GiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1935 Zreitag, -en 22. Februar Nummer 15
Die Hochzeitskuh
Roman einer jungen Liebe von Josef Magnus Wehner
Copyright 1 928 b y Georg Müller Verlag A.-G
(Fortsetzung.)
Viertes Kapitel.
Mondwald.
Bertold ging in den Grasgarten unter die großen Apfelbäume und wartete, bis er im Haufe des Paten und drüben beim Nachbarn die Lampen in der Stube aufgolden sah: Hans war also noch zu Hause. Dann schlich er von Baum zu Baum an den Wiesenpfad, dessen Anfang im Schutz mächtiger Kirschbäume lag. Dort im Gebüsch fand er auch seinen Rucksack, dem die Enden abstanden, so hatte ihn Birge gefüllt. Er hob ihn dankbar, setzte sich auf einen Feldbasalt und wartete.
In der Nähe lag ein kleiner Wald, der dem Paten gehörte. Eine Doppelreihe von Büschen führte auf ihn zu. In seiner Mitte, die von flimmernden Buchen bestanden war, ging er etwas höher an den Himmel, außen war er mit Tanken umwölbt.
Bertold hörte einen Schritt. Er wandte sich um und sah Birge herankommen. Sie ging langsam und kam doch schnell über das Gras. Ihr Kleid schimmerte wie feuchter Rauch, wenn sie auf die Mondplätze trat, ihr Gesicht war auch im Schatten sichtbar. Er schloß die Augen und ließ ihr Bild herankommen.
Da war sie auch schon unmittelbar vor ihm, die fremde schöne Birge, ein wenig erschrocken über sein plötzliches Aufrecken. Sie griff schnell unter die Schürze und brachte einen überaus schönen Apfel hervor, wischte ihn, bis er von allen Seiten glänzte, und reichte ihn Bertold. Der drückte ihn an ihre Lippen und rollte ihn schon zum Andenken in seine Tasche; dann zog er die leichte, zitternde Birge an seine Brust.
Sie deutete in den Mond und sagte, es sei hier zu hell. Dann ging sie voran. Nicht auf dem Wiesenpfad, der ihren Schatten abgebildet hätte, obwohl das Bertolds Weg zur Tante gewesen wäre, sondern geradewegs auf den schwarzen, borstigen Tannenwald zu. Ihr Schritt ging ebenso durch das aufrauschende Gras wie Bertolds Schritt: groß, leicht und stark. Der Fluß kam wie ein Donner herauf aus dem Tal, der Wald funkelte, die Büsche schrien zärtlich, wenn Birges knisterndes Kleid sie berührte. Manchmal faßte Bertold ihre Hand; aber sie eilte, in den Wald zu kommen, und er dachte, wie schön auch dies von der stolzen Birge sei, daß sie nicht so an ihm klebe wie die Heftigen Stadt- madchen. Nein, sie hätte ihn wohl auch entbehren können, wenn es notwendig geworden wäre.
Als sie in das schwarze Fichtengebäu einfuhren, war Birge aus einmal anders geworden. Ihr Haar brannte bräunlich, und sie war größer auf dem schwellenden Moos; Bertold ging fast ohne zu atmen neben ihr. Sie lief sehr schnell durch die kohlschwarzen Bäume. Einmal rief er: „Birgel"
„Wir sind ja bald da", flüsterte sie.
Plötzlich brach Licht herein. Der Pfad drang schmal in em Haselnuh- wäldchen ein, und hinter den lockeren Stauden kamen die Buchen. Bertold hörte eine Quelle aus den Buchen rieseln, er schlang seinen Arm um Birges Knie und trug sie ein Stück. Der Mond schneite in großen farbigen Flocken durch das Laub. Da sah er die Quelle aus den Steinen hervorblitzen; Birge begehrte nach dem Boden. Sie ging ein paar Schritte und dehnte die Hände über ihr Haupt, ließ sich im Dunkelgrünen auf die Knie nieder und blickte in den Mond. Bertold aber betrachtete das Abbild des Mondes,, das in einer ruhigen Mulde der Quelle lag und überall feine Strahlen spann; dann schlürfte er neben Birge und fühlte plötzlich unter sich einen wollenen Mantel liegen. Den mußte Birge am Mittag dorthin gebracht haben.
Er zog sie zu sich. „ ,
„Jetzt habe ich dir doch ein schönes Bett gemacht , sagte sie.
„Und ich will dir noch ein viel schöneres machen, wenn du zu nur in die Stadt kommst." , . _ , „
„Es wird schwer (ein, denn ich möchte doch im Sommer kommen.
„Freilich mußt du im Sommer kommen."
„Da haben wir so viel Arbeit, Bertold! Schau, es ist manchmcll Mitternacht, wenn ich noch schnell in den Fluß gehe und mich bade."
