„Vielleicht ist sie bamff zu Ende. Ich weiß das nicht. Ich weiß nur, daß es so nicht mehr weitergeht. Ich wurde (ehr unglücklich werden, Otto."
„Dann muß. ich also heute schon sprechen. Ich wollte warten, bis Ludwig wieder da ist."
„Ja, auch das habe ich geahnt. Das ist es ja, warum ich selbst davon anfange. Sie fühlen so ... wie kann ich es nennen? ... Der Ausdruck paßt so wenig in unsere Zeit und ist doch der einzig richtige... Sie fühlen so ritterlich Ludwig gegenüber und haben dieses Gefühl auch bewiesen. Darum fällt es mir nicht so schwer, weiterzusprechen. Nur müssen wir so davon sprechen, wie wenn Ludwig hier säße, jetzt hier neben uns säße und alles hörte." Hartl senkte den Kopf und brachte kein Wort heraus. Auch sie schwieg eine Weile, ehe sie mit leiser, erregter Stimme sortfuhr: „Sie lieben mich, Otto, und stehen vor der schwersten Entscheidung. Ich weiß es längst. Es hat mich nie im geringsten erschreckt. Sie brauchen sich keinen Vorwurf zu machen, denn Sie haben sich alle Mühe gegeben, es zu verbergen. — Ach, das geht doch nicht einer Frau gegenüber, mit der man so nahe und so lange zusammenlebt. Das ist wohl echt männlich, zu glauben, daß das auch nur für kurze Zeit verborgen bleiben könnte. — Wenn jemand sich einen Vorwurf machen kann, so bin ich es. Ich habe Sie veranlaßt, zurückzukommen, als Sie nach Hause, nach Dresden flüchten wollten. Ich konnte nicht daraus verzichten, Sie um mich zu haben und mich in Ihrem Schutz und in Ihrer stillen, zärtlichen Fürsorge geborgen zu fühlen. Ich wußte eben noch nicht, was für eine Gefahr darin
„Eine Gefahr ... für Sie?"
Sie nickte fast schwermütig. „Ja, eine große, eine tödliche Gefahr: die des leichtsinnigen Verrats. Sie find ein Mann, Otto. Wahrscheinlich verstehen Sie das so wie ich. Denn sie kämpfen und warten schweigend auf den Tag der Entscheidung. Die Gefahr des Verrats ist Ihnen nie so nahe gekommen, wie sie uns Frauen kommen kann. Dafür danke ich Ihnen, daß Sie selbst mich nie in diese Gefahr gebracht haben. — Also handelt es sich jetzt vor allem um mich. Allein kann ich jetzt nicht mehr mit mir fertig werden. Sie müssen mir weiter helfen, Otto, noch viel weiter helfen, als Sie es bisher getan haben."
„Kann ich das...? Darf ich das...?"
„Hier zwischen Ihnen und mir sitzt Ludwig. Er hört alles, was ich sage. Drei Jahre lang war ich glücklich mit ihm über alles Trübe und Dunkle hinweg. Ich bin heute noch viel glücklicher mit meiner kleinen Isa. Das weiß er, und das wissen Sie. Darum stand er im Mittelpunkt aller meiner Empfindungen und Gedanken. Jetzt aber, seit er fort ist und seit Sie da sind, Otto, habe ich gelernt, mich selbst, meine eigene Person wichtiger zu nehmen als je zuvor. Ich habe mich selbst kennengelernt und erfahren, daß ich um seinetwillen auf vieles verzichtet hatte, was mir ebenso wertvoll sein kann wie bisher mein -unbewußter Verzicht. Sie haben mich das gelehrt. Sie haben mir meine Freiheit wiedergegeben und damit die Frage an mich selbst, wie von jetzt ab meine Zukunft aus- jeben wird. — Ludwig ist so, wie er ist. Er kann und darf sich nicht andern. Ich war sehr glücklich mit ihm und kann es vielleicht wieder (ein. Auf der anderen Seite aber — und dort stehen Sie, Otto — ist eine Geborgenheit und eine Freiheit, von denen ich nicht weiß, ob ich sie nicht ebenso lieben kann, ob ich darin nicht ebenso glücklich fein kann wie in meinem bisherigen Leben." .
