'Riff im Mondschein.
Von Achim von Arnim.
Herz zum Herzen ist nicht weit, Unter lichten Sternen, Und das Äug', von Tau geweiht. Blickt zu lieben Fernen;
Unterm Hufschlag klingt die Welt, Und die Himmel schweigen. Zwischen beiden mir gesellt Will der Mond sich neigen.
Zeigt sich heut in roter Glut An dem Erdenrande, Gleich als ob mit heißem Blut Er auf Erden lande. Doch, nun flieht er scheu empor, Glänzt in reinem Lichte, Und ich scheue mich auch vor Seinem Angesichte.
TurmveUchen.
Auszeichnungen aus dem Kriege.
Von Max Mell.
Die Batterie war ausgebaut und in Czernowitz eingerückt. Wir Einjährigen hausten zu dritt in einem ebenerdigen Raum der Kasernen- anlage; die gesamte Einrichtung des Zimmers bestand in zwei eisernen Bettgeftellen. Wir gewannen ein drittes Lager dadurch, daß wir sie in die Ecken rückten und die Schmalseiten mit einer Bretterlage verbanden, der Raum war lang genug, daß wir in einer Linie schlafen konnten. Vornehm an ihm war der Parkettboden! wir waren in den Amtsräumen eines Kommandos. Leider kroch nachts Ungeziefer aus den Fugen, es waren hier viele Einquartierungen gewesen. Eine Glastafel in dem hohen Fenster fehlte; wir ersetzten sie allabendlich durch Zcitungsbogen, denn es drang gegen Morgen schon bittere Kälte herein. Es war Herbst geworden, und bei einer Uebungsfahrt über Land wußte er mein Herz zu beschleichen. Denn ich sah in der abgeernteten Landschaft nirgends mehr ein Zeichen des Lebendigen; ein langer, bleichgoldener Glanz lag über ihr, nichts rührte sich mehr in der Luft; ich brachte von dieser Fahrt eine gewisse Beklommenheit mit, und die zuversichtlichen Worte, die mir vor wenigen Wochen das unverhoffte Zusammentreffen mit Hans Carossa entlockt hatte, hätte mir jetzt einer vorhalten müssen. Manchmal leistet man dies, in sich wieder Ordnung zu schaffen, aus sich selber; manchmal aber sind die Dichter dazu da und nehmen es uns ab. So erging es mir diesmal. Ich hatte in einer der Buchhandlungen der Stadt ein wenig gemustert, was mir etwa zusagte, und ich sand das „Buch der Bilder" von Rainer Maria Rilke. Es hatte auf mich gewartet; es stehen die großen Gedichte von dem Zaren darin, und drei Invasionen der Russen und manche Plünderung hatte es nicht von der Stelle gerückt. Es bestimmte mich sogleich der Gedanke, meinen Zimmerkameraden damit etwas Neues und Besonderes zu bringen, ich erstand das Buch und erzählte am Abend — es dunkelte früh und wir hatten ein Kerzenstümpfchen — den beiden von dem Dichter und was er bedeutete. Ich schlug das Gedicht auf, das mir jungem Träumer seinerzeit größte Entzückung gewesen, als ich es zum ersten Male, das war jetzt anderthalb Jahrzehnte her, in einem Heft der „Insel" gelesen hatte: „Der Sänger singt vor einem Fürstenkind ..." Ich las es vor. Der Kamerad, dem ich es vor allem zugedacht hatte, ein kultivierter junger Wiener aus gutem Hause, schien von der präraffaeli- tischen Schönheit der Bilder, von dem verwirrenden Klang der Verse und Reime kaum berührt. Aber auch mir blieb die Erhellung, die ich durch das Heraufrufen eines schönen Traums erhofft hatte, aus und ich fand mich enttäuscht. Allein das Buch enthielt auch Gedichte die mir unbekannt geblieben waren, denn es war die neue erweitere Ausgabe, in der es ein kleiner dicker Band geworden war. Und da stand ich aus einmal vor dem kurzen Gedicht, welches das eine herbstliche Ereignis: das Fallen der Blätter, in allen Gegenständen sieht; es ist in allen; alles fällt; — und schließt:
„Und doch ist einer, welcher dieses Fallen
Unendlich sanft in seinen Händen hält."
