Ausgabe 
22.7.1935
 
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Drrantwortltch: Dr. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Brühl'sche Univerlitäts-Buch« und Steindluckerei, R. Lange, ®iefi«R.

lichen Meinung trat.

In welchem Maß ihr daneben die Gymnasialbildung nachhing, will ich an einem Beispiel zeigen. Im Verlaus meiner Bemühungen, ihr dies und jenes davon beizubringen, was ein Verleger wissen muß, sagte ich einmal zu ihr:Hier, Fräulein Lehmann, haben wir eine Umschlag­zeichnung von Olas Gulbransson, die ist messen wir schnell mal nach 21 Zentimenter breit und 33,7 Zentimeter hoch. In der Reproduktion muh sie aus 12 Zentimeter Breite verkleinert werden. Rechnen Sie aus, wie hoch sie dann wohl wird!"Sofort!", entgegnete sie zuversichtlich, ließ sich an der andern Seite meines Doppelschreibtisches nieder, nahm Bleistift und Papier und ging ans Werk, doch schweiften ihre Augen dabei häufig sinnend in die Weite. Ich merkte bald, die Sache brauchte ihre Zeit, und tat inzwischen etwas anderes. Rach einer halben Stunde fragte Fräulein Lehmann zapplig:Herr Holm, kann ich damit nicht ins Sekretariat hinauf? Da bin ich jetzt ganz ungestört."Bitte!" lächelte ich mild.Aber ist das so schwer? Sie kommen doch frisch vom Gymnasium? Gleichung mit einer Unbekannten; nicht?"Natürlich: x", gab sie recht rätselhaft zurück,nichts einfacher als das! Nur wenn ich Ihnen so gegenübersitze das macht mich verwirrt."Sehr schmeichel­haft!" warf ich tiefernst dazwischen.In zwei Minuten bin ich wieder da", erklärte sie und huschte slint hinaus. Ich wurde von der Arbeit ein-

aeschluckt und vergaß darüber diese Sache ganz. Gut eine Stunde später klopfte es an meine Tür, Fräulein Lehmann trat ein und fragte sach­lich und leichthin:Entschuldigen Sie, Herr Holm haben Sie nicht eine Logarithmentafel da.?"Ach?" staunte ich erheitert. Leider nicht, be- daure sehr! Geht es denn gar nicht ohne das?"Doch, selbstverstand- lichl Aber mit Logarithmen rechnet sich das leichter , behauptete dies arme Opfer seines Wissens wenn ich dies harte Wort gebrauchen darf.

Auf die Art machte sich Fraulein Lehmann auch noch andre Dinge schwierig, mit denen sich ihr übrigens sehr geweckter Kops beschaftlgte- Vielleickt aber ist es nur Neid von mir, wenn ich darüber lächle Neid aus ihren dem meinen überlegenen Sinn i.ur Wissenschaft Gar mancher, der als Gelehrter etwas gilt, walzt ja gleich ihr schweißtriefend Log garithmentafeln bei Aufgaben, die so ein kümmerlicher La,e ahnungslos mit Kopfrechnen bewältigt. Fraglos zu beneiden war d-e iunge Dame um die schöne Sicherheit, mit der sie prächtig aufgebauschte Reden fuhren konnte zur Klärung von Problemen, die ich überhaupt nicht sah Es wird an meinem langsameren Begriffsvermögen Siegen haben daß ich im Zuhören des öfteren kopfschüttelnd bei mir dachte: --Warum artesische Brunnen von fünfhundert Meter Tiefe bohren wo dicht daneben doch der schönste Quell von selber aus dem Boden springt!

