Gießener ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Nummer 91
Hreitag, den 22. November
Jahrgang 1935
\tllt
inen bann inen
um nur
, bas i)it Bit iichei dah radje, chern t mit Timer
Die mar Jtigw t dem niete Dlarfl
iren nicht hr» >llen hier Wt
> in bas rtei-
'n. m, nd ne nt. js- es. em ber )en >on ier- len inj ich! als oeit ten, nes ’ijt tun uni der eine :nen nnl-
flau! • dem t bas, ilirt)«" heut! intnrit zieh«"
Bem mtn ich«"/ !. Di* rbigf" bulie"’ ift W di! erB Heid«" ttN jteeb!" irt *
15« ter «l n «’ AlE l ei«; «n I« reu"6, 1, »trl
Er ist nun an den Gartenzaun getreten. Er sieht ins Tat hinunter. Die Sonne erscheint gerade triumphierend Sie wandert die Waldchaussee flußauf, der Fluß blendet auf, ein Auto blinkt aus sonnigen Fenstern. Und da kommt endlich Barbara. Sie kommt schnell, sie hat den Hut abgenommen und streicht sich das Haar zurück. Rautharnrner ruft. Raut- harnmer winkt. Wie schön, wie einfach, wie klar, wie gut ist das Leben!
Sein Herz klopft schnell, schneller. Sie steht, als Hütte sie ihn nicht gesehn. Er ruft noch einmal, aber seine Stimme trägt nicht mehr, fein Herz schlagt hoch in der Kehle. Jetzt hat ihn Barbara gesehn. Sie winkt mit ihrem Hut zurück. Er soll einen Augenblick warten. Sie muß erst ihren Atem beruhigen. Wie unheimlich klar ist in diesem Augenblick alles, wie unheimlich nahe, der Berg, der Fluß, die Fenster von Haus Rebstock, der purpurne Bademantel Körners. Sie wendet sich.
Rautharnrner steht noch, winkt noch. Dann aber saßt er nach seinem Herzen, der Fahrstuhl sinkt, sinkt rasend schnell. Was ift das? Er weiß es. Er hebt abwehrend die Hand. Er flüstert: „Ich will noch nicht." Er sieht noch einmal nach Barbara hinüber. Sie soll schnell, schnell kommen. Dann umdunkelt sich fein Auge. Er sinkt zu Boden. Ganz leicht, ganz ohne Schmerz, aber ein wenig leer ist es geftorben.
Barbara hat fein Gesicht verschwinden sehn. Sie hat sich aber nichts dabei gedacht. Sie geht langsam unter der stechenden Sonne die hundert Meter zum Garten,' sie tritt ein. Sie erschrickt. Sie beugt sich über Raut- hammer. Sie schreit leise auf. „Nein", schreit sie, „nein!" Das ist ganz falsch. Das hat sie nicht gewollt. Nein, bitte nicht! Sie kniet neben ihm. Sie faßt nach seiner Hand. Sie will nicht, daß er tot ist. Aber er ist tot. Sie läuft ins Haus. Sie ruft nach Sophie. „Rautharnrner ...", sagt Barbara und zeigt in den Garten.
„Nein, nein", antwortet Sophie tonlos. „Ich will nicht."
„Ja", sagt Barbara, „er ist aber doch tot."
Sie laufen beide zu ihm. Sophie ruft ihn an. Sie wirft sich über ihn. Aber er rührt sich nicht. Sie streichelt das Gesicht des Toten, den grauen Haarkranz, die blaffen Wangen. Sie schließt sanft die Augen, die noch vor einer Stunde so froh geblickt haben. Sie sagt: „Vielleicht täuschen wir uns?" Sie ruft beim Arzt an. Sie sitzt wieder neben dem Toten im Gras. Eine Hand Rauthammers, eine totenkalte, hat sie gefaßt und eine Hand Barbaras. Sie sagt: „Ihr wißt alle nicht, was Liebe ist. Alle nicht. Aber ich weiß es. Ich bin die einzige, die es weiß."
