Oie traurige Krönung.
Von Eduard Mörike.
Es war ein König Milefint, Don dem will ich euch sagen: Der meuchelte sein Bruderskind, Wollte selbst die Krone tragen. Die Krönung ward mit Prangen Auf Liffey-Schloß begangen. O Irland! Irland! Wärest du so blind.
Der König sitzt um Mitternacht Im leeren Marmorsaale, Sieht irr in all die neue Pracht, Wie trunken von dem Mahle;
Er spricht zu seinem Sohne: „Noch einmal bring die Krone! Doch schau, wer hat die Pforten aufgemach
Da kommt ein seltsam Totenspiel, Ein Zug mit leisen Tritten, Vermummte Gäste groß und viel, Eine Krone schwankt inmitten; Cs drängt sich durch die Pforte Mit Flüstern ohne Worte;
Dem Könige, dem wird so geisterschwü
Und aus der schwarzen Menge blickt Ein Kind mit frischer Wunde, Es lächelt sterbensweh und nickt. Es macht im Saal die Runde, Es trippelt zu dem Throne, Cs reichet eine Krone Dem Könige, des Herze tief erschrickt.
Darauf der Zug von bannen strich. Von Morgenluft berauschet, Die Kerzen flackern wunderlich. Der Mond am Fenster lauschet;
Der Sohn mit Angst und Schweigen Zum Vater tät sich neigen, — Er neiget über eine Leiche sich.
£Xe Fahrt des Herrn von Ringen.
Erzählung von Werner Bergengruen.
Nicht die Liebe eines Volkes oder auf Abstammung gegründetes Erbrecht hatte Ernst Johann Biron zum Herzog von Kurland gemacht, sondern höfische Intrigen, geheime Wühlarbeit und die Drohungen der hinter ihm stehenden russischen Kanonen und Bajonette. Er residierte denn auch nicht wie seine Vorgänger aus dem Hause Kettler in Mitau, sondern blieb am Petersburger Hofe und beutete von dort das unglückliche Kurland in gewinnsüchtiger Härte aus. Mit einem Netz von Spähern überzog er das ganze Land, und wer in den Verdacht herzogfeindlicher Gesinnung oder gar herzogfeindlicher Aeußerungen geriet — wozu die grundloseste Anzeige hinreichte —, der wurde bei Nacht verhaftet und ohne Verhör und Urteil nach Sibirien oder in entlegene Gouvernements des russischen Reiches verschleppt.
So darf denn auch ein Zusammenhang zwischen dieser Gepflogenheit der herzoglichen Regierung und dem merkwürdigen Schicksal des Herrn von Ringen auf Aldenshof angenommen werden.
Der junge, noch unvermählte Heinrich von Ringen lebte mit feiner lebigen Schwester im Haufe feiner Eltern unb bewirtschaftete an Stelle des kränklichen Vaters bas kleine, nahe ber livlänbischen Grenze gelegene Gut. Bei bem mäßigen Vermögen ber Familie hatte er keinen leichten Stand, und so war es kein Wunder, daß feine landwirtschaftliche Tätigkeit ihn völlig in Anspruch nahm unb er meber Zeit noch Neigung hatte, lief) um Staats- ober anbere Gedankendinge zu kümmern. Er lebte ein gleichmäßiges Leben ber Arbeit, von welcher er nur im Umgang mit ben □einigen, in ber Jagd ober gelegentlichem Verkehr mit ben Nachbarn krholung suchte.
Am Abenb eines heißen Sommertages geschah es, baß ber junge Herr von Ringen nach Einbruch ber Dunkelheit in ber vom ^rrenhauje iur Lanbstraße führenben Pappelallee lustwanbelte, um bie Abendkuhle ju genießen. Da sah er vier Männer auf sich zukommen, bie ihm unbekannt schienen. Er blieb stehen unb fragte sie in deutscher unb, als leine Antwort erfolgte, in lettischer Sprache nach ihrem Begehr. Die Männer traten schweigenb auf ihn zu, bem Herrn von Ringen würbe ■5 unheimlich, unb er griff nach seinem Jagdmesser. Ehe er es aber Heben konnte, fühlte er sich gepackt unb zu Boben geworfen. Kräftige Dänbe schloffen sich um feinen Hals unb verhinberten ihn am Steten; fT würbe gefesselt unb geknebelt und bann zur Lanbstraße gebracht, wo -in geräumiger, geschlossener zweispänniger Wagen stand, neben dem -inige Reiter und Handpferde hielten. Die Männer, die den Herrn von Ringen überfallen hatten, wechselten mit den Leitern einige Worte in einer Sprache, die er nicht verstand und die ihm Russisch zu sein schien. 2ann wurde die Wagentür geöffnet und der Gefangene yinem- !-schoben. Die Tür schloß sich wieder, und der Wagen setzte sich samt einer Eskorte in Bewegung.
