Oer alte Giei'ndor.
Erzählung von Gunnnr Gunnarsson.
Steindor Kolbeinsson war immer ein Mann mit Schwung gewesen. Aber je älter er wurde, desto mehr bekam er es mit der Eile. Er wurde ein alter, ein sehr alter Mann. Als er die achtzig überschritten hatte, konnte er sich überhaupt nicht mehr ruhig halten, er muhte ständig in Bewegung sein.
Alles lief ihm fort. Die Jugend war dahin. Das Mannesalter auch. Und jetzt drohte das Leben ihm das letzte Tauende aus der Hand zu reihen, und die Zeit ihn links liegen zu lassen. Steindor hatte sich nie gern überholen lassen, er beschleunigte die Fahrt, lief mit, lies mit, so gut er konnte.
Einstens, als noch Kraft und Fülle in ihm waren, entwarf er Pläne und führte sie aus; damals brauchte er nicht zu hasten, um sich von der Unruhe zu befreien, er konnte sich wie andere Menschen bewegen — wenn auch ungern langsam. Ein halbes Jahrhundert hindurch — von seinem vierundzwanzigsten bis vierundsiebzigsten Lebensjahre, hatte er seinen Hof bewirtschaftet, einen alten Erbhof, der immer vom Vater auf den Sohn übergangen war. Damals hatte er gelebt. Er gehörte zu den Menschen, die das, was sie unter den Händen haben, an allen Ecken erweitern und nebenbei ein Dutzend Kinder in die Welt setzen. Damals war ihm auch die Ruhe selbstverständlich gewesen, er hatte Zeit gehabt, sich zu setzen und auszuschlafen. Aber ein Kraftüberschuh war schon immer dagewesen, und es geschah daher nicht selten, dah ihm der Teufel unbändig in den Leib fuhr. Dann sand er keinen anderen Ausweg, als zu trinken, zu trinken, sich kopfüber in einen gewaltigen Rausch zu stürzen.
Die Jahre gingen hin, viele Jahre, und alles um ihn her gedieh. Die einzigen wirklichen Widerwärtigkeiten verursachten die Kinder, hie recht verschieden ausgefallen waren. Einer von den Söhnen war schwachsinnig und hängte sich schließlich auf; mit einem anderen konnte er sich nicht vertragen, der Junge lief von Hause fort und verschwand im Wilden Westen; eine Tochter bekam zur Unzeit ein Kind — alles mögliche Dinge, aber Dinge, die einen Vater wurmen können. Steindor trug sie anscheinend ruhig. Innerlich raste jedoch eine Wut in ihm, die er anderen zu zeigen keine Lust verspürte. Als er sich eine Zeitlang damit gequält hatte, beschloh er, Die Dinge zu nehmen, wie es sich für einen Mann geziemte, und setzte noch ein halbes Dutzend in die Welt. So war Steindor. Das Leben sprühte Funken um ihn. Es war Rasse in ihm, allerdings etwas gemischt, aber doch Rasse. Die eiserne Ruhe, die ihm fehlte, hatte dafür seine Frau. Sie hieß Halljorg und war mit ihm verwandt. Während das Leben Steindor nach und nach bis auf die Muskeln und Sehnen gedörrt hatte, feine Wangen gehöhlt, wie der Tropfen den Stein, seine Stirn gefurcht, wie der Frost Die Erde, behielt Halljorg ihr rundes, festes Fleisch, ihre Schlankheit und ihre ruhigen Augen. Sie war eine richtige Frau, echt und unverfälscht. Sie nahm auf und formte weiter, was der Mann ihr gab. Wenn es nötig war, bremste sie, beschnitt und kappte unauffällig wilde Triebe. Stichwunden hinterließ sie niemals. Sie war ganz Frau, mit einem leuchtenden Herzen, doch zu innerft kühl wie die Erde, mild wie die Erde.
Es kam eine Zeit, wo der Teufel Steindor so fürchterlich in den Leib fuhr, daß er nahe daran war, ihm ganz zu verfallen. Es kam eine Zeit, da er aus einem Rausch auftauchte, um in einen neuen unterzugehen. Halljorg nahm es auf ihre eigene Art. Die knapste von den Schnapsrationen beim Essen nichts ab. Jedesmal, wenn eine Flasche leer war, stellte sie stattdessen eine volle hin, als verstünde sich das von selbst. Schließlich begann Steindor in ihren Augen zu forschen, wenn sie mit den vollen Flaschen kam. Aber er konnte keine Veränderung bemerken, ihr Blick war ruhig wie immer. Als sie einmal während des Essens neuen Schnaps brachte, sprang er auf, ergriff die Flasche, holte wie zum Schlage aus und zischte:
Willst du denn durchaus, daß ich mich zu Tode trinke?
Halljorg hob ihren ruhigen Blick ein wenig verwundert zu ihm auf:
Das ist deine Sache. t
Da schleuderte Steindor die Flasche auf den Boden und verließ das Zimmer. , . . .
