morgen die Sache erledigen. Und sie wird sich schon jetzt jedes Ausweichen zubauen. Jetzt gleich.
Einen Augenblick zögert sie noch. Es ist sicherlich falsch, daß sie jetzt, nachgibt, daß sie ihrem Mann „nachläuft". Aber sie kann so nicht rechnen. Es steht mehr auf dem Spiel als ein bißchen Weiberstolz und Ehetaktik. Sie muh Rauthammer erledigen. Rauthammer erledigen. Sie beugt sich vorsichtig über Alfred. Er schläft ruhig, tief und angenehm. Wenn sie ein wenig dümmer wäre, würde sie jetzt beleidigt vor so viel Seelenruhe des Mannes umkehren ... und hätte dann den ersten richtigen Riß in der Ehe. Aber sie weih jetzt schon, daß man Liebe, die man für den Partner empfindet, auch dann einsetzen muß, wenn man sie mal einen Augenblick lang nicht empfindet. Liebt man ... so soll man wirklich lieben.
Sie beugt sich darum zu Alfred nieder. Sie küßt ihn auf die Stirn, auf die Augen, auf den Mund. Sie umarmt ihn warm und freudig. „Alfred! Alfred!"
Alfred fährt auf. Er tastet nach ihr. Er zieht sie an sich. „Barbi! Da bist du ja! Schön, Barbi. Was sagst du? Was wolltest du?"
„Ich wollte nur sagen", flüstert Barbara hastig, „daß ich morgen mit dir über meine erste Liebe sprechen muß. Morgen ... ganz bestimmt ... Du mußt mich erinnern ... Nein ... jetzt sollst du nichts sagen ..."
Alfred sagt nichts. Gut ... man wird also morgen über diese erste Liebe sprechen. Es ist vielleicht wichtig. Wichtiger aber scheint ihm im Augenblick, still neben Barbara zu liegen und auf den Ruf des Regens zu horchen, auf das Trommeln der Traufen und Tropfen.
Er meint zum erstenmal zu spüren, was Regen ist und was ein Wald ist, der geduldig wartet, bis Regen kommt, und lautlos und gierig den Regen in sich eintrinkt. Er kann es erst jetzt spüren, weil er Barbara liebt, weil er durch sie aufgerührt, geweckt, aus dem Trott geholt ist.
„Ich liebe dich immer mehr, Barbi!" sagt er aus dem Dunklen in den Regen hinein. Und Barbara antwortet aus dem Regen: „Immer mehr, Alfred ... immer mehr ...!"
Weiter sprechen sie nichts mehr. Der Regen aber redet die ganze Nacht durch. Die Wolken ziehen dicht über den Waldberg. Schütten ihren Regen über die Hänge, die Wiesen, das Waldtal, über Fluß und Häuser.
Langsam und viel später als sonst wird es dämmerig.
Man kann schon die Zeiger der Uhr erkennen. Man kann schon den Erlenbusch drüben vor dem Wald sehn. Da schlafen sie endlich ein.
Beide lächeln.
12.
Dies also ist der wichtige Tag der Unterredung zwischen Barbara und Alfred Meimberg über Rauthammer. Er beginnt mit Regen. Don Irland ist — ganz wie die Zeitung es angezeigt hat — ein Tief gekommen. Es besteht jetzt, da es angekommen ist, aus einem leichten Wind, der mit weißgrauen Wolken behängt ist. Die Wolken können aber nicht über die Waldberge, die das Flußtal eingrenzen. Sie treiben fluhquer und fluß- längs. Verquirlen sich in den Bäumen und regnen sich gründlich ab.
Man könnte also gleich nach dem Frühstück mit der Unterredung beginnen? Einverstanden, meint Alfred. Aber nicht hier zwischen den Gästen. Sie werden lieber zusammen losfahren. Meimberg hat sowieso Lust, irgendwo in einer Stadt hinter einem Konditoreifenster zu sitzen und seine Zeitung zu lesen. Vielleicht hat er auch Lust, Dr. Fehr, den Arzt in Stuttgart, aufzustöbern. Wäre doch ganz nett. Hallo! Hallo! Schultern geklopft! Einen Schoppen Wein getrunken. Mittag gegessen. An einer Pfeife genuckelt und über Politik gesprochen. Nein, das mit Stuttgart muh nicht gerade an diesem wichtigen Tage sein. Alfred muß in den nächsten Tagen sowieso hirr. Cs ist ein Brief von Dr. Kleesand und Dr. Weppen gekommen. Ein gräßlich dicker Brief. Barbara hat ihn doch gesehen. Sie haben ihm einen ziemlich hoffnungslosen Fall übertragen, der nach Stuttgart hinüberspielt. Wenn Barbara weiterfragte, würde er ihr den Fall erzählen. Er wüßte gern ihr — rein menschliche s — Urteil. Aber sie ist von ihrem Vater gewöhnt, daß über Berufliches nicht gesprochen werden darf.
