Ausgabe 
22.3.1935
 
Einzelbild herunterladen

entlaffen worben. Und boch, als nach bem Frleben von Tilsit bas Land darnieberlag als bie Freunbe bes Baterlandes ihn riefen, ba vergab er lebe persönliche Kränkung, da kehrte er ohne Ueberlegung zurück und weihte feine ganze Kraft aufs neue bem Volk Von Napoleon geachtet, im Exil in Prag, Brünn, Troppau tebenb, erreichte ihn enblich die Em- tübung bes Zaren. Unb hier beginnt bie größte unb wichtigste Periode feines Lebens Er unb er allein hat burch ben bämomschen Willen seiner Persönlichkeit, burch bie heiße Macht seiner Liebe zu Deutschland den Zaren bewogen, fest zu bleiben, Wiberstanb zu leisten. Unb er hat daburch der Weltlage eine anbere Wendung gegeben. In biesem Sinne ist der Befreiungskrieg sein geistiges Werk, ist Stein der erste unter Deutschlands Erlösern. Denn er war neben wenigen andern in einer Zeit, da alles darnieberlag, sozusagen Deutschlanb. Er war Deutschlanb durch ben ungeheuren Glauben, ber in ihm lebte. Er hat bas große Vaterland nicht geschaffen unb nicht erlebt, ober er hat es in Geist unb Seele vorgeahnt. Jede Tat ist zuerst ein (Bebaute, eine Ibee, bie sich unverlierbar forterbt, bis ber ganz große Ersüller kommt.

So steht biefer Mann vor uns, rein, gerabe, groß unb furchtlos. Was Bismarck Zivilcourage nannte, bas befaß Stein in erstaunlichstem Maße. Unb eben wir Deutschen fassen ja den Begriff Heldentum nicht nur äußerlich auf, sondern auch geistig und seelisch. Für uns ist Schiller, der sein einsames Werk schwerster Krankheit abrang, ein Held, für uns ist Kant, der Königsberger Stubengelehrte, ein Held, weil er aus seinem Geiste ein ewig gültiges Ideal nationaler Pflicht aufftettte, unb für uns ist vor allem Stein ein Held, der den Dienst an ber großen Sache allen persönlichen Rücksichten voranstellte.

Heute ist wohl feine Stunde angebrochen, heute sehen wir in ihm ben größten Vorläufer bes neuen großen Deutschlanb. Er wirb unsterb- lich sein wie.dieses.

Was zu wissen nottut.

Eine Geschichte von Bruno Brehm.

Wir waren auf Manövern, ich war Korporal und hatte Stallinspek­tion. Die Batterie war spät abend erst ins Quartier gekommen und ich jätte mich weit lieber irgendwo hingebaut und wäre eingeschlafen als nm von Bauer zu Bauer zu gehen und nach den Pferden zu schauen. Beim letzten Bauer, draußen in der Scheune, fand ich den Stallroart schlafend, fein pfeifender Atem roch nach Schnaps. Ich nahm den Tränk- eitner, der unweit stand und schüttete den Mann mit dem nassen Guß an. Der kleine Mensch fuhr auf, griff nach feinem Bajonett und rannte auf mich los. Er war kein braver Kanonier, er war früher draußen vor einer Stadt Ziegelschläger gewesen und hatte eine lange Reihe von Strafen schon zu den Soldaten mitgebracht. Ich wußte, daß es ernst war unb daß es galt. I<§ hätte blank ziehen müssen, denn ich war im Dienst unb ber Mann, der auf mich zutorkelte, wohl auch. Ich zog nicht blank, ich [prang zur Seite, ber Mann stürzte ins Leere, ich gab ihm noch einen Stoß, er schlug hin. Ich nahm das Bajonett auf und warf es hinter mich. Der Mann kam wieder hoch und begann zu brüllen und zu schreien. Er drang noch einmal auf mich ein, ich stieß ihn wieder zurück.

Da stand aus einmal, mit einer Taschenlampe In der Hand, der Rech­nungsunteroffizier Schulz neben mir. Er fragte, was hier vorgegangen fei, ich, noch atemlos, meldete, was sich begeben hatte. Er sah das Bajonett, er fragte, warum ich mich in eine Balgerei eingelassen habe, und er bestimmte mich für den nächsten Morgen zum Rapport.

Der Dienst hielt mich bis ein Uhr wach, die Gedanken noch ein wenig länger.

