Ausgabe 
21.6.1935
 
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jn Gaste kamen, und behielt einen fremden und abwesenden GeflchK- ausdruck bei.

Sein Vater, der vor Zeiten studiert hatte und in allen Schriftkünsten erfahren war, verfaßte eine umfangreiche Klageschrift und sandte sie, mit seinem Siegel und des Sohnes Unterfertigung versehen, durch die Ritter­schaft an den herzoglichen Hof.

Eine Weile nach der Rückkehr des Herrn von Ringen fuhr eines Nachts der kleine Jndrik, der die Stallwache hatte, aus feinem Halb­schlummer auf und gewahrte eine Gestalt im Stall. Er sprang hinzu, und als er den jungen Herrn erkannte, fragte er nach seinen Befehlen. Der aber winkte ihm schweigend ab, zog selbst zwei Pferde aus dem Stall, und während der Junge schon wieder schlief, spännte er den großen geschlossenen Wagen an, mit dem er zurückgekommen war, und fuhr langsam in die Nacht hinaus. Und wie sehr man ihn auch am nächsten Tage und in der Folgezeit suchte, so hat ihn niemand je wieder zu Gesicht bekommen.

Die Klageschrift aber war indessen an den herzoglichen Hof gelangt, lagerte hier eine Zeitlang in allerhand Kanzleien und wanderte dann zur russischen Regierung weiter, wo sie zunächst das gleiche Schicksal hatte.

Dann gelangte sie auf dem Umwege über den herzoglichen Hof und die kurländische Ritterschaft wieder an ihren Verfasser zurück, und es war ein Begleitschreiben dabei, welches besagte, man werde mit aller­äußerster Strenge verfahren, wenn der Urheber imstande sei, die Schul­digen an der Entführung seines Sohnes anzugeben.

Als aber dieser Bescheid in Aldenshof eintraf, da war der Herr von Ringen schon lange verschollen.

Königreich Münster.

Von Dr. I. Rudolf.

Unter den Hunderten von Staaten, die sich im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit im deutschen Raume bildeten, war das König­reich Münster sicher eines der seltsamsten. Heute muh man schon aufmerksam durch die Gassen der alten Bischofsstadt wandern, um die Spuren der 16 Monate währenden Herrschaft der Wiedertäufer zu finden. Vor vierhundert Jahren aber waren die Blicke derTauf­gesinnten" in Holland, wie der Schweiz, in Böhmen wie in Straßburg nach Münster gerichtet, schienen sich doch hier die Prophezeiungen des großen Taufpredigers Melchior Hoffmann zu erfüllen.

Wie neben Luther in Sachsen und ThüringenSchwarmgeister" aufgetreten waren, ein Thomas Münzer, ein Karlstadt oder die sog.Zwickauer Propheten, so gingen über Zwinglis Lehre auch in Zürich bald Ultrareformatoren hinaus, die sich nur noch an die Bibel hielten und aus ihr nicht nur religiöse Lehren zogen, sondern auch die ganze soziale Ordnung des öffentlichen Lebens nach dem Vorbild des Urchristentums einrichten wollten. Aus der Bibel bewiesen sie, daß Zins und Zehnten, namentlich aber die Pfründe der Geistlichen keine Berech­tigung hätten, daß die Christen in Gütergemeinschaft leben sollten, keine weltliche Obrigkeit brauchten, keine Waffen tragen dürften. Als äußeres Kennzeichen, aber auch als Ausdruck ihrer Lehre von der Rechtfertigung des Sünders führten sie die Erwachsenentaufe ein: Nur derjenige, der im vollen Gebrauch der Vernunft sich zu ihrer Gemeinschaft bekannte, sollte die Taufe empfangen, durch die sie entsühnt werden und nicht mehr sündigen. So dachten sie ihre Gemeinden als Genossenschaften von wirklichHeiligen".

Dieser Gedanke der Erneuerung des Urchristentums wurde besonders von den breiten Massen verstanden, fand daher schnelle Verbreitung. Da aber die Lehren der Züricher Täufer zweifellos sozial und wirtschaft­lich revolutionär wirkten und die Fürsten, die Geistlichkeit und der Adel schon durch die kaum unterdrückten Wirren des Bauernkrieges nervös waren, verfolgte man überall die Taufgesinnten schärf. So flohen sie durch Oberdeutschland und die Schweiz, flohen nach Oesterreich, nach Friesland und die Niederlande, trugen aber überallhin ihre Lehre von der Neutaufe der Heiligen und der baldigen Wiederkunft des Herrn auf den Wolken des Himmels.