„Heute also, bitte, nicht Stuttgart", sagt Barbara, „sondern wieder, wie sonst, irgendwohin. Spann nur das Auto an!"
Sie zieht ihren roten Regenmantel an, mit der glasdurchsichtigen Kapuze. Die Schnürschuhe, den Allwetterrock.
„Schön, daß es regnet", sagt Alfred, als er herunterkommt. „Siehst wirklich niedlich aus!"
„Siehst auch niedlich aus!" sagt Barbara gekränkt. Niedlich ... das Ist eine Phrase aus der Fehrschen Kiste ... paßt aus Schlagsahnemädchen. „Siehst sehr niedlich aus mit deinem Läppchen und deinem Regenkäppchen. Famos, Junge!"
„Los! Los!" antwortet Alfred. „Der Motor scharrt schon vor Ungeduld mit den Hufen."
Frau Görnewitz kommt noch aus dem Haus geschossen in einem reizenden, rot tarierten Küchenkleid. Sie sieht jünger aus als jemals. Regen — so teilt sie mit — bekommt ihrer Haut so gut. Ob die Herrschaften zu Mittag wieder da sind? Nein, die Herrschaften sind nicht da. Die anderen Herrschasten, die eben an den Fenstern erscheinen — Bankrat Meidom, die beiden Kichermädchen, der blumenpflückende Oberlehrer und zwei nette neue Gesichter, Hauptmann Gericke und Frau — die anderen Herrschaften müssen schon allein zu Mittag essen.
„Schade!" ruft das eine Kichermädchen. „Schade!" echot Meidam. „Schade, schade!" lachen die anderen. „Schade!" lacht auch Meimberg.
Winken hin, Winken her. Barbara sieht sich Frau Gericke prüfend an, die Frau des Hauptmanns, eine Blondine, das Haar straff zurück- gestrichen. Gefällt ihr. Sie lächelt ihr vorfichUg zu. Guten Tag! lächelt sie. Auch eben verheiratet? Auch ein bißchen erstaunt und ausgerührt und schwindlig? Und Frau Gericke lächelt zurück. Wird rot. Jawohl! lächelt sie. Man staunt, was für ein fremdes Wesen so ein Mann ist. Auf Wieder- sehenl
„Reizend!" sagt Barbara, als das Auto über den Fluß hinüber i} und das Waldtal hinausklettert. „Reizend, diese Frau Gericke!"
Reizend? Alfred ist ganz erstaunt. Er hat die Frau überhaupt nicht I bemerkt. Er hat nur den Hauptmann gesehen, den langbeinigen, schmal- ! hüftigen Gericke, der ein Meisterreiter sein fall, ein ausgezeichneter Boxers und Tennisspieler. Außerdem liest er die „Wahlverwandtschaften". Bas > hat Frau Görnewitz erzählt. Merkwürdig, nicht?
Ja, vielleicht merkwürdig, obwohl nicht einzusehen ist, warum eia ■ Meisterreiter nicht die „Wahlverwandtschaften" lesen soll. Im übriger! interessiert sie sich im Augenblick nicht für andere Männer.
Sie flitzen durch die kleine Stadt, über den Marktplatz mit den spitz, 1 giebeligen Häusern, ein Stück geht es durch die Ebene, die eintönig im* Regen steht. Kornfelder, Weinberge, Bauernhäuser, mit Rosen davor, mit t Malven, Levkojen und Riesenmohn. Hllgelauf wieder ein Stück, ein paar- Dörfer, eine Stadt: Blaubeuren.
Blaubeuren? Soll Barbara endlich in Blaubeuren von Rauthammer sprechen? Alfred ist gerade so lustig. Er spielt den Fremdenführer. Bitte, hier ist eine echte Blaubeurener Rasenbleiche zu sehen, mit unzähligen Leintüchern. Dann kommt eine Villenstraße, 1890 erbaut, wie die Villen, strotzen der meisten kleinen Städte, Häuser mit Erkerchen, mit Türmchen, s mit Spitzchen, mit Giebelchen, mit eisernen Landsknechten in Pluderhosen,» deren Lanze nach dem Wetter sticht. Wie kommt die Zementkugel aufs, Dach? Bitte, ernstlich: Hat man ein Recht, die Generation in den Orkus zu schicken, die das baute, die dafür schuftete, die darauf stolz war? Jawohl ... das mag [ein. Aber Barbara möchte jetzt das andere besprechen
„Was für eine wundervolle Regenlust doch ist!" weicht Alfred jetzt! deutlich aus. „Kräftig und farbiger als in Norddeutschland. Nicht wahr?"! Sie gehn einen Fußpfad. Sie gehn ein klein wenig gegeneinandergelehnt, f aber das wissen sie nicht. Mit einemmal liegt mitten im Ort ein StückI Waschblau. Kein Zweifel. Es sieht, mit einem Geländer versehen, in einem etwas schütteren Stadtwald gelegen, vierzig Meter breit, wie eine Waschmittelreklame aus. Ist aber ein natürliches Wasserbecken, der Blautopf genannt, wie man an einer Holztafel lesen kann, der Quell der Blau.