Im gleichen Jahre 1920 nun rief mich eines Tages Ludwig Thoma von seinem Tegernseer Landhaus aus der lüften telephonisch an.S)o m, qrüß dich Gott! Hier Thoma. Geh, du tonntest mir nen Gefallen tun. Ich hab nämlich ein neues Lustspiel auf der Pfannen. Du, das w'rb was - du wirft schaun! Paß auf: und da brm brauchet ich em gan3 ein pfundsmodernes Mädel, und ich kenn doch keine von der Sorten, Gott­seidank! Es geht mir um die gfchupften Spruch, die wo so eine m* und überhaupt die ganze sogenannte Geisteshaltung du verstehst mich schon. Da wollt ich fragen: weih mir du kein Buch von fo ner über­spannten Tintenurschel, wo ich nachlesen kann, mit was für ®odm ft sich das damische Geschlecht von heutzutag beschäftigt, und roaso die be- sonderen Phrasen sind, die solch ein neues Weib ba6 d) net lad), auf seiner Walzen hat, Geh, überleg bir s, Holm!Fallt bir gar nix

I ein? Da wär ich bir schon bantbar, Alter; gel?! Ich dachte nach und kam auf nichts was auch kein Wunber well mem Verlegerberuf es ja zwangsläufig mit sich bringt, baß 'ch nicht viel gebrückte Bucher lese, besonbers aber keine, bie mir nichts zu sagen haben; benn darin' mein Bebars burch Prüfung von Manuskripten für ben Verlag schon feit Jahrzehnten voll gebeckt. Was sollte ich Freunb Thoma also raten? Plötzlich kam mir bie Erleuchtung.Du, Thoma", rief ich m ben Trich­ter,so 'nen Schmöker, ber dir Helsen konnte, weiß ich auch nicht auf ben Stürz Aber berartiges ftubiert sich doch viel besser am lebenden Modell. Ich hab seit ungefähr zwei Monaten hier eine junge

Verlag. Du, die ist wie gemacht dafür. Wenn du die andrehst, rebet fu fort, bis es bir langt für zwanzig Lustspiele."Das rourb mir doch 3U viel", knurrte Thoma sehr mißtrauisch,am laufenben B-mb Lust­spiele schmieren ging mir ab!"Du suchst bir halt bie Perlen aus dem Gruscht", redete ich ihm weiter zu,ich schick fte bir hinaus für eine Woche. Entbehren kann ich sie solange leicht." Em Zaubern klang m (einer Stimme mit, aber er sagte bann:Nein, schau, pah auf: em Bud), wenn mir zu fad wird, klapp ich's zu unb schmeiß es an die Wand, aber bei so einem Mädel ...".....ba weißt bu, was sich schickt? er­

gänzte ich.Daß bu bich sei net täuschst!" klangs männlich rauh zu-

I rückBcll's mir zu bumm wirb, fliegt sie glatt beim Tempel naus! Dann soll sie also kommen?" fragte ich unb lächelte.Hau, laß bir Zeit! So haben wir noch nicht gewettet", wibersprach er fchnell.Da muh

I ich erst schon mehr noch von ihr wissen. Ist sie am Enb gar aus Berlin? A wo, beinah so sllbbeutsch wie bu selbst", beruhigte ich ihn und gab bie näheren Personalien an.Unb ... unb wie heißt bie Pflanze? wollte er noch wissen.Grit Merete LehmanmWas? Wie? Ja, qibts bös an? Wie war bas? Grit Merete? Du, ba glaub ich selbst, daß dös die Wahre ist."Glaub ich schon lange! Soll ich fte nun schicken? Sie tut's sicher gern. Sie hat nichts gegen Arbeitspausen kann nicht genug berühmte Männer kennenlernen und schätzt die Abwechslung. ,No ja, von mir aus!" brummte er in einem Ton, als ob es nur aus Gefälligkeit für mich geschähe, fügte bann aber .lebhafterUnd wenn schon, bann ... Sönnts net gleich heut fern? Drei Uhr achtzehn qtng ein Zug ..."Schön! Bleib am Apparat! Ich sprech mit ihr , rief ich unb lieh mir Fräulein Lehmann kommen. Da mir bekannt war, bah sie an Befangenheit nicht litt, sagte ich ihr runb heraus was Thoma von ihr wollte. Unb sie hatte Humor genug, uns beiben biefen Anschlag auch nicht zu verübeln. Sie freute sich sogar wie ein Spitzbub barauf, bem Bayernbichter ben Trakehner ihrer jungen Weisheit in allen Gangarten der Hohen Schule vorzureiten. Sie bat nur, sofort gehen zu dursen, um sich innerlich durch stille Sammlung, äußerlich durch Dauerwellen sur den großen Zweck zu rüsten. So fuhr sie am gleichen Nachmittag mit achttägigem Urlaub vom Verlag nach Tegernsee.

