Ausgabe 
22.7.1935
 
Einzelbild herunterladen

Herz. Gr stellte sich vor als Doktor Arbuthnot, Leibarzt der Königin, und bat, zu entschuldigen, daß er eines Musikers Schweigen belauscht habe.

Was haben Sie an mir gesehen?" frug Händel damals.

Ihre Seele in und außer dem Spiele, mein Herr."

Wissen Sie aber, daß ich jetzt trotz soviel Seele Lust aus ein Roast- bees hätte?"

Großartig! Ich verstehe etwas von Küche. Wollen Sie zu mir kommen?"

Sie wurden Freunde. Arbuthnot begriff, ein Arzt, der die Einheit im menschlichen Wesen ahnte, als erster den Ursprung des Händelschen Schassens und sein Verhältnis zur Umwelt. Er suhlte, daß dieser Hüne aus Deutschland, dessen englische Worte mit Brocken aus seiner Mutter­sprache und aus dem Italienischen vermengt waren, dessen Musik vom Nachtigallslöten bis zum Bürenbrummen alle Töne fand, der doch die zarteste Seelenregung empfand und ost nach einem großen Stuck Fleifä; verlangte daß dieser Mensch nur als reiche Einheit verstanden wer­den konnte, und daß er ein Gesetz in sich trug, nach dem die Welt ihn leben lassen mußte. Fast die ganze erste Londoner Zeit Händels mit den Operntriumphen und Enttäuschungen damals konnte Arbuthnot schon mitansehen. Er war ein Freund in den Tagen, als Händel erkennen mußte, wie das glänzend aufgeputzte Unternehmen der Italiener sich als Schwindelgeschäft erwies, das ihn mit in schlechten Ruf bringen konnte, wenn alles aufgedeckt wurde. Jedenfalls war es die ernstliche Mahnung an Händel, nicht viel auf bloßen Tagesruhm zu geben, und Arbuthnot verstand es seinerzeit, dem Freunde die Bedeutung anderer musikalischer Formen außer der Oper nahezulegen. Auch war er es. der den Herzog von Ehandos aus Händels Begabung als Orchesterdirigent aufmerksam machte. In Cannon wußte er den Freund gut aufgehoben und trat in den Hintergrund, doch immer bereit, dazusein, wenn jener ihn brauchte. Zwei Jahre lang behandelte der Komponist den Arzt aus der Entfernung oder bei Besuchen wie jeden anderen Bekannten. Auch seine Briese an ihn hatten keinen besonderen Klang. Fein und geduldig beantwortete Arbuthnot sie meist mit Glückwünschen für die Arbeit. Die Entstehung der Anthems wurde gemeldet, dann schwieg Händel eine gute Weile. Einmal hörte Arbuthnot sein Orgelspiel in Whitchurch, doch stattete er dem Freunde nach dem Gottesdienst keinen Besuch ab, sondern fuhr mit den anderen Londonern nach Hause. Er hatte das Ge­fühl, Händel gehe einen guten Weg. Jetzt nun bekam er einen herzlichen Brief des Freundes, gleichzeitig mit ihm das Textbuch zuEsther", und dabei die Bitte Händels, den Kram doch umzudichten! Und mit der geänderten Arbeit recht bald nach Cannon zu kommen.

Arbuthnot erfüllte den Wunsch des Freundes, nahm sich die Bibel vor und studierte das Kapitel Esther, ging von sich aus an den Stoff heran und tarn doch nur zu einer ähnlichen Behandlung wie der erste Bearbeiter. Es erschien ihm, der Ehrfurcht vor den heiligen Geschichten hatte, der die Nochsormung alttestamentlicher Stoffe durch christliche Dichter nicht glücklich fand, reichlich anmaßend, als Dilettant das Erz der einmaligen Sprache unijuformen. Er wußte auch, daß es in Paris Brauch geworden war, Stücke aus der Bibel für Opern einzurichten. Sollte Händel, der doch mit den Anthems sich der geistlichen Musik zu- gewandt hatte, nun mitEsther" schon wieder der Oper zustreben? Arbuthnot wußte es: jener Abschied des Komponisten vom Londoner Opernhaus, das war kein Abschied für immer gewesen. Wie gerne stritt sich der Freund mit den Leuten herum, und nach wochenlangen Kämpfen mit den Sängern und den Zeitungen eine Händel-Aufführung! das war ein Tag feiner Kraft! Er sammelte sie und verausgabte sie, blind wie ein Naturereignis.