All dies war so schnell vor sich gegangen, daß der Herr von gingen -unächst nicht recht zum Bewußtsein dessen kam, was mit ihm Seschnh. trft jetzt, da er in der Finsternis des Wagens auf dem übrigens reichlich i-fchütteten Stroh lag, begann er sich zu sammeln und seine Lage zu 1 berdenken.
Er konnte nichts anderes glauben, als daß eine Verwechslung geschehen ober baß er Räubern in die Hände gefallen fei. Darüber ver» wirrten sich seine Gedanken, und da er seit dem frühen Morgen tätig gewesen war, schlief er ein, von der gleichmäßigen Bewegung des Wagens gewiegt.
Als er erwachte, hielt das Fuhrwerk. Die Tür wurde geöffnet, er wurde hinausgezogen und von Fesseln und Knebeln befreit Gleichzeitig aber zeigte ihm einer der Männer feine Pistole und gab ihm durch allerhand Zeichen zu verstehen, welches Schicksal ihm im Falle eines Fluchtversuches erwartete. Der Herr von Ringen sah sich um und erkannte im hellen Mondschein eine kleine, wohl zwei Meilen östlich von Aldens- 1)0f gelegene, ihm von der Jagd her vertraute Waldwiese, auf der er weidende Pferde erblickte. Rund um sich gewahrte er etwa acht bewaffnete Männer, deren einige die Uniform russischer Husaren zu tragen schienen. Sie lagerten sich im Kreise, hießen ihn durch Zeichen ihrem Beispiel folgen und begannen eine Abendmahlzeit einzunehmen, nicht ohne ihrem Gefangenen von ihren aus kaltem Fleisch, Brot und Branntwein bestehenden Vorräten reichlich mitzuteilen. Sei es aber, daß keiner von den Männern ber deutschen ober ber lettischen Sprache mächtig war, sei es, baß ein höherer Befehl ihnen ben Munb verschloß: sie hatten auf alles Anreden und Fragen des Herrn von Ringen keine Antwort, und so gelang es ihm nicht, zu erfahren, wer feine Entführer waren und was für Pläne sie mit ihm hatten.
Das wurde auch an den folgenden Tagen nicht anders, an denen die Reife genau in der bisherigen Form fortgesetzt wurde, nur mit dem Unterschiede, daß der Gefangene von Fesseln und Knebeln freiblieb. Dafür waren aber die Fenster des Wagens dicht verhängt, und die Tür blieb verschlossen.
Die Ungeduld, Spannung und Neugier des Herrn van Ringen wuchsen mit jedem Tage, und fast stündlich erwartete er das Eintreten eines Ereignisses, das feine Sage klären oder wenigstens das Abenteuer in einen neuen Abschnitt bringen müsse. Indessen verging Tag um Tag, unb nichts geschah: es würbe gefahren, gerastet unb roieber gefahren. Aus ben Tagen würben Wochen unb keine Aenderung trat ein. Die Tage begannen kürzer, bie Nächte kühler zu werben, unb man gab bem Herrn von Ringen einen Schafspelz unb einige Pferbebecken. Gerastet würbe nicht mehr unter freiem Himmel, fonbern auf Gütern ober in einsamen Bauernhöfen. Aber jeben Annäherungsversuch bes Herrn von Ringen an bereu Bewohner verhinberten seine Wächter.
Unb ganz allmählich begann sich bie Ungebulb bes Herrn von Ringen zu legen. Längst hatte er gemerkt, baß ihm für Leib unb Leben keine unmittelbare Gefahr brohte, unb wie benn ber Mensch sich an fast alles zu gewöhnen vermag, so gewöhnte sich ber Gefangene auch an biefes Leben im Wagen.