„Badest du jeden Tag?"
„Fast jeden Tag. Das weih kein Mensch."
„Hans auch nicht."
München
„Der? Der ist vorhin neben mir hergelausen und hat mich nicht gesehen."
„Er hatte eine Axt in der Hand und lief an den Fluß hinunter."
„Was soll er denn da unten suchen?"
„Er kam gleich, als du fort warst, zu uns und sah, daß wir beide nicht da waren. Das ist doch genug, für die Axt."
„Du meinst, er will mit mir kämpfen?"
„Freilich! Aber du brauchst ja nicht unten über das Brett zu gehen, du kannst auch ein Stück weiter oben über das Wehr gehen. Es ist hell und man kann die Steine im Wehr sehr gut sehen. Dort bade ich immer."
„Du meinst doch nicht, daß ich mich fürchte?"
„Nein, Aber es wird doch zu lustig, wenn er die ganze Nacht mit seiner großen Axt am Wasser sitzt und sein Feind ist schon längst jenseits."
„Aber sein Vater und dein Vater müssen doch auch Über das Brett kommen?"
„Wenn sie nüchtern sind, gehen sie durch das Dorf, wenn sie schief geladen haben, über das Wasser."
„Hoffentlich haben sie heute schwer geladen und ich sehe alle drei zusammenstoßen."
„Ach!" Birge seufzte. Dann fragte sie: „Wann fährst du nun auf die Universität?"
„Uebermorgen."
Sie schwiegen lange. Wenn ein Vogel sein Gefieder schüttelte ober ein Fuchs über das Reisig lief, erschraken sie und drängten sich näher zusammen. Das Wasser, der Mond, und das Säuseln und Rauschen in den Buchen schläferte sie ein. Sie hätten sich wünschen können, daß diese Nacht und dieser Himmel ewig über ihrer einsamen Liebe wandeln möge. Aber sie wünschten sich nichts. Nur der Abschied zehrte an ihrem Glück.
Nach langer Zeit tauchte Bertold einen Haselzweig in die Quelle und besprengte rundum den Platz damit. Dann gab er ihn Birge und sprach: „Hebe ihn gut auf."
Birge wachte aus und sprach: „Ja, ich will ihn über mein Bett hängen."
Sie nahm den Zweig und streichelte die haarigen Blätter: „Bertold, eher soll mein Herz stillstehen —." Sie konnte nicht weitersprechen. Bertold schloß ihr den Mund, dann sprang er aus: „Wir müssen jetzt Abschied nehmen, Birge."
Birge stand aus. Sie taumelte leicht. Sie drückten sich noch einmal aneinander, dann griff Birge in die Tasche, preßte Bertold etwas in die Hand, sah ihn noch einmal voll an und ging den Pfad zurück. Bald schlugen die Büsche über ihr zusammen, jetzt rauschte nur noch ihr Schritt, nun war nichts mehr von ihr zu sehen und zu hören. Nur ein feiner Duft von ihrem Haar webte noch in der Luft.
Bertold stand eine Zeitlang regungslos da. Dann schob er das, was Birge ihm in die Hand gedrückt hatte, zum Apfel in die Tasche, schulterte den Rucksack und lief schnell durch den Wald.
Als er auf die Wiese kam, brauste ihn der Mond an. Er blieb stehen und schaute nach Birges Haus, bis er ruhig wurde. Dann ging er mit großen Schritten den Berg hinunter. Er dachte nicht daran, wie Birge ihm geraten hatte, über das Wehr zu gehen, er lief geradewegs auf den Steg zu, der aus einem schwachen, in der Mitte gestützten Brett bestand. Das war der kürzeste Weg zu seiner Tante. Vielleicht schlief sie noch nicht so fest, wenn er ankam, daß er sie ohne öffentlichen Lärm wecken konnte. Sie hatte zwar die Gewohnheit, nachts Tür und Tor ofsen- stehen zu lassen, worüber sie von Bertolds Vater schon oft gescholten worden war, aber da sie weder Knecht noch Magd, nur einen großen Kramladen und ihr Vieh hatte, hätte sie Bertold erschreckt, wenn er durch die offene Tür hineingegangen wäre. Er wollte ihr pfeifen, so lange, bis sie auswachte. Ihre Kammer lag zu ebener Erde.
Bertold war jetzt am Flusse angekommen. Das Wehr rauschte oberhalb sehr leise und feierlich. Der bläuliche Fluß war unendlich still unter seinen Erlen. Am Wasser entlang waren von den Bauern Basaltsteine zu Türmen ausgeschichtet worden. Sie standen in den Lichtungen der Bäume unheimlich wie Grabmäler da. Bertold blieb stehen und horchte. Hatte da nicht ein Tier geknurrt?