Und doch hatte er Gespräche mit Arbuthnot geführt, worin er merken ließ, daß ihm die Musik als überwirkliche Kraft, wie von einem gött­lichen Willen gelenkt, erschien und daß er sich nur als Werkzeug fühlte. Er verglich später seine Tatkrast, als erCäsar" vertonte, mit der Cäsars. Der wollte über Menschenmassen siegen, um sie beherrschen zu können das will ich auch. Aber zu welchem Zwecke beherrschen? Und in welchem Glauben? So frug Händel einstens Arbuthnot...

Jetzt fuhr dieser mit dem umgeänderten Textbuch derEsther" hinaus nach Cannon. Es war ein prachtvoller Wochentag im Frühherbst, mit allen Wundern der englischen Landschaft während der Uebergangszeit, verschleierten Sonnenstrahlen und zart verfärbten Baumkleidern. Auf den Wiesenhügeln im Umkreis der Schlosses Cannon dursten die herzog­lichen Pferde die letzten Monate der warmen Jahreszeit im Freien laufen, und unverkennbar äußerte sich die Lebensfreude dieser edlen Geschöpfe in wiehernden Rufen und munteren Sprüngen Arbuthnot e!g aus dem Wagen, den er vorausschickte, und ging zu Fuß die letzte eile bis zum Schloß. Er liebte die Ruhe der Natur, vielleicht nicht so sehr ihr ursprüngliches Geben, für das ihm, der in seelischer Verfeine­rung die Vollkommenheit sah, der neugierige Blick fehlte. Nach seinem Denken galt die Natur als Empfangspforte Bildung und Menschen- stolz trennten ihn davor, an Blumen oder Tieren dieselbe Majestät zu erkennen, wie an den Geschöpfen feiner Art.

Hätte er das derbe Entzücken Händels gesehen, mit welchem dieser in seinen begnadeten Stunden von Cannon den Fuß in die Gräser setzte Arbuthnot würde vielleicht auch zu der Weisheit gelangt fein, daß es nicht nur eine Einheit der menschlichen Person gibt, sondern überhaupt eine Einheit des Lebens, vom Höchsten bis zum Kleinsten, eine Mithilfe des stummen Wesens am Werke des sprechenden durch bloßes Dasein, einen Antrieb, ein Dulden, ein Kämpfen, ein Trösten eine wunder­bar gemeinsame Welt ohne Fremdsein, ja, ohne Fremdsein ...

Unwillkürlich hoffte Arbuthnot, hier im Freien, an diesem schönen Tag, Händel am ehesten zu begegnen. Doch er konnte ihn nicht außer Hauses treffen. Händel hatte zwei Stunden vor dem Besuch des Freun­des schon anderen bekommen heute. Es waren zwei Herren, Gefchäfts- leute, die er persönlich noch nicht gekannt hatte, und mit denen er jetzt schon in lebhaftem Gespräch beisammensaß. Sein Kopf war rot geschwol­

len, ärgerliche Worte entschlüpften ihm, er warf mit Gegenständen herum und lief ^mitunter im Zimmer aus und ab Händel war in höchst erregter Stimmung!

Aber es handelte sich um eine Aufregung ohne erhabenen Grund. Ein Plan war ihm vorgetragen worden von den beiden Männern. Fast drei Jahre lang hatte sich jetzt Händel unt solche Dinge der Welt nicht geküm­mert. Auch das Unternehmen, von dem die zwei Männer derart ein- dringlich redeten, hätte ihn nicht so aus der Fassung bringen müssen. Allerdings konnte die Sache eine alte Leidenschaft in ihm ro ckeu aber war es noch die Leidenschaft des Händel von Cannon, des Anthem- Komponisten? Gingen ihn diese Pläne etwas an? Wovon sprachen die beiden Städter?

London soll eine neue Oper bekommen. Die Mittel dafür sind vor« Händen. Und ebenso eine erlauchte Schirmherrschaft."

Von wem geht die Idee aus?"

Von unserem allerbesten Adel, voran dem Herzog von New Castle." Das sind also die erlauchten Schirmherren?"

Das und mit ihnen Seine Majestät der König..."

Es sieht sehr schön aus! Aber der König und die Lords schenken meistens einem Theater nur solange ihre Gunst, als es ihm gut geht! In einer Staatsloge Gäste aus hohem Blut zu haben, die nichts zahlen, das hält kein Unternehmen über Wasser, welches Geld braucht, immer wieder Geld!"

Sie dürfen, Herr Händel, bei der neuen Oper nicht die geringen Mittel des Hapmarkettheaters vorausfetzen. Dort war der König auch wirklich nur Gast. Italiener machten ihr Geschäft in fremdem Lande und verstanden es eben nicht gut genug. Warum sollte das den König berüh­ren? Diesmal aber werden die besten Geschäftsleute Londons ihr Geld in den Dienst der Kunst stellen"

Als Mäzene?"

