Neheim Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Nummer 56
Montag, den 22. Juli
Jahrgang 1935
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Keine Kraft war in ihm mächtig
Copyright 1915 by Deutsche Verlags-Hnstalt, Stuttgart und Berlin (1. Fortsetzung.)
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non kennen und schätzen lernte, Werke ähnlichen Gehaltes, nur größer in der Anlage, ziemlich glichen. Es handelte sich um eine Mustkar , auf die Händel schon in Italien aufmerksam wurde, wahrend er sie spater in London nicht wieder antraf. Aber damals im Süden hatte er der Aufführung eines Werkes mit geistlichem Inhalt in der Kirche beige» wohnt. Komponist war der berühmte Carissimi gewesen, seine Schöpfung nannte er „oratorio“.
Vorstufen dieser Kunstsorm war wohl auch im Süden unter anderem Namen Anthems gewesen, Gesänge zwischen den liturgischen Handlungen, musikalisch geschmückte Geschichten aus der Bibel, die dann, aus dem Gottesdienst herausgegriffen und mit Instrumentalmusik verbunden, ein selbständiges und überall aussührbares Musikwerk ergaben. Da die bra- matischen Möglichkeiten eines solchen Werkes von der Schaubuhne unabhängig waren, wurde seine Entwicklung rasch gefordert, ohne daß em der Gewalt der Stoffe entsprechendes Talent bisher in dieser Musikform schon sich geäußert hätte. Händel fand in der Musikbibliothek des Herzogs zwei Partituren solcher Oratorien, jung und doch schon halb verstaubt, weil sein Vorgänger sich nicht dafür eingesetzt hatte. Nun, es waren keine Wunder, diese Werke von Cesti und Mazzochi. Vorsichtig umkleideten sie die mächtigen Worte der Bibel mit herkömmlichen Melodien und instrumentierten so ausdruckslos wie möglich. Aber schon aus den spärlichen Ansätzen der Musik, wo im Text die Urmotive alles Menschlichen erklangen, Liebe, Kummer, Verrat, Heldentum, Zorn und Gute des Herrn, fühlte Händel, was sich hier machen ließ — geriet auf ber Stelle in Schaffenswut. Dennoch fehlte ihm, der wohl die Kraft besah, derzeit noch, was den Italienern immerzu gesehlt hatte — die Eingebung Gottes. Er mußte auch noch viel lernen, bis er die Form durck- brechen und für seine Tonmassen erweitern konnte. Das ließ sich nicht mit dem Kraftaufwand der Opernchöre machen, und die Sol, der Oratorien durften nie von Primadonnen gesungen werden — das suhlte Händel schon heute. Ihn reizte das Neue am Oratorium er muß e da- mit beginnen, und sofort an einer der nächsten gesellschaftlichen Zusam- menkünfte beim Herzog packte er einen der dort verkehrenden Dichter und stellte ihm eindringlich vor Augen, daß er einen Text für Chore und Sologesänge nach der Bibel Herstellen müsse und wenn es ginge, recht sorglich unter Schonung der heiligen Worte. Aber einen sehr dramatischen Ausschnitt! Der Dichter kam nach wenigen Wochen wieder und brachte ein Textbuch „Esther". Händel machte sich darüber her und begann zu komponieren. Aber obgleich Gott selbst in eigener Person in dem Werke vorkam, sand weder der Dichter die Worte für ihn, 1aoch der Musiker die Töne. Wenn man sich diese weltlich zürnenden Worte des Allmächtigen von einem Baßsänger vorgetragen dachte, unterschied sich Gott nicht viel von den Opernhelden. Nur in den Choren, die ihm zugerufen wurden, ließ Händel schon von ferne den Schöpfer ahnen er war ihm auf der Svur und gab den ersten Fingerzeig für die brausenden Werke der Zukunft. Keines von ihnen sollte den Herrn in eigener Person enthalten, aber die Chöre, die ihn bejubeln, die zu ihm flehen die von Herzen gläubig machen sollten, sie konnten das Dasein Gottes besser beweisen als ein Sänger, der Gottes Stimme vertrat In den Chören war der Mensch namenlos und das Unendliche kein Geheimnis
Das Oratorium wurde zunächst nicht ausgesuhrt, doch brachte.es als ein Feuermal in Händels Entwicklung diesen aus die verschiedensten Gedanken. Seit er „Esther" geschaffen hatte, war in das Verzeichnis feiner Werke das erste jener Gattung getreten, die zu vollenden ihm au (getragen war. Er wußte es nicht in Cannon. Doch er »uhlte m, dem tiefen Ernst des berufenen Künstlers, wie em Seefahrer, der die ge (chützte Bucht verläßt und weit draußen das stürmende Meer ahnt, daß er nickt nur als Versuch und Spiel betrachten durfte was er hier schieb Er konnte mehr schaffen in dieser Form! Er konnte zunachi Esther" verbessern — ob es nicht am Textbuch lag, was ihm seine eigene Mustk verleidete? Warum wählte er nicht forqfaltiqer, als er sich den Dichter für ein Oratorium suchte? Weshalb in aller Wel dachte er nicht an seinen feinfühligen und klugen Freund Arbuthnot..