Mit tiefer Bewegung las ich diese Verse. Sie waren was ich eben brauchte. Ich empfing ihre Wohltat und fühlte nicht das Recht zu haben, sie für mich allein zu behalten; und so las ich die neun Zellen, die das Gedicht ausmachen, alsbald vor. Mein Kamerad ging fremd) auch mit ihnen nicht mit, und es war mir leid, daß ich damit allein bleit? m sollte. Aber wie hätte ich es ihm verargen können. Er trug wir als Gegengabe aus einem erbeuteten Lesebuch ein Gedicht von guter, aber epigonifcher Art vor, dem wieder ich nichts abgewann. Jedenfalls, wir waren Kriegskameraden und waren gewillt, miteinander zu teilen, was uns oben hielt oder weiterbrachte. Da verschlug es zuletzt Nicht allzu Diel, ob der eine auch gerade brauchte, was dem andern wichng war.
Der andere Tag war ein Sonntag, und ich hatte schon ein Vorhaben, wie ich die freien Stunden des späteren Nachmittags verwenden wollte. Ich wußte, es ist der Stadt ein deutsches Dorf als Vorort vorgelagert, fein Name ist Rosch, die Straße dahin hatte ich schon bemerkt, und ich hatte den Wunsch, es zu sehen. Es war nicht eben weit. Die Straße ging in eine Bodensenkung und stieg durch Wiesen wieder an, zu einer Siedlung, deren Häuser, man hatte mich darauf aufmerksam gemacht, hierzulande schnell als deutsch zu erkennen waren, sie hatten nämlich gemauerte Rauchfänge. Allenthalben standen große tußbaume um sie, es war hübk-b, darauf in langsamer Steigung zuzugehn. In den Vorgärten lagen mit flammiger Zeichnung die großen Kürbisse, prächtig
nahm sich daneben die satte gelbe Farbe der eingebrachten und trocknenden Maiskolben aus; der Anstrich der Häuser, kaffeebraun ober algengrün, abgeteilt mit kalkweißer Säulenzeichnung, gab schönste Farbeneinstimmung dazu. Auch in den ©arten gab es noch manches Bunte und als ich in einem Vorgärtchen ein stattliches Blumengewächs bemerkte' das ich nicht kannte, trat ich an den Zaun. Es trug ein ganzes Türmchen blauer Bluten, die in ihrer Form an die Bohnenblüte erinnerten und solcher Turme standen größere und kleinere nebeneinander. Nun blieb mein Betrachten nicht unbemerkt. Ein Bauernmädchen kam hinter dem Haus hervor; sie war in schlichtem sonntäglichen Gewand, ihre langsamen Bewegungen wiesen auf den Ruhetag, und sonntägliche Stille trug auch das runde gesunde Bauerngesichtchen unter den sauber geglätteten braunen Haarflechten. Ich hatte aufgefehen und grüßte- sie erwiderte. Ich fragte nach den Blumen. Turmveilchen nannte man sie und angebaut wären sie zum Schmuck. Die Sprache des Mädchens verriet die Schwäbin; es war ein eingeborenes, wurzelhaftes Deutsch, dessen unverderbten Lauten ich sogleich mit Begierde horchte. Der Gedanke es hier heimisch und bodenständig zu wissen, gesellte es als Schönheit zu den Nußbäumen und den Farben in Haus und Garten. Denn unverkennbar war es eine bewahrte Sprache, die sie sprach, und ich bekam auch weitere Ausschlüsse: der Großvater des Großvaters war aus Schwaben hergezogen, erzählte sie und das stimmte zu dem Zeitpunkt der Erwerbung des Landes durch Oesterreich. Das ganze Dorf war deutsch, das nächste wieder wallachisch. Aber sie hatten hier ihre deutsche Schule, ihren deutschen Bürgermeister. Sie sprach von ihren Eltern und fragte nach den meinen und wo ich daheim wäre. Sie klagte ein weniges über die Russentage und über die, die zum Feind gehalten hatten. Aber nun war das vorbei. Und nun würde es Herbst und bald wären die Abende, wo die Frauen des Hauses sich zum Spinnen fetzten. Dazu erzählten sie dann und fangen Lieder. Stillen und unbewegten Gesichts berichtete sie von einem stillen und in sich beruhenden Leben. Und es war ein sonntägliches Aufatmen darin, so davon zu sprechen und zu einem fremden Besucher. Sie empfand dies auch nicht anders; denn da ich nun für die Auskunft dankte, brach sie von dem Stämmchen der Turmveilchen das größte und vollste und reichte es mir.
Das Dorf erwies sich als recht weitläufig, es ging darin öfters bergauf und bergunter. Die Bäume waren noch schwer belaubt und versteckten die Gebäude, von denen Kinderrufe, Abendgespräche, Musik klangen. Ein weiteres Gespräch anzuknüpfen, dessen bedurfte cs für mich nicht mehr. Das heimatliche Wesen des deutschen Dorfes hatte sich finden lassen und mir ein Zeichen in die Hand gelegt.
