Ausgabe 
21.1.1935
 
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bte Bootshaut entlang. Anderseits ist stellenweise das Master zu einer Art Brei gefroren, der nur zähe zurückbleiben will. Nach und nach vereist die Bootshaut bis zum Süllrand herauf, auch das Paddel beginnt sich zu panzern, und Pikes Beine geben kein Lebenszeichen mehr. Aber Pike kommt voran. Er denkt weder an seinen Hunger noch an die zwei, drei Donnerwetter noch an den Pastor noch an die Sündhaftigkeit dieser Marktfahrt, nein, Pike denkt an Sieg und Gloria, an Maleen und die Geschenke im Heck des Bootes.

Ein Ewer kommt von See herein, und sein Schiffer vergißt das Steuern als er Pike auf den Wellen tanzen sieht. Pike grinst mit ge­schwellter Brust, dir werde ich es auch noch zeigen, dir auch, du ver­dammter dicker Skipper du, dir und allen anderen. Drei Boote kommen noch herein, und jedes hinterläßt ein Kielwasser wie etwa ein ange­trunkener Weihnachtskarpfen, na, und das vierte Boot, das hereinkommt gute Nacht, murmelt Pike und legt das Paddel hin.

Steen steuert'. Als er Pike erblickt, gibt er Rückwärtsgang. Drei Längen vor Pike bleibt das Boot liegen.

O du gottverdammter Hund, brüllt er, wir haben alle gedacht, du wärst ersoffen.

Ich? fragt Pike..

He, fragt Steen, du warst doch nicht auf dem Markte, nicht?

Warum? fragt Pike und tut einen Paddelschlag.

O du siebenundachtzigtausendmal Millionen hundert schreit Steen und gibt Vollgas. Pike kentert fast, so scharf wirft er sein Boot herum, und dann ist der Bug des Schiffes hoch und dunkel über ihm, die Bug­welle klatscht hoch und schlägt über das wankende Boot hin und Pike muh immerzu nur eben das Schlimmste abwenden. Steens Schiff geht vorbei, und Pike kann nicht aus dem Sog kommen, und dann gibt es einen Schlag und Splittern, und Pike packt das Dingi, das feinem Boot den Schlag gegeben hat, und er reißt sich fast die Arme aus, als er den Fahrtruck auffängt. Und dann entert Pike mit feinen erstorbenen Beinen das Dingi und packt fein Boot am Heck und hat weiter kein Bestreben, als die kleinen Pakete aus dem leckgeschlagenen Boot zu erretten.

Gehst du wohl aus dem Dingi raus, brüllt Steen. Willst du Hund wohl über Bord gehen! Raus aus dem Dingi, oder ich schmeiße dir ein Spill an den Schädel! Ja, und nun ist es höchste Zeit, daß Steens Alter aus der Plicht hervorkommt und seinen Sohn bändigt und Pike an Bord holt, Pike samt seinen kleinen Paketen und dem leckgeschlagenen Faltboot.

Wie ist bas gekommen? fragt Steens Alter.

So und so, sagt Pike und muß mit den Zähnen klappern.

Na die Wucht von Steens Altem ist danach. Die Austernfifcher stürzen sich kopfheister ins Wasser, als sie das Gebrüll von des alten Steens Sohn vernehmen.

Das war doch nur Spaß! brüllt der junge Steen.

Das hier ist auch nur Spaß, sagt der alte Steen und bewegt das Tauende auf und ab. Und nun geh runter in die Kombüs und mach Pike Kaffee, du Lümmel!

Eigentlich müßten wir uns jetzt hauen, sagt Steen zu Pike. Als Männer

Na ja, sagt Pike, los!

Ich habe jetzt genug, sagt Steen. Aber beinahe hätte ich dich ge­rammt Verflucht, ich hätte dich ersaufen lassen. Glaubst du das?

Na ja, sagt Pike,s ist möglich.

Was hast du In den Paketen? fragt Steen.

Für Maleen, sagt Pike. Brauchst ihr gar nichts mehr zu kaufen. Ist alles da

Och, Maleen, sagt Pike, son Mädchen. Wir Männer, sagt Steen, wir

Laß man, sagt Pike, ein feines Mädchen. Und er denkt an die zwei, drei kommenden Donnerwetter, an den Pastor und das zerschlagene Boot, an Froll und Hunger, und daß alles nur für Maleen getan und er­tragen fein soll. Ein ganz prima feines Mädchen, sagt Pike laut.

Na, na, fagt Steen. Ich kenne eine, die

Sei ruhig! sagt Pike.

Na ja, meinetwegen, brummt Steen und kriegt die Kaffeemühle her.

Oer Kampf um den Kilimandscharo.

Bon Oskar Erich Meyer.

Der Kilimandscharo im ehemaligen Deutsch-Ostasrika ist mit seinen 6010 Metern bet höchste Berg des schwarzen Erdteils und erst verhält­nismäßig spät erobert worden. Die Geschichte seiner Erschließung ent­nehmen wir dem von Th. Herzog herausgegebenen und im Verlag 5v. Bruckmann A.-G., München, erschienenen BuchDer Kamps um d,e Weltberge."

