Zweifel mehr: man hatte ihn aufgegeben. Er sah den Erdüberhang, der sich wie ein Dach über ihnen wölbte. Wenn sie alle tot wären, würde man das Dach durchstechen, dann wären sie im Nu begraben.
Da wachte Bertold auf. Jetzt wollte er nicht mehr sterben.
Er rief Sanitäter herbei, sprach laut und vernünftig mit ihnen, machte Scherze, gab ihnen sein letztes Geld und erreichte, daß sie ihn nach langem Widerstreben auf die Bahre luden und zurücktrugen.
An einem Waldrand, der außerhalb des Feuerbereichs lag, erhielt er in der Nacht den ersten Verband.
Dann rollte er mit einer Heerschar Verwundeter auf den Geleifen einer Feldbahn ins Tal hinunter.
Zwei Leute in sauberen, weißen Kitteln trugen ihn in eine Kirche, an deren Wänden und Säulen Bellen mit Verwundeten standen. Sie trugen ihn vor den Altar; dort, im weihen Licht der großen Fenster, stand der Operationstisch. Der Arzt im gelben Ornat kam aus der Sakristei, von seinen Assistenten gefolgt, von denen einer die Aether- maske schwang. Als Bertold den Aether roch, der ihm das Bewußtsein nehmen sollte, da jauchzte er inwendig, er fuhr gern hinunter und sprach dem Arzt in der Narkose seine Glückwünsche aus.
Als er lange danach in feinem Kirchenbett aufwachte, beugten sich zwei dunkle Gestalten über ihn, ein sehr dicker Mönch und ein schmaler Gelehrter. Der Dicke war ein früherer Heidenmissionar, der bei Kriegsausbruch in die Heimat geeilt war, der Schmale ein Studienfreund von ihm. Das Spiel des Schicksals hatte es so gefügt, daß beide, die aus Bertolds Heimat waren, ihn hier fanden und zuerst begrüßten. Der Mönch gab ihm aus einem großen Feldkeffel zu trinken. Dann entschlief Bertold wieder.
Als er aufwachte, lagen Auszeichnungen auf feinem Bett. Auch der Bataillonsführer schrieb ihm und dankte ihm. Man hatte ihn tot geglaubt.
Als er zum ersten Male feine Wunde sah, schauderte ihn; sie war so groß, daß er die Hand durch sein Bein stecken konnte. Aber er hatte nie Fieber, das war das gute Blut seiner Mutter.
Viele starben um ihn herum und wurden nachts hinausgetragen. Irre redeten, fangen und lallten in einem fort.
Nach einigen Tagen kam Bertold in ein größeres Lazarett und von da in einigen Wochen in die Heimat, nach Deutschland.
Erst dort verließ ihn die gewaltsame Spannung, die ihn am Leben erhalten hatte. Er brach zusammen, innerlich, völlig.
Es wurde Herbst, bis er genas.
Als er zum erstenmal hinausgefahren wurde, war das Laub goldbraun. Sein Kopf war noch wirr, er sah überall Otto stehen, allein, zur Wanderung gerüstet. Er sprach mit ihm im Schatten der Bäume und brachte ihm heimliche Opfer dar. Die Briefe Birges, die er im französischen Lazarett noch gehabt hatte, waren mitsamt dem Rock auf dem Wege nach Deutschland abhanden gekommen, er war nackt in die Heimat eingezogen, auch das Hemd gehörte dem König.
Mit Erich stand er im Briefwechsel.
Otto trat immer mehr in eine tiefe Stille zurück. Nachts stand sein Bild noch manchmal an Bertolds Bett, er stellte ihm immer ein Glas Wein hin, tagsüber kam er nur noch selten. Bertold erschrak manchmal vor dem Gesicht eines Kameraden, das dem toten Freunde in irgendeinem Zuge glich.
Heftiger und heißer, je mehr er gesundete, kreisten seine Gedanken um Birge. Er schrieb viele Briefe, konnte aber nicht erfahren, wo sie sich aufhalte. Er hörte nur, auch Hans, den man aus dem Untersuchungsgefängnis entließ, sei gefallen. Hott aber liefere Vieh an das Heer und gelte als reicher Mann in feiner Heimat. .
Es kam ein Tag, da konnte er auf den Krücken gehen. Ein Jahr dauerte es noch, bis er auch die Stöcke, die die Krücken ablösten, fortwerfen konnte. Und plötzlich war es Winter geworden.