Nein, als Aktionäre..."

Die edlen Kunstfreunde!"

Es wird kein Künstler zu kurz kommen bei der Sache. Bor allem Sie, Herr Händel, müssen Freude empfinden bei dem Gedanken, daß ein neues Opernhaus Ihnen Gelegenheit geben könnte, sich als Komponist weiter zu entfalten ..."

Ich?"

Ja, Sie. Man möchte Ihre völlig erstklassige Kraft"

Gefallen Ihnen meine Arbeiten?"

Wir haben gehört von ihnen, wir kennen sie nicht."

Jetzt erst geben Sie die richtige Karte bei mir ab: Sie sind ehrlichl In wessen Namen kommen Sie, was wünschen Sie von mir?"

Wir find Vertreter der vor zwei Tagen gegründeten Aktiengesell­schaft Royal Academy, welche bereits das seit dem Zusammenbruch seiner Direktion leerstehende Hanmarkettheater käuflich erworben hat und derzeit auf das glänzendste neu Herrichten und vergrößern läßt. Unsere Gesellschaft will ein Opernunternehmen ganz großen Stiles in Schwung bringen und sichert sich die ersten Kräfte auf diesem Gebiet. Ein Vertrag abgeschlossen wurde bereits mit Herrn Leidegger, der die technische Lei­tung des Hauses in Händen haben wird"

Zähe und griffige Hände!"

Von ihm, aber auch von allen Zeitungen, die eine Eröffnung der neuen Oper schon heute als kommendes Ereignis bezeichnen, ging die Anregung aus. Ihnen den Vorschlag zu überbringen"

Dabei mitzutun? Ich kann mich zunächst nicht in den Gedanken finden, den paradiesischen Aufenthalt hier auf Cannon abzubrechen!"

Das wäre keines strebenden Künstlers Wort."

Halten Sie mich nur nicht für faul! Ich habe auch hier etwas geleistet und weiß mir jederzeit genug zu tun! Aber eine Operntätigkeit braucht mehr Kräfte, als notwendig wären, täglich einen Heuwagen zu ziehen! Und dann die Sänger!"

Eden sie, Herr Händel, soll in der neuen Oper eine ganz andere Zügelführung vereinigen als früher im Haymarkettheater! Man weiß, daß Sie bei entsprechenden Vollmachten imstande wären, ein Zusam­menspielen richtig in den Dienst der Musik zu stellen, und auch deshalb wird an Ihre Berufung gedacht..."

Händel machte immer noch eine saure Miene, obwohl ihn schon die Ruhe verlassen hotte und seine rege Phantasie den ganzen Umlauf einer Oper im Nu sich vor die Augen stellte. Er zähmte seine Luft, gleich ein« zugreisen, mit der Würde des Unabhängigen:

Warum soll ich andere Leute erziehen?"

Aber Herr Händel! Es geht doch eines aus dem anderen! Man macht Ihnen den Vorschlag, künstlerischer Leiter einer Oper zu werden, in welcher der König eine Loge gemietet hat! Sie können den Spielplan bestimmen, die Sänger berufen, Sie können schaffen und Ihre Werke aufgeführt sehen! Es werden Ihnen vom Glück Herrscherrechte geschenkt"

Die habe ich in meinem Fache auch ohne.Ihre Aktiengesellschaft!"

Ja! Man fühlt bas! Aber wo können Sie hier Rechte ausüben? Als Orgelspieler in der Kirche? Als Kapellmeister der Schloßmusik? Sie dürfen Ihr ländliches Paradies nicht überschätzen, Herr Händel!"

Wenn schon ..."

Kaum merkten die zwei Unterhändler, daß Händel schwankend wurde, zog einer von ihnen flugs einen Bogen Papier aus der Tasche, den er entfaltete und dem Komponisten hinhielt. Händel las: Vertrag für ..., die Gehaltsumme, die Vollmachten, die vorgezeichneten Umrisse einer glänzenden Tätigkeit'... Er nahm das Papier unwirsch in die Hand, legte es wieder hin und nahm es nochmals in die Hand. Und jetzt erst begann er richtig zu fluchen und in sich den Kampf des Göttlichen gegen das Weltliche auszukämpfen. Es endete dieser Kamps mit einem Früh­stück, an dem die zwei Städter teilnehmen durften. Und zwischen Schinken und hartem Ei sagte Händel bereits seine Mitwirkung an der Akademie für Musik zu. Den Vertrag behielt er bei sich...

(Fortsetzung folgt.)