Ausgabe 
22.7.1935
 
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Oer Reisebecher.

Von Conrad Ferdinand Meyer.

Gestern sand Ich, räumend eines langvergehnen Schrankes Fächer, Den vom Vater mir vererbten, meinen ersten Reisebcchcr.

Währenddes ich, leise singend, reinigt ihn vom Staub der Jahre, War's, als höbe mir ein Bergwind aus der Stirn die grauen Haare, War's, als dufteten die Matten, drein ich schlummernd lag versunken, War's, als rauschten alle Quelle, draus ich wandernd einst getrunken.

Absturz.

Ein Bergsteiger-Erlebnis von Heinrich Erler.

Für einen Wettbewerb unter den Mitgliedern des Deutschen und Oesterreichischen Alpen-Vereins und des Schweizer Alpen- Clubs haben 450 Bergsteiger ihr stärkstes Erlebnis im Kampf mit den Alpengipfeln aufgezeichnet. Eine Reihe der besten dieser Erzählungen, aus denen der solgende Bericht ausgewählt ist, erscheint als BuchIm Bann der Berge" im Orell Fühli Verlag, Zürich-Leipzig.

Nebel, Wolken, Dunkelheit, ein wohliges Gefühl des Geborgenseins; meine jüngste Schwester ist plötzlich bei mir, sie fragt etwas, fort Nebel ziehen, es wogt auf und ab. Plötzlich aus unendlicher Ferne ein Ruf. Und wieder ein Ruf. Ich höre meinen Namen, ich erkenne die Stimme des Rufenden.Erler, leben Sie noch?" Ich öffne die Augen und bin hellwach. Blitzartig erkenne ich das Fürchterliche meiner Lage. Meine Stirn blutet stark. Hut und Eispickel sind fort, ich hänge im Seil in der riesigen Südostwand des Walliser Weihhorns, mit dem Gesicht nach der Wand, dicht unter einem kleinen Vorsprung. Hoch über mir, wohl an 30 Meter, erkenne ich L. In unerträglicher Weise schnürt das Seil mir den Brustkorb zusammen. Alle Kraft nehme ich zusammen und versuche zu antworten; es klingt mehr wie tonloses Lallen als Sprechen: Ja, ich lebe, ich ersticke aber gleich, kann .eine Luft bekommen. Schnei­den Sie mich ab, ich kann das nicht länger aushaltenl" Daraus L.: Machen Sie keine Dummheiten, es wird schon alles werden!" Ich rufe zurück:Lassen Sie das Seil etwas nach, ich will es versuchen."

Das Seil wird nachgelassen, ich halte mich am Vorsprung fest und bekomme nun endlich Lust. Mit Aufbietung aller Kräfte ziehe ich mich auf den kleinen Vorsprung hinauf, ein Eckchen, das gerade notdürftig Raum zum Sitzen bietet. Endlich sitze ich völlig erschöpft mit dem Rücken gegen die Wand, die Beine hängen hinunter, das linke ist bewegungslos, der Oberfchenkel muh gebrochen fein. Hände und Unterarme find an vielen Stellen verletzt und bluten. Der Brustkorb tut mir bei jeder Bewegung, beim Atmen und Sprechen furchtbar weh. Kein Wunder, ich muß min­destens fünfzig Meter gestürzt fein. Jetzt sehe ich auch, daß ein Stück des zweiten Seiles von meinem Leib In die Tiefe hängt. Also gerifsen.

Nach und nach kann ich meine Lage verbessern, den Rucksack abnehmen, die Schneehaube aufsetzen, Billrothmantel umnehmen, Tee trinken, Hand­schuhe anziehen. Das dauerte aber lange Zeit, jede Handlung war eine Leistung, die meine ganze Kraft und Energie verlangte.

Ich fror an den Füßen. Ach, ich war ja ahne Stiefel geklettert. Wie spät? Sieben Uhr abend. Ich war schließlich imstande, das gerissene Seil obzuknoten und an einen heruntergelassenen Bindfaden anzuknüpfen, so baß die Gefährten wieder in den Besitz eines allerdings nicht voll­wertigen Seiles kamen.

Es begann zu dämmern, ich lag schon lange im Schatten, die Berge wurden grau. Allmählich, in dem Maße, wie sich der Körper beruhigte, kam auch der Geist zu seinem Recht. Ich überdachte meine Lage, meine Gedanken gingen in die Heimat, zu den Eltern, zum Regiment. Was würden sie sagen, welche Angst ausstehen? Würde ich Soldat bleiben können? Dies alles überdachte ich aber rein verstandesmäßig, ohne inne­ren Anteil, völlig teilnahmslos. Die Nacht brock, herein. Ich hörte noch L. rufen und Notsignale geben, dann schlief ich ein, todmüde wie ich war ...

