Ausgabe 
21.10.1935
 
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Lorelei.

Don Josef von Eichendorff.

Es ist schon spät, es wird schon kalt. Was reitst du einsam durch den Wald? Der Wald ist lang, du bist allein, Du schöne Braut! Ich führ dich heim! Groß ist der Männer Trug und List, Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist, Wohl irrt das Waldhorn her und hin, O flieh! Du weißt nicht, wer ich bin." So reich geschmückt ist Roß und Weib, So wunderschön der junge Leib, Jetzt kenn ich dich Gott steh mir bei! Du bist die Hexe Lorelei.

Du kennst mich wohl von hohem Stein Schaut still mein Schloß tief in den Rhein. Es ist schon spät, es wird schon kalt, Kommst nimmermehr aus diesem Wald!"

Ein Mädchen ist verschwunden.

Kriminalgeschichte von Jo Hanns Rösler.

Das Mädchen öffnete die Tür.

Zwei Herren möchten Sie sprechen."

William Brook nickte kurz.

Ich lasse bitten."

Zwei Herren traten ein. Sie grüßten ernst.

Herr William Brook?"

Ja. Sie wünschen?"

Kriminalpolizei. Kommissar Brown. Wir möchten einige Fragen an Sie richten!"

Bitte!"

Kennen Sie ein Fräulein Muriel Davis?"

William Brook nickte:Flüchtig."

Waren Sie oft mit ihr zusammen?"

Nur einmal."

Wann war das?"

Vor einer Woche. Ich lernte sie im Hydepark kennen. Wir gingen erst ein wenig zusammen spazieren. Dann kam sie in meine Wohnung.

Wi,e lange blieb sie bei Ihnen?"

Gegen elf Uhr verließ sie mich."

Hat sie Ihnen gesagt, wohin sie gehen wollte?"

Gewiß. Nach Hause."

Der Kommissar sagte plötzlich:

Sie ist aber nicht nach Hause gegangen."

Nicht. Seltsam. Wohin?"

Das möchten wir gern von Ihnen wissen. Das junge Mädchen ist seit jenem Tage, wo es mit Ihnen zusammen gesehen wurde, spurlos verschwunden. Sie ist nicht nach Hause gekommen. Man hat bis heute keine Nachricht von ihr. Ihr Vater hat eine Abgängigkeitsanzeige er­stattet.

William Brook war sichtlich nervös.

Die Angelegenheit ist mir sehr peinlich. Ich habe doch mit der Sache nichts zu tun. Die Dame hat vier Stunden in meiner Gesellschaft ver­bracht, ich habe seitdem nichts wieder von ihr gehört."

Haben Sie einen Zeugen, der gesehen hat, daß die Dame von Ihnen wegging?"

Nein."

Die beiden Kriminalbeamten verabschiedeten sich.

Wir bitten Sie, sich zur Verfügung der Polizei zu halten. Wir müssen Sie ersuchen, London vorläufig nicht zu verlassen."

Ein Stunde später trat ein neuer Besucher in das Arbeitszimmer William Brooks. Es war ein älterer, schlecht rasierter Mann, der an­scheinend stark dem Alkohol zugesprochen hatte. Er trat breit ins Zimmer und lief auf Brook zu, ihm ungeniert seine roten Hände entgegen­streckend.

Was wollen Sie?" herrschte Brook ihn an.

Ich komme wegen meiner Tochter."

Ihrer Tochter?"

Sie kennen doch meine Tochter? Meine Tochter heißt Muriel Davis.

.Ich bin der Vater."

William Brook schob einen Stuhl hinüber.

Haben Sie etwas von ihr gehört?"

Der Alte kaute an seinen Lippen.

Wie man es nimmt. Bis jetzt noch nicht aber ich könnte Dieb acht bald etwas von ihr hören."

Was soll das heißen?"

Sie war doch zuletzt mit Ihnen, Herr. Seitdem ist sie verschwunden. Die Polizei sucht sie. Eine unangenehme Sache, Herr, eine sehr unan- .mehrne Sache, Herr.

Seine Augen schielten mit einem schlauen, durchtriebenen Blick.

Natürlich ist es unangenehm", sagte William Brook,es wird sich ckbstverstündlich Herausstellen, daß ich mit der Sache gar nichts zu un habe."

Der Alte lachte stoßweise.

Hossentlich. Bis dahin aber gibt es Aerger. Die Polizei kommt ins Haus, Verhöre, Durchsuchungen, die liebe Nachbarschaft. Man soll sich nie mit der Polizei einlassen. Etwas findet sie immer."

Ich habe nichts zu fürchten", sagte William Brook und stand auf, es tut mir leid, daß ich Ihre Tochter kennengelernt habe. Hoffentlich

komml sie bald zu Ihnen zurück. Mehr haben wir uns wohl nicht zu sagen."

Der fremde Besucher hatte sich ebenfalls erhoben.

Wenn Sie nicht wollen, haben wir uns wohl nichts mehr zu sagen. Aber vielleicht wäre es Ihnen ganz angenehm, wenn meine Tochter plöjp lich wieder auftauchte. Ich meine, wenn sie heute abend wieder bei mir wäre, das dürfte Ihnen schon einiges wert fein."

Eine Erpressung?"

Was für häßliche Worte, Herr! Ich will mich nur für Sie be- mühen. Diese Arbeit muh doch bezahlt werden."