Unter zum Teil gräßlichen Martern mußten viele der Täufer ihr Leben lassen. Bis 1530 sollen schon an zweitausend Märtyrer des Täufer- tnms geworden sein. Und als die ersten gefallen waren, kam der Rache­gedanke unter ihren Anhängern auf. Nur wenige duldeten die Leiden so still und freudig, wie jener Melchior Hoffmann, der mit seinen Offenbarungen feine Jünger berauschte, aber bei der Verfolgung ihnen gebot, nicht mehr zu taufen, sondern nur still weiter zu lehren; denn 1533 werde das neue Jerufalem erstehen und die einst lebendig zum Himmel gefahrenen Propheten Henoch und Elias wiederkehren.

In Münster hatte die Reformation lutherischer Prägung im politischen Streit zwischen den mächtigen Gilden, dem patrizischen Rat und dem schwächlichen Bischof, dem Herrn der Stadt, leicht Fuß fassen können. Ein beredter Prediger Bernhard Roth mann schwenkte zur neuen Lehre Über und fand Hilfe gegen den Bischof bei den Gilden, namentlich bei dem ränkesüchtigen und einflußreichen Tuchhändler Bernt K n i fi­xe r d o l l i n g , da die Gilden mit Bischof und Rat wegen der handwerk­lichen und wirtschaftlichen Konkurrenz derFratherherren" und des Augustinerinnenklosters im Streit lagen. Kaiser und Reichstage wurden mit dem mllnsterschen Fall bemüht, ein Bischof verkaufte sein Bistum, ein anderer starb. Der dritte endlich erkannte Münster als lutherische Stadt im Februar 1533 an. Aber die Lutheraner hatten selbst das Heft schon nicht mehr in der Hand. Aus Cleve waren läuferische Gedanken emgeschlevpt worden, R o t h m a n n und andere Prediger an den nun firotestantischen Pfarrkirchen neigten dem Täufertum zu, und aus Hol- lond und Friesland flohen die verfolgten Taufgesinnten auf die Nach­

richt von seinen Predigten nach Münster. Auch derProphet" Ja, Matthison aus Haarlem kam hierher.

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Münster wurde nun zurheiligen Stadt". Alles Gold und Silber, alle Schmucksachen mußtenDiakonen" übergeben werden, die es ar die Armen verteilen sollten. Auf Befehl des Propheten wurden sämtlich! Bücher außer der Bibel auf dem Domplatz verbrannt. Als dann bei Bischof mit Heeresrnacht gegen Münster heranzog, fühlte sich Ja, Matthison als neuer Simfon und zog gegen ihn aus, fiel aber in Kampf. Nun warf sich I a n v o n L e y d en als neuer Prophet auf uni behauptete, Gott habe ihm schon acht Tage zuvor geoffenbart, er werde Jan Matthison ob feines Hochmuts in die Hand feiner Feinde geben Er wußte die Bürger zu religiösem Fanatismus zu entflammen, daß sie nicht nur alle Nöte einer langen Belagerung ertrugen, sondern auch in begeistertem Widerstand alle Angriffe heldenmütig abschlugen. Ja, es gelang ihm, noch Sendboten in die umliegenden Städte zu schicken, um dort die läuferischen Lehren zu verbreiten und so einen Entsatz der Stadt zu bringen.

Dann führte Jan von Leyden oder Jan B o ck e 1 s o n eine neue, nicht von Menschen erdachte" Staatsverfassung ein, teilte die Stadt ie zwölf Quartiere nach den zwölf Stämmen Israels und setzte an ihn, Spitze zwölf Aelteste, ihm treu ergebene Männer. Rothmann ftellw sie dem Volk in seierlichem Auszug vor, belehnte sie durch Ueberreidjm eines Schwertes mit der Gewalt, und der Prophet stimmte das Siet anAllein Gott in der Höh' fei Ehr'!" Knipperdolling erfjiell das nur allzu wichtige Amt eines Scharfrichters. Kern der Staatsordnung war die Gütergemeinschaft, der die einzelnen Gewerke zu dienen fjattem So mußten die Schuhmacher unter Führung von Herrmann Tomate die Schuhefür das neue Israel" machen uff. Aber auch ein, aus bei Bibel keineswegs belegbarer Brauch wurde eingeführt: die Vielweiberei Der betreffende Erlaß soll daraus entstanden fein, daß ein sehr religiösen Jünger den mit der Frau des gefallenen Jan Matthison verheirateten Propheten beim Ehebruch ertappte. Darauf wurde die Vielweiberei dein Volk durch entsprechende Predigten drei Tage lang mundgerecht gemacht und bann der so vorbereitete Brauch verkündet. Jede Frau zwang man zu heiraten. Der Prophet selbst hatte bald fünfzehn Frauen.