Zu Anfang des 16. Jahrhunderts besuchte der Spanier Fernandez de Eneiseo den osiasrikanischen Hasen Mombassa, über dem seit 1507 die portugiesische Flagge wehte.Westlich von diesem Hafen", schrieb er nach seiner Heimkehr,liegt der äthiopische Olymp, der sehr hoch ist, und weiter- Yin liegen die Mondberge, von denen der Ril entspringt."

Es sollte mehr als drei Jahrhunderte vergehen, ehe das Auge eines Weißen Bese sagenhasten Gebirge, Kilimandscharo und Ruwenzori, sah, die den Schein ihres Eises soweit in die Lande warsen, daß schon das Alter­tum des Ptolemaios von ihnen Kunde erhielt.

, ./nl Abre brach der deutsche Mistionar Johann Rebmann von MÜd LltäÄ ?"P'a bei Mombassa ins Innere auf, um den ^as Cbristentum zu bringen. Am 11. Mai schreibt er in sein Tagebuch. Wir sahen diesen Morgen bte Berge von Tschagga immer deut- Itdicr, b'<- ith gegen 10 Uhr den Gipfel von einem derselben mit einer auf. ffieifipbCh ,aCIel? F0,1!1; bedeckt zu sehen glaubte. Mein Führer hieß das Weiße, das ich sah schlechtwegKälte", es wurde mir aber ebenso klar als gewiß, daß es nichts anderes sein könnte als Schnee."

So wurde Afrikas höchster Berg entdeckt. Er trägt den gleichen Namen, nur in anderer Sprache, wie fein europäischer Bruder, der Montblanc: Kilima-Ndscharo, der leuchtende, der weiße Berg. Oldonyo Oibor, wie ibn die Maisai nennen, bedeutet dasselbe. Die Wadschagga, die an seinem Fuße leben, haben keine Bezeichnung für das ganze doppelgipslige Massiv. Sie nennen den höheren Schneedom Kibo, den Hellen, den nichtigeren zerrissenen Felsgipfel Mawenzi, den dunklen. So bezeichnen wir heute mit dem Kifuaheliworte Kilimandscharo die Berggruppe, die in Kibo und Mawenzi gipfelt. Beide Berge sind erloschene Vulkane, die auf einem gemeinsamen Sockel vulkanischer Gesteine stehen.

Daß die Natur schöpferischer ist als die Phantasie eines Gelehrten, bewies der Londoner Geograph Desborough Cooley, der auch nach wieder­holter Bestätigung von Rebmanns Beobachtung durch spätere Zeugen hartnäckig an feiner Meinung festhielt, daß es unter Tropenfonue keinen Schnee geben könne. Es dauerte freilich lange Jahre, bis eines Menschen Fuß diesen Schiee betrat, den das Ange geschaut. Erst 1871 erreichte der Missionar Charles New in etwa 4000 Meter Höhe die Schneegrenze im Südosten des Berges. Seine Begeisterung für den weißen Dom führte ihn zwei Jahre fpäter noch einmal ins Dschaggaland und zugleich in den Tod. Von dem Häuptling Mandara bis aufs letzte ausgeplündert, starb er auf dem Rückweg zur Küste. Nun wurde es jahrelang still um den Kiliman­dscharo. Ersteigungsversuche bis 1887 blieben in den unteren Gefilden des Berges stecken. In diesem Jahre erreichte bet Ungar Gras Teleki etwa Montblane-Höhe, wähtenb der Deutsche Hans Meyer bis zum Rand der Eishaube (über 5000 Meter) votdrang, wo die bergsteigetischen Schwie­rigkeiten beginnen. Diese zu überwinden verhalf ihm zwei Jahre später die Meisterschaft Lndivig Putischellets. Ihr ist es zu danken, daß die schwatz-weiß-tote Fahne als erste auf Deutschlands höchstem Berge wehte.

Am 3. September 1889 brachen die beiden mit ihrem Trägerzug von Sansibar auf. Am Morgen des 17. September wurden sie,eine Höhe ersteigend, zum ersten Male von dem Anblick des Kilimandscharo überrascht. Ueber die dunklen Waldstreifen, die sich am Luniflufse hinziehen, erhob sich, unmittelbar aus bet Ebene aufsteigend, ein riesiger doppelgipfliger Gebirgs­stock, dessen höchste Erhebung, der Kibo, hoch in den Aether empvrsteigt. Wer kann es Rebmann verdenken", schreibt Purtscheller,wenn er hier vor 42 Jahren, überwältigt von der Größe unb Erhabenheit des Bildes, auf die Knie sank, um einen Psalm zur Ehre des Allmächtigen anzustimmen."

Am 28. September bezogen sie im Urtoalbgebiet des Kilimandscharos das erste Lager am Berge in 1950 Meter Höhe am Ruabache. Zwei weitere Tagesmärsche brachten sie bei 2900 Meter an den oberen Rand dieser Zone, in der fast ständiger Nebel und feiner Regen eine Pflanzenwelt gedeihen läßt, die den Wanderer auch tagsüber in Dämmer taucht. Am 2. Oktober schlugen sie ihr Zelt, nut von einem Neger begleitet, am Rande des Sattels zwischen Kibo und Mawenzi in 4330 Meter Höhe auf. Am 3. Oktober, morgens um 2 Uhr 30 Minuten, stiegen sie unter Purtschellers Führung über chaotisch gelagerte Blöcke, durch fchluchtartige Wasserrisse, zu dem nördlichen Rücken hinan. Zweieinhalb Stunden später schauten sie von etwa 4700 Meter Höhe in das 150 Meter tiefe eingeschnittene Gletschertal, guerten es ansteigend über Schutt und geschliffene Felsen zu dem südlichen Rücken hinauf. Fels und vulkanischer Sand wechselten endlos miteinander ab. Die lockeren Massen ermüdeten wie ein Steigen in weichem Schnee. Fieberhaft atmeten Lunge und Herz, die feit langem der Höhe entwöhnt waren. Der Blick glitt um 8 Uhr 15 Minuten gelegentlich einer halbstündigen Rast schon über den Gipfel des rotbraun leuchtenden Mawenzi (5270 Meter), lieber ihnen strahlte die Eishaube, unter ihnen dehnten sich graugrüne Hänge, die in dem silbrigen Gewölk verschwanden, das über dem Urwald­gürtel hing. Jenseits, im violetten Dunste verschwimmend, die Weite der Steppe...

Kurz nach Mittag war der Eiswall überstiegen, der, von unten gesehen, den höchsten Rand des Kraters vortäuscht. Dahinter zog sich das nun mit Firn bedeckte Eis, in Nadeln und Schneiden desBüßerschnees" aufgelöst, weiter empor. Die Erde war hinter der Stufe versunken. Nur einzelne ferne Wolken schauten herüber. Dann begann der Kampf der ermüdeten, vom Gletscherbrand geplagten Männer mit dem tückischen Untergrund. Unübersehbar dehnte sich der Hang. Endlich, um 1 Uhr 45 Minuten, erreich­ten sie feinen obersten Rand (etwa 5750 Meter). Vor ihnen öffnete sich, überwältigend, der Krater des Kibo. Was noch keines Menschen Ange ge­schaut, der riesige Ringwall, von Eis erfüllt, einen dunklen Auswurfskegel inmitten, dehnte sich vor ihnen aus.

Aber noch immer war der Kibo nicht erstiegen. Im Südwesten erhob sich der Kraterrand etwa 180 Meter höher zum Gipfel des Berges, einem aus dem Eise hervorragenden felsigen Kamm.

Da Zeit und Kräfte nicht mehr genügten, das schätzungsweise anderthalb Stunden entfernte Ziel zu erreichen, traten sie, willens, wiederzukommen, nach einer guten halben Stunde den Rückweg an ... .

Zwei Tage später bezogen Meyer und Purtscheller ein höher gelegenes Lager. In dem südöstlichen Tale, das sie beim ersten Versuche gegiicrt hatten, sand sich unter einer Felswand eine Höhle in etwa 4620 Meter Höhe. Nach einer kalten Nacht (120 C) zogen die beiden wieder über den südlichen Begrenzungsrücken und seine Blockfelder zur Eishaube hinaus. Besonders glanzvoll entfaltete sich in dieser Nacht die Pracht des Tropenhimmels. Da der Weg bekannt unb viele der Stufen auf dem Eismantel noch brauchbar waren, erreichten fie diesmal schon um 8 Uhr 45 Minuten den Kraterrand. Der weitere Weg zum Gipfel bot keine Schwierigkeiten mehr. Der Firn des fanft ansteigenden Ringwalles führte zu drei aus Felstrümmern ge­türmten Spitzen, bereit mittlere am höchsten ragte (6010 Meter nach H. Meyer, 5930 Meter nach Klute). Mit feinem Takt ließ Purtscheller beut, ber ihm ben Sieg über Afrikas höchsten Berg ermöglicht hatte, ben Vortritt. So pflanzte Hans Meyer als erster bie beutsche Fahne auf bem Gipfel auf und nannte ihn Kaiser-Wilhelm-Spitze . ..

Die verschollenen Urbewohner Afrikas, bie nach ber Dschaggasage im Krater des Kibo Haufen, bie Geister verstorbener Häuptlinge, die vom Dache bes silbernen Doms über bas Wohl ihrer Geschlechter wachen, hat der Bergsteigerschritt vertrieben. Uns aber blieb ber leuchtenbe Berg bas Sinnbilb für beutsche Arbeit, Sehnsucht unb Sieg.

tveraniwortlich. Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Vrühl'fche Universitäts-Vuch. und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.