Grit Merete Lehmann kehrte sehr befriedigt von dem Aufenthalt zu­rück. Auch Ludwig Thoma äußerte sich zu mir im gleichen Sinn Aus mein Angebot, sie ihm bei Bedarf noch einmal hinzuschicken, sagte er aber:Nein, ich dank dir schön, mir hat's gelangt", unb fugte, beraum bernb halb unb halb erschöpft, hinzu:Na, so was von Umbrehungszahl! Wenn ich bas hinkrieg, wirb es gut!"

Was aber Thoma nun in Wahrheit babel profitierte, weiß ich "ich unb wirb bie Welt auch nicht erfahren. Denn sein geplantes Lustspie würbe nie geschrieben, weil ihm nicht lange Zeit barauf ber Tod z früh für unser deutsches Schrifttum und besonders für sein Bayernland die Feder aus der Hand nahm. crfin

Mir aber kam schon gleich nach jenem Telephongesprach blitzartig der Gedanke, dah in dieser Geschichte von dem jungen Mädchen als Studiengegenstand für einen Schriftsteller die Keimzelle zu einem neuen Lustspiel sah. Zu einem solchen hat sich dieser Keim dann auch im Sauf der Jahre bei mir ausgewachsen. Aber das steht auf einem andern Blatt und geht uns hier nichts an.