Ihre letzten Sätze waren fast unhörbar geworden. Doch Hartl hatte sie vollkommen verstanden, auch wenn fein Ohr sie nicht aufgefangen hatte. Er suchte verzweifelt nach einem Wort, das die unerträgliche Spannung rdnen tSLopf und sein Herz erfüllte. Mußte er jetzt nicht aus- pr'ngen sie an sich reißen und mit ihr flüchten in die Nacht hinaus, in we Welt hinaus und dieses Glück ihrer Gemeinschaft verteidigen mit allen .Mitteln und gegen alles, was noch herandrängen konnte?! — Das war Naud und enthielt nichts wie Rausch und ein schmachvolles Erwachen — S'e.r s°b Ludwig, sein ältester Freund, und sah zu, was in ihm vorging, fih.™ rr brauchte sich dieser Regung nicht zu schämen. Sie war da, um überwunden zu werden Dort saß Elisabeth und sah mit erwachten, rat- ,,„un. Augen m das Chaos des Daseins, wußte keinen Ausweg mehr und bat um (eine Hilfe, weil sie glaubte und darauf vertraute, daß er i„&Us e Q s.£e- Wie wenig nützte Ihm in Wirklichkeit all fein Wissen! einem Einzigen Äort.Gub“”9 unb Elisabeth, und suchte vergebens nach
Sie gnss nach seiner Hand und hielt sie fest. „Sie sehen so schwermütig aus, Otto Dürfen Sie nur letzt nicht mehr helfen? Oder kann es nur Ludwig? Oder die kleine, hilflose Isa?"
antwortete Hartl. „Niemand kann das. Ich kann nur oer= suchen, Ihnen mit dem, was ich weiß, beizustehen, selbst zur Klarheit und damit zur letzten Entscheidung zu form .en. Das war es, was ich in Dresden erkannte, als ich ganz mit mir allein war und an unsere Zukunst suchte. An Ihre, an Ludwigs und an meine eigene. — Es ist das Schwerste, Elisabeth, letzt, nachdem alles ausgesprochen ist."
.Manchmal habe ich die Empfindung, als ob diese Entscheidung nicht so schwer (ei — sogar auch, nachdem die kleine Isa da ist. Ich glaube, da Ludwig mich verstehen würde. Nie würde Ich ihn und Isa ganz ver-
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„Unö bann ist Plötzlich alles wieder so dunkel und unlösbar!"
“ war über die dunklen Wipfel der Bäume emporgestiegen und übergoß den Rasen vor ihnen, die barocke Fassade des Schlosses und den nahen Fluß mi einem magischen silbernen Licht. Von der Terrasse
lang eine le.se schwebende Musik. Der Zauber der Nacht war °asi sie beide erschauerten, rote unter einem alle Wirklichkeit aufhebenden körperlose«, verschmelzenden Kuß.
Ha"! erhob sich zuerst und versuchte, diesen Bann abzuschütteln.
ir Pulfien Pe,m' sagte er und ging um den Stuhl herum, der zwischen ihnen an der Schmalseite des Tisches stand und den für sie beide nod) immer die breite, stumme Gestalt. Ludwigs einnahm.
„Ja ... Wir müssen!" wiederholte Elisabeth und stand ebenfalls auf.- Mit dem Kellner, der die Rechnung brachte, nahm auch alle Wirklich, feit der Umgebung wieder feste Gestalt an. Die Musik verstummte, uni am Parkplatz hinten wartete Konstantin mit dem Wagen.
Sie stiegen ein. Konstantin brachte sie nach Nikolassee zurück. —
Beide fanden feinen Schlaf in dieser Nacht. Hartl lag regungslos ausgestreckt und hörte nichts mehr als die rauschende Symphonie [eines Glückes. Sie liebte ihn und würde ihm gehören bis ans Ende des Lebens Sie durften Ludwig frei in die Augen sehen. Sie hatten ihn nicht vcr raten. Das Leben gab ihm Elisabeth!
Aus ihr selbst war die Erkenntnis gereift, daß die Entscheidung bei ihr lag. Sie halte es ausgesprochen, daß sie ihn liebte, so, als ob (ü auch gleichzeitig zu Ludwig gesprochen hätte. Mit ihrem wachen weid, lichen Instinkt hatte sie den einzigen und natürlichen Weg gesunden, ohn« daß er sich schuldig gemacht hatte. Keiner trug eine Schuld. Er durste auch seinem Glück frei in die Augen sehen...
Elisabeth aber warf sich unruhig hin und her und weinte sehr Diel, weil sie noch nicht wußte, was sie unter diesen Tränen begrub.
29.
Billy hatte schon gefrühstückt, als Elisabeth am nächsten Morgen herunterkam. Neben ihrer Tasse lag die Post. Sie sah sie zerstreut durchs Nichts aus Hollywood, nur ein paar gleichgültige Geschäftsbriefe und ein Umfdjlag mit dem Firmenstempel des Agenten Herrschte. Sie öffnete ihn zuerst. Der Agent teilte ihr mit, daß heute nachmittag um drei Uhr eine Sonderoorführung des ersten Films aus der diesjährigen Produktion der Gloria-Eorporation stattfinde, und zwar in den Räumen ihrer hiesigen Vertretung Unter den Linden. In der tragenden Rolle Ludwig Thiele. Dabei lag eine gedruckte Einladungskarte.