Die Männer, bie ihn begleiteten, würben mehrmals burch anbere abgelöst, bie aber an Schweigsamkeit unb Wachsamkeit ihren Vorgängern nichts nachgaben; aus bem geschlossenen Wagen war ein ebensolcher Schlitten geworben; man fuhr über enbtofe Schneefelber und rastete häufiger als im Sommer.
Hatte der Herr von Ringen anfangs noch aus dem Stande der Sonne unb ber Sternbilder Schlüsse auf die Fahrtrichtung ziehen können, fo gab er es allmählich auf, nachdem, er beobachtet hatte, baß es wohl zuerst nach Osten gegangen war, bann aber alle Himmelrichtungen ein» anber abwechselten.
Der Schnee schmolz, bie Wasser schäumten, bie Frühlingsstürme stoben über bie weite Ebene, unb bie Zeit ber schlimmsten Unwegsamkeit würbe in einem einsamen Kruge abgewartet. Dann würbe ber Schlitten roieber mit einem Wagen vertauscht, unb bie endlose Fahrt hob abermals an. Die Zugvogel kehrten zurück, die Sonne schien, es wurde Sommer, es wurde Herbst, Winter, Frühling und wieder Sommer. Der Herr von Ringen aber hatte längst alle Hoffnung verloren, daß die Fahrt jemals ihr Ziel erreichen unb er seine Freiheit roiebererlangen konnte. Zwei Jahre fuhr er im geschloffenen Gefährt, zwei Jahre rastete er an fremben Feuern, zwei Jahre sprach niemand ein Wort mit ihm unb er mit niemanbem. Da hatte sich benn sein einfacher Geist in ben Gang bes Geschehens gefügt, er hatte sich bumpf ergeben unb meinte, es fei Gottes Wille unb fein Schicksal, baß er also reifen müsse.
Da geschah es eines Nachts, baß er erwachte, währenb ber Wagen hielt. Aber alles blieb totenstill, unb niemanb kam wie sonst, um bie verschlossene Tür zu offnen und ihn hinauszulassen. Der Herr von Ringen wartete geduldig Stunde um Stunde, aber nichts drang an sein Ohr. Da faßte er den Griff der Wagentür, sie war unverfchloffen und gab nach. Der Herr von Ringen stieg aus und sah in der Morgenfonne den Park und das Herrenhaus von Aldenshof vor sich liegen. Er schüttelte sich, als wollte er seinen Traum verscheuchen, ft fuhr sich mit der Hand über die Augen, aber das Bild blieb. Er schaute sich um, der Wagen stand allein, und es waren weder Pferde noch Begleiter zu sehen.
Da ging es wie ein Erwachen über ihn, langsam ging er durch den Park, in welchem er so oft als Knabe gespielt hatte, auf fein Vaterhaus zu. Er trat ins Eßzimmer ein, wo feine Eltern und feine Schwester bei ihrer Morgenmahlzeit saßen, und blieb schweigend an der Tür stehen. Sie sahen erst überrascht auf, sie erkannten ihn nicht in feiner schlechten, groben Kleidung, seinem langen, wirren, ungepflegten Haupt- und Barthaar, dann schrie (eine Mutter: „Heinrich!", stürzte auf ihn zu, und schloß ihn unter Tränen in ihre Arme. Alle drei küßten und umarmten ihn, meinten, lachten und fragten durcheinander; er aber blieb scheu und abwesend, fast wie einer, der von Fremden fälschlicherweise für einen der Ihrigen gehalten und mit ihrem Vertrauen beschenkt wird, ohne den Zusammenhang zu verstehen und das Mißverständnis so schnell aufklären zu können.
Allmählich jedoch sand er sich in den Kreis der ©einigen, und wenn er auch nicht viel sprach, so ließ er doch ein wenig Freude erkennen. Sie pflegten und stärkten ihn, fo gut sie konnten, und nach einigen Wochen ging er wieder feinen früheren Beschäftigungen nach, als fei nicht viel vorgefallen. Nur blieb er wortkarg unb ernst, zeigte sich selten unb ungern ben Nachbarn, die auf die Kunde von seiner Rückkehr in Scharen