Es vergingen mehrere Jahre, in denen er keinen Tropfen trank. Dann fing er langsam wieder an und trank bis zu seinem Tode mit Maß. Auch hier wollte er Herr sein und blieb es. Erst als die Fruchtbarkeit, die innere wie die äußere, nachzulassen begann und die Ausdauer zu körperlicher Arbeit mehr und mehr schwand, fcMuf) bte Ruhelosigkeit heran und fraß sich in sein Gehirn ein. Damals überließ er den Hof feinen Söhnen, kaufte ein Haus in dem eine Tagereise entfernten Handelsort und zog mit feiner Fran und einigen Töchtern dorthin die sich noch nicht abgelöst und in fremder Erde Wurzel geschlagen hatten. Auf dem Lande wurde es ihm zu einsam, er mußte mehr Leben um sich haben. So kam es, daß der Schwung in ihm mehr und mehr m Altmännertrab Umschlag.
Er hatte es jetzt so eilig, wie in seinem ganzen bisherigen Leben nicht. Er mußte Überall sein und war Überall. Er brachte die Tage damit hm, zwischen dem Hasen und den Bauplätzen des Ortes hin und her zu lausen es konnte kein Schuppen aufgestellt werden, ohne daß er Wmd davon bekam und dem Ereignis beiwohnte. Er bestellte sich selbst zum Ober- aufseher über alles, was am Ort geschah, und wurde es ihm m Der Stadt zu still, bann sattelte er fein Pferd und ritt heim auf den Hof, meistens in einem Zuge; und auch dort hatte er u ”
alles, was sich ereignete. Hier lief er ebenso umher und hatte es genau Io eilig wie immer besah das letztgeborene Kalb, billigte oder Mißbilligte Handel und Wandel seiner Söhne. . .
Halljorg hatte für sich in dem neuen fremden Haus °wen Platz am Fenster gefunden. Dort saß sie. Sie rührte sich ungern vom Ükleck Das Haus blieb ihr auch weiterhin neu und fremd. Sie faß dort am Fenster und erhaichte hie und da einen Schimmer von Steindor, wenn er vorbei- rannfe. Auch wenn er zu Haufe war, faß sie am Fenster. Sie w°r ihm vom Hof hierher gefolgt, weil es nun einmal ihr Los war, ihm zu
folgen. Aber an feinem Altmännertrab konnte sie nicht teUnehmen. St« blieb lieber sitzen, und fah ihm zu und dachte sich ihr Teil.
Von ihrem Fenster hatte sie Aussicht auf eine Straßenkreuzung uni) ein Stück von der Hafenmole. Sie fah viele vorbeigehen, aber am häufigsten doch ihren Mann, der in feinen zahllosen Geschäften oder aus Mangel an Geschäften davonschoß. Fast immer blieben ihre Züge unbeweglich, gleichgültig, was sie auch zu sehen bekam. Wenn Steindok es aber besonders eilig hatte, oder jemanden begleitete, und dabei wild mit den Armen fuchtelte, dann leuchteten wohl ihre braunen Augen von innen her auf, bann glitt ein Schimmer über ihr runbes Gesicht mit der dunkelgoldenen Hautfarbe, ein Lächeln ober vielleicht auch nur bet Bruchteil eines Lächelns. Gott weih, was sie dann dachte, oder wessen sie sich erinnerte. Das einzige, was Steindor aus feinem Besitz nicht mitgenommen hatte, als er den Hof verlieh und in die Stadt zog, waren zwei Särge. Er hatte sie vor langer Zeit machen lassen, einen für sich, einen für feine Frau, genau nach Maß; Steindor war ein vorsorglicher Mann, und in diesen soliden festen Särgen konnte man getrost liegen, sie würden nicht unter einer Schaufel Erde zusammenbrechen. Er wußte eigentlich selbst nicht recht, weshalb er sie stehen gelassen hatte, als ex fortzog, aber Särge sind ja ein komisches Umzugsgut. Als ihm einmal nichts anderes einfallen wollte, schlug er seiner Frau vor, ob er nicht die Särge holen sollte. Laß sie stehen, erwiderte Halljorg. Sie boeffte wohl: hat er sie erst hier unten, bann würbe es kaum lange bauern, bis er barauf verfiel, sie hinaufzubringen. Steindor führte als Grund an, sie könnten doch zu einer Jahreszeit sterben, wo die Wege unbrauchbar wären. Aber diesesmal ließ sich Halljorg nicht umftimmen. Laß sie stehen, wo sie sind. Steindor muhte feine Unternehmungslust In andere Bahnen lenken.