Auch der schrieb nur unbedeutende Verse. Aber er war ein Mensch, ein wertvoller Mensch. Einem besseren begegnete Handel unter ben Männern überhaupt im Leben nicht. Kennengelernt hatten iie fid) im chause des Grafen von Burlington Dort spielte der Komponist einmal auf der Harfe Variationen über ein frühes Thema, lange und in ~r« stinerung an die Hamburger Zeit. Er mochte, als er geendet halte sitzen- aeblieben sein vor dem Instrument. Die Gäste des Hauses zerstreuten ich iedensalls nach dem Vortrag des Künstlers in andern Raumen, und der Mustk,aal wurde leer. Als Händel endlich aus seinen Gedanken auf- iab befand er sich einem einzigen Menschen gegenüber öer zugehort ' s «T hnnn nicht wie die anderen, entfernt hatte. Mit prüfenden, freundlichen Augen fing er den überraschten Blick Händels auf und er- hnft fi* Gin mittelgroßer Mann mit feinen Gefichiszugen, wohl Ziemlich LdenschaftLs" doch regsam in der Beobachtung, ein Denker, em gütige^
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Trotzdem er Mary nur wegen ihrer Gläubigkeit so besonders schätzte, ober gerade deshalb, dachte Händel doch daran, sie ständig in seiner Nähe zu haben. Er stellte sie sich wohl als seine Haushälterin vor und wurde warm bei dem Gedanken, daß sie ihm statt des Dieners das frühstück brächte und er schon am Morgen ihre runden Augen sehen turnte. Dann wieder frug er sich, ob man sie damit nicht einem Leben entrift, zu welchem das Mädchen vollkommen paßte. Ob sie wohl tm Schloß die Frische bewahren würde, die ihr auf den Feldern täglich neu mit dem Atem durch den ganzen Körper drang, das Mark m ihren llaochen stärkend und die Farbe auf ihren Wangen erhaltend? Wenn er (|e früge — sagte sie natürlich ja und ginge zu ihm Hatte es ihr am Lade schon der gegen London immerhin noch bescheidene Glanz an Sonntagen in der Kapelle Whitchurch angetan, wenn die Gaste des Herzogs aus der Stadt tarnen und viele Kerzen in der Kirche brannten? Rary zeigte einen Uebereifer und kam zu ben Proben oft zu früh. Wenn fie dauern!) in bie Nähe bes vornehmen Lebens geriet in bas Schloß, würde sich unter dem Druck der feinen Umgebung nicht '^bäuerisches Lelbstvertrauen abschwächen? Beffer, er suchte ftei öfter in ihrem Haussen auf und fchalt dort herzhaft über bie Herrschaften, damit sie gerne schlicht blieb unb vom Schloßprunk keine zu hohe Meinung bekam!
Diese Besuche aber faßte Marys einfältige Mutter als Bewerbung bes herzoglichen Musikdirektors um ihre Tochter auf Als Handel emesTages |„ das Bauernhaus kam und Mary noch nicht vom Felde zurück war, lud ihn die Mutter umständlich an ben Tisch unb begann auf Umwegen itn Ahnungslosen auszusragen:
„Gut singt mein Kinb in ber Kirche?
„Nicht besser als bie anberen, liebe Frau Black. Nur nichts einbüben! Eut"singt sie, weil sie ehrlich singt."
„Das wollte ich ja sagen, unsereins hat nur mcht gleich bas Wort dafür! Ein durch unb durch ehrliches Mädchen ist Mary .
„Habe ich gleich am ersten Tag bemerkt. Sie machen wieder zuviel Worte davon. Frau Black." .. ,,, . h 6
„Mein Gott, die einzige Tochter — man wünscht ihr doch, daß s rach ihrem Wert eingeschätzt wird!"
„Tun das die Menschen im Dors?
„Oh, doch! Auch bie Burschen achten meine Mary...
„Hat sie schon einen Bräutigam?" . „ „ <•
„Wo wirb sie! Das hat Zeit, bis der Richtige kommt...
„Ein gerader und kräftiger Mann wurde ZU ihr passenI Der Soh tom Schmied, zum Beispiel, würde mir gefallen für 1«:
Aber Herr Händel! Das sagen Sie doch nur im Scherz! Der iung S*t.6Ä“ ÄrÄf’aT ->- w!,°
tieinen Sie, ein Mann aus anderem Stand wäre ihr ZUwunchen _ „Natürlich — fein Gras, aber Mary singt so schon, ist musikalilch Sie nehmen sich ihrer an — da dachte ich — ,
„An mich werden Sie doch mcht gedacht haben d!
„Ja, weshalb besuchen Sie dann Mary so oft.
„Frau Black, Sie sind eine übereifrige — Bauernmutter.
Und Zorn und Mißverständnis und auch Kummer^ Und Garheit Ilinn. Drei Sonntage blieb Mary aus. Dann kam fte roieber.. Unb W ju Händel auf, der Orgel spielte, und sang, das Kind des Dorfes, krait g mb mit bem Sinn für Menschengrenzen. Und bas war gut.
Ein Jahr bes Friebens verging in Cannon, ein zweites lief Md) » t nb wie neben ber Zeit her, daß Handel es gar nich - sch wirklich eingelebt am Hofe des Herzogs von Chando-.war den Rustkern seiner Kapelle, besonders den lungeren, nahegekommen, unb «ahm teil an ber Entwicklung einiger schonen .
j Her doch Diel mehr Zeit, als früher irgendwo, (ich durchzubildem^unü
->r hatte sich neben (einer Tätigkeit als Gast bes Herzogs berührten »er Musiksormen versenkt, bie bisher fein Staffen wenig berührten. 3abei fiel es ihm besonders auf, daß bem Anthem, welches er in Can