Das wiederholt sie hartnäckig und eintönig. Die einzige, die einzige, die das weiß. Das wird ihr Trost sein für lange und kalte Jahre. Der alte Sanitätsrat kommt. Zu dreien tragen sie Rautharnrner ins Haus. Der alte Arzt packt ihn an den Schultern, die beiden Frauen tragen ihn an den Füßen. Es ist ein schlimmer Gang. Beide sind hinterdrein ganz erschöpft. Der Sanitätsrat untersucht lange. Es ist nichts mehr zu ändern. Es ist nur em Wunder, daß er so lange gelebt hat. Für einen Arzt nicht zu begreifen. Das Herz war ganz eingeengt, zusammengepreßt auf einen winzigen Raum. Weiß der Himmel, wie er es fertigbrachte, damit zu leben.
Es findet sich, daß Rautharnrner nicht an den Tod gedacht hat, aber alles dafür vorbereitete. Die Adressen seiner Angehörigen sind aufgezeichnet, es gibt ein Verzeichnis feines Vermögens. Er besitzt nicht mehr viel, als letztes steht die Forderung an den dicken Kaufmann und seinen Partner eingezeichnet. Keine Bestimmung gibt es, was mit dem Vermögen zu geschehen hat. ... . .
Barbara verläßt zwei Stunden, nachdem sie gekommen ift, das Haus. Sie will mit Meimberg abends zur Totenwache wiederkommen. Aber Sophie bittet, ihr das wenigstens zu ersparen. Meimberg war Rauthammers bitterster Feind. Barbara kann es ihr nicht ausreden.
Sie kommt gegen fünf im Haus Rebstock an. Die Penfionsgöste sitzen noch beim Nachmittagskaffee auf der Wiese. Hauptmann ©ernte und Frau haben einen Ausflug unternommen, aber Körners sind da, die beiden Kichermädchen, der Globetrotter und der Oberlehrer. Sie sitzen um den großen Tifch. Sie rufen Barbara zu, daß man an diesem Abend einen Galaabend mit Tanz veranstalten wird, in Kostümen aus Korners Film Ein Lied in Wien bei Nacht". Körner wird in feiner Glanzrolle kommen, als Körner im Film. Barbara lächelt ein bißchen mühsam: sobald es gehn will, nimmt sie Meimberg mit sich. Sie gehn über die Wiese, sie steigen den kleinen Berg hinan, setzen sich oben. Endlich sagt Barbara: „Er ist tot".
Ach", sagt Meimberg. „Tot? Hat er sich umgebracht?
Barbara schüttelt den Kops, und nun bricht endlich das große Weinen aus ihr Unversieglich steigt der Tränenstrom aus der Herzgrube. Sie meint und weint und lächelt dazu ihren Mann an. Er läßt sie ruhig meinen Er hält ihre Hand. Er fragt nichts. Er sagt nichts. Ist er etwa froh daß der Nebenbuhler tot ift? Ach nein. Er ist zuerst entsetzt und enttäuscht. Er mollte ja doch noch' den Gegner besiegen. Jetzt hat er wohl Barbara gemonnen. Aber er hat nicht gesiegt. Das Schicksal ist ihm oft 3U Hilfe gekommen. Das hat er sich gern gefallen lassen. Diesmal ist er böse über die Hilfe. Und fo sagt denn Meimberg als erstes: „Das ist
Liebesroman
GESCHICHTE EINER HOCHZEITSREISE Von Walther von HoUanöer
Copyright 6y August Scherl G.m.b.y., Berlin
Schluß.
Barbara nickt. Aber sie hat zum Schluß nicht mehr genau zugehört. Dieses Allgemeine kann man doch ein andermal besprechen und verstehn. Jetzt muß sie das Besondere, die Sache mit Rautharnrner, zu Ende bringen.
„Ich merde jetzt hinaufgehn und mich van Rautharnrner verabschieden", sagt sie. „Es muß ausdrücklich und mit allem Nachdruck beendet fein." Alfred wird noch einmal unsicher. Muß sie wirklich das beenden? Kann er das nicht tun? Es würde soviel leichter für ihn fein. Ja, er hat doch eigentlich das Recht und die Pflicht, als Mann für Barbara einzutreten, und er wird es dem Herrn Rautharnrner schon ganz klar und kalt beibringen, wie die Angelegenheit steht. In der ganzen Sache hat er mehr ober weniger banebengeftanben. Er brennt barauf, aktiv einzugreifen.