Ich kam wieder heraus zwischen die Aecker und auf die staubige Chaussee, die durch die Bodensenke, über einen Bach mit trägem Wasser, hinauf in den schreienden Sonntagabend der Vorstadt führte. Die Blume roch mit schwerer Süße. Es war schon dunkel, als ich in unser Kasernen- zimmer trat. Ich gab die Blume in meinen Feldbecher und stellte ihn auf das Fensterbrett. Und da zeigte sich nun, wie schon ein sehr kleines Ding die Kraft haben kann, uns das Gefühl des Zuhause zu schenken. Ms ich am folgenden Tag zur Mittagszeit in das Zimmer zurückkehrte, waren die Blüten von der Sonne durchleuchtet und waren die Hauptsache in dem Raum; es war anders als sonst. Und am Abend, als ich das finstere Zimmer betrat, trug mir die Zugluft zur Ueberrafchung und Erinnerung von dem nur mangelhaft verwahrten Fenster sogleich den schweren süßen Duft entgegen. — Etwas von dem, was seit jenem Besuch im Villenviertel ein vielleicht nur halb eingestandener Wunsch für meinen Aufenthalt in der Stadt gewesen, war doch zu mir gekommen.
Mehr wäre in diesem Augenblick auch wahrhaftig nicht mehr vonnöten gewesen. Denn am selben Tag sagte man uns: „Morgen Abfahrt!" Da war dann um drei Uhr früh Tagwache und die Kraftwagen unserer Batterie zogen, schwer den Boden erschütternd, durch die schlafende Stadt fteitab hinunter zum Bahnhof. Es wurde hoher Tag, bis sie verladen war. Daß uns eine lange dauernde Fahrt bevorstand, war uns nicht zweifelhaft. Mein Feeund, der Oberleutnant P., kam an uns Einjährigen vorbei und murmelte mir zu: „Nach Tirol". Das freute mich mächtig, denn „das Land und Volk gefiel* mir wohl". Die Mannschaft bekam Brot für eine ganze Woche zugeteilt, denn so lang mochte die Reise wohl dauern; und auch wir Einjährigen hatten dann zu dem uns zugewiesenen Wagen jeder drei Laib Brot zu schleppen. Ich hatte die meinigen zum Schutz gegen die Staubwolken in Zeitungspapier ein- gehüllt und darauf das Turmveilchen gelegt, das sich frisch gehalten hatte. Wir schritten dahin, als von der Bahnrampe herüber, wo er die Verladung befehligte, die schneidende Stimme des Hauptmanns, aber nicht feindselig, erklang: „Korporal M., sind das lauter Blumen'?" Nun, meine Last war ihm bald erklärlich und er mochte sich nachher über seine Frage selbst wundern. Ob sie nicht durch die naive Vorstellung vom Dichter unwillkürlich mit befördert worden war? Ich muß sagen, der Verdacht, ich zöge solcher Art aus der schönen Stadt fort, erweiterte mich und schmeichelte mir. Leider blieb die Blume nicht mehr lange frisch, die Reise bot keine Möglichkeit sie zu pflegen. Sie schließlich einfach beim Fenster hinauszuwerfen, lag mir aber doch nicht ganz. Es war eine herrliche Fahrt, quer durch das ganze alte Reich, viele Tage lang, und jeder war gleich schön. Eines Morgens, da wir erwachten, stand der Zug in Marburg. Wir hielten an einem Uebergang, sahen in einen Straßenzug hinein, lasen wieder deutsche Aufschriften, lieber den Häusern aber standen, blendend in der Herbstsonne, die hohen Weinberge, mit Kapellen ober Baumgruppen gekrönt; es war steirisches Land und war die Stadt, in der ich geboren bin. Seit meinem vierten Lebensjahre hatte ich sie nicht mxhr gesehen und sog nun von meinem Waggonfenster den Anblick, die linde durchsonnte Lust um so lebensdurstiger ein, als ich wußte, es ging einem schwierigen Kriegsschauplätze entgegen. Wir Einjährigen durften ja nicht aussteigen. Aber mein Oberleutnant tarn und reichte mir eine herrliche große Birne ins Fenster, und so grüßte mich der Ort, in dem mein Vater manchen Schulgarten beraten und betreut hatte, doch mit einer Frucht. Der Zug setzte sich dann in Bewegung und ba ließ ich benn bie Blume aus dem fernen deutschen Dors im Osten hinab auf die Heimaterde gleiten.


