschlagen aus ben, bitten Wälbern, wo bie Warthe entspringt, unb als sie vor über breißig Jahren erbaut wurde, war sie wohl ber größte unb stolzeste Frachtkahn auf der Oder.
Merkwürdig, daß ihre Eigentümer niemals Männer gewesen sind. Zehn Jahre lang führte sie Mathilde Twachtmann, die ihr auch den Namen gegeben hatte, unb nach ihrem Tobe würbe ber Kahn auf ihre Tochter Martha überschrieben, obgleich bie längst ben Franz Kruger geheiratet hatte unb auch heute noch steht Martha Krüger, nun seit zwanzig Jahren Witwe, bei bickem Wetter am Ruder, und ihre beiden Sohne Heinrich und Paul müssen das Essen in der kleinen Küche bewachen ober bas Deck waschen. .
Ein Mordsweib muß die erste Schlsfsfrau Tille Twachtmann gewesen sein, eine Fürstin unter den Oderschiffen, und ihren Kahn hat sie mehr geliebt als ihr Leben. Manche kräftige Geschichte können die Brucken- roärter und die Hafenleute von ihr erzählen, und als sie sich an einem falten Novembertag in ihrem Bett unter Deck zum Sterben legte, da ließ sie sich nicht ins Spital hinunterbringen, sondern warf erst dem Doktor bie Petroleumlampe vor ben Bauch unb starb bann schnell unb voller Frieben. „ .
Der Schleusenwächter in Vorbamm, ber bie „Tille Twachtmann unb ihre Schifsersleute gut kannte, war es auch, ber es allen, bie es wissen wollten, erzählte, der alte Kohlenkahn dulde aus sich keine verheirateten Mannsleute. Der große Frachter sei ein alter Schwerenöter, und wer etwas mit der Schifferin habe, den werfe er ab.
Der Mann wird auch schon recht haben, denn wie soll man es sonst erklären daß der Mann der Mathilde Twachtmann vor dreißig Jahren, nachdem der Kahn gerade einen Monat im Wasser war, in mondheller Nacht das Lausbrett nicht fand und in niedrigem Wasser ertrank! Wie soll man es sonst erklären, daß auch der Mann ber Martha Krüger ein Viertel Jahr nach bem Tobe ber Mathilbe Twachtmann, gerabe als er ben Namen „Tille Twachtmann" vorne am Bug mit bem Namen „Martha Krüger" übermalen wollte, kopfüber von ber Planke fiel unb erst nach zwei Tagen im Oderschlamm gefunben würbe! Nein, es wirb schon so sein. Jebenfalls heiratete Martha Krüger bann nicht mehr, ber alte Kahn hatte keinen Grunb zur Eifersucht unb ber Name „Tille Twachtmann vorn am Bug bes alten Frachters mürbe bis heute nicht übermalt.
Ja, heute ist bie „Tille Twachtmann" ein alter Kahn. Größere unb schönere ziehen an ihm vorbei, aber trotzbem steht sie noch immer ihren Mann, und wenn sie dunkel und stolz unter den Oderbrücken hindurchfährt, so sieht ihr jeder bas Besonbere, bas Kraftvolle unb Eigenwillige ihres Lebens an. Ieber Schlepper weiß es, baß sie aus ganz befonberem Holz geschnitten ist. unb bamals in bem strengen Winter, als ber schwere Frost bie Kanalwänbe unb die Dammbauten sprengte, als der Eisgang auf der Oder viele Lastkähne zerdrückte, da lag die „Tille Twachtmann fest und ruhig vor Anker, lustiger blauer Rauch stieg aus bem kleinen Schornstein im Vorberschifs auf, unb nur ein paar geringe Kratzer hat ihr bas Eis antun können.
Unb wie hatte ber Kahn bann später ben beiben Jungen ber Martha Krüger ein Schnippchen geschlagen! — Es waren bie Krisenjahre, eine verflucht harte Zeit, da lagen sie der Mutter tagtäglich in den Ohren, sie solle den alten, unrentabel gewordenen Kahn doch abwracken lassen. Es wäre ein .Hungerdasein, immer nur halbe Fracht und dann die Abgaben.
Da hatte sich Martha Krüger schließlich breitschlagen lassen, unb nach- bem sie wohl fünfzigmal gesagt hatte:
„Nein, ich tu's nicht. Eure Großmutter hieß Tille Twachtmann unb die hätte es auch nie getan!"
.. da sagte sie eines Tages doch:
„3n Gottes Namen, dann soll es ihre letzte Fahrt fein*
-verantwortlich- Dr. Hans Thyrlot. - Druck unb Verlag: Drühl'fche Univers itäts-Duch- und Eteindruckerei. «.Lange, Gießen.