Endlich nahm man aus dem alten Testament den Gedanken eines priesterlichen Königtums. Im Anschluß an die Weissagungen von bem gerechten König David verkündete ein neuer Prophet, der Goldschmied D u s e n t s ch u r, ihm fei vom himmlischen Vater geoffenbart, Jan doih Leyden werde König über den ganzen Erdkreis werden.Er wird bem Thron und das Szepter feines Vaters David einnehmen, bis Gott bas Reich wiederum von ihm zurücknehmen wird." Knipperdolling unö andere Angesehene waren eingeweihi, der neue Prophet salbte 3am von Leyden auf dem Marktplatz zum König und überreichte ihm bas Schwert der Gewalt. Der Gesalbte kniete nieder, bat Gott um Schutz und Erleuchtung, ermahnte das noch recht erstaunte Volk zum Gehe!" sam und stimmte das Lied anAllein Gott in der Höh' sei Ehr'!"

Ungebändigt lieh Jan nun seiner Herrschsucht und Prunksucht bis Zügel schießen. Eine Kaiser- und eine Königskrone mußten ihm die mün« sterschen Goldschmiede schaffen, einen Reichsapfel und ein schweres gol­denes Szepter trug er stets in der Oeffentlichkeit, und fein Schwert Hintz in goldener Scheide. Er tat dies, wie berichtet wird, nicht allein aus Eitelkeit, sondern aus geschickter Berechnung auf die Psychologie ben Menge, die sich durch solche äußerliche Pracht blenden und begeistern ließ.

Der Bürger dagegen durste nach den Verordnungen nur zwei Röck« zwei Beinkleider, zwei Mützen und vier Hemden, alles von einfachstem Schnitt, besitzen und mußte alles übrige den Armen geben. Solchen Kontrast wurde in diesem Oottesftaat nicht als unerträglich empfunden... Dreimal in der Woche sah man den von Gott gesandten König in seinem Prunk auf dem Marktplatz Gericht halten; wie er in feinem Palast! schlemmte, sah man nicht. Hatte die Einführung der Vielweiberei noch einen kleinen Aufstandsversuch hervorgerufen, der aber blutig unterbrütf! wurde, fo kämpften doch Männer, Weiber und Kinder unentmutigt unh« treu für dasNeue Sion". Selbst die verlockendsten Slmneftieangcbofts des Bischofs konnten sie nicht bewegen, die Stadt auszuliefern. Ja eines in das neue Jerusalem gezogene Friesländerin Hille F e i k e n fühlte sich sogar von Gott berufen, gleich Judith die Stadt zu befreien; sie M in das feindliche Lager, um angeblich dem Bischof die Stadt zu ver­raten; tatsächlich wollte sie ihn ermorden. Ein Bürger aber verriet fit-

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Erst der guälende Hunger brach allmählich den Widerstand der Uw­glücklichen, so daß sie scharenweise zum Lager der Bischöflichen flohen Die Stadt selbst aber hielt unter dem Terror des Königs und dem Fana­tismus der Täufer noch immer stand, bis endlich ein Bürger und ein Landsknecht einem Feldhauptmann des Bischofs am 25. Juni 1535 beim Weg in die Stadt zeigten. Beinahe wäre es auch jetzt noch gelungen, ben 400 Mann starken Sturmkolonne deki Rückweg zu verlegen; das Tor», durch das sie eingezogen waren, hatten die Täufer schon 'wieder beseht-. Aber endlich war von densionitischen Streitern" nur mehr ein Häuft lein von 200 Mann übrig, das schließlich die Waffen streckte.KänU Jan" wurde gefangen, ebenso Knipperdolling und andere Führer ben Wiedertäufer. Jan von Leyden, Knipperdolling uniio Krechting wurden öffentlich hingerichtet und in drei Käfigen am Turm der Lambertikirche aufgehängt zum Wahrzeichen gegen aus Wiedertäufer in Deutschland, deren Traum von einem Reich Gottes auffl Erden durch die Münstersche Katastrophe ein schreckliches Ende fanö- Nur Bernhard Rothmann konnte man nicht hinrichten; man hat^W nie wiedergesehen. Wahrscheinlich suchte und fand er unerkannt den -low im Kampfe.

Heran twortlich: Or. HansThyriot. Druck undVerlag:Vrühl'jcheUnioerfitäts»Vuch» undSte in druckerei, 2t. Lange, Gießen-