Als der Föhn im Frühlingston wieder um die Häuser sang, brach er zum zweitenmal auf, um Birge zu suchen. Man hatte ihm Urlaub gegeben, damit er seine Studien vollende.
Dreizehntes Kapitel.
Liebe.
Es waren harte Jahre, die Birge durchmachen mußte. Was half es, daß sie sich Tag für Tag in die Mühsal der Arbeit stürzte, so daß die gute Tante ihr oft wehrte und sie zur Ruhe auf eine Bank ober in der Stube an ihre Seite niederzog? Ihre Gedanken waren in der Ferne bei den großen Heeren. Sie lebte von Brief zu Brief, der von Otto kam. Alle Geschehnisse, die ihr der Freund mitteilte, wurden größer, gefährlicher in ihrer Einsamkeit. Von sich selbst schrieb Otto wenig, desto mehr Don Bertold. Als die Freunde im Feld getrennt wurden, wuchs i^re Sorge. Birge erfuhr jetzt fast nichts mehr über Bertold und war wie Otto selbst nur auf Vermutungen angewiesen, lange Zeit, bis die erften Briefe von der italienischen und dann von der serbischen Front wieder in Ottos Hände liefen.
®er flute Vermittler verfehlte nie, in jedem Briefe Bertolds Truppenteil und die Armee, der fein Regiment wechselnd zugeteilt wurde, an= (jugeben. Bas war jedesmal eine stille Aufforderung an Birge, jetzt end- lich selbst an Bertold zu schreiben. Welche Qual für das eingeschloffene Mädchen! Sie zerquälte sich mit tausend Briefen, die sie an Bertold be- gann und nie vollendete. Sie konnte ihre Scheu nicht überwinden und kam nicht über die Forderung ihres herzens hinweg, daß er ihr zuerst schreiben muffe. Ihre Verwirrung wuchs ins Ungeheuere, und ihre Briefe an Otto enthielten schließlich nur noch eine dornige Hecke von Fragen, was mit Bertold sei, ob sein Regiment große Verluste erlitten babe, ob er keinen Urlaub bekomme und so fort. Eins nur tat sie Sie sandte ihm, ohne einen Absender abzugeben, so oft sie konnte, kleine Pakete, die sie in die Stadt trug, damit nicht der Stempel ihres Dorfes auf dem Schild stehe Nie legte sie in solche Päckchen ein kleines Zeichen öer Webe oder der Heimat, etwa einen Tannenzweig zu Weihnachten eine Blume ober gar etwas von ihrem winzigen Eigentum. Unb Bertolb war denn auch des Glaubens, diese Päckchen kämen von irgendeinem Verein. (Fortsetzung folgt.)
Hahnenschrei im März.
Von Hans Thyriot.
Noch ist die Saat im Acker kaum besonnt,
Noch brach die Scholle nicht den Rost vorn Eisen, Noch gehn die Sterne kalt in fernen Kreisen, Noch stehn die Wälder blau am Horizont.
Noch steigt der Nebel rauchend aus dem Ried, Noch starrt der Kirschbaum kahl im fahlen Garten, Metallen glänzt fein Stamm, die Zweige warten Auf Wind aus Süden, Vogelzug und Wed.
Doch eines Abends fällt ein warmer Regen, Und eines Nachts schwimmt silbern überm Tale Der Mond auf Wolken als Perlmutterschale Den Fischen fort — dem Widder still entgegen.
Und eines Morgens zwischen Tag unb Traum
Mit angehaltnem Atem liegst du lauschend: Da stieß ein Hahn, gereckt unb flügelrauschend, Den morgenroten Schrei ins Helle, welcher, kaum
Gehört, verhallt unb dennoch zitternd steht
In weicher Lust, gewölbt unb steil gezogen: Ein Hahnenschrei ist wie ein Regenbogen, Frühlingsverkündigung und Tiergebet.
Genfer Gee.
Von Rudolf G. Binding.
