und das freie Ende feinem Kommando tanzte dann die sich mit aller Kraft in den Trinker am ©tritt.
Unter den reichsten und
Freunds zum Halten überlassen. Auf ein Flasche an den Mund, der Freund stemmte Boden und hielt den hintenüber geneigten
seltsamsten Bewegungen, indem keiner den anderen im Stich lieh, vielmehr jeder des anderen Gang durch eine womöglich noch ausschweifendere Bewegung unterstrich, waren sie schon an Bertold vorbeigekommen. Da sahen sie das Wasser und fuhren zurück. Keiner sprach ein Wort Sie standen angewurzelt auf ihrem Fleck. Der Pate nieste. Matthies sprach mit gebrochener, fast nüchterner Stimme: „Da ist das Wasser".
„Und der — Steg", fügte Friedrich hinzu.
„Mir wird schlecht", sagte Matthies und rülpste.
Bertold hob einen schweren Stein auf und ging, indem er den Stein wursbereit über seinem Haupte hielt, naher aus den ächzenden Stem- turm los. Plötzlich blieb er stehen. Der Laut kam von unten. Das Tier muhte am Fuße eines solchen Turmes liegen. Und da sah er es auch schon und legte den Stein vorsichtig wieder über em Wasserrinnsal auf bCnfiTn5Cflu6 da und schlief Er hatte den Rücken gegen den Steinturm gelehnt den Stiel der Axt, die zwischen seinen Knien stand, hatte er gläubig mit den Fingern umschlungen. Unter seinem Sitze sprang em Strählchen Wasser im Bogen aus dem Stein. Es kam aus dem vergeblich zugemauerten Flusse und sprang in Hansens Mütze, die ihm vom Kopse zwischen seine Füße geglitten war.
Er schnarchte überaus laut und rachsüchtig. Und doch hatte der Schlaf, aus dem diese fürchterlichen Stimmen aufstiegen, auf Bertold eine so beruhigende Wirkung, daß es ihn selber schläferte. Er gab Hans leise den Segen und ging über das Brett den Fluß hinunter, denn er hatte drüben einen wunderbaren Ruheturm entdeckt, viel schöner als den von Hans. Es war ein Haufen von wenigstens zehn Garben, die wie ein Haus allein auf dem Acker standen. Der Bauer, dem der Acker gehörte, hatte sie für die Armen stehen lassen. .
„Bettelstudent", dachte Bertold und kroch hinein. Er machte sich ein Tor' gegen Osten, daß er die Sterne sehen konnte, nahm sich vor, rechtzeitig aufzuwachen, damit er in der Dämmerung noch zur Tante käme, und schlief ein.
Er hätte gar keinen Vorsatz zu fassen brauchen, denn kaum hatte er eine Weile geschlafen, da hörte er in der Ferne einen fürchterlichen Gesang. Er steckte den Kopf durch die Garben und horchte. Es waren zwei Männer. Die beiden Säuger beratschlagten unter großem Geschrei, was sie nun für ein Lied singen wollten, konnten sich aber nicht einigen und legten nun gesondert los. Der eine sang ein Soldatenlied, der andere ein Lied an die Abendsonne. Es schallte herzzerreißend über das mond- stille Gelände. Glücklicherweise kam ihnen der Text bald zwischen die Beine. Sie brachten die Worte nicht mehr gesund aus dem Halse und gerieten in ein wüstes Gestolper und Gelächter, das erst endete, als einer von ihnen Halt kommandierte. Es war der Pate.
Doch verlangte der Befehl mehr, als beide leisten konnten. Bertold sah ihre Gestalten im Nebel durcheinanderwogen, die des dürren Paten und die des dicken Nachbarn. Glückte es ihnen, sich an den Händen zu fassen, dann ging es zwar einige Schritte im Sturm vorwärts, und besonders die langen Beine des Paten drängten eifrig nach der Heimat, aber bald zerrten beide nach verschiedenen Seiten oder sie rutschten aneinander, und es dauerte dann immer einige Zeit, bis sie sich wiedergefunden oder voneinander losgelöst hatten.
Bewunderungswürdig waren sie, wenn sie aus einer Flasche tranken, die der dicke Matthies im Ranzen trug. Das geschah etwa alle hundert Schritt und so regelmäßig, daß man an eine höhere Fügung oder an ein eingeborenes Gesetz hätte glauben können. Hierbei mußte der, an den die Reihe kam zu trinken, sich den Strick, an dem am Morgen das Kalb zum Markte geführt worden war, unter die Schultern binden
„Das Wasser laust — immer im — Bogen, immer im Bogen. Prost!" Matthies griff verzweifelt nach der Flasche als nach dem letzten Mittel, das ihn vor der Ernüchterung retten konnte. Die Wirkung blieb denn auch nicht aus. Die beiden Freunde wurden von neuem betrunken und schwuren, nachdem sie dem Wasser den Rücken zugekehrt hatten, daß sie sofort über den Steg gehen würden.