Was meine Gefährten bei dem herrlichen Wetter bewog, oben zu bleiben und nicht um Hilfe abzusteigen, kannte ich damals nicht beurtei­len. L. gab dauernd Signale, die auch, wie er mir zurief, beantwortet wurden. Er kam auch im Laufe des Vormittags herunter, packte mir die Füße in Zeitungspapier, legte mich in einem Riß, der sich oberhalb des Zackens in die Wand zog, zurecht und brachte mir Wasser.

Die dritte eisige Nacht brach herein. In der Morgendämmerung wachte ich auf, wohl infolge der starken Kälte. Da hatte ich die Wahn­vorstellung, als ob mein ganzer Zustand unwirklich sei, als ob ich alles nur träume. So kam mir der tolle Gedanke, allein den Abstieg zu ver­suchen. Hinunter, nur hinunter!

Ich durchschnitt das Seil und kroch ein Stückchen vor. Aber schnell erkannte ich, zur Wirklichkeit erwachend, das Unmögliche und den Wahnwitz meines Beginnens, die grausame Wirklichkeit meiner Lage und schob mich, in mein Schicksal ergeben, in meine Felsspalte zurück.

Infolge des starken Blutverlustes und wohl auch des Nervenschocks habe ich die Tage meist in einem halben Dämmerzustand zugebracht. Nachts schlief ich trotz der Kälte viel. Quälend empfand ich nur immer den Durst, den meine Freunde durch Sammeln des Schmelzwassers nach Kräften zu stillen versuchten. Außerdem lutschte ich die Eisnadeln, die sich regelmäßig im Laufe der Nacht an meinem Lagerplatz bildeten.

Die Freunde gaben sich alle Mühe, meinen Mut ausrecht zu halten. Das Gefühl einer Lebensgefahr habe ich in der ganzen Zeit nie gehabt, überhaupt nicht an den Tod gedacht Ich hegte das feste Vertrauen, dah meine Gefährten alles nur Menschenmögliche zu meiner Rettung versuchen würden. Aber zuweilen muß ich wohl doch die Nerven ver­loren haben.

Die Sonne des dritten Tages, des 10. August, erweckte die erstarrten Glieder zu neuem Leben.

Plötzlich tönte es von oben:Halten Sie noch ein bißchen aus, es kommt Hilfe I"

Wie Himmelsmusik klang diese Botschaft in meinen Ohren. Ich e zurück, wann die Leute da sein könnten; bas würde noch Stunden n, war die Antwort. Und es dauerte noch lange. Es wurde fast Mittag, bis die Rettungskolonne, vom Ostgrat über den Gipfel kom­mend und aus zehn Führern bestehend, bei den Gefährten anlangte.

Inzwischen hatte ich in der heiß scheinenden Sonne mehrere Stünden wundervoll geschlafen und wachte erst aus, als die Rettung da war.

2111 das, was nun folgte, an den Transport über den ganzen schweren Schalligrat bis auf den Gletscher, denke ich mit Schrecken und mit Grau­sen zurück. Jegliche Erinnerung aber fehlt mir daran, wie ich von meinem Lagerplatz zum Biwakplatz der Freunde hinaufgebracht wurde, Nachdem ich etwas erquickt war ich hatte die ganze Zeit über nichts gegessen, übrigens auch nie ein Hungergefühl gehabt wurde ich trans­portfähig hergerichtet.

Durch zwei Pickelstiele wurde das linke Bein unter kundiger Leitung geschient, bann beibe Beine zusammengeschnürt. Mehrere Seile um bie Brust vervollstänbigten meine Ausrüstung. So konnte bie Heimreise be­ginnen, biesmal auf demrichtigen" Wege.

Z. und L. konnten mir nun nicht mehr helfen. In Begleitung von zwei Führern eilten sie über ben Schalligrat hinab, um im Tal bie nöti­gen Vorbereitungen für mich zu treffen. Dann begann mein Leibensweg.

All bie Zacken unb Türme, die wir beim Ausstieg gemieden, mußte ich in diesem Zustand im Abstieg nehmen. Wie ein Bündel wurde ich hier hinausgehiht, dort hinuntergelassen, wobei ich nach Möglichkeit mit ben erfrorenen Händen nachhalf. Am meisten hatte ich dabei durch Atem­not und Rippenschmerzen zu leiden. Die Führer taten ihr Möglichstes, aber bas Ganze war boch eine Dual, zumal bas Wetter unbeständig wurde und zeitweise ein eisiger, mit Schnee untermengter Sturm über ben Grat fegte.

Die Sonne ging schon zur Neige, als mir enblich auf bem Gletscher anlangten. Hier steckte man mich in zwei Säcke, bie bis über bie Brust reichten, unb nun würbe ich gewissermassen als Schlitten weiter be° förbert, bis wir enblich ben Hüttenweg erreichten.

Nun hatte mein Leiben sein Enbe erreicht.