Aber Barbara muh feine Hilfe mit herzlichem Dank ablehnen. Dies kann nur sie allein zu Enbe führen, unb sie hofft sehr, baß es die letzte Sache sein wird, die sie allein machen muß. Sie will darum auch gleich gehn, damit man es hinter sich hat. Vielleicht kann man schon am Nachmittag wegfahren ... die unterbrochene Hochzeitsreise noch einmal aufnehmen.
Barbara geht also. Sie geht sehr langsam. Sie muß noch etwas zu Ende denken. Warum fällt es ihr so schwer, Rautharnrner herzugeben, da sie ihn doch längst aufgegeben hat? Hergeben scheint überhaupt schwer zu sein, obwohl es doch genau fo zum Leben gehört wie Nehmen. Und Sterben, nicht wahr, gehört auch zum Leben. Das versteht sie jetzt zum erstenmal und wird es vor ihrem Sterben noch oft sich sagen müssen. Jetzt schauert sie noch unter dem Gedanken zusammen. Denn natürlich ist Sterben schwer, wenn auch nicht schwerer als Leben, dessen Teil es ist... Das hat sie also verstanden. m , „ . ,. ...
Sie dreht sich noch einmal um. Sie winkt nach Haus Rebstock hinüber. Da steht Alfred, und neben ihm stehn die Körners, Herr Körner in feinem schönen scharlachroten Bademantel unb Frau Körner in ihrem freigebigen Babeanzug, unb jauchzen unb rufen unb Barbara ruft zurück. Dann springt sie über bie Chaussee, geht schnell ben Fußpfab, auf bem ber Walb fo schön duftet, unb schon biegt sie zum Haus am Hang em.
21.
Rautharnrner wacht gerade aus seinem Schlaf auf. Es fahren ein paar schwerere Wolken über den Himmel. Das Tal ist gefleckt von Sonne und Schatten. Rautharnrner dehnt sich behaglich. Es ist ihm leicht und klar zu Sinn. Wenn er jetzt zurückblickt über ein Leben von zweiund- fünfzig Jahren, so ist es, als wenn er aus der Sonne in einen dunklen Tunnel schaue. Ganz hinten, jenseits des Tunnels, steht das Elternhaus, winzig wie eine Puppenstube. Eine verhärmte, kleine, eilige Frau arbeitet darin, feine Mutter. Ein paar Geschwister wimmeln drin herum, auch sehr klein, sehr eilig und sehr tüchtig. Und dann komm ber lange inftere Tunnel. Ab unb zu ein Seitenblick, ab unb zu eine Aussicht, ab und zu eine frische Brise vom Ziel her. Schattenhaft treten bie Gestalten lemes Gebens zu ihm, in Tunnelfarbe gemalt, hellgrau umbampft. Die erste Frau, eine gute Frau, eine Dienerin, stirbt im Kmbbett unb nimmt bas Kinb gleich wieder mit. Die zweite Fraueme schone gescheite Frau hatte kein Herz. Wie stirbt sie? Am sibirischen Wind stirbt sie, in der neuen Stadt Hsinking. Der chinesische Freund tritt zu ihm und der Kanzler von Mandschukuo, und Bilder aus vielen Stabten ber Wett fahren im Tunnel vorüber von Schantung unb von Peking, von Tobosik unb von Petersburg, von London, von Riga, von Stockholm, von Berlm, dazu Menschen und immer wieder Menschen, Kaufleute und immer wieder Kaufleute Genug' Was h-at man gehabt? Geld und em Leben tm Schlafwagen unb® in Hotels, immer auf dem Anstand immer auf der Jagd. Genug! Einmal muß bas neue Leben beginnen. Jetzt hat bas neue ^ße.ben b egonnen roirb Barbara gleich kommen. Er wirb nicht
mehr um sie kämpfen müssen. Er hat sie schon erkampfü Womii? Wodurch"' Er weiß es. Er wirb es anberen Menschen nicht fagem Die können es nicht verstehn unb müssen beshalb darüber lochen, "der Sophie Mahnte hat nicht gelacht, unb Barbara, ber eres gtet« J“Be" J Barbara wirb auch nicht lachen. Er wirb ihr bas Geheimnis de-Erfolges lagen und die Kraft erklären, die sie zufammengefuhrt hat. Meister Lu Bfu sprach: Den Entschluß muß man mit gesammeltem Herzen aus- kühren. Nicht Erfolg suchen. Dann kommt der Erfolg von selbst.