So ging die Zeit hin. Und es endete, wie es enden mußte und immer endet — Steindor wurde schließlich von dem eingeholt, vor dem er so eifrig geflohen war. Es geschah während eines feiner Besuche auf dem Hof — im April — zum Glück deckten noch Schnee und Eis das Land, und die Schlittenbahn hätte nicht besser sein können. Was aber geschah, war dies: Steindor sprang eines Morgens nicht aus dem Bett, sondern blieb hübsch liegen, bis die Leute aufstanden. Sobald Geben auf dem Hof war, rief er eines der Mädchen zu sich herein und ba^ seine beiden Söhne und den alten Jon zu holen.
Steindor blieb eine Weile still liegen, und blickte auf die Söhne und den alten Jon, der sich bei der Tür hielt. Er saß im Bett und man konnte ihm nicht anmerken, dah ihm etwas fehlte. Aber es sah niM danach aus, als sei er mit der Situation zufrieden. Sein Blick ruht« nicht ohne Kritik auf seinen Söhnen, und er war kurz angebunden und wortkarg wie immer Kindern gegenüber.
Als er eine Zeitlang so dagelegen hatte, streckte er die Hand unter das Kopfkissen, zog seine Uhr hervor und reichte sie dem alten Jon. Du hast mir am längsten gedient, darum sollst ou meine Uhr haben, sie ist von Gold und die Kette auch. Schnell, nimm sie, zum Teufel. Bist du denn schon alt und klapprig, daß du dich nicht mehr bewegen kannst?
Dann wandte er sich den Söhnen zu und sagte nicht unfreundlich; Heute sterbe ich. Ihr legt mich heute Abend in den Sarg. Morgen fahrt ihr mich zur Stadt hinunter.
Aks er gesprochen hatte, standen die Söhne eine Weile unbeweglich da. Der Vater lud zu keiner Art von Teilnahme ein, noch weniger zu Einwänden. Der alte Jon war der einzige, der sich die Freiheit nahm, gerührt zu fein und sich zu schneuzen.
Da die Söhne keine Miene machten, zu gehen, winkte Steinbor ihn«» ungebutbig, bann aber hielt er sie zurück, ehe sie zur Tür hinaus waren. Ihr habt wohl begriffen, baß nur ihr brei mitgeht. Hier gibt es Ja zu tun, ba aber zwei reichlich wenig finb und der alte Jon ja nicht gerade viel nütze ist, mag er mitkommen. Geht jetzt, eilt euch und bereitet die Reife vor.
Im Laufe des Tages starb Steinbor, wie er gesagt hatte, unb wurde auf feinen eigenen Wunsch am gleichen Abend sofort in den Sarg gelegt Als dies in Ordnung war, sagte der jüngere Bruder zu dem älterem
Zu welcher Zeit wollen wir morgen fahren?
Ja, was meinst du dazu, fragte der ältere Bruder den alten Ion.
Der alte Ion kratzt sich; er nimmt eine Prise unb guckt von einem zum andern. Steinbor würbe es nicht paffen, wenn es später als fünf wäre. Dabei blieb es beim. Cs war noch Nacht, als sie losfuhren, eine tiefe, klare Winternacht. Die Sterne stauben funkelnd am dunklen Himmel. Der alte Jon ging neben dem Pferd her und hielt die Zügel. Die Brüder stützten den Schlitten zu beiden Seiten.
Es wurde ein warmer Tag mit Sonnenschein unb glitschigem Tau- schnee. Der Weg führte über bie Berge. Aks sie über bie Abhänge hinunter gekommen waren, machten sie Rast, schirrten das Pferd ab, schütteten Heu auf den Schnee und nahmen dem Pferd das Gebiß aus dem Maul. Dann suchten sie einen Stein, auf dem sie sich niedersetzen konnten und öffneten den Brotsack. Sie waren alle drei tüchtig müde, und als sie gegeffen hatten, blieben sie noch ein Weilchen sitzen und sammelten frische Kräfte. Den Schlitten hatten sie an der Kante des Höhenzuges stehen gelassen, damit sie ihn später leichter flott bekamen.
Die Sonne brannte, und es glitzerte von Eiskristallen auf dem schmelzenden Schnee. Ja, bie Sonne brannte. Unb plötzlich beginnt der Schlitten sich zu bewegen, gleitet vorwärts, kommt in Schwung, nimmt in ein paar Sätzen ben Hügel unb bleibt erst weit in ber Ebene stehen.
Der alte Jon ist aufgesprungen, bie Stüber sind aufgesprungen, aber zu spät. Alle stehen still unb blicken bem Schlitten nach. Die Brüder find bleich, ein Unbehagen überfällt sie. Der alte Ion ober schüttelt den Kopf, lächelt in unerschütterlicher Bewunderung:
„Immer der Alte!"
Dann nehmen sie das Pferd, laufen den Abhang hinunter, spannen wieder an und fahren weiter. Am späten Nachmittag langen sie in ber Handelsstadt an.
An diesem Nachmittag sitzt Halljorg wie gewöhnlich an ihrem Fenster, sie erwartet Steinbor heute nicht zurück. Frühestens morgen ober übermorgen Deshalb burchfährt sie ein kleiner Ruck, als sie ihn plötzlich um


