Ausgabe 
21.6.1935
 
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Gießener zamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1935 Freitag, den 2t Juni Nummer 4?

4 Mut, baß Du da bist

ROMAN VON FRIEDRICH EISENLOHR

Copyright 1933 by August Scherl G m. b. H.,- Berlin

(Qortleßung.)

Billy nickt. Als er sie wieder küßte, schien sie ihm viel gelöster und hingegebener. Mit einemmal schreckte sie auf.

Ich muh hinauf. Komm! Schnell! Wir denken ja nur noch an uns!"

Aber als sie oben eintraten, schlief Elisabeth ruhig und tief. Die Hebamme, die es sich aus dem Diwan bequem gemacht hatte, zeigte sich sogar unwillig über die Störung durch den Arzt, die nach ihrer Ansicht vollkommen überflüssig war. Billy und Doktor Kern fanden also in dieser Nacht noch viel Zeit für ihre eigene Angelegenheit.

Morgens man hatte sich gerade zum Frühstück niedergesetzt erschien Doktor Hartl wieder, gefolgt von einem Taxichausfeur, der ihn herausgebracht hatte und der einen großen Karton hinter ihm hertrug. Hartl öffnete ihn in Billys neugieriger Gegenwart. Er enthielt einen Strauß der herrlichsten und kostbarsten Orchideen, nach denen Hartl ganz Berlin abgesucht hatte. Er hatte im Hotel übernachtet, um sie in aller Frühe zu finden.

Elisabeth strahlte und dankte gerührt, als sie von (einem nächtlichen Ausflug erfuhr. Sie fühlte sich matt, aber alles Trübe, Schmerzliche schien von ihr abgefallen. Sie hatte nur noch Augen für das Kind, das in einem niederen Korbwagen neben ihrem Bett lag. Auch Hartl mußte einen Blick darauf werfen. Er liebte es vom ersten Augenblick ab. Es war für ihn nichts anderes als ein Stück von Elisabeth, das sie in sich getragen hatte, seit er sie liebte, und das sich jetzt zwar von ihr getrennt hatte, aber zu ihr gehörte, wie ihre runde Schulter oder ihr schöner Arm. Er durfte nicht länger bleiben und ging, das Leuchten ihrer Augen im Blut, aus sein Zimmer.

Gegen Mittag kam ein langes Kabel von Ludwig aus Hollywood als Antwort auf Billys Anzeige. Worte der Freude und Dankbarkeit und noch ein Wunsch: das Kind Isabella zu nennen, so, als sei das langst ausgemacht. keine Minute still. Zuerst meldeten sich die In­

timen, von Doktor Kern benachrichtigt. Dann kamen noch so viele An­rufe, daß Elisabeth ganz erstaunt war über die Zahl der Freunde und Anhänger, die der Name Thiele in Berlin schon gefunden hatte.

Sie scheinen Urlaub genommen zu haben, lieber Doktor!" sagte^Eli­sabeth nach ein paar Tagen zu Kern, der sie mit Muhe daran verhinderte schon aufzustehen. So wohl fühlte sie siA.Oder wallen Sie mit Gewalt Ihre schöne Praxis ruinieren, indem Sie sie ganz nach Nikolassee oer lC9C,Somme ich Ihnen zu oft, Lisa? - Sie haben ganz recht: Als Arzt bin ich hier überflüssig."

Das hat Billy auch schon gesagt/

''Sie müßt engste besser erziehem Aber Scherz beiseite, Doktors,Sie sind doch nicht der Meinung, daß Sie mir etwas vormachen können.

Will ich auch nicht!" ,, _. ,. s .mh

Da« Hebt ia ein Blinder, wie verliebt Sie sind. Sie uno Billy! Sie haben also wirklich Urlaub genommen, um endlich vernuns- h9 Ze7ien°habe ich gemacht, aber ob das vernünftig ist, lass' ich vor- Sb^Sr^iBir freuen uns alle über Billy und Sie. Nur müssen Sie'sie mir noch eine Zeitlang hierlassen bis ich ollem mit mem» JlabAla fertig werde. Ein hübscher Name, Isabella, nicht wahr. L. g b den richtigen Einfall!"

hm!" brummte Kern zweifelnd.

ÄlÄbW*».«|l« n°ch ,»». >»»«" S>< '<n. sooft Sie wollen."

Konstantin, unserem netten Chauffeur. Bor dem ei( er jhr

nehmen. Ich habe ihn ja auch seinerzeit engagieren müssen, weit >yr 9efläuatfd)!" knurrte Kern und stolperte hinauf- Als Elisabeth zum erstenmal wieder aufsteben durfte, kam aus ho Y

eine hohe Summe versichertes Paket. Ganz obenauf lag e.n -Brief mir

ganz nah.

28.

einem Scheck, der genügte, um die bisher fällig gewordenen Verbindlich­keiten einzulösen. Doktor Hartl nickte aufatmend. Dann folgte eine riesen­hafte Puppe mit beweglichen Gliedern und einem ganzen Fundus von Toiletten. Darunter aber fand sich, weitaus den größten Raum einneh­mend, eine komplette Eisenbahn, mit elektrischem Antrieb und allen tech­nischen Schikanen. Es war sofort klar, daß Ludwig sie längst bereitgestellt hatte für seinenPrinzen" und daß diese auch für einen Säugling männ­lichen Geschlechts völlig unbrauchbare Gabe erst später durch die Puppe und eine Unmenge von Klappern, Holzringen und Gummischnullern er­gänzt worden war. r m .