„Jetzt", sagte eine vor mir sitzende Frau eben (es war an einem bösen, abweisenden Apriltag unserer Breiten, unb ber Regen schlug an die Scheiden) „jetzt dlühn dort allenthalben um die große Stabt an ben Ufern bes Sees entlang bie Bänber ber Streifen ber gelben Osterglocken; unb bann im Mai, bis hoch hinauf an ben Hängen, dlühn die Wiesen vorn Weiß ber Narzissen: Felber blühenden Schnees." Sie sagte es nur im Entzücken einer Erinnerung. War nicht alles über eine Lanbschast gesagt, wenn man ber kinblichen, herrscherischen Lust ber Natur gebuchte, dieser süßen Sinnlosigkeit, seltene Blumen in Bändern unb Felbern wie Fahnen in bas Freie der Landschaft zu legen?
Was man beim ersten Anblick nicht begreift, was als UeberfüUe benimmt, ohne es zu fein — ist bas Wunber ber Unfchulb. Das Geheimnis biefes Lanbstriches ist, baß er keine Geheimnisse hat. Alles ist ausge» breitet: unbefangen, kinblich, königlich zugleich, als wäre ber Natur selbst baran gelegen, enblich einmal nichts zu verbergen, nichts für sich zu behalten, sich an sich felbft zu entzücken. Hier führt nichts ins Unter* irbifche, ins Mystische. Das königliche Blau biefes Sees begräbt nichts in feiner durchsichtigen Tiefe; diese Berge umfchweigen nichts; bie Ewigkeit bes Schnees, bie blenbenben Gewänber biefer ragenben Spitzen, dieser Häupter bedeuten keinen Tod. Kann Tob bort sein, wo bie Natur so unschulbig ist, keine Geheimnisse zu haben?
Es ist keine Trübung in ihr, kein Aufhören in ihr, keine Erschlaffung in ihr. Alles ist ins Sublime, ins Schlanke, ins Vornehme erhöht unb erhoben, unb alles bietet sich zugleich so unbedenklich, innig unb tief ben Menschen bar, wie ein Herz, bem man überall auf ben Grunb sieht.
Wenn sich mitteilenbe Majestät unheimlich ist, Unb wer es einer Lanbfchaft nicht zutraut ober nicht erlaubt, königlich unb liebenswürdig zugleich zu sein, unb wer es nicht begreift, baß gerade Unbefangenheit königlich ist, der versteht diese Landschaft nicht. Dieser See beglückt ohne zu beschweren, beschenkt ohne Aufdringlichkeit, und-bezwingt ohne die leiseste Gewalt.
Wer mit der Bahn von Norden kommend, nach Ueberroinbung ber letzten Höhen bes nördlichen Ufers plötzlich die ganze Herrlichkeit in ber Tiefe vor sich ausgebreitet steht, der möchte wohl ausbrechen in einen Schrei, wenn nicht bie Schönheit zugleich eine Art Heiligkett des Entzückens erzeugte.
Drüben bie unwegsamen Züge der Felsberge Savoyens mit spärlichem Schnee, bie bie Lanbfchaft und den See zugleich nach Süden sicher und kräftig beschließen, sind vor ihren eigenen Schatten in die Wand von warmem, duftigem Veilchenblau vereint; ihre Kämme von Licht schwungvoll und voller Bestimmtheit in eine einzige Linie ausgezogen, die zart sich zum Untergang senkt. Der See spielt in Flecken und Skalen von Blau. Er ist groß. Die Ufer umengen ihn nicht. Während der kurze gelenkige Zug mit den gefälligen kleinen elekttisch betriebenen Wagen sicher und vorsichtig bas weit ßefchwungene Schlangengewinbe ber Bahn, an ben Hügeln hin, burch em Terrassengelänbe von Reben zum See hinabklettert — ziehn taufenb unb aber taufenb Chalets über bie Hügel hin: fest gefügte niebrige Schlösser zwischen dem Rebenland, Reihen von Dörfern unb Marktflecken an ben Ufern, die belanglosen Städtchen am Busen, an Buchten des Sees, die hochgestellten, sich brüstenden, ungefügen Hotels auf Terrassen und Höhen, — alles gehört zu ihr, alles umschließt sie. Aus den kleinen Orten Hügel auf. Berg hinan, in steilen Anstiegen oder in geneigten Windungen, geschwungen um Kuppen unb angeklammert an felsige Zungen unb Stirnen, kriechen bie kurzen harmlosen hellen Raupen ber Funiculaires auf ihrem schmalen Schienenstrang, ber im Grase verschwindet, emsig allenthalben empor.