„Es ist demnach was Berühmtes", seufzt Barbara, „und wir haben es, sogar gesehn. Schnell weiter!"
Sie kommen, weil alle Wegweiser hinfllhren, zum Kloster. Sie geben einen hohen, Hellen Kreuzgang. Dann stehen sie vor Syrlins Chorgestühl, stehen sie vor seinem Schnitzaltar.
„Merkwürdig, die Apostel!" sagt Alfred. „Wenn man ihnen die Haare und die Bärte fchneidet, sind es Menschen von heute. Da ... bitte, der Petrus ... ist das Fehr? Natürlich! Und das ist Weppen ... der Judas. Wie?"
Barbara sieht die Figuren Gesicht für Gesicht durch. Sie sind unheimlich lebendig, dabei etwas starr, sehr übertrieben. „Und dies, bitte?' lacht Alfred. „Bart wegdenken! Dein Onkel mit dem hohen Kragen ... der Sinologe. Wie hieß er?"
„Und dies", sagt Barbara laut, man muß endlich damit zustande kommen, keine Entschuldigung mehr, bitte, „dieser hagere Johannes da ... aber du mußt dir die Perücke wegdenken, er hat jetzt nämlich keine Hoare mehr ... dieser Johannes sieht aus wie der Mann, den ich mal geliebt habe."
„So", sagt Alfred, „die Haare weg! Na also ... Johannes."
„Nein", sagt Barbara, „er heißt nicht Johannes. Er heißt Karl Rauthammer."
Alfred geht weiter. Er findet den Altar schön in Einzelheiten, überladen im Ganzen. Sie kommen durch den Klostergarten, sie begegnen zwei Theologiestudenten mit derben Schädeln und dunklen Haaren, angenehmen groben Bauernjungen. Sie kommen zurück zum Auto, sie fahren langsam die Stadt ab, indem sie sich ein bißchen zu den Fenstern des Autos hinausbeugen. Es gibt nichts Besonderes zu sehen. Sie fahren langsam ins Flußtal hinein. Barbara ist es jetzt viel leichter zumut. Sie hot angefangen zu sprechen. Nun kann Alfred ja weiterfrogen. Aber er spricht, als fei nichts geschehen, vom Motor, der nie wieder versagt hat, feit Krause II ihn behandelte. Sie sprechen über den Weg, den sie fahren wollen. Nach Ulm. Sie muß noch mal auf den Münsterturm steigen. Hat sie denn Alfred nicht die merkwürdige Sache von ihrer Mutter erzählt, die nicht von Türmen hinuntersehen konnte? Und auf des Vaters Wunsch doch hinoufgeklettert war? Und von dem seltsamen Ausdruck, mit dem sie vom Turm in die Tiefe starrte? ... Entsetzen, Abgrundsehnsucht.
„Davon hast du mir nichts erzählt", sagt Alfred. „Du hast mir überhaupt nur sehr wenig erzählt. Den Nomen Rauthammer habe ich heute zum erstenmal gehört."
„Hallo, halt!" sagt Barbara. „Anhalten! Wenn du bei deinem Autolenken immer auf die Straße starrst, kann ich nicht mit dir sprechen."
Sie stehen auf einer Anhöhe nicht weit von Ulm. Der Regen ist jetzt so heftig wie in der Nacht. Er trommelt auf das Verdeck des Wagens. „Ich habe schon ein paarmal davon gesprochen, daß ich jemanden geliebt habe", beginnt Barbara.
„Weiter!" sagt Alfred. „Sprich weiter!"
„Nein, nein“, sagt Barbara, „jo hat es keinen Zweck. Du siehst mief) an wie ein inquisitorischer Heldenvater. So kommen wir nicht weiter.
„Es ist überhaupt ein riesiger Unsinn!" versucht Alfred. „Wir machen eine Wichtigkeit daraus. Es muß doch nicht jetzt erledigt werden?"
„Jetzt nicht", lächelt Barbara, „aber heute noch. Morgen kann es schon zu spät sein."
Sie fahren. Sie kommen in einer Regenpause in Ulm an. Gehn durch althäufige Straßen, sitzen in einer Konditorei, gleich gegenüber dem Münster. Die Ulmer kommen herein, schütteln den Regen von den Schirmen, essen Kuchen, klatschen, wie andere Städter auch, die nicht einen so schönen Dom zum Unschönen und Beten haben.
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