fabeln bie ob klein ober groß, im Forfcherbrang auch ins Äolk ber Schmetterlinge einbringen: Naturerkenntnis ist immer mit Beraunbe- kunq "er Schöpfung verbunben. Mir aber warb nun einmal bas Schmetterlingsnetz versagt, unb ich kann nicht aus eigener Erfahrung vom SammAn'imd Präparieren der Falter berichten, nur vom Horen- iaaen Da soll au> einem Landsitz jenseits des Kanals ein Schmetterlings- saminler wohnen.' der mehr als eine Million Schmetterlinge beherbergt, Seltenheiten befinden sid) darunter, die ich in meiner kleinen Garte"' I Wildnis nie hätte entdecken können und die lebend zu sehen, m>r sicher­lich auch in Zukunft versagt ist. Als kleiner Junge soll dieser Schmetter- lingsfreund eine kleine Sammlung zusammengebracht haben, die ihm bald wieder aus dem Sinn tarn. Viele Jahre lang agen b e Saite bie er einst nach allen Regeln ber Sammelkunst anfullte, verstaubt und unbeachtet in einem Winkel des Dachbodens. Da aber führte ihn em aufall wieder zu jenen Kästen aus der Jugendzeit, unb es padte tf) wiederum die Leidenschaft des Sammlers. Jetzt aber war es der erfah­rene Mann, der nach Vervollständigung feiner Schatze strebte und fern aanus Vermögen dafür hingab. Er. schickte erfahrene Naturforscher aus Nedllione^ nach allen Teilen der Erde, nach Norbperu und Holland, ch- Neuguinea, nach dem Kongo unb nach ©innatra, um sich g . I plare jener srerndlänbischen Arten herbeischasfen zu lassen, bie m, ben Büchern ber Zoologen prangen. Dazu kaufte er anbere Sammlungen I auf unb hatte halb unermeßliche Schätze ber kleinen Lichtvogel m einer Obhut. Trug nicht jeber biejer Schmetterlinge bas Geheimnis fernes Werbens ins Haus unb ein Schicksal, bas oft abenteuerlicher war a eine Reifeqefchichte. Manche Schmetterlinge würben an Borb eines Schiffes gefangen, mehr als fjunbcrttaufenb Meter vom festen ßanb ent­halt Sie roaren auf bie Wasserfläche hinausgeflogen unb dann von starker Luftströmung auf ben Ozean getrieben roorben, um schließlich erschöpft an Borb eines Schiffes niederzugehen. Andere Falter fand man tot auf den Schneefeibern ber Hochalpen, wohin sie burch warme auf- fteigenbe Luftströmungen emporgetmrbelt roorben waren. Der kleinste Schmetterling ber Sammlung, der aus Indien stammt, soll mit aus gebreiteten Schwingen nur einen Zentimeter messen,wahrend das größte Exemplar mit NamenOnthoptera Alexandrae eine Flugei­breite von fünfundzwanzig Zentimeter hat. Em befonders seltener und überaus schöner Schmetterling namensPapilla der ßtftige foll über­haupt nicht einzuscmgen gewesen sein. Um den Sammler nicht zu ent­täuschen, fuhren seine Beauftragten in einem Kanu auf dem Kongo so nahe an den Schmetterling heran, baß sie eine ungefähre Se'djmmg von ihm anfertigen konnten, bie ber Sammlung als schwacher Ersatz eingefüqt wurde. Von einem Schmetterling, der nad) ferner Heimat an der Küste von Guinea den NamenSierra-Leone fuhrt, wirb erzählt, daß er vierzigtausend Mark gekostet habe. 2m Jahre 1755 wurde das erste Exemplar gefangen, dann aber hatte man hundert Jahre vergeblich nach bem Schmetterling gespäht, bis im Jahre 1855 ein Sammler einen Reisenben nach Guinea fanbte, bem er für ben Fang bes Falters einen hohen Preis bot. Aber alles Suchen war vergebens, unb als ber Schmetterlingsjäger sich schon roieber zur Heimfahrt rüstete, ba trat ihm auf bem Weg zum Schiff ein Eingeborener entgegen unb jetgte tlim einen Falter, ben er soeben gefunben habe; es war jener, um bessent- roitten eine Expebition wochenlang im Innern von Guinea umher- geftreift war.

Ludwig Thoma sucht eine Lustspielfigur.

Eine Erinnerung von K o r f i z Holm.

Es mag wohl 1920 gewesen fein, im Knofpenzettalter ber großen In­flation, bie späterhin so fabelhaft zur Blüte kam, ba stellte ich beim Verlag Albert ßangen eine Volontärin ein, bie ich als Hilfskraft für mich selbst ausbilben wollte. Es war ein ganz mobernes Mäbel nut Doppel­vornamen, dem Reifezeugnis eines humanistischen Gymnasiums, über­legener Weltbetrachtung, unb was sonst noch bazu gehört. Ich will sie Grit Merete ßehmann nennen, ohne Rücksicht barauf, wie sie wirk­lich hieß. Sie hatte ungeheuer viel gelesen, was in meinen Augen noch nicht unbebingt ein Vorzug ist. Das sollte ich wohl nicht so offen sagen als ein Mann, ber selber Bücher schreibt unb Bücher anderer zu Hun­derten verlegt, aber ich tu es doch es wirkt so angenehm uninter­essiert. Von Anfang an schon lebte in mir der Verdacht, daß auch mein Fräulein ßehmann schriebe, und er hat mich nicht getäuscht, aber sie faßte sich nicht gleich das Herz, mir das zu beichten. Die erste Frucht ihrer ßcftüre, die ich kosten durfte, war ihre Fähigkeit, wahrhafte Feuilletons über das Neueste zu reden, bas jeweils in ben Brennpunkt ber offent-