William Brook trat zum Telephon.

Wenn Sie nicht augenblicklich meine Wohnung verlassen, rufe ich die Polizei."

Der Alte torkelte zur Tür.

Wenn Sie den Schmerz eines armen Vaters um feine einzige Tochter nicht begreifen wollen"

William Brook betrat das Polizetkommiffariat.

Ich komme in Sachen Muriel Davis."

Einen Augenblick."

Wenige Minuten später war Kommissar Brown zur Stelle.

Haben Sie etwas Neues zu melden, Herr Brook?"

Ja. Soeben war der Vater des Mädchens bei mir."

Was wollte er?"

Er versuchte eine Erpressung."

Der Kommissar sah erstaunt auf.

(Eine Erpressung? Wofür?"

(Er wollte das Mädchen wieder herbetfchafsen, wenn ich ihm eine entsprechende Summe dafür zahlte. Sicher hält er feine Tochter daheim verborgen." Der Kommissar gab einem Beamten Anweisungen.Bann wird sich der Fall ja bald aufklären", wandte er sich wieder zu dem Be­sucher,wir werden sofort bas Haus durchsuchen lassen, wo diese Leute wohnen. Sie begleiten uns wohl, Herr Brook?"

Gern."

*

Das Haus des alten Davis lag am Ende einer Vorstadtstraße zwischen hohen Bretterzäunen und verwilderten Gärten. Zwei Polizeiwagen fuhren vor und bremsten schnell.

Hier ist es", sagte der Kommissar.

William Brook erschrak.

Hier?"

Ja. Wundert Sie das? Kennen Sie das Haus?"

Nein, natürlich nicht."

Die Beamten traten in das Haus und durchsuchten die Zimmer.

William Brook und der Kommissar folgten ihnen. Fünf Minuten vergingen. Die Beamten kehrten zurück: Das Haus ist leer. Wir haben nichts gefunden."

Der Kommissar wandte sich an William Brook.

Schade. Ich hätte mich für Sie gefreut, wenn sich das Mädchen ge­funden hätte. Wir haben nämlich bereits einen Haftbefehl gegen Sie er­halten, da Sie dringend verdächtig sind, an der Abgängigkeit des Mäd­chens beteiligt zu fein ober wenigstens Näheres barüber zu wissen."

Der Anbere rieb nervös bie Hände aneinander.

Das ist doch lächerlich. Ich weiß nicht bas Geringste von ber Sache. Außerbem bin ich nach wie vor überzeugt, baß bas Mäbchen sich doch im Hause befindet. Sicher gibt es hier verborgene Räume. Darf ich nochmals Nachsehen?"

Die Beamten folgten Brook, ber sicher bie Treppe zum ersten Stock emporschritt unb bas Bibliothekzimmer betrat.

Recht viele Bücher hat ber alte Herr", er zeigte auf eine Wanb, bie mit hohen Regalen bebetft war,er sah nicht so aus, als ob er sich sonderlich für Bücher interessierte. Man sollte die Regale untersuchen."

Die Beamten taten ihre Pflicht.

Nichts. Keine Tür ist dahinter."

Kann ich einmal Nachsehen?"

Er trat zu dem zweiten Fach von rechts, hob ein Buch heraus, fand» einen Hebel, den er vorzog. Das Regal teilte sich in der Mitte. Ein Roum ward sichtbar. Von ber Wanb löste sich eine junge Frau. Sie schien nicht übermäßig erstaunt, als bie Beamten eintraten.

Haben Sie mich enblich gefunben?", sagte sie.

William Brook lächelte:Cs war nicht so schwer."

Die junge Dame trat auf ihn zu:Nein, für Sie bestimmt nicht."

Was heißt bas?"

Wer ben Raum kannte unb ben Mechanismus ber Tür wußte, für ben war es wirklich ein Kinderspiel. Ein anderer Mensch hätte den ver­borgenen Hebel nicht so schnell finden können. Nur wußten wir nicht genau, wie der Mann hieß, der sich damit auskannte. Und es lag un* sehr viel daran, dies zu erfahren, feit wir vor vier Jahren hier da* große Rauschgiftlager entdeckten. Der Mieter des Hauses, der unter fal­schem Namen hier eingezogen war, hatte Wind bekommen unb war im letzter Minute verschwunden. Unsere Verbachtskette um Sie, verehrter William Brook, alias James Renard, reichte nicht hin, um Sie zu ver­haften. Dieses Beweisglieb fehlte uns noch. In Ihrer Angst, von ber Polizei verhört zu werben, verrieten Sie uns Ihre Kenntnis bes Raume* unb ber Türe. Ich erkläre sie traft meines Amtes als Beamtin de* Dezernates für Rauschgifthandel für verhaftet."

William Brook lächelte müde:

Sie sind noch sehr jung und eifrig. Sicher bin ich Ihr erster Fall."

Ja. Sie sind mein erster Fall."

William Brook sah sie ein wenig spöttisch an. Dann sagte er:Unter diesen Umständen will ich nicht leugnen. Ich mache gern einer Frau, die schön ist, eine kleine Freude. Schon aus Dankbarkeit für ben Abend Einmal wäre es ja boch geschehen. Unb ich habe bas Vergnügen, mit dem: Ende meiner Karriere den Anfang Ihrer Karriere einzuleiten."

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Drühl'sche Aniversitäts-Buch- und Steindruckerei. A. Lange. (Sieben.