Elisabeth hielt sie in der Hand und setzte sich langsam auf ihren Stuhl. Sie vergaß, nad) dem Frühstück zu kling-eln. Mit abwesenden Augen starrte sie auf das Blatt, auf dem mit gesperrten Lettern in der Mitte Ludwigs Name stand. Sie sah sich im verdunkelten Raum sitzen, in dem nur fern und schwach die präparierte Leinwand schimmerte. Und bamt würde Ludwig plötzlich da fein, sich bewegen, sprechen, ihr in die Augen sehen. Das Blatt in ihrer Hand fing an zu zittern. Er selbst war noch viele Tausende von Meilen entfernt, konnte ihr nicht helfen aus der geguülten Zerrissenheit, die in der Schlaflosigkeit der letzten Nacht ihren Gipfel erreicht hatte: aber nun war fein lebendiges Abbild da und wartet! auf sie: Heute nachmittag drei Uhr würde es aus dem Dunkel treten unb um sie fein mit dem stärksten und besten Hauch seines Wesens.
Warum kam das gerade heute, nachdem sie gestern abend hatte sprechen müssen und so gesprochen hatte, als wäre Ludwig selbst zugegen? War es das, was man einen Wink des Schicksals zu nennen pflegte, ohnr schärfer darüber nachzudenken? ... Ach, das war im Grunde gar nicht so ungewöhnlich, überraschend und geheimnisvoll! War Ludwig nicht immer um sie gewesen in diesen langen Monaten? In ihr als die kleine Iso, die jetzt mit allen Ansprüchen eines triebhaft aufwachsenden Lebens droben in ihrem Korbwagen lag unb ganz feine Augen hatte? War nicht wiober ein anberer Teil feines Ledens immer bageblieben in ber Orb- nungsarbeit, bie Hartl übernommen und bis zu einem übersichtlichen Resultat durchgeführt hatte? War nicht in feinen Briefen, so selten sie waren, wieder ein anderer Teil seines Wesens von drüben bis hierher gedrungen und hatte tief in ihr Herz gegriffen? Hatte jenes Bild in ber Zeitschrift nicht noch viel mehr über ihn ausgesagt? Immer war er ba. Das Erscheinen Hartls unterbrach ihr Grübeln. Sie reichte ihm stumm die Karte. Während er las, war ihr, als würde feine hohe Stirn durchsichtig unb als sähe sie, wie sich dahinter die gleichen Gedanken formten. Als er nach einer langen Pause den Blick zu ihr hob, lag darin die Bestätigung.
„Ich werde Sie heute nachmittag begleiten."
Sie nickte nur und klingelte nach dem Mädchen. —
Es waren die einzigen Worte, die an diesem Vormittag zwischen ihnen fielen.
Billy wurde grimmig, als sie erfuhr, daß sie an dieser Vorführung nicht teilnehmen könnte, unb hatte für den Hinweis, daß die offizielle Premiere schon am Anfang ber nächsten Woche ftattfinben würde, nur ein ablehnendes Achselzucken. Natürlich würde sie mit Doktor Kern Hinsehen. Aber warum nicht auch heute ein Platz für sie ba war, konnte sie nicht verstehen.
Zum erstenmal spürte sie gegen Hartl eine feinbfeiige Regung, wenn diese auch nicht ganz beutlich unb nicht ohne Reue war.
Um brei Uhr wurden Elisabeth unb Hart! von Henschke, dem Leiter der Berliner Geschäftsstelle der Gloria-Film-Eorporation, oorgestellt unb non ihm in den kleinen, dunkel getäfelten Vorführungsraum geleitet, wo eine Anzahl von Interessenten in den wenigen bequemen, ledergepolsterten Stuhlreihen saß. Elisabeth und Hartl blieben in der hintersten Reihe allein.
Nach wenigen Minuten wurde der Raum verdunkelt, und auf der Leinwand erschienen Titel und Vorspann des Films:
Die Gloria-Film-Eorporation (Produktionsleitung Direktor Grolman) „ v seigt: Ludwig Thiele in
„Kameraden", Film aus dem Seemannsleben.
iToVnb dann folgten bie Namen des Regisseurs, eines der ersten von USA., unb ber übrigen Darsteller.
Zugleich mit bem Vorspann setzte eine Musik ein, aus ber man ben Klang einer Ziehharmonika heraushörte, die die einfache und volksliedhafte Melodie eines Matrosenliedes variierte.
(Fortsetzung folgt.)