„Wenn aber was passiert?" sagte Matthies. „Ich habe so eine Ahnung."
Stillschweigend nahm Matthies das freie Ende des Strickes — das andere war noch um Friedrichs Schulter geschleift — und schlang es sich feft um den Arm. Dann ging er, den Freund hinter sich drein- suhrend, voran. Er tastete lange mit dem Fuße, bis er das Stegbrett gesunden hatte. Dann aber, in einer alten Gewohnheit, wollte er" eilig über das Brett rennen, um drüben wieder auf festen Boden zu kommen vergaß aber, daß Friedrich an ihn angebunden war, und so kam es' daß, als beide etwa in der Mitte des Steges angekommen waren Mat- th'es, indem er anzog, ins Taumeln geriet. Er warf die Arme in die Luft und fiel ins Wasser, das nicht sehr tief war, Friedrich hinterdrein die waren sofort nüchtern, standen auf den Füßen und schrien fürchterlich. u
.3" diesem Augenblick wachte Hans auf. Er glaubte nichts anderes, al öafj Dlorber und Räuber vom Wasser her auf ihn einbringen JXm'e jSro$ JclncL aber lief er nicht einfach bavon — v'iel- ,Cn/ L b’e ®ut über Bertolb in ihm auf — vielmehr hi^hJih»» m $AU0 blinblings auf bas Stegbrett ein, an bem » bC!'- 9iaubeJ öittttnb unb in Tobesangst mimmernb, anklam-
mh* nt^rhmf <!%bratnn ?,“ld)e- Sd,Iä9C Singen klatschenb ins Wasser dem Wüterich, mbem sie ihn abkühlten, allmählich zur Besinnung, bie benn auch noch kaum völlig zurückgekehrt war als ^opf, davonlief, den Berg hinauf, der Heimat 2nf’ r3hl^frlTOba,!tc schon erkannt. Nüchtern und gerade stieg er ans Ufer, half Matthies heraus, gab ihm aber, kaum stand er am Ufer, einen Stock und schrie: „Deiner roar’s!"
„Was meiner? Es kann auch deiner gewesen fein", brüllte Matthies.
„Meiner wär nicht davongelaufen, bas kannst bu glauben."
„Ober auch nicht", versetzte Matthies trocken, schüttelte sich und wollte bem Paten bavon, ber immer noch in feinen nassen Kleibern am selben Fleck ftanb unb nieste.
„Bist bu mein Freunb?" schrie Friebrich mit hoher Stimme, „unb hast's so notwendig, mir davonzulaufen?"
„Steig mir den Buckel nauf", schrie Matthies schallend zurück unb nieste ebenfalls heftig.
So kam es, baß Friedrich allein und auf einem anderen Wege nach Mitternacht heimkam. Als er auf das Pflaster trat, merkte er, daß er den Kälberstrick noch um die Brust geschlungen hatte. Er streifte ihn ab, trug ihn vor Matthies Haus und rief: „Da kannst du dich aufhängen.'"
Es kam keine Antwort. Friedrich ging sehr zornig heim. Er war überzeugt, Hans habe schon lange vorher bas Stegbrett mit der Axt gespalten, .so daß es zusammenbrechen mußte. Warum? Wahrscheinlich, weil er sich über bie beiben Betrunkenen ärgerte.
Das war ein Grund, denen da drüben keinen guten Tag mehr zu bieten. Und morgen schon sollte ein Fäßchen Schnaps ins Haus bestellt werden, damit er mit dem da drüben nicht mehr zu trinken brauchte. Denselben Vorsatz faßte Matthies. Und daher kam ein langer Streit.
Fünftes Kapitel.
Geschenke.
Als es ihn in ber Morgenfrühe fror, ftanb Bertolb aus feinem Kornhaufen auf und wanderte zu feiner Tante. Bertold klopfte an die Scheiben und hörte, wie sich drinnen etwas heftig regte. Gleich darauf sah er die vierzigjährige Nase feiner Tante hinter dem Vorhang erscheinen und stürzte nun voller Freude durch den Garten — die Türen waren offen — in die Stube.