Oie Welt der Schmetterlinge

Von Jürgen Sch ä f e r.

lieber bie Schmetterlinge, die, in vielen zauberhaften Farben schim­mernd, einen verwilderten Bauplatz in unserer Straße bevölkerten, habe ich einmal bittere Tränen vergossen. jju;er herrrmofe ^-oenpeck, auf dem kein Gärtner waltete und den nur ein baufälliger Zaun ein- faßte, fo daß man leicht in die kleine Wildnis einbringen konnte, war nach altem ungeschriebenem Recht bas geh-ime Königreich bcr Knaben unserer Straße; hier führten wir bas Zepter in Krieg unb Frieden. Jeder Baum und Strauch wußte von erträumten Abenteuern, jede Stein­burg von einem Kampf gegen bie Knaben der Nachbarstraße zu berich­ten, unb alles, was sich auf biesem Bauplatz befand, das war uns ver­fallen, und niemand hatte ein Recht daran. So waren auch die kleinen Eidechsen unser Eigentum, die sich auf den Steinen im Mittagslicht sonn­ten, und die Käser und Bienen waren unsere Untertanen, über deren Schicksale wir patriarchalisch schalteten. Warum sollten dann nicht auch die Schmetterlinge uns gehören? Warum sollten wir die weißen, gelben, braunen und blauen Falter mit den sanften hauchdünnen Flü­geln' nicht einfangen dürfen, um in ihre schwarzsamtenen Augen zu blicken und die Leiber aufgespießt als Beute Heimzutragen in die Samm­lung von Tausend Dingen, die uns wert erschienen? Aber dazu brauchte man ein Netz, ein Gazenetz, bas, an einem Drahtring befestigt, hoch oben an einem Stecken luftig im Winde flatterte. Warum hatte man mir zum Geburtstag alle Wünsche erfüllt und nur diesen unbeachtet gelassen, der sich auf ein solches Schmetterlingsnetz bezog? Ich fragte mit keinem Wort darnach, aber als ich über bie Gaben hinsah, die ich sicherlich nicht verdient hatte und die mich jede für sich wohl erfreuen sollte, da rannen ganz still, und ohne daß ich mich dagegen wehren konnte, Tränen über meine Wangen. So groß war die Enttäuschung darüber, daß mir nun die Herrschaft über bas Volk ber Schmetterlinge nie zufallen würde.

Hatten jene, bie mich beschenkten, ben Zwiespalt meiner Gefühle er­kannt ober hatten meine Tränen ihnen verraten, was in mir oorging? Ich weih es nicht, aber noch am selben Tag vernahm ich nicht von un­gefähr eine seltsame Geschichte. Es war eine kleine Naturgeschichte, bie vor ben Ohren ber Zoologen sicherlich nicht hätte bestehen können. Vom Leben ber Schmetterlinge hanbelte sie, von jenen wenigen Wochen, in denen die winzigen Körperchen mit den großen Flügeln von Blüte zu Blüte gaukeln, um bann bahinzusterben, ein Opfer ber Vögel und ber Nachtfröste ober taufenb anderer Gefahren, die siegreich zu bestehen nur wenigen ber Falter vergönnt ist. Auch jene seltsamen Schicksale wur­den aufgezählt, die vierfache Verwandlung vorn Ei zur Raupe und Puppe, bis schließlich bunte zarte Flügel sich in der absterbenden Hülle entfalten und zum ersten Mal ins Sonnenlicht tauchen. Die Schöpfungs­geschichte erfuhr ich in dieser Stunde, die ich mit Tränen erkauft hatte. Nun begehrte ich nicht mehr, diese kleinen Lichtvögel zu fangen und zu töten, sondern ich folgte ihrem Tanz in den Lüften in kindlicher Scheu, daß sich vor meinen Äugen eines der Wunder erfülle, von dem das Leben, in bem ich selbst als ein Wachsender und Werdender mitten drin stand, überreich erfüllt war. Die Namen ber Falter, bie ich bald kennenlernte, vermehrten mit ihrem sonderbaren vergleichenden Sinn noch meine Ehr­furcht; nur Kohlweißlinge unb Zitronenfalter hatte ich früher unter­schieben, unb nun wußte ich, wer basBlaue Orbensband" und wer der Admiral", wer derTrauermantel" und wer daslagpfaucnaugc" war.Kleiner Fuchs" undBrauner Bär" ließen sich mit einiger Ge­duld nach bem Schmetterlingsbuch feststellen, unbSchwalbenschwanz" unbApollo" waren ehrerbietig begrüßte seltene Gäste 'n der kleinen ©artenroilbnis. Nichts hätte mich nunmehr noch bewegen können, bicfe ©innbilber vielfacher Auferstehung einzusangen und zu täten.

Der hohe Lehrwert sorgsam geführter Schmetterlings-Sammlungen ist mir wohl bekannt unb ich habe keineswegs bie Absicht, jene zu