Dieser Unteroffizier hatte mich schon vom ersten Augenblick an gehaßt, unb mir dies auch, wo immer er nur konnte, ganz unverhohlen gezeigt. Ich mied daher die Kanzlei, wann immer ich nur konnte, der Dienst führte mich nicht allzuoft hin. Schulz war ein blasser, fahriger Mensch, wenn er den Frührapport entgegennahm, zitterten seine Hände. Er hatte bas Untergymnasium besucht, er vergaß selten, dies in irgendeine Bemerkung einzuflechten. Dann hatte er wohl irgendeine kleine Schreiberstelle an­nehmen müssen und war schließlich beim Militär hängengeblieben. Trotz feinem deutschen Namen gab er sich als Tschechen aus, aber vielleicht tat er dies nur deshalo, weil unser Batteriekommandant auch ein Tscheche war. Weshalb er mich haßte, wußte ich nicht, darüber dachte ich auch nicht viel nach, denn mir war dies schon allzuoft widerfahren, daß mich jemand bei der ersten Begegnung gleich all seine hemmungslose Abneigung fühlen liefe. Das müsse wohl so sein, sagte ich mir, es ist würdelos und vergeblich, dagegen ankämpfen zu wollen.

Freilich, ;d) hatte mich nicht richtig benommen: nimmer hätte ich den schlafenden Kanonier mit kaltem Wasser anschütten dürfen. Der richtige Weg wäre gewesen, den Mann aufzuwecken und ihn beim Frührapport wegen Fahrlässigkeit im Dienst zu melden. Aber das war es wohl ge­wesen, was mir so widerstrebt hatte. Der Mann hatte Strafen genug auf dem Kerbholz. Und denn hatte es mich geärgert, daß dieser Mensch be­trunken war. Hätte ich wirklich den Säbel ziehen und den Angreifer niederfchlagen sollen? Ich hatte diesen Menschen doch selbst zum Aeußer- ften gereizt. Wir werden sehen, was es morgen beim Rapport geben wird. Schlimmsten Falls darf ich nicht auf Urlaub fahren. Das ist un­angenehm. aber es wird sich ertragen (offen.

Am nächsten Tag war Rasttag. Nach der Pferdevisite sollte der Rap­port abgehalten werden. Der Dienstführende nahm mich beifeite; er war der Sohn eines Gastwirtes, vierschrötig und gelassen: was ich denn an», gestellt Habe? Das werde ein böser Rapport werden. Der Hauptmann schaue aus. als habe er Essig geschluckt.

Es wurde ein böser Rapport. Der Hauptmann sah an mir vorbei in die Lust. Erst wurde der Kanonier verhört, ich verstand nicht viel davon, weil der Hauptmann mit ihm tschechisch sprach. Dann sagte ich

mein Sprüchlein auf. Unb bann kam ber Rechnungsunterosfizier Unb dieser Mensch wußte etwas zu melden, was mir das Herz in der Brust erstarren ließ; ich hörte nur das Wort Feigheit! Und der kleine Fahr- tanonier bestätigte, was der Unteroffizier sagte. Denn Schulz stellte die Sache so dar, als wäre nur durch fein Dazwifchentreten verhindert wor­den, daß mich ein betrunkener Kanonier, den ich mißhandelt hatte, da- vongejagt hätte.

Eine gottverdammte Sauerei!" fluchte der kleine Hauptmann.

So, dachte ich mir, nun bist du fertig. Hier hast du es mit drei Tschechen zu tun, sie werden zusammenhalten unb du kannst dein Leben lang nachdenken, ob man einen Betrunkenen mit Wasser anschütten darf oder nicht.

Aber bald sollte ich Gelegenheit finden, mich für diesen Gedanken bis In das Herz hinein zu schämen. Mein kleiner Hauptmann ging einige Male vor uns auf und nieder und bann sagte er:So geht bas nicht! So geht bas nicht! Das finb Dinge, bie in Garnisonsarrest führen!" Dann blieb .er vor mir stehen:Unb zur Degrabierung!" Unb bann ging er zum Rechnungsunteroffizier Schulz:Wir haben auch noch später ein wenig miteinanber zu sprechen."

Dann ließ ber Hauptmann ben Rapport ab treten. Mich nahm er mit in sein Quartier.

Nun?" sagte er, mir ben Rücken kehrend und durch das Fenster blickend, haben Sie nichts zu sagen?"

Ich hätte viel zu sagen gehabt, aber mir war der Hals zugeschnürt. Ich sah auf den kleinen Hauptmann mit dem grauen Haar, ich sah auf dem Tisch ein Buch liegen: Tolstoi. Krieg und Frieden. Vielleicht sollte ich doch versuchen, mit dem Hauptmann zu sprechen. Er kehrt« mir immer noch den Rücken zu und wartete.