Mitten in der Stube stand ein erschrockener Mann und schloß seinen Ledergürtel. Bertold kannte ihn; es war der Schreiner eines benachbarten Dorfes, der auch Schnitzarbeiten fertigte. Er streckte Bertold bie Hanb entgegen, sagte, er sei vom Pfarrer herbestellt, um einen Heiland für den Beichtstuhl zu schnitzen, und habe sich schnell noch ein wenig ausgeruht. Damit deutete er auf das Kanapee.
In diesem Augenblick fuhr bie Tante aus der Kammer auf das fragliche Kanapee los. Sie bedachte nicht, daß sie in Strümpfen war und daß friedlich unter dem Kanapee ihre Hausschuhe neben den Lederschuhen des Schnitzers standen. Sie zog sie heftig hervor, streifte sie an, und rief: „Du bist mir ein schöner Herumtreiber, Bertold! Wenn das dein Vater wüßte, fo die Leute aus dem Schlaf zu schrecken!"
Bertold konnte sich nicht enthalten zu fragen, ob sie denn fo einen leisen Schlaf gehabt habe.
„Was denkst denn du", rief die Tante mit vollendeter Meisterschaft. „Wenn man den ganzen Tag schwer arbeitet, soll man nicht fest schlafen! Freilich, du hast mir nicht geholfen in Heinen Ferien."
„Ich hab früher oft genug deinen Mist und deine Jauche gefahren", antwortete Bertold gekränkt. Er dachte an die schönen, langen Ferien, die er früher in schwerer Arbeit und ohne Dank bei der Tante zugebracht hatte. In diesem Augenblick schrien die Kanarienvögel, von denen bie Tante eine ganze Hecke in ihrer Kammer besaß, hell auf, benn bie Sonne leuchtete schon bie Stube ab. Die Tante aber stemmte die Arme in bie Hüften unb schrie: „Wie der Bursch tut! Als ob ich ihm etwas schuldig wäre —".
Bertold unterbrach sie jäh: „Es ist schon recht, Tanke. Laßt's Euch weiter fo gut gefallen."
Er wandte sich zur Tür. Da stürmte der Schreiner auf ihn ein, faßte ihn am Arm und suchte ihn zu beschwichtigen, es fei nicht so bös gemeint, er solle sich wenigstens erst einmal setzen. Es war hinreißend zu sehen, wie liebevoll ihn das böse Gewissen machte. Auch die Tante mußte irgendeinen Druck gespürt haben. Sie trug einen schönen, mit Blumen unb Tieren beprägten Butterwecken herein, dazu einen Teller Kuchen und Kaffee, daß es Bertold wie ein goldener Rauch über die eingefrorenen Eingeweide kroch.
Er ließ sich vom Schreiner an den Tisch ziehen, vorlegen unb ein« schenken, beobachtete die beiden, wie sie geschäftig waren, ein unverdächtiges und zugleich wohlangebrachtes Wort miteinander zu reden, doch tarnen sie nicht sehr weit damit bei Bertold. Der Schreiner beschränkte sich schließlich darauf, von Zeit zu Zeit einen kränklich klingenden Husten auszustoßen, die Tante kehrte öfter als nötig die Krumen auf dem Tisch mit 8er Hand zusammen, Bertold erkundigte sich nach dem Vieh.
Plötzlich fiel der guten Tante etwas ein. Eilig stand sie auf und ging an ihren Schreibtisch und brachte einen auf acht Seiten voll beschriebenen Brief hervor. Sie gab ihn Bertolb in die Hand und sprach, vor endgültiger Genugtuung schneller atmend: „Lies den erst einmal."
Bertolb los. Es schien ein Liebesbrief. Mit außerorbentlich zärtlichen Ausbrücken, beren Innigkeit manchmal an Unechtheit grenzte, war bas Herz der guten Tante derart umstrickt, umworben unb unkenntlich gewacht, baß Bertolb unwillkürlich ben Schnitzer ansah, ob er nicht der Schreiber ober vielmehr Abschreiber bes Briefes fei, und wenn nicht, ob dann nicht wenigstens sein Antlitz von Eifersucht sprühe.
Nichts dergleichen! Bertolb las weiter. Der Brief tauchte vom ver- liebten mit einer jähen Wendung in ein religiöses Gefühl. Der Schreiber erzählte nach mehreren Anrufungen Gottes von einem großen kirchlichen 5eft, bas unlängst in feinem Kloster ftattgefunben habe. Eine Siebter« Prozession war mit Prunk unb Wonne beschrieben. Häufige Seufzer, bie Tante möchte boch auch bei all dem Schönen unb Crhebenben babei gewesen sein, leiteten dann endlich zum Schlüsse, indem der Verfasser um ein Darlehen von fünfhundert Mark bat: er wolle in diesen Ferien eine kleine Reise machen.
(Fortsetzung folgt.)