Aber Elisabeth war von allem entzückt, am stärksten von seinem Brief. Er atmete nichts als Stolz und Zärtlichkeit, und sie spürte seine starke, heißblütige und impulsive Männlichkeit in diesem Augenblick wieder

Bald war es so weit, daß Elisabeth auch wieder ausgehen konnte. An Hartls Arm suchte sie zuerst die alten Wege im Garten auf, der jetzt in voller sommerlicher Reise prangte und wucherte. Dann wurden ihre Spaziergänge immer weiter und führten sie am Ufer des Sees entlang. Doch mieden es beide, auf ihre früheren Gespräche zurückzukommen. Eli­sabeth wurde nicht müde, von ihrem Kind zu berichten. Jede kleinste Regung des hilflosen, aber gut gedeihenden Wesens wurde ihr zum Er­lebnis, von dem sie nicht ausführlich genug erzählen konnte.

Manchmal hatte Hartl den Eindruck, als klammere fie sich mit aller gefunden Kraft ihrer Natur daran fest, um nicht ins Ungewiße zu ge­raten' aber dann war alles, was fie von ihrer Kleinen zu sagen wußte, wieder so einfach und stllbstverstünblich, daß er glaubte, sich geirrt zu haben. Niemals berührte sie auch nur von fern jenes Bild aus der Zeit­schrift und die Schlüsse, die sie daraus gezogen haben muhte. Hartl ließ sie aewähren, hörte mit Teilnahme zu und freute sich, wenn er ihre mütterlichen Beobachtungen bestätigt fand. .

Auch Konstantin, der Chausfeur, der bis fetzt viel zu wenig Beschafti- qunq nefunben hatte, trat mehr in Erscheinung. Meist gegen Abend, wenn es kühler wurde und das Baby versorgt war, fuhren fie noch ein paar Stunden über "Land. Billy weigerte sich, Elisabeths Vorschlag anzuneh­men der dahin ging, wenigstens zweimal in der Woche eine erfahrene Mfskraft zu nehmen, damit fie an diesen Fahrten teilnehmen konnte. Auch die spöttische Bemerkung, daß sie nur dabliebe, um ihren Doktor zu empfonncn, nichis. Sie qab 3f(ib?l(a nicht eins bcn Sünden.

5)ottor 5)artt c^cnoh bic SonimertciHe rounfcf)[o5. Gr nannte fie spater bei sich die schönsten seines Lebens. Jetzt würde Ludwig bald zurückkom­men wenn auch in seinen wieder spärlicher gewordenen Nachrichten der Termin nicht angegeben war. Morgens arbeitete er an feinem Werk, das langsam der Vollendung entgegenging. Die Nachmittage und vor allem die Abende aber gehörten Elisabeth. ,

Konstantin hatte fich als tüchtiger, gewissenhafter Chauffeur bewahrt, der in der Umgebung Berlins ausgezeichnet Bescheid wußte und immer neue, wenig besuchte Plätze im Wald und an den Seen ausfindig machte.

So waren sie wieder eines Abends hinausgefahren und speisten in einem schönen, stilvollen Schloß an der Havel, das vor kurzem fernen Besitzer gewechselt batte und zu einem vornehmen Hotel geworben man Es lag mit seiner Terrasse unb mit einem gepflegten Rasenplatz mitten in einem weiten Park, ber in fünfter Neigung bis zum Spiegel bes an bi»fer Stelle verbreiterten Flusses hinabsiel. Sie hatten an einem ber Tische gespeist, bie auf biefem Rasen unter ben Kronen mächtiger Baume verteilt waren, unb batten noch einen Rest des alten, milden Rhein­weins vor fich. den Hartl ausgesucht batte. Die Sonne war langsam hinter dem Wald versunken, unb vom Wasser herauf kam eine leichte, fcbmeicbelnbe Kühle. Schon eine Weile war ihre Unterhaltung verstummt. Beibe saben, hingegeben an ihre Gebanken, aneinanber vorbei.

Wissen Sie noch, Otto, baß ich Ihnen eines Tages sagte, wie wohl unb geborgen ich mich fühlte in Ihrer Nähe? Es ist jetzt schon eine Welle her unb es ist sehr viel mit mir geschehen Unterbetten. Ich habe mich sehr neränbert unb sehe heute alles mit ganz anberen Augen an. Dieses Ge­fühl aber ist mir geblieben ... ja, es ist noch starker geworben tn dieser letzten Zeit!" sagte Elisabeth. . , , .

Ich habe es nicht vergessen. Aber warum sprechen Sie fetzt davon? antwortete Hartl mit einer jäh auffteigenben Spannung. Er spurte "i- stinktiv, baß bie Cntscheibung, bie er immer roieber zuruckgestellt hatte, gan^rfü an ^"^sprechen. Es gebt nicht mehr anbers. 3* roürbe mid) fonft betrügen Ihnen gebt es genau io. Sind Sie benn wuküch (s stchA Otto wie Sie sich geben, so sicher, baß ich nicht weiß, was Sie burchgemacht haben in biefer Zeit? Nein weichen Sie nicht roieber aus! Wir müssen da- enblich aussprechen. Sie bürjen es nicht länger verhindern.

Warum barf ich bas nicht? Diese letzte Zeit war jo schon. Soll sie jetzt zu Enbe sein?"