Nun? Beeilen Sie sich, ich hah' nicht allzuviel Zeit", sagte der Hauptmann.

Da stieß ich hervor: ,Lerr Hauptmann, ich bitte gehorsamst, ich war nicht feig. Der Mann war betrunken!"

Sie haben ben Mann nicht mit Wasser anzuschütten!"

Jawohl, Herr Hauptmann!"

Wenn aber ber Mensch mit ber Waffe in ber Hanb auf Sie los­geht, bann haben Sie ..."

Der Hauptmann brehte sich herum unb sah mich an.Da sehen Sie, wie eines bas anbere nach sich zieht. Da sehen Sie, was aus Unüber­legtheiten herauswächst. Ich werbe btese Sache nieberschlagen. Ich will aus solchen Dummheiten keine Affäre machen. Wenn bas einmal ein Aubitor in bie Hanb bekommt, bann wird etwas baraus, was roeber Sie noch ich auch nur ahnen. Ich will in meiner Batterie keine fo gottverfluchten Sauereien! Merken Sie sich bas!"

,Lawohl, Herr Hauptmann. Ich banke gehorsamst, Herr Haupt­mann."

So, unb nun geh! Nimm bich zusammen! Keine Dummheiten machen! Gescheit fein." Mein Hauptmann hätte beinahe mein Vater fein können. Ich schluckte, er reichte mir die Hand, ich stolperte hinaus.

Was der Hauptmann mit dem Unteroffizier Schulz gesprochen hatte, erfuhr ich nicht. Wir gingen einander aus dem Weg. Der Kanonier be­kam seine Strafe wegen Trunkenheit. Ueber die ganze Geschichte wurde nicht weiter gesprochen. Hin und wieder sah ich Schulz in die Augen. Mich traf manch böser Blick, aber ich nahm mich zusammen.

Ein paar Monate später stand ich als Fähnrich in der Batteriekanzlei. Ich war zu keiner Waffenübung eingerückt; ich wollte bleiben, ich hatte mich aktivieren lassen, man brauchte Offiziere und hatte mich aufge« fordert, in die Armee einzutreten.

Die Prüfungen waren abgelegt, ich stand fest und nun war es an mir, dem Rechnungsunterofsizier den Äragen umzudrehen. Ich hatte nichts vergessen, der Schimpf, den mir dieser Mann angetan hatte, saß fest unb brannte in mir.Feigheit!" bas war nicht heruntergegangen, das hatte mich bis in den Schlaf gepeinigt. Der Mann da, der jetzt mit einem Papier in feinen zitternden Händen vor mir stand, der Mann hatte mir ans Leben gewollt. Denn was geschehen wäre, wenn der Hauptmann nicht so anständig mit mir gesprochen hätte, daran wollte ich lieber gar nicht denken.

Der Rechnungsunteroffizier blickte nicht auf, das Blatt Papier zit­terte in feinen Händen. Ich trat an den Tisch und sah ihn eine Weile an. Der Schreiber am Nebentisch schaute auf, der fühlte wohl auch, was in der Luft lag.

Gehen Sie hinaus, Jaworka", sagte ich zu dem Schreiber.

Der Schreiber verzog schadenfroh seinen Mund und verschwand.

Schulz war blaß, sein Atem ging hörbar.

Ich fühle, daß ich Schluß machen mußte, weil mich etwas wie ein saugender Wirbel weiterriß. Wenn der Mann nun seine Augen hebt und wenn Ich die Angst in seinen Blicken sehe, ich weiß nicht, ob ich dann noch an mich halten kann.Schwamm darüber, Schulz", sagte ich, und nun melden Sie mich beim Herrn Hauptmann an."

,Lch danke, Herr Fähnrich", sagte Schulz und ging ganz langsam zur Tür der Kanzlei des Hauptmanns.

Ich hätte gerne noch gefragt, warum Schulz mir das damals ange­tan hatte, aber ich bezwang mich. Er hätte mir ja doch nicht die Wahr­heit gesagt. Aber als ich mich am Abend vor bem Einschlafen selbst fragte, warum ich fo gehandelt hatte, da gab mir jene bessere Stimme die Antwort:Weil sonst das Böse nicht aus der Welt geschafft wird. An einer Stelle muß es einmal unterbrochen werden, sonst zeugt es fort und vergiftet unser Leben."

Verantwortlich: vr. HanSThyriot. Druck undD er lag:Drühi'scheUniv erfitäts-Duch» undSteindru ckerei. R.Lange